Rechtsformen kirchlichen Lebens
Zwischen Parochie und Region

Von: Hendrik Munsonius
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Unter veränderten personellen wie finanziellen Rahmenbedingungen kommt es vermehrt zu Kooperationsformen oder Zusammenschlüssen von Ortskirchengemeinden. Fusionen bergen dabei ebenso Rechtsunsicherheiten wie regionalisierte Formen der Zusammenarbeit. Hendrik Munsonius erarbeitet klärende Perspektiven aus kirchenjuristischer Sicht.*


I. Gemeinde als Ort kirchlichen Handelns

Das Wort »Gemeinde« kann auf vielerlei Weise verstanden werden. In einer recht offenen Formulierung kann man die Gemeinde als prägnanten Ort kirchlichen Handelns bestimmen. Zum kirchlichen Handeln gehören Vollzüge des konstitutiven, vitalen, disponierenden und kirchenleitenden Handelns:1

Das Handeln der Kirche ist nicht auf Beliebiges gerichtet, sondern darauf, das zu tun, wodurch die Kirche erfahrbare Gestalt gewinnt. Konstitutiv für das Sein der Kirche sind die Grundvollzüge der Evangeliumsverkündigung und der Sakramentsfeier, d.h. das kommunikative Handeln, das darauf gerichtet ist, Glauben zu wecken und zu stärken. Hierzu gehören Gottesdienst, Amtshandlungen und Seelsorge. Mit dem kommunikativen Handeln bildet sich außerdem eine Gemeinschaft, die sich nicht auf religiöse Vollzüge beschränkt, sondern auch Formen der Geselligkeit und der gegenseitigen Begleitung und Unterstützung einschließt.

Aus dem Glauben, wie er durch die Kommunikation des Evangeliums erwächst, entwickelt sich vitales kirchliches Handeln. Der lebendige Glaube drängt zu guten Werken. Sie werden um ihrer selbst willen und zum Lobe Gottes getan. Die entsprechenden Tätigkeiten sind so vielfältig, wie menschliche Lebenssituationen sein können. So ergeben sich die Felder des Bildungshandelns, der Diakonie und des Öffentlichkeitsauftrags der Kirche.

Konstitutives und vitales Handeln der Kirche ist von personellen, sächlichen und organisatorischen Voraussetzungen abhängig. Diese Ressourcen bereitzustellen, ist Gegenstand des disponierenden Handelns. Dies geschieht nicht um seiner selbst, sondern um des übrigen kirchlichen Handelns willen. Bei den personellen Voraussetzungen geht es um die Gewinnung, Beschäftigung und wirtschaftliche Sicherung von Mitarbeitern. Die sächlichen Voraussetzungen erfassen die Finanzwirtschaft, Beschaffung von Material und Unterhaltung von Gebäuden. Organisatorisch geht es um die Strukturen und Verfahren, in denen kirchliches Handeln stattfindet.

Als eine weitere Dimension kirchlichen Handelns können die Vollzüge angesehen werden, die auf die Gestaltung aller dieser Handlungsformen gerichtet sind, also die Kirchenleitung als Querschnittsaufgabe.

Die Abgrenzung zwischen den Typen und den einzelnen Feldern kirchlichen Handelns mag im Einzelfall umstritten sein. Auch sind die Übergänge zuweilen fließend. Neben der Unterscheidung ist darum ebenso der Zusammenhang zu beachten. Damit die Vitalia als Kennzeichen der Kirche erkannt werden können, muss immer wieder deutlich werden, dass sie aus dem durch die Konstitutiva begründeten Glauben gespeist werden. Bei dem an sich gleichgültigen disponierenden Handeln bleibt festzuhalten, dass auch diese insofern als kirchliches Handeln anzusehen sind, das nicht beliebig, sondern auf die Konstitutiva und Vitalia bezogen ist. Ihm eignet damit gleichermaßen eine geistliche Dimension. Die Kirchlichkeit eines Handlungsfeldes geht jedoch verloren, wenn dieser Zusammenhang nicht mehr erkennbar ist. Die »Gemeinde« ist ein Ort, an dem alle diese Vollzüge möglich sind und im Wesentlichen stattfinden.


II. Rechtsformen der Gemeinde

Das gemeindliche Leben kann unterschiedliche Grade einer organisatorischen und rechtlichen Verfestigung erfahren. Dazu lassen sich folgende fünf Typen bilden, die in unterschiedlichen Abstufungen und Mischungen auftreten können:2


Typ I: Hausgemeinde

Der erste Typ ist dadurch bestimmt, dass es sich um eine überschaubare Gemeinschaft handelt, die sich zu regelmäßigem gemeinsamen Tun zusammengetan hat. Die Zugehörigkeit ist nicht formalisiert, sondern wird lebenspraktisch bestimmt. Es werden auch keine Vertretungsorgane gebildet, sondern, soweit nötig, gemeinsame Entscheidungen herbeigeführt. Sofern Rechtsbeziehungen zu Außenstehenden begründet werden, geschieht dies entweder durch einzelne Mitglieder als Treuhänder, vielleicht durch einen privatrechtlichen Rechtsträger (e.V. oder GmbH), oder die Gemeinschaft agiert als Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Die Leitung der Versammlungen kann durch Absprache geregelt werden. Alles in allem handelt es sich um einen Typ mit sehr leichtem juristischem Gepäck, aber auch mit geringen Möglichkeiten strukturierter Außenbeziehungen.

Das Hausgemeindemodell kann an urchristliche Gemeindeformen aus der Zeit anknüpfen, bevor die Bewegung sich zur Institution gewandelt hat.3 Auch bei Martin Luther findet sich der Gedanke, dass sich diejenigen, »die mit Ernst Christen sein wollen«, zu besonderen Kreisen zusammenfinden.4 Wirkmächtig bis in die Gegenwart war der Impuls von Spener zur Bildung von »Collegia pietatis«, der im Pietismus weite Verbreitung gewonnen und später zu Teilen in der Gemeinschaftsbewegung eine gewisse organisatorische Verfestigung gefunden hat. In gegenwärtigen Gemeindeaufbaumodellen findet dieser Gedanke ebenfalls Anklang.5


Typ II: reiner Anstaltstyp

Der Anstaltstyp tritt heute insbesondere dann auf, wenn sich Menschen vorübergehend in bestimmten sozialen Situationen befinden, für die dauerhafte Einrichtungen vorgesehen werden, wie dies in der Krankenhaus-, Gefängnis- und Militärseelsorge der Fall ist.

Gemeinden vom reinen Anstaltstyp unterscheiden sich von dem Hausgemeindetyp dadurch, dass es eine Organisation (Kirche) außerhalb dieser Gemeinde gibt, die sich dem Verkündigungsauftrag verpflichtet weiß und die nötigen personellen und sachlichen ­Voraussetzungen für die gemeindlichen Grundvollzüge bereitstellt. Die Menschen, die an diesen Grundvollzügen teilnehmen, sind zwar geistlich Mitglieder einer Gemeinschaft. Rechtlich sind sie jedoch als Benutzer einer Anstalt zu beschreiben. Denn der Rechtsträger ist nicht die Gemeinschaft, sondern die Organisation. Die Gemeinschaft selbst erfährt keine Verfestigung, durch die sie als eigenständige Größe in Erscheinung tritt. Die Zugehörigkeit wird allein durch Teilnahme an der Praxis begründet.

Das obrigkeitlich-paternalistische Parochialsystem, wie es bis zu Beginn des 19. Jh. Bestand hatte, entsprach in gewisser Weise diesem Typ. Für den Vollzug kirchlicher Handlungen war ein Pfarrer verantwortlich, der durch obrigkeitliche Stellen eingesetzt und durch Abgaben und den Ertrag besonderer Vermögensmassen unterhalten wurde. Die Parochie war sein Zuständigkeitsbereich.6 Mit der Herausbildung der Kirchengemeinde als Körperschaft ist der Anstaltstyp für die parochialen Kirchengemeinden mittlerweile überwunden.7


Typ III: Paragemeinde

Eine gewisse Verselbständigung ist bei sog. Paragemeinden, wie z.B. Studentengemeinden, gegeben, die eine innere Struktur ausbilden, um ihr Gemeindeleben zu organisieren.8 Dieser Typ hat insbesondere im Zuge der Ausdifferenzierung kirchlicher Arbeit in der zweiten Hälfte des 20. Jh. an Bedeutung gewonnen. Durch besondere Einrichtungen und Sonderpfarrstellen hat die Kirche versucht, auf gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren und Kristallisationskerne für die Gemeindebildung außerhalb der Kirchengemeinde geschaffen.9

Bei der Paragemeinde gibt es Ansätze einer Formalisierung der Mitgliedschaft durch Interessenbekundung, Anmeldung o.ä.; diese Mitgliedschaft besteht zusätzlich zur Kirchenmitgliedschaft in einer Kirchengemeinde. Für die Regelung der eigenen Angelegenheiten werden Selbstverwaltungsorgane wie Beiräte oder Sprecher gebildet. Der Rechtsträger bleibt aber in diesem Fall immer noch die Dachorganisation, der Anknüpfungspunkt die Stelle des hauptamtlich beauftragten Pfarrers.10 Über ihn findet eine Einbindung in die Kirchenstruktur statt und eine Vertretung im allgemeinen Rechtsverkehr. Unmittelbare Außenbeziehungen sind zu anderen kirchlichen Rechtsträgern innerhalb der gleichen partikularkirchlichen Rechtsordnung und zu anderen gleichartig strukturierten Gemeinden möglich.


Typ IV: Körperschaft kirchlichen Rechts

Die Gemeinde als Körperschaft des kirchlichen Rechts zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen eindeutig bestimmten Mitgliederbestand hat, kirchenrechtlich vorgeschriebene Organe bildet und innerhalb der kirchlichen Rechtsordnung umfassend handlungsfähig ist. Im allgemeinen Rechtsverkehr handeln sie vermittels einer anderen kirchlichen Körperschaft als Treuhänder.

Gemeinden dieses Typs stellen beispielsweise die Pfarrgemeinden in der Evang. Landeskirche in Baden dar. Die Pfarrgemeinde ist nach Art. 13 der Grundordnung die »örtliche kirchenrechtliche Einheit, in deren Gebiet der Auftrag der Kirche wahrgenommen wird.« Die Pfarrgemeinden sind nur über die Kirchengemeinde, der sie angehören, außerkirchlich rechtsfähig. Über die Mitgliedschaft in der Pfarrgemeinde besteht auch die Kirchenmitgliedschaft in der Kirchengemeinde.11

Die Gemeinde als Körperschaft (nur) des Kirchenrechts hat bislang nur in wenigen kirchlichen Ordnungen eine klare Konturierung erfahren. Dies liegt zum einen daran, dass die Rechtsstellung nach staatlichem Recht in der Ausdifferenzierung von staatlicher und kirchlicher Rechtsordnung im 19. Jh. im Vordergrund gestanden hat. Zum anderen sollten freie Initiativen nicht durch kirchenrechtliche Reglementierung in ihrer Entfaltung behindert werden.12 Wenn es in der Zukunft allerdings zu eine stärkeren Ausdifferenzierung der Gemeindeformen kommen soll,13 kann der Typ der Körperschaft des Kirchenrechts hilfreich sein, um das Maß von Eigenständigkeit der Gemeinden und von Gemeinsamkeit der kirchlichen Ordnung justieren zu können.


Typ V: Kirchengemeinde

Wenn man von privatrechtlichen Organisationsformen absieht, ist der voll entwickelte Typ einer verrechtlichten Gemeinde die Kirchengemeinde. Sie geht im Wesentlichen auf Entwicklungen im 19. Jh. zurück. Im Preußischen Allgemeinen Landrecht von 1794 sind die örtlichen Kirchengemeinschaften schon als eine rechtlich relevante Größe anerkannt worden.14 Als wegen der zunehmenden konfessionellen Durchmischung die lokalen Vermögenslagen entflochten werden sollten, mussten die verschiedenen Kirchengemeinschaften unterschieden und mit eigenen Organen ausgestattet werden, um Vermögen zuweisen zu können. Im Lauf des 19. Jh. sind den so gebildeten Kirchenvorständen umfassende Leitungsaufgaben zugewachsen. Schließlich war die rechtliche Verselbständigung erforderlich, als die staatliche Finanzierung der kirchlichen Arbeit durch die Kirchensteuer abgelöst wurde. Durch Art. 137 Abs. 5 WRV ist der Rechtsstatus der Kirchengemeinden als Untergliederung der Landeskirchen garantiert worden.15

Die Kirchengemeinde ist zugleich Körperschaft des kirchlichen und des öffentlichen Rechts.16 Sie besitzt volle Rechtsfähigkeit und kann damit im Rechtsverkehr wie andere juristische Personen auch tätig werden, Verträge schließen, Eigentum erwerben, und an Gerichtsverfahren beteiligt sein. Innerhalb des kirchlichen Verfassungsaufbaus stellt sie einen Grundbaustein dar. Ihr Status wird regelmäßig durch drei Merkmale bestimmt: Die Kirchengemeinden sind auf die Verwirklichung des kirchlichen Auftrags verpflichtet, sie sollen dies in ihrem Bereich in eigener Verantwortung wahrnehmen und sie sind eingebunden in die kirchliche Ordnung als die gemeinsame Grundlage einer größeren kirchlichen Gemeinschaft.17 Sie haben Anteil an den Ressourcen, nehmen an der Willensbildung teil und unterliegen der kirchenrechtlich geordneten Aufsicht.18


III. Funktion und Organisation

Bisher ist allein die Größe einer einzelnen Gemeinde betrachtet worden. Da es aber nicht um eine bestimmte Organisationsgröße, sondern letztlich um die Verwirklichung des kirchlichen Handelns geht, ist eine Weitung des Horizontes angebracht.19 Die oft sehr unterschiedlich großen Gemeinden sind zur Erfüllung ihrer Aufgaben in sehr verschiedener Weise in der Lage. So gibt es keine schlechthin ideale Organisationsgröße, sondern diese lässt sich immer nur im Hinblick auf bestimmte Funktionen bestimmen. So setzt die unmittelbare Kommunikation zwischen Pfarrern und Gemeindegliedern überschaubare Gemeindegrößen voraus, während Angebote für bestimmte Personengruppen, aber auch Verwaltungsabläufe erst dann effektiv sind, wenn eine bestimmte Mindestgröße erreicht ist, die in einer einzelnen Gemeinde oft nicht gegeben ist. Andere Handlungsfelder wie z.B. die Kirchenmusik agieren ohnehin über Gemeindegrenzen hinweg.

Dies spricht dafür, die Funktionen verschiedenen Organisationsgrößen zuzuweisen. Andererseits lassen sich die Funktionen nicht ohne weiteres voneinander isolieren, was der Organisationsdifferenzierung Grenzen setzt. Außerdem soll der Zusammenhang des kirchlichen Handelns über Organisationsgrenzen hinweg gewahrt bleiben und Entscheidungen sollen möglichst unter Beteiligung der Betroffenen gefällt werden. Es gibt keine Organisationsgröße, in der alle Funktionen optimal erfüllt werden können. Kompromisse sind nötig. Sie können sich entweder darauf beziehen, dass einige Funktionen wenig geeigneter Organisationsgröße wahrgenommen werden oder dass Funktionen auf verschiedene Organisationen verteilt werden.

Diesen Anforderungen suchen die Kirchen dadurch zu entsprechen, dass einerseits die Mittelstufe des kirchlichen Verfassungsaufbaus (Kirchenkreis, Dekanat, Kirchenbezirk) gestärkt wird, andererseits unter dem Leitbegriff »Regionalisierung« Arbeitsebenen zwischen den verfassungsrechtlichen Körperschaften etabliert werden.

Soweit es um die Stärkung der Mittelstufe20 geht, ergeben sich keine prinzipiellen Strukturprobleme. Denn ihre körperschaftliche Verfassung und ausgebildete Organstruktur bieten die Möglichkeit, dort zusätzliche Aufgaben und Kompetenzen zu verorten. Die Mittelstufe fördert und koordiniert die Arbeit der Kirchengemeinden und stellt eine Kooperations- und Ausgleichsebene dar. Aufgaben, die den Bereich einzelner Gemeinden überschreiten, können von der Mittelstufe in eigener Verantwortung wahrgenommen werden. Und die Mittelstufe nimmt Aufgaben der landeskirchlichen Verwaltung wahr, führt die Aufsicht über die Kirchengemeinden und nimmt zunehmend die Verteilung von Ressourcen vor. Das Aufgabenspektrum der Mittelstufe ist nicht von vornherein festgelegt und für Veränderungen offen.

Die Idee einer »Regionalisierung« hingegen wirft vielfältige Fragen auf. Der Begriff der Region ist unscharf und bietet eine Projektionsfläche für allerhand Vorstellungen und Erwartungen.21 Juristisch interessiert, wie die Handlungsfähigkeit in einer Region hergestellt und welchen Rechtspersonen die Handlungen und ihre Folgen zugerechnet werden. Stellt die Region die Binnenstruktur einer kirchlichen Körperschaft dar, so kann die Zurechnung auf diese Körperschaft erfolgen, wird sie durch den Zusammenhang mehrerer Körperschaften gebildet, bedarf es einer Rückkopplung an diese Körperschaften.


IV. Kooperationsformen für Gemeinden

In den Rechtsordnungen der evangelischen Landeskirchen ist ein abgestuftes System von Kooperationsformen für Kirchengemeinden vorgesehen.22 Sie werden durch die Kirchengemeindeordnungen oder besondere Verbandsgesetze geregelt. Die Formen lassen sich danach unterscheiden, inwieweit die Eigenständigkeit der beteiligten Kirchengemeinden zugunsten gemeinsamer Organe oder neuer Rechtsträger eingeschränkt wird (steigender Verdichtungsgrad). Danach lassen sich folgende Stufen unterscheiden:

1. gemeinsame Beratung und Beschlussfassung durch die Organe der Kirchengemeinden,

2. Bildung einer Arbeitsgemeinschaft mit Organen, die für die Kirchengemeinden handeln,

3. Bildung eines Verbandes mit eigener Rechtspersönlichkeit, eigenen Aufgaben und eigene Organen,

4. Bildung einer Gesamtkörperschaft (Gesamtgemeinde) mit eingeschränkter Selbständigkeit der Kirchengemeinden,

5. Bildung einer neuen Körperschaft, in der die beteiligten Körperschaften aufgehen.

Diese Typen können in verschiedener Weise ausgestaltet und so einander angenähert werden.

Insbesondere für die Bildung von Arbeitsgemeinschaften, Verbänden und Gesamtgemeinden haben die Landeskirchen in Kirchengemeindeordnungen, Verbandsgesetzen und weiteren Bestimmungen detaillierte Regelungen getroffen. Die Regelungen betreffen formell das Verfahren der Bildung und Veränderung der Kooperationsformen, materiell die möglichen Aufgaben und die Organstruktur. Durch Vorgaben für den Mindestgehalt des Organisationsstatuts ist es möglich, auf Detailregelungen zu verzichten und dennoch Rechtssicherheit herzustellen. Für die verschiedenen Kooperationsformen sind bei zunehmendem Verdichtungsgrad größere Anforderungen an die Rechtsgrundlagen und Entstehungsverfahren festzustellen. Für die Formen, die über eine gemeinsame Beratung und Beschlussfassung hinausgehen, sind schriftliche Vereinbarungen oder Satzungen, üblicherweise mit einer Genehmigung der Aufsichtsbehörde, bzw. der Erlass von Verordnungen erforderlich. Die Bildung der Organe richtet sich nach dem jeweiligen Statut, bei den Kooperationsformen mit höherem Verdichtungsgrad nach dem Kirchengesetz. In der Regel werden sie durch Mitglieder der körperschaftlichen Organe besetzt.

Die Bildung von Arbeitsgemeinschaften, in denen gemeinsame Organe mit Wirkung für die beteiligten Körperschaften handeln, bietet die Möglichkeit, das gemeinsame Wirken effizienter zu organisieren, indem nicht mehr alle Mitglieder der Organe an Entscheidungen beteiligt werden müssen. In diesen Fällen ist durch das Statut außer den übertragenen Aufgaben insbesondere zu klären, über welchen der beteiligten Rechtsträger Rechtsbeziehungen der Arbeitsgemeinschaft abgewickelt werden und welche Einwirkungsmöglichkeiten den Organen der Kirchengemeinden verbleiben.

Verbände werden regelmäßig als Körperschaft des öffentlichen Rechts bezeichnet und damit als Rechtsperson konstituiert. Ihre Gründung ist besonders dann sinnvoll, wenn das gemeinsame Handeln in erheblichem Maß mit der Begründung und Abwicklung von Rechtsbeziehungen einhergeht. Ihnen kommt gegenüber den fortexistierenden Kirchengemeinden eine Bündelungs- und Unterstützungsfunktion zu. Ihre Aufgaben beziehen sich dabei meist nicht auf den Kernbereich kirchlichen, insbesondere geistlichen Wirkens, sondern auf Vermögensverwaltung, Anstellungsträgerschaft und Betrieb gemeinsamer Einrichtungen.

Der Typus der Gesamtkirchengemeinde ist gegenüber dem des Verbandes dadurch gekennzeichnet, dass die beteiligten Kirchengemeinden unter relativer Aufgabe ihrer Eigenständigkeit in eine Gesamtstruktur eingebunden werden, die in erheblichem Maß kirchengemeindliche Aufgaben wahrnimmt. Die Einzelgemeinden sind dann nur noch insoweit zuständig, als dies ausdrücklich geregelt ist.

Die dargestellten Typen stellen Möglichkeiten dar, Kirchengemeinden dauerhaft miteinander zu verbinden. In einem solchen Falle werden bestimmte Funktionen nicht mehr durch die beteiligten Rechtsträger unmittelbar, sondern durch den Zusammenschluss wahrgenommen. Das Kirchenrecht bietet damit ein Instrumentarium für sehr differenzierte und auf den Einzelfall abgestimmte Ausgestaltungen von Organisationsformen der beteiligten Körperschaften.


V. Auftrag und Freiheit zur Gestaltung

Wie alles Recht dient auch die rechtliche Verfassung von Gemeinden und ihrer Kooperation der Handlungskoordination und Konfliktbewältigung. Das Recht ermöglicht verlässliche Strukturen und Prozesse und damit wirksames Handeln. Gemeinden sind auf die rechtliche Ordnung von Strukturen und Prozessen angewiesen, um langfristig und weiträumig handlungsfähig zu sein. Doch lebt die Kirche zwar in ihren Strukturen, aber nicht von ihren Strukturen. Die Strukturen können darum auch stets verändert werden, wenn es zur besseren Verwirklichung des kirchlichen Handelns angezeigt ist. Der Zusammenhang zwischen den Gemeinden und anderen partikularen Konkretionen der Kirche wird nicht allein und nicht vorrangig durch Strukturen und die Anwendung kirchlichen Rechts gestiftet, sondern durch ein Zusammenstimmen in dem, was als geistlich zu verantwortendes kirchliches Handeln erkannt worden ist. Dazu bedarf es Formen des Austausches und der Verständigung. Die kirchliche Ordnung ist auf Kommunikation angewiesen, damit sie mit Leben gefüllt und dem Leben dienlich sein kann, bietet aber ihrerseits auch gute Voraussetzungen für solche Kommunikation.


Anmerkungen:

* Vortrag auf der Tagung »Gemeinde im Wandel« der Evang. Akademie Abt Jerusalem, Braunschweig, 28.2.2015.

1 Hendrik Munsonius: Evangelisches Kirchenrecht, 2015, 49ff; vgl. Hans-Richard Reuter: Die Bedeutung der kirchlichen Dienste, Werke und Verbände im Leben der Kirche, in: ders., Botschaft und Ordnung, 73-91 (zuvor: PrTh 85 [1996], 33-50).

2 Hendrik Munsonius: Gemeinde zwischen Lebenspraxis und Rechtsform, PrTh 46 (2011), 100-109 (103ff).

3 Johannes Blohm: »Die Dritte Weise«. Zur Zellenbildung in der Gemeinde, 1992, 31-42; Richard Reininghaus: Die hausgemachte Religion, 2009, 70.

4 Martin Luther: Vorrede zur deutschen Messe (1526), WA 19, 775; Blohm (Anm. 3), 17-30; Christoph Goss, »Mit Ernst Christ sein wollen« – Martin Luther und die Gemeinschaftsbewegung, in: ZRG 122 KA 91 (2005), 684ff; Reininghaus (Anm. 3), 71f.

5 Blohm (Anm. 3), 43-84; Reininghaus (Anm. 3), 73-76; Michael Herbst: Missionarischer Gemeindeaufbau in der Volkskirche, 4. Aufl., 2010.

6 Cord Cordes: Von der Parochie zur Kirchengemeinde, in: JGNKG 73 (1975), 135-169 (135-137); Rainer Rausch: Art. Parochialsystem, in: LKStKR III, 2004, 145f.

7 Näher unten II.5.

8 Herbert Frost: Strukturprobleme evangelischer Kirchenverfassung, 1972, 36f; Eberhard Sperling: Ist das Parochialsystem noch zeitgemäß?, VerwArch 85 (1994), 380-398 (390); Jörg Winter: Personalgemeinden im Recht der Evangelischen Landeskirche in Baden, in: Germann/de Wall (Hg.), Bürgerliche Freiheit und christliche Verantwortung, FS Link, 2003, 181-195 (182).

9 Uta Pohl-Patalong: Ortsgemeinde und übergemeindliche Arbeit im Konflikt, 2003, 110-125; Reuter (Anm. 1).

10 Winter (Anm. 8), 182.

11 Otto Friedrich: Einführung in das Kirchenrecht, 2. Aufl. 1978, 338f.

12 Hendrik Munsonius: Die juristische Person des evangelischen Kirchenrechts, 2009, 5f mit weiteren Nachweisen.

13 Vgl. Rat der Evang. Kirche in Deutschland: Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert, 2006, 54-57.

14 Ernst-Viktor Benn: Entwicklungsstufen des evangelischen Kirchenrechts im 19. Jahrhundert, in: ZevKR 15 (1970), 2-19 (4); Frost (Anm. 8), 61; Siegfried Grundmann: Die Kirchengemeinde und das kirchliche Vermögensrecht, in: Hesse/Reicke/Scheuner (Hg.), Staatsverfassung und Kirchenordnung, FS Smend, 1962, 309-330 (311f) = ders., Abhandlungen zum Kirchenrecht, 1969, 177-198 (179f).

15 Axel von Campenhausen: Selbstverwaltung – Autonomie – Eigenständigkeit im Kirchenrecht und im Staatskirchenrecht, in: von Mutius (Hg.): Selbstverwaltung im Staat der Industriegesellschaft, FS von Unruh, 1983, 977-990 (979f) = in: ders.: Gesammelte Schriften, 1995, 56-70 (59); Cordes (Anm. 6), 140-154; Grundmann 1962, 316-318 = 184-186; Johannes Heckel: Kirchliche Autonomie und staatliches Stiftungsrecht (1932), in: ders.: Das blinde, undeutliche Wort »Kirche«, Gesammelte Aufsätze, 1964, 399-433.

16 Frost (Anm. 8), 61.

17 Werner Knüllig: Kirchliche Genehmigungsvorbehalte und Veräußerungsverbote, in: ZevKR 12 (1966/67), 116-136 (122); Munsonius (Anm. 12), 39.

18 Zur Rechtsstellung als Rechtsperson des Kirchenrechts Munsonius (Anm. 12), 93-114.

19 Hendrik Munsonius, Kirchenrechtliche Perspektive, in: Kunz/Schlag (Hg), Handbuch für Kirchen- und Gemeindeentwicklung, 2014, 65-72 (68f).

20 Dazu Christoph Goos: Landeskirche. Regionale Untergliederungen, in: H.U. Anke/H.M. Heinig/H. de Wall (Hg.), Handbuch des evangelischen Kirchenrechts [im Erscheinen].

21 S. die Beiträge in Christhard Ebert/Hans-Hermann Pompe (Hg.): Handbuch Kirche und Regionalentwicklung, 2014; Heinzpeter Hempelmann/Hans-Hermann Pompe(Hg.), Freiraum. Kirche in der Region missionarisch entwickeln, 2013; Daniel Hörsch/Hans-Hermann Pompe (Hg.), Region – Gestaltungsraum der Kirche. Begriffsklärungen, ekklesiologische Horizonte, Praxiserfahrungen, 2012.

22 Munsonius (Anm. 12), 52ff; ders. (Anm. 1), 150ff.

 

Über den Autor

OKR Dr. Hendrik Munsonius, Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen und ­Marburg, 2001-2006 Referent für Gemeinde- und Verfassungsrecht in der Kirchenverwaltung der EKHN, seit 2006 Referent am ­Kirchenrechtlichen Institut der EKD in ­Göttingen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2015

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