68. Deutscher Pfarrerinnen- und Pfarrertag in Magdeburg
Über 500 Pfarrerinnen und Pfarrer diskutierten über den reformatorischen Auftrag in einer neuen Weltordnung

Blick auf den Magdeburger Dom (Foto: Ines Sachsenweger) Bildunterschrift: Blick auf den Magdeburger Dom (Foto: Ines Sachsenweger)

Magdeburg, 29.9.2004 (cf/epd). Das Thema des Pfarrerinnen- und Pfarrertages war aktuell und hätte an keinem Ort besser diskutiert werden können. Das zeigte sich schon beim Eröffnungsgottesdienst im Magdeburger Dom: Während im Kirchenschiff das Abendmahl gefeiert wurde, sammelten sich draußen vor der Tür 1.200 Magdeburger zur Montagsdemonstration, um gegen Sozialabbau und Hartz 4 zu protestieren. Die Auswirkungen der Globalisierung werden im Osten Deutschland besonders spürbar und die 500 angereisten Pfarrerinnen und Pfarrer stellten sich konzentriert und kontrovers dem Thema. In unserem Abschlussbericht fassen wir die Ereignisse zusammen.

Bischof Noack: Eigenes Handeln nicht überschätzen

Eröffnet wurde 68. Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrertag mit einem festlichen Gottesdienst im Magdeburger Dom. In seiner Predigt betonte Axel Noack, Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, dass es lohne auf die Zusage Gottes zu vertrauen: "Gott will die Sache nach seinem Plan führen, allen Angepassten, aber auch allen mutigen Bekennern zum Trotz". Auch Pfarrer sollten ihr eigenes Handeln nicht überschätzen, sondern könnten sich trösten lassen von der Gewissheit, das Gott wirke: "Gott rechnet mit unserer Schwäche und unseren verzagten Herzen und kann sogar mit Ängstlichen und Verzagten sein Reich aufbauen." erklärte der Bischof der Kirchenprovinz Sachsen.

Weber: Warnung vor Personabbau

Der Verbandsvorsitzende Klaus Weber hatte zuvor in der Mitgliederversammlung des Verbandes mit Blick auf die Geldnot der Kirchen vor einem Personalabbau in der Pfarrerschaft gewarnt. Kirchenleitungen vertrauten häufig nur auf ein "Gesundschrumpfen". Dadurch gerate die Kirche in Gefahr, ihrem Auftrag zur Verkündung des Evangeliums gerecht zu werden. Weber mahnte zudem stärkere Anstrengungen zur Gewinnung von theologischem Nachwuchs an. Die Anzahl der Studierenden, die Pfarrer werden wollen, sei deutlich von etwa 12.000 im Jahr 1984 auf 2.657 im vergangenen Jahr gesunken. Weder eine längere Lebensarbeitszeit noch der Einsatz von mehr Ehrenamtlichen könnten den drohenden Pfarrermangel ausgleichen, so Weber vor der Mitarbeiterversammlung.

Kritik an Dienstrechtsgesetzen
Zudem kritisierte Weber geplante oder bereits verabschiedete Dienstrechtgesetze von Landeskirchen. "Aufhören muss die zunehmende Reglementierung, als wären wir nur noch Auftragsempfänger und Marionetten in der Hand von Kirchenleitungen, Kirchenverwaltungen und der Kirchenvorstände", forderte der Pfarrer. In einer Erklärung werden unter anderem geplante Regelungen in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz kritisiert, die sich an einer Wochenarbeitszeit von 54 Stunden orientieren. Dies verstoße "in eklatanter Weise " gegen die europäische Sozialgesetzgebung, hieß es.

Ministerin Wieczorek-Zeul: Kirchen sind wichtige Verbündete

Am Dienstag, 28 September, wirkten an der Hauptveranstaltung unter dem Thema "Reformatorischer Auftrag in einer neuen Weltordnung" zahlreiche prominente Gäste mit. Grundsatzreferate zum Thema hielten die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul, und der frühere Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Dr. Konrad Raiser.
Wieczorek-Zeul (SPD) bezeichnete die Kirchen als wichtige Verbündete auf dem Weg zu einer gerechteren Welt Der Aufbau einer auf ethische Werte und Demokratie ausgerichteten Weltordnung brauche "möglichst viele Bündnispartner", sagte sie vor den Pfarrerinnen und Pfarrern. Kirchen seien "Global Player" in der Entwicklungspolitik. Pfarrer seien "Multiplikatoren für die Bildung eines Gewissens", betonte die Ministerin. Bei der globalen Entwicklung komme es auch darauf an, gemeinsam ethische Überzeugungen zu verbreiten, so Wieczorek-Zeul weiter. So könne etwa die Errungenschaft der Europäer, ihre Konflikte in einem Parlament und im Europäischen Rat und nicht "im Schützengraben" auszutragen, als Vorbild für andere Staatenorganisationen dienen. Im Mittelpunkt müsse jedoch die Bekämpfung der Armut als "Massenvernichtungswaffe" stehen.

Konrad Raiser: Warnung vor übertriebenen Hoffnungen

Der frühere Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Konrad Raiser, warnte vor übertriebenen Hoffnungen auf einen Dialog der Religionen. Zwar müsse jede künftige Weltordnung mit dem verstärkten Einfluss der Religionen auf die Gestaltung des menschlichen Lebens einschließlich von Wirtschaft und Politik rechnen. Die Erwartung, dass der interreligiöse Dialog Konflikte besonders mit Blick auf den islamistischen Terrorismus lösen könne, sei aber unrealistisch, so Raiser weiter. Der Auftrag für die evangelischen Kirchen in einer neuen Weltordnung müsse sein, die "gefährlichen Illusionen" des vorrangig militärisch ausgerichteten Sicherheitsdenkens aufzudecken, betonte der Theologe. Vor allem müssten sie für Frieden und Sicherheit eintreten. Dies bedeute auch, auf den Vorrang ziviler Konfliktbearbeitung zu drängen und auf die militärische Sicherung von humanitären Hilfeeinsätzen zu verzichten.

Podiumsdiskussion: Kontroverse um Weltwirtschaftsordnung
 
Die Podiumsdiskussion am Nachmittag war geprägt von einer deutlichen Kontroverse um die Weltwirtschaftsordnung. Die Geschäftsführerin des globalisierungskritischen Netzwerkes ATTAC, Sabine Leidig (Frankfurt/Main), sagte, die Weltwirtschaftsordnung sei gescheitert, weil sie nicht den menschlichen Bedürfnissen diene und die Armut zugenommen habe. An diesen Kriterien hätte sich jede Bewertung einer Wirtschaftsordnung zu messen. Hingegen forderte Joachim
Fetzer (Maintal bei Frankfurt/Main) vom Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in Deutschland dazu auf, die Globalisierung als Chance zu begreifen. In den vergangenen 30 Jahren sei weltweit die Kindersterblichkeit gesunken, die Lebenserwartung gestiegen und der Anteil der in absoluter Armut lebenden Menschen deutlich gesunken. Ein kritisches Resümee zog Konrad Raiser: Die Tagung habe gezeigt, dass wir bestenfalls auf der Suche nach einer neuen Ordnung in der Welt seien. Dies sei eine Aufgabe sowohl Politik und Wirtschaft als auch für die Religionen.

Abend der Begegnung / Ausflüge und Führungen
Neben Referaten und Diskussionen bot der Pfarrerinnen und Pfarrertag wieder Gelegenheit zum Kennen lernen und Austausch von Erfahrungen. Am Montag trafen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einer Reihe von Ehrengästen zum "Abend der Begegnung" im Hotel Maritim. Nach dem "Provinzialsächsichen Büfett" unterhielt der Kabarettist Uwe Steimle die Gäste mit seinem Soloprogramm.  Am Mittwoch schloss sich ein Rahmenprogramm mit Ausflügen u.a. zu dem Geburts- und Sterbehaus Martin Luthers in Eisleben an. Der nächste Deutsche Pfarrerinnen und Pfarrertag findet 2006 statt. Nähere Informationen nach aktuellem Planungsstand auf www.pfarrverband.de

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