Editorial


Neues vom Krümelmonster

Von: Peter Haigis
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Auf einer Ausstellung während des 27. Deutschen Evangelischen Kirchentags 1997, also vor 20 Jahren, war das Bild eines Leipziger Künstlers zu sehen: Der Hintergrund – ein künstlicher Himmel. Eine Wolkenlandschaft, vom Computer hergestellt. Im Mittelpunkt des Bildes zwei gleichschenklige Dreiecke. Ein schwarzes und ein weißes, mit der Längsseite aneinandergelegt. Und in der Mitte der beiden Dreiecke wiederum ein rundes goldenes Guckloch. Ein »Spion«, wie er sich an Wohnungstüren findet, um das Treppenhaus einzusehen.

Leipzig 1997, das war der erste Kirchentag auf dem Gebiet der neuen Bundesländer nach der Wiedervereinigung. Überwachung, Ausspionieren persönlicher Lebensverhältnisse, allgegenwärtige Beobachtung – ein heißes Thema in der ehemaligen DDR-Gesellschaft. Das Misstrauen, das in jenen Jahren gesät wurde – noch lange nicht überwunden. Heute, im digitalen Zeitalter geschieht das Datensammeln subtiler. Da mag der Türspion ein weniger aussagekräftiges Symbol sein. Als religiöses Symbol – und in diesem Kunstwerk: als verfremdetes religiöses Symbol – hat er seine Wirkung keineswegs eingebüßt.

Mich erinnerte das Guckloch im Wolkenhimmel an die Art und Weise, wie man in früheren Zeiten Gott dargestellt hat: ein Dreieck mit einem Auge darin. Gott ist da, er ist (all-)gegenwärtig. Das kann man als ebenso beruhigend wie beängstigend empfinden. Hier jedoch sitzt kein Auge, sondern ein »Spion« in der Mitte. Ein kleines rundes Beobachtungsfenster. Und das berührt auf unangenehme Weise. Da stellt sich gleich das Gefühl ein, auf Schritt und Tritt kontrolliert zu werden. Stets den prüfenden Blicken staatlicher Behörden ausgesetzt. Überwacht und beobachtet. »Big brother is watching you.« Dass der Künstler in diesem Bild die Erfahrung verarbeitet, in einem totalitären Staat gelebt zu haben, ist kaum hineininterpretiert.

Noch bedrängender aber: die religiösen Assoziationen. »Gott sieht alles. Vor ihm kannst du nichts verbergen. Also pass auf, was du tust!« Generationen sind mit einem solchen Gottesbild groß geworden, haben darunter gelitten und – wenn es gut ging – sich irgendwann davon befreit. Die Vorstellung, dass Gott alles sieht, muss keineswegs Geborgenheit erzeugen, wie man sich das vielleicht zuweilen auch gedacht hat – ganz im Gegenteil!

Nun heißt die diesjährige Kirchentagslosung nicht »Gott sieht alles«, sondern »Du siehst mich«. Und der biblische Bezug, so er denn hergestellt wird, ist alles andere als bedrohlich: 1. Mose 16 erzählt die Geschichte von Hagar und Ismael. Nachdem Hagar als Nebenfrau Abrams (wie er damals noch hieß) diesem einen Sohn gebar, gab es Eifersucht und Streit im Hause des Erzpatriarchen. Abram lässt es zu, dass seine Frau Sarai Hagar und Ismael aus dem Haus treibt. In der Wüste an einer Oase erlebt die verstoßene und tief gedemütigte Hagar eine Gottesbegegnung. In diesem Zusammenhang fällt Hagars Ausspruch: »Du bist ein Gott, der mich sieht.« Um An-sehen, um Respekt geht es hier, nicht um Beobachtung oder Überwachung.

Freilich, das muss man wissen oder nachlesen. Andernfalls erschließt das in »Du siehst mich« abgewandelte Bibelzitat nichts oder das Falsche, zumal in Verbindung mit den beiden Glubschaugen, die auf Plakaten, Werbeflyern und dem Programmheft des Kirchentags der Losung beigegeben sind. Gewiss, beängstigend sind auch diese nicht. Es sind eben keine Türspione oder Webcams oder dergleichen. Sie vermitteln aber auch nichts von menschlicher Wärme und Nähe und noch weniger von göttlicher Barmherzigkeit. Mich erinnern sie eher an das Krümelmonster aus der Sesamstraße … Na ja, auch das kann ein Gottesbild sein! Was es austrägt, lasse ich einmal dahin gestellt. Wahrscheinlich wird uns auch der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag wieder einiges vom Kuschelgott, nach dem wir uns alle so sehr sehnen, zu erzählen wissen. Über diesen Infantilismus und manch anderen Promotion-Missgriff, ausgerechnet im Reformationsjubeljahr 2017, lässt sich in dieser Ausgabe übrigens einiges nachlesen.

Nichtsdestotrotz, der Verband evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland und das Deutsche Pfarrerblatt werden auch in Berlin mit einem Stand vertreten sein.

Wir sehen uns!

Herzlich Ihr

Peter Haigis

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2017

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