Editorial


Europa – deine Sterne!

Von: Peter Haigis
4 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Man hat sie gebührend gefeiert – die Römischen Verträge, die vor 60 Jahren die Grundlagen für eine engere politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa gelegt haben. Und dies war auch nötig nach Jahrhunderten und zuletzt Jahrzehnten erbitterter Feindschaft voller Nationalismus und aggressiver Expansionspolitik. Freilich, Rückbesinnung allein genügt nicht; es bedarf des Blicks nach vorn. Gemeinsames Leben und Handeln braucht Perspektivisches, Prospektivisches – und da stehen die Zeichen gegenwärtig eher auf Abschottung. Nach dem suizidalen Brexit von 2016 richtet die Sorge nun nach Frankreich und man fragt sich bang, ob Marine Le Pen genug Staub aufwirbeln wird, um den Franzosen den klaren Blick auf ihre politische Zukunft zu vernebeln.

Gewiss, jede politisch-wirtschaftliche Zusammenarbeit gehört auf den Prüfstand und keine Form europäischer Union wäre alternativlos und unhinterfragbar. Doch nur aus Gründen provinzieller Heimatideologie an nationalstaatlichen Grenzmustern zu basteln, scheint in Zeiten globaler Vernetzung und global notwendigen Handelns (s. Klimawandel) so rückwärtsgewandt wie der Blick ins propubertäre Poesiealbum: schön zwar schon, heimelig eben, aber inwiefern lebens­fähig?

Bei dieser Gelegenheit lohnt die Erinnerung, dass »Europa« natürlich ein Konstrukt ist – so wie »das Morgenland« und »das Abendland« auch, der »Orient« und der »Okzident«. Für Zeitgenossen, denen die Erde nicht mehr als Scheibe gilt, sondern ein kugelförmiges, sich drehendes Gebilde ist, gibt es keinen definiten Punkt, an dem »die Sonne auf- oder untergeht«, weder im geographischen noch im kulturellen Sinn. Es ist alles eine Frage der Perspektive. Oder anders gesagt: In Zeiten der geographischen Relativitätstheorie sind auch kulturelle Selbst- und Fremdbestimmungen höchst relativ. Sie werden dadurch nicht apriori falsch, aber sie sind in höchstem Maße reflexionsbedürftig.

Spätestens seit dem Mythos von der Entführung der phönizischen Königstochter »Europa« durch den immergeilen Zeus, der sie in Gestalt eines Stieres von Tyros nach Kreta brachte, ist im kollektiven Narrativ Europas fest verankert, dass der geographisch schwer abgrenzbare Kontinent auch kulturell, wirtschaftlich und politisch kein von ewigen Zeiten her eigenständiges und unabhängiges Gebilde darstellt. Die EU mag dauerhaft am Bosporus enden, für Europa gilt das nicht. Europa ist bis in die Zurückführung auf seine antiken Wurzeln, also noch bevor es so etwas wurde wie das »christliche Abendland« ein Amalgam vorderorientalischer, mediterraner und transalpiner Kulturkontexte. Religiös sind in ihm das Judentum und der Islam ebenso selbstverständlich zuhause wie das Christentum in seiner Bandbreite von der griechischen Orthodoxie bis zum Methodismus englischer Prägung.

Solches Erbe im Gepäck wird es schwierig, die »Grenzen Europas« zu definieren, zumindest wenn dabei geistes- oder kulturgeschichtliche Geschütze aufgefahren werden sollen. Da mag man bei Demonstrationen absingen und beschwören, was man will – es wird durch derlei Selbstbestätigungsrituale nicht richtiger. Der Rest ist das Geschäft der Politik – und die folgt seit der Aufklärung (wie europäisch ist das denn?) einigermaßen rationalen Prinzipien, was – wie ein Blick ins nationalistische 19. Jh. und ins faschistische 20. Jh. bestätigt – nicht das Schlechteste sein muss. Natürlich bedarf es auch der Identifikationen: es gibt Sprachen und Dialekte, volkstümliches Liedgut und Folklore, landsmannschaftlich geschiedene Sitten und Gebräuche, kulinarische Territorialgrenzen und sogar Fußballmannschaften von lokaler bis nationaler Trennschärfe – aber mit politisch zu pflegenden Differenzen hat das alles nichts zu tun. Stattdessen stellt sich die Frage, auf der Basis welcher Absprachen und Verträge welches gemeinsame politische und wirtschaftliche Handeln möglich wird. Eine Sache für kühle Köpfe! Die hitzigeren mögen sich in Trachtenvereinen engagieren und ihre Identitätslust dort ausleben. Im politischen Vertrags- und Rechtswesen gilt indessen die alte Regel: Weniger ist mehr! Ein schlankes Rahmenvertragswerk ist allemal besser als ein undurchschaubares Dickicht von Einzelbestimmungen und bilateralen Konventionen.

Alles eine Frage der Perspektive? Gewiss, das ist im Namen »Europa« ja so angelegt: Eine gebräuchliche etymologische Ableitung geht auf die griechischen Worte für »weite Sicht« zurück, was Europa als geistesgeschichtlichem Unternehmen einen offenen Horizont ins Auftragsbuch schreibt. Die andere Etymologie bezieht sich aufs Akkadische bzw. Phönizische für »Untergang« oder »Abend« – aber das hatten wir ja schon!

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2017

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Kantate
14. Mai 2017, Matthäus 21,14-17(18-22)
Artikel lesen
Mit heißem Herzen und klarem Verstand
Eine Erinnerung an Karl-Ludwig Hoch
Artikel lesen
Vom jungen Zweifler zum intoleranten Hassprediger
500 Jahre Luther als Bühnenheld
Artikel lesen
Leben auf Cloud sieben
Unser Umgang mit der Digitalisierung
Artikel lesen
Wie eine brutale Diktatur entstand und gefördert wurde
Vor 50 Jahren putschte in Griechenland das Militär
Artikel lesen
Christi Himmelfahrt
25. Mai 2017, 1. Könige 8,22-24.26-28
Artikel lesen
Pfingstmontag
5. Juni 2017, 1. Mose 11,1-9
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!