»Das Evangelium nach Pilatus«

Von: Peter Haigis
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Evangelien gibt es viele: nicht nur die vier kanonischen im Neuen Testament, auch nicht nur die historischen, »apokryphen« wie das Thomas- oder das Petrusevangelium. Immer wieder hat es auf Schriftsteller einen besonderen Reiz ausgeübt, die alte Jesusgeschichte in neuer veränderter Form zu erzählen und ihr dabei einen eigenen Stempel aufzuprägen, der dann viel über die »Glaubensauseinandersetzung« des Autors mit dem Jesus-Stoff verrät. Der Klassiker ist der – auch umstritten verfilmte – Roman des griechischen Schriftstellers Nikos Kazantzakis »Die letzte Versuchung« aus dem Jahr 1951. Doch auch danach bot sich der biblisch-kanonisch Stoff als attraktive Vorlage an: von Norman Mailer bis Jose Saramago, von Patrick Roth bis Philip Pullman, von Luise Rinser bis Klaas Huizing …

Das »Evangelium nach Pilatus« – klar, auch das wird man in der außerkanonischen spätantiken Literatur vergeblich suchen und in der Bibel ohnehin. Welchen Grund hätte Pilatus haben sollen, ein Evangelium, also eine Glaubenserzählung über Jesus den Christus zu schreiben? Doch gerade die historische Unwahrscheinlichkeit ist bisweilen der Reiz der literarischen Fiktion. So mag es auch Eric-Emmanuel Schmitt ergangen sein, geboren 1960 in Lyon, heute in Brüssel lebend. Der Bestseller-Autor – bekannt geworden u.a. durch seine Tetralogie schmaler Novellen über die »Weltreligionen« – hat 2005 in Deutschland einen Roman mit diesem Titel veröffentlicht: eine – wie ich finde – spannende und zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem, was Kern der christlichen Botschaft ist, und damals wie heute so schwer zu glauben und noch schwerer zu begreifen – die Auferstehung Jesu.

Schmitts Roman hat drei Teile (und erweist sich darin mehr als Schimäre literarischer Genres und weniger als »Roman«): einen ersten Prolog mit Überlänge, in der ein zum Tode Verurteilter am Abend seiner Verhaftung (natürlich Jesus selbst) sein Leben Revue passieren lässt; das »Evangelium nach Pilatus« im Mittelteil, das seiner literarischen Form nach allerdings ein Briefwechsel ist zwischen Pilatus, Gouverneur in Palästina, und seinem Bruder Titus in Rom; das Nachwort des Autors Schmitt schließlich, das in einer weiteren literarischen Verpuppung »Die Chronik eines gestohlenen Romans« und damit das – natürlich fingierte – Schicksal des von Schmitt selbst verfassten Manuskripts schildert.

Der historische Pilatus war zu Lebzeiten ­Jesu römischer Statthalter in der Provinz ­Palästina. Er hatte damit zugleich das Amt des obersten Richters inne. Die ntl. Passionsgeschichten erzählen, wie Jesus vor Pilatus der Prozess gemacht wurde. Pilatus war ein Realpolitiker und scheute den Konflikt mit der jüdischen Priesterschaft, die wegen Gotteslästerung Jesu Tod forderte. Schließlich gab er ihrem Drängen nach und unterschrieb das Todesurteil. Schmitt schildert im Mittelteil seines Buches Pilatus als einen Skeptiker. Jesus sei von den Toten auferstanden – behaupten seine Anhänger. Pilatus hält das für unmöglich und versucht das Phänomen »Auferstehung« mit Polizeimethoden aufzuklären: Verdacht auf Diebstahl des Leichnams Jesu, Untersuchung des Grabes, Verhöre der Jünger und so weiter – die ganze Palette des kriminalistischen Handwerks.

Mitten in den Ermittlungen kommt Pilatus seine Frau Claudia in die Quere. Sie hat eine gewisse Sympathie für den Mann aus Nazareth. Vor längerer Zeit war sie Jesus begegnet. Er hatte sie von einer schweren Krankheit geheilt. Deshalb erhob sie gegen die bevorstehende Verurteilung und Kreuzigung Einspruch. Doch bei ihrem Mann vermochte sie nichts auszurichten. Inzwischen – nach Jesu Tod – hat sich Claudia der Jüngerbewegung angeschlossen.

Langsam beginnt der skeptische Widerstand von Pilatus zu bröckeln. Er macht sich auf die Suche nach seiner Frau und begegnet einer Reihe von Menschen, deren Leben durch die Liebesbotschaft Jesu verändert wurde. Das sind andere Begegnungen als die Verhöre und Zeugenbefragungen von einst. Und nun spürt Pilatus auch, warum es den Anhängern Jesu nicht um den toten Jesus im Grab geht. »Auferstehung« ist mehr: »Unsere Welt wird durch die Liebe Gottes verwandelt« – sagt Pilatus in Schmitts Roman und kommt damit dem Bekenntnis aus 1. Joh. nahe: »Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.«

Ein anregender und lesenswerter Versuch!

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2017

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