Editorial


Das erste Ich

Von: Peter Haigis
3 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Der israelische Schriftsteller Meir Shalev hat ein wunderbares Buch geschrieben: »Aller Anfang«. Es geht um »die erste Liebe, das erste Lachen, den ersten Traum und andere erste Male in der Bibel« – wie der Untertitel verrät, und gemeint ist hier für ihn als Juden natürlich der »Tanach«, unser so genanntes »Altes« oder »Erstes Testament«.

Shalev begegnet der Bibel als Literat, und zwar literarisch. Ihn interessiert das Buch der Bücher als eine große Erzählung, und er fragt sich, wann wird darin welches Motiv wie eingeführt. Wann ist z.B. erstmals von Liebe die Rede, ganz wörtlich? Wo taucht dieses Wort zum ersten Mal auf? In welchem Zusammenhang? Und was hat das dann für eine Bedeutung? Oder wo wird zum ersten Mal geträumt in der Bibel? Da fallen gleich verschiedene Geschichten ein – bis hinein ins NT… aber wo kommt ein Traum zum ersten Mal vor? Wo wird zum ersten Mal gelacht und wo zum ersten Mal geweint? Wer ist der erste König, der in der Bibel Erwähnung findet, und welches ist das erste Tier?

Shalev fördert dabei durchaus Überraschendes zutage, auch indem er das hier und da eingeführte Motiv weiter verfolgt und in seiner literarischen Fortentwicklung interpretiert. So wird die Liebe beispielsweise nicht bei Adam und Eva zum ersten Mal erwähnt, wie man vielleicht erwarten könnte, sondern – bei Abraham und der Geschichte von »Isaaks Bindung«.

Mich hat Shalevs Ansatz inspiriert, selbst auf die Suche zu gehen: Wo sagt z.B. jemand zum ersten Mal »Ich« in der Bibel – und zwar wirklich »ich« und nicht nur »mein« oder »mir«? Das erste »Ich« der Bibel – vielleicht erstaunt es nicht – ist Gott vorbehalten. Am Anfang der Bibel wird erzählt, wie Gott die Welt erschafft, den Himmel und die Erde und alles, was die Erde erfüllt. In sechs Tagen schafft Gott unermüdlich in dieser so poetischen Geschichte und bringt das Leben in all seiner Fülle aus nichts hervor. Das letzte seiner Geschöpfe ist der Mensch, ein besonderes Geschöpf. Besonders nicht, weil es im Vergleich mit den anderen Formen des Lebens und des Daseins wertvoller wäre. Besonders ist der Mensch, weil Gott ihn in eine besondere Beziehung zu sich ruft. Er erschafft den Menschen als sein Gegenüber. Mit ihm spricht er, von ihm will er Antworten hören und ihm gegenüber öffnet sich Gott auch in seinem Wesen und in seinem Tun.

Es ist diese erste Begegnung zwischen Gott und Menschen, in deren Verlauf das Wort »ich« fällt. Gott gibt sich seinen Menschen gegenüber zu erkennen, er stellt sich ihnen gewissermaßen vor: »Sehet, ich habe euch gegeben alle Samen tragenden Pflanzen und alle Bäume mit Früchten zu eurer Speise.« (1. Mos. 1,29)

Mit dieser Ich-Botschaft gibt sich Gott den Menschen als Schöpfer zu erkennen. Er knüpft ein Band zwischen sich und den Menschen und der Schöpfung. Er sieht in seiner Schöpfung eine Ordnung vor, an die der Mensch sich zu seinem Wohl halten soll. Und – die weiteren Ereignisse zeigen es – nur indem sich der Mensch an diese Ordnung hält, bewahrt er auch seine Freiheit.

Interessant ist dann nämlich auch das erste »Ich« eines Menschen. Der Mann im Garten Eden spricht es aus. Nachdem er von der verbotenen Frucht gegessen und Gottes Schöpfungsordnung damit durchkreuzt hat, versteckt er sich aus Scham. Auf Gottes Anruf »Wo bist du?« antwortet er: »Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich, denn ich bin nackt; darum versteckte ich mich.«

Ein klägliches »Ich« ist das, voller Schuldeingeständnisse. Ein belastetes Ich. Nicht das Ich, zu dem Gott den Menschen erschaffen hat, als er ihn als sein Gegenüber zum ersten Mal ansprach. Stattdessen wird der Mensch zu einem Subjekt, das hinter Gottes Lebensbestimmung weit zurück bleibt.

So alt diese Erzählung ist, von ihrer Aktualität hat sie nichts verloren – in Zeiten, in denen das »Ich« des Menschen immer noch mit Selbstrechtfertigungen beschäftigt ist, statt nach Gottes Wohl für diese Erde zu fragen.

Es grüßt Sie herzlich Ihr

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Was Kirche und Diakonie mit der Leitidee der Inklusion anfangen könnten
Eine Bilanz nach zehn Jahren
Artikel lesen
Influencer
Die neuen Vorbilder der Social-Web-Generation
Artikel lesen
Das erste Ich

Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
Problematischer Glaube an unendlichen Fortschritt
Warum technokratischer Optimismus theologisch zu hinterfragen ist
Artikel lesen
Das Evangelium kommunizieren in der evangelischen Jugendarbeit
Notwendige Fähigkeiten kirchlicher Mitarbeiter*innen
Artikel lesen
Rudolf Otto als Vordenker heutiger Theologie
Eine Würdigung zu seinem 150. Geburtstag
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!