Editorial


Grabplatte ohne Grab

Von: Peter Haigis
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Das zu Ende gehende Reformationsjubiläumsjahr und mithin die Lutherdekade setzt die inhaltlichen Akzente dieser und der kommenden Ausgabe des Deutschen Pfarrerblatts: um die Rechtfertigungslehre für die heutige Zeit soll es gehen, um Überlegungen zur Aktualität Luthers und der Reformation sowie um die eine oder andere anregende Detailansicht zur Reformationsgeschichte. Für eine Bilanz ist es an dieser Stelle noch zu früh, aber eine kleine Reminiszenz kann hier Platz finden, die das aktuelle »Pilgern« zu manchen Lutherstätten etwas relativiert.

In der Jenaer Stadtkirche St. Michael stand ich vor der Bronzeplatte, die einst als Epitaph für Luthers Grabmal gedacht war. Hier und nicht in Wittenberg hat sie im Original ihren Platz gefunden – direkt gegenüber jener Kanzel, von der Luther bei einem seiner vielen Aufenthalte in Jena in einer neunzig Minuten währenden Predigt das Wort ergriff gegen Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, ob seiner überzogenen Ziele und Ansprüche bei der Durchsetzung der Reformation. Die stattliche Hallenkirche war damals prall gefüllt. Auch Karlstadt saß unter den Zuhörern, konnte jedoch von Luther nicht in der Menge ausgemacht werden. Zum theologischen Disput kam es dann hinterher im Jenaer Gasthof »Schwarzer Bär«.

Dass die Grabplatte ihren Aufstellungsort ausgerechnet hier fand und nicht an seinen eigentlichen Bestimmungsort, nämlich Luthers Grab in der Wittenberger Schlosskirche, überführt wurde, hat nachvollziehbare historische Gründe. Bereits kurz nach Luthers Tod gab der Landesfürst Johann Friedrich I. von Sachsen das Epitaph in Auftrag. Es wurde zunächst ein Entwurf angefertigt, der dann erst 1548 in der Werkstatt Heinrich Ziegelers des Jüngeren in Erfurt zur Ausführung gelangte. In der Zwischenzeit jedoch wütete ein Krieg Kaiser Karls V. gegen die im Schmalkaldischen Bund zusammengeschlossenen protestantischen Landesfürsten, der für Johann Friedrich I. in der Schlacht bei Mühlberg am 24. April 1547 mit einer vernichtenden Niederlage und dessen Gefangenschaft endete. Als Folge dieser Niederlage musste Johann Friedrich seine Kurwürde abgeben und Gebietsabtretungen seiner Ländereien hinnehmen. In diesem Zusammenhang gingen u.a. auch Wittenberg samt seiner Universität verloren.

Das Fürstengeschlecht der Ernestiner allerdings, dem Johann Friedrich I. zugehörte, verstand sich als entschiedener Förderer der reformatorischen Ideen und der lutherischen Theologie. So wurde noch während der Gefangenschaft Johann Friedrichs 1548 in Jena die »Hohe Schule« als Ersatz für das verlorene Wittenberg gegründet, die knapp zehn Jahre später zur Universität erhoben wurde. Die gefertigte Bronzeplatte für Luthers Grab nach Wittenberg zu schaffen, war man indessen nun nicht mehr bereit. 1571 ordnete ein Sohn Johann Friedrichs die Aufstellung in der Jenaer Stadtkirche an, wo sie ihren Standort bis zum heutigen Tag gefunden hat.

Die Platte ziert ein Spruchband, das über den Sinn des Epitaphs und seiner Aufstellung Auskunft gibt. Auf Deutsch übersetzt lautet die lateinische Inschrift: »Wir, Johann Wilhelm, von Gottes Gnaden Herzog von Sachsen, Landgraf von Thüringen, Markgraf von Meißen, haben dieses Lutherbild nicht um der Anbetung (»cultus«), sondern um des Andenkens (»memoriae«) willen hierher gestellt im Jahre des Herrn 1571.«

Also nicht fälschliche Verehrung und irregeleiteter Menschenkult, wie sie dann so manche Lutherheroisierung nachfolgender Centenarien zuwege brachte, sondern schlichte Erinnerung, ja Eingedenken dessen, was Luther tat, wofür er stritt und was er bewegte, – und ich füge hinzu: inklusive aller kritischen Auseinandersetzung – soll diejenigen bewegen, die vor dieser Grabplatte stehen. – Wie könnte es, wenn man den Protestantismus ernst nimmt, auch anders sein!

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2017

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