Deutscher Pfarrerinnen- und Pfarrertag in Rostock:
Weber: Steigende Erwartungen an Pfarrerinnen und Pfarrer bei gleichzeitigem Stellenabbau – Das geht nicht zusammen

Armes Deutschland? Dieser Frage gingen Pfarrerverbandsvorsitzender Klaus Weber und die über 400 teilnehmenden Pfarrerinnen und Pfarrer in Rostock nach. (Foto: pfarrerverband/ schauderna) Bildunterschrift: Armes Deutschland? Dieser Frage gingen Pfarrerverbandsvorsitzender Klaus Weber und die über 400 teilnehmenden Pfarrerinnen und Pfarrer in Rostock nach. (Foto: pfarrerverband/ schauderna)

Rostock, 20.9.2010 (cf). In seinem Vorstandsbericht vor der Mitgliederversammlung des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e.V. am 20.9.2010 in Rostock stellte der Vorsitzende des Verbandes, Pfarrer Klaus Weber (Altenkunstadt), die Lage der Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland und das neue Pfarrerdienstgesetz der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in den Mittelpunkt. "Die Bandbreite pfarramtlicher Dienste hat in den letzten Jahrzehnten ständig zugenommen, weil sich die Gesellschaft immer weiter ausdifferenziert und deshalb die Menschen auf ganz unterschiedliche Weise angesprochen werden müssen", stellt Weber in seinem Bericht fest.

Zu diesen neuen Herausforderungen komme der "enorme Traditionsabbruch" in den vergangenen Jahrzehnten, der die Arbeit erschwere. Gleichzeitig würden in den Landeskirchen immer stärker Pfarrstellen abgebaut. "Das geht nicht zusammen!", sagte Weber vor den 100 Delegierten aus den Mitgliedsvereinen.

Weber forderte die Landeskirchen auf, die statistischen Berechnungen zu hinterfragen und nicht "rigoros auf einen Stellenabbau" zu setzen. "Wir können nicht erkennen, dass in den Landeskirchen ebenso viel Mühe in die Erarbeitung von Konzepten investiert wird, um einerseits die finanziellen Grundlagen zu stärken und andererseits neue Wege zu den Menschen zu finden", sagte Weber weiter. Der Frage der Mitgliederbindung muss in Zukunft mehr Beachtung geschenkt werden.

Foto links: Der Präsident des Kirchenamtes der EKD, Dr. Hermann Barth, richtete den Pfarrerinnen und Pfarrern Grüße der Evangelischen Kirche in Deutschland aus. Foto rechts: Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (Berlin), stellte sich nach seinem Gastvortrag am Montag Nachmittag den Fragen des Publikums. (Fotos: pfarrerverband/schauderna)

Um das Profil des Pfarrberufs zu stärken, kündigte Weber eigene Initiativen des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland an. Das vom Verband entwickelte Pfarrerleitbild solle fortgeschrieben und aus dem "Gegen- und Nebeneinander" von pastoralem Profil und Berufen im theologisch-pädagogischen Bereich müsse ein konstruktives Miteinander mit klaren Aufgabenbeschreibungen werden. Als zentrale Aufgaben des Pfarrberufs nannte Weber den Gottesdienst, die Kasualien, Seelsorge, Bildungsarbeit und den Unterricht. Die Aufgaben Organisation, Verwaltung und Immobilienbetreuung müssten demgegenüber klar als nachrangig ausgewiesen werden.

Pfarrerdienstgesetz der EKD: Endlich gleiche Arbeitsbedingungen

Weber zeigte sich erfreut darüber, dass jetzt der Entwurf eines einheitlichen Pfarrerdienstgesetzes in der EKD vorliege und nannte das Gesetz einen "richtigen und zukunftsweisenden Schritt für das weitere Zusammenwachsen der Kirchen". Er hoffe, dass das Gesetz auf der EKD-Synode im November beschlossen werde und damit die "Arbeitsbedingungen für Pfarrerinnen und Pfarrer in den einzelnen Landeskirchen vergleichbarer werden und es in Zukunft leichter möglich sein wird, von einer Landeskirche in die andere zu wechseln".

Der Verband sei durch die Mitarbeit in der Dienstrechtlichen Kommission bei der Formulierung des Gesetzes beteiligt gewesen und konnte so eine Reihe von Impulsen einbringen. Die jetzt vorliegende Fassung des Gesetzentwurfes hätte von den vielen praktischen Erfahrungen und durch die theologischen Überlegungen aus der Pfarrerschaft spürbar gewonnen. "Wir sind sehr dankbar für die konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit in der Dienstrechtlichen Kommission, die bei der Arbeit an diesem Gesetz erneut deutlich geworden ist", bilanzierte Weber. Der Verband habe erneut unter Beweis gestellt, dass die Pfarrerschaft auf EKD-Ebene mit einer Stimme sprechen könne.

Ausdrücklich wies Weber auf vier Punkte des Entwurfs für ein EKD-Pfarrerdienstgesetz hin, die der Verband maßgeblich mitgeprägt habe. Bei den Regelungen zur Präsenzpflicht und zum dienstfreien Tag sei man sich einig gewesen, dass die Erreichbarkeit auch durch eine Anrufweiterschaltung, den regelmäßig abgehörten Anrufbeantworter oder die zügig bearbeitete E-Mail gewährleistet wird. Beim "dienstfreien Tag" seien nun auch Vertretungsregelungen durch Kolleginnen und Kollegen möglich.
Bei den Regelungen zur "nachhaltigen Störung in der Wahrnehmung des Dienstes" werden erstmals nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer, sondern auch die Vertretungsgremien, wie etwa ein Kirchenvorstand, in die Verantwortung genommen.

Foto links (v.l.n.r.): Verbandsvorsitzender Pfarrer Klaus Weber, Justizministerin MV Uta-Maria Kuder und Landesbischof Andreas Maltzahn während des Abends der Begegnung in der Rostocker Stadthalle. Foto rechts: Bis in die Nacht diskutierten die teilnehmenden Pfarrerinnen und Pfarrer während des Abends der Begegnung. (Fotos: pfarrerverband/schauderna)

Bei der Frage der Amtszeitbegrenzung konnte die Einführung einer Zehn-Jahresfrist für den Verbleib auf Gemeindepfarrstellen abgewendet werden. Der Entwurf gestehe allerdings den Gliedkirchen zu, jeweils ein gesondertes Verfahren zu beschließen. Als letzten Punkt nannte Weber, dass es gelungen sei, im Pfarrerdienstgesetz den Verband evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer als Verhandlungs- und Ansprechpartner für den Rat der EKD, die Kirchenkonferenz und das Kirchenamt festzuschreiben. "Damit ist der Verband als die ‚Pfarrervertretung auf EKD-Ebene’ ausgewiesen", so Weber.

Forderung: Einheitliche Besoldung und Versorgung in ganz Deutschland

Weber beklagte vor der Mitgliederversammlung, dass das Besoldungs- und Versorgungsrecht der einzelnen Kirchen immer weiter auseinanderfalle und die Chance einer Zusammenführung von Jahr zu Jahr schwinde. Immer noch bewege sich der Bemessungssatz der Gehälter in den östlichen Kirchen bei ca. 88 % der Gehälter in den Kirchen der alten Bundesländer. Hinzu komme, dass sich die Kirchen nicht darüber verständigen können, ob sie sich bei Besoldungsanpassungen am Landesrecht oder am Bundesrecht orientieren sollen. Es sei deshalb dringend erforderlich, dass die Pfarrervertretungen in der EKD auf die schwerwiegenden Folgen dieser Entwicklung hinweisen und an ihre eigene Landeskirche appellieren, in Zukunft nach Möglichkeiten eines gemeinsamen Weges zu suchen, so Weber.

Aufruf: Pfarrer sollen Projekte zur Armutsbekämpfung in ihren Gemeinden anregen

Weber nahm in seinem Bericht auch das Schwerpunktthema des Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrertages in Rostock "Die Evangelische Kirche und die soziale Frage" auf und beklagte, dass der Graben zwischen Arm und Reich immer tiefer werde. Auch zwischen den Bundesländern gebe es extreme Unterschiede. So sei die Armutsquote in Mecklenburg-Vorpommern mit 24 Prozent mehr als doppelt so hoch wie in den süddeutschen Ländern, die etwa bei 11 Prozent lägen. Weber kritisierte das Sparpaket der Bundesregierung, von dem die Gesellschaftsgruppen am stärksten betroffen seien, die am wenigsten Kraft hätten und am meisten unter der Krise litten: Arbeitslose, Menschen mit niedrigem Einkommen und bedürftige Familien mit Neugeborenen. Die Kirchengemeinden könnten einen wichtigen Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten, indem sie ihre Angebote so gestalten, dass sich arme Menschen wertgeschätzt und eingeladen fühlen. "Ich ermuntere alle Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Leitungsgremien im Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung wenigstens ein Projekt allein oder in der Region ins Auge zu fassen, anzustoßen oder zu unterstützen, das sich Menschen am Rande unserer Gemeinden, die unseren Beistand brauchen, zuwendet. Dabei wird Hilfe konkret und beschränkt sich nicht auf Appelle", sagte Weber abschließend. (Christian Fischer, Pressesprecher)

Berichterstattung

Die Tagesschau (ARD) berichtete am 20. September in ihrer 17 Uhr-Ausgabe über den 71. Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrertag in Rostock. Hier können Sie sich den Beitrag auf tagesschau.de im Internet ansehen:

Das Nordmagazin (NDR) berichtete am 21. September über den 71. Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrertag in Rostock. Hier können Sie sich den Beitrag auf ndr.de im Internet ansehen:

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Fotos vom 71. Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrertag in Rostock und einen Überblick über das Programm finden Sie hier:

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