Editorial


»Echt, jetzt?«

Von: Peter Haigis
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»Was ist wirklich?« – so fragt ein Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart. Ein ungewöhnlicher Titel für einen Konzertabend. Er steht als Programmelement in einer Reihe von Veranstaltungen, die sich in den Medien von Musiktheater, Ballett, Film und konzertanten Aufführungen mit Wirklichkeitsbegriffen und -verständnissen auseinandersetzen. Höhepunkt dürfte ein achtstündiger »Wirklichkeitskongress«, u.a. mit Bernhard Pörksen, Universität Tübingen, werden.

»Was ist wirklich?« – Jugendliche fassen es auf ihre Weise, wenn sie mit der Floskel »Echt, jetzt?« eine Vergewisserung fordern – diese Frage wird nicht nur in Zeiten relevant, in denen der uralte Streit um politisch kontroverse Sichtweisen mit neuer Kraft aufflammt, sondern die Verbreitung von Fake News sogar den offiziellen Politikstil u.a. eines amerikanischen Präsidenten bestimmt. Doch wozu aufregen? Propaganda hatte seit jeher Methode. Die Frage nach der Wirklichkeit bzw. besser: nach unterschiedlichen Wirklichkeitsauffassungen und -zugängen spielt natürlich auch in Zeiten virtueller Realitäten sowie der Erzeugung perfekter Wirklichkeitsillusionen eine enorme und ganz neue Rolle. Ein Experte für Computerspiele drückte es neulich so aus: »Manche Designgestaltungen der aktuellen Spielszenarien verlangen nicht einmal die spielerische Aktion, sie verführen vielleicht lediglich dazu, in diesen perfekten Welten spazieren zu gehen und sich darin aufzuhalten.«

Also alles Eskapismus, oder was? Den klassischen Vorwurf einer Wirklichkeitsflucht müssen heute die Illusionsmaschinen der mehr oder weniger schönen Künste ertragen. Er traf in vergangenen Zeiten gerne auch die Religionen. Doch die kritische Gegenfrage muss erlaubt sein, vom Boden welcher Realität aus eigentlich solche Kritik vorgebracht wird. Möglicherweise zeigen sich hier sehr bald schon reichlich platte und auch verkürzte Wahrnehmungsschemata, die gerne, jedoch zu Unrecht das Sagen haben wollen.

Es gehört zu den Aufgaben der bildenden und darstellenden Künste ebenso wie zu denjenigen der Literatur, allzu enge Wirklichkeitsauffassungen aufzusprengen, aber auch eindimensionale und ungebrochene Idealisierungen und Harmonisierungen als Kitsch zu entlarven. Und beides, dieser kritische wie der gestaltende Aspekt, ist auch der Religion, insbesondere dem Christentum eingeschrieben.

Die aktuelle Kirchenjahreszeit jedenfalls ist eine, in der Wirklichkeitsauffassungen hart aufeinanderprallen: In der Passionszeit bedenken wir Spuren des Lebenswegs Jesu durch die bittere Realität von Anfeindung, Entbehrung, Leiden und Tod hindurch. Und dementgegen schafft sich mit Ostern eine Gegenwirklichkeit Raum, die jenen Erfahrungen ein letztes Wort entzieht, ein ultimatives Recht abspricht. Die Wirklichkeit des Auferstandenen präsentiert sich in den Erscheinungserzählungen als eine Form von virtueller Realität, die mit dem Etikett der »Virtualität« keineswegs diskreditiert ist – im Gegenteil! Vom Symbolischen sollen wir nie so reden, dass wir es als das eben »nur Symbolische« stehen und gelten lassen. Und auch das Virtuelle ist nie das nur Virtuelle.

In seinem »kurzgefaßten Lebenslauf« schreibt der Schriftsteller Hermann Hesse: »In meinen Dichtungen vermisst man häufig die übliche Achtung vor der Wirklichkeit … Diesen Vorwurf muß ich hinnehmen. Ich gestehe, daß auch mein eigenes Leben mir sehr häufig wie ein Märchen vorkommt, oft sehe und fühle ich die Außenwelt mit meinem Innern in einem Zusammenhang und Einklang, den ich magisch nennen muß. … Weil nun die sogenannte Wirklichkeit für mich keine sehr große Rolle spielt, weil Vergangenes mich oft wie Gegenwart erfüllt und Gegenwärtiges mir unendlich fern erscheint, darum kann ich auch die Zukunft nicht so scharf von der Vergangenheit trennen, wie man es meistens tut.«

Im weiteren Verlauf imaginiert Hesse sodann ein Ereignis aus seiner biografischen Zukunft, in dem er in einer Gefängniszelle landet und dieser Realitätszumutung durch ein selbst gemaltes Bild an der Wand entschwindet. Das Loch in der Wand, ein Spalt in der Wirklichkeit, der sich Hesses Selbstbetrachtung auftut, hat zweifellos therapeutischen Charakter – wie so manches seiner literarischen Erzeugnisse. Doch bisweilen dient der Spalt in der Wirklichkeit nicht nur als Ausweg, sondern auch als Einfallstor einer anderen Dimension von Realität … »Echt, jetzt!«

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2019

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