Probleme und Perspektiven
Der sündige Mensch in der Predigt

Von: Isolde Karle
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Sünde ist ein derart altertümliches Wort, dass kaum noch ein aufgeklärter Prediger die Formulierung »Wir sind alle Sünder« in den Mund nimmt. Aktuellen Predigerinnen und Predigern fällt es daher nicht leicht, von der Sünde zu sprechen. Jedenfalls gilt diese Beobachtung für den volkskirchlichen Kontext. Dahinter steht in der Regel ein Missverständnis von »Sünde«. Isolde Karle rekonstruiert den Begriff der Sünde theologisch als zerstörerischen Kommunikations- und Lebenszusammenhang, woraus sie dann auch homiletisch andere Konsequenzen zieht.


1. Probleme zeitgenössischer Predigt über die Sünde

Aktuellen Predigerinnen und Predigern fällt es nicht leicht, von der Sünde zu sprechen. Das gilt jedenfalls für den volkskirchlichen Kontext, im evangelikalen Bereich ist das etwas anders. Sünde ist ein derart altertümliches Wort, dass kaum noch ein aufgeklärter Prediger die Formulierung »Wir sind alle Sünder« in den Mund nimmt. In der US-amerikanischen Homiletik von David Buttrick wird an dieser Formulierung – »we are all sinners« – durchgespielt, wie man rhetorisch packend und anschaulich predigen kann.1 Aber immer, wenn ich das mit Studierenden im Seminar bespreche, bemerke ich die Irritation: Kann man tatsächlich so predigen? We are all sinners? Vielleicht in den USA, aber nicht hierzulande.

Die Schwierigkeit, über Sünde zu predigen, kann auf drei unterschiedlich unbefriedigende Weisen gelöst werden, die man erleben kann: Die erste Lösung ist eine Banalisierung der Sünde, die zweite Lösung ist eine ganz und gar negative Perspektivierung des Menschen und der Welt unter der Gesamtüberschrift »Sünde«, die dritte besteht in ­einer Moralisierung der Sünde.


1.1 Banalisierung der Sünde

Die erste Lösung finden wir, wenn in Predigten davon die Rede ist, dass es egal sei, was wir getan haben, weil Gott uns ja doch vergibt. Unsere Taten und Untaten spielen letztlich keine Rolle mehr, weil uns quasi schon vergeben ist, bevor wir sie überhaupt begangen haben. Nach dem Motto »Schwamm drüber« wird die Rechtfertigungslehre in schwer erträglicher Weise trivialisiert. Das wird weder der Realität der Sünde noch der Realität der Liebe gerecht. Liebe und Anerkennung – biblisch gesprochen: die Annahme des Sünders – sind ohne Wahrheit und ohne Kritik (biblisch: Buße) nicht denkbar. Sie sind nicht einfach naive Bestätigung, die über alle Blindheiten, Korruptheiten und destruktiven Tendenzen menschlichen Daseins locker und leicht hinwegsähe. Eine solche Liebe würden wir – sowohl in der Erziehung als auch in der Partnerschaft – als unehrlich und »billig« betrachten. Es ist gerade der Vorzug von Menschen, die uns nahestehen, dass sie uns mit unseren Schattenseiten und Narzissmen konfrontieren dürfen und uns dadurch zu einem realistischen Selbst- und Weltbezug verhelfen. Die Rechtfertigungslehre sagt nichts über unsere Großartigkeit aus, sondern darüber, dass wir trotz der Tatsache, dass wir alle auf je eigene Weise korrupt und eitel sind, Gottes geliebte Geschöpfe sind.


1.2 Negative Perspektivierung des Menschen und der Welt

Die zweite Lösung ist nicht weniger problematisch. Friedrich Nietzsche hat am Christentum scharf kritisiert, dass es eine Verzwergung des Menschen durch sein extrem negatives Menschenbild betreibe. In manchen Predigten gewinnt man tatsächlich den Eindruck, dass es zu einer solchen Verzwergung kommt: Da ist der Mensch durch und durch schlecht, er hat keinen freien Willen, führt überhaupt ein trostloses Dasein und kann nichts zum Gelingen seines eigenen Lebens oder auch zu einer humanen Weltgestaltung beitragen.2 Eine solch abwertende Perspektive auf den Menschen findet oft schon vor der Predigt im Sündenbekenntnis statt. Ich zitiere ein typisches Sündenbekenntnis aus einer Liturgiehilfe: »Herzlos und ohne Erbarmen gehen wir oft vorbei an Not und Tod. Vergib uns, Gott, und hab Erbarmen mit uns und allen Menschen. Gnadenlos und ohne Liebe schauen wir immer wieder auf Kind und Greis und Mensch und Tier. Vergib uns, Gott, und hab Erbarmen […]. Freudlos und ohne Schwung folgen wir meist der Liebe, mit der Du uns liebst«.3

Auch diese extrem negative Sicht des Menschen hängt mit einer Überpointierung der Rechtfertigungslehre zusammen: Es gibt entweder Gnade oder Leistung, sonst nichts. In diesem Modell ist der einzelne Mensch dem unverfügbaren Wirken Gottes bzw. des Geistes ohnmächtig ausgeliefert und kann selbst überhaupt nichts tun. Weil damit für den Predigthörer/die Predigthörerin eine aussichtslose Situation heraufbeschworen wird, wird ihm bzw. ihr anempfohlen, doch die »Gnade Gottes an sich geschehen zu lassen«, sich verändern zu lassen, den Geist Gottes an sich wirken zu lassen etc. Damit ist der Hörer/die Hörerin nun endgültig verwirrt: Er bzw. sie soll etwas an sich wirken lassen, das er oder sie zugleich in keiner Hinsicht selbst beeinflussen oder gar herbeiführen kann. Wilfried Engemann hat diese paradoxe Form der Evangeliumsverkündigung als »homiletischen Lassiv« bezeichnet: »Um der Predigt einen evangelischen Charakter zu geben und [...] Appelle zu vermeiden, hat sich in der Kanzelrede der Ratschlag verbreitet, das gnädige Handeln Gottes einfach zuzulassen. Dann werde sich das Leben, das Evangelium und Predigt verheißen, schon von selbst einstellen. Ein solcher ›Lassiv‹ ist mehr [...] als nur eine Form misslungener Kommunikation des Evangeliums. Auch der Versuch, das Vernommene als Handlungsanweisung zu befolgen, führt zu Frustrationen: Denn [...] wie macht man das? Wie lässt man die Barmherzigkeit Gottes in sich wirken? Schafft sie es nicht allein? Steht jemand, dem Barmherzigkeit widerfahren ist, wirklich vor der Wahl, sie ›nun auch wirken zu lassen‹[...]? Sind ›Barmherzigkeit‹ [und] ›Güte‹[...] nicht vielmehr beglückende Erfahrungen, angesichts derer es nichts mehr abzuwägen gibt, sondern die immer gerade recht kommen und auf die man ohne Extraeinladung hofft?«4

Bei der negativen Charakterisierung der Welt und des Lebens als Sünde wurde und wird darüber hinaus nicht selten ein negatives Klischeebild vom modernen Menschen gezeichnet. Das ganze 20. Jh. ist von solchen Klischeebildern geprägt. Schon bei Friedrich Niebergall zu Beginn des 20. Jh. finden wir sie.5 Der moderne Mensch wird dabei zum Negativmodell. Auf ihn wird alles projiziert, was an Sünde in Frage kommen könnte. Er ist liebesunfähig, selbstbezogen, nur auf Selbstverwirklichung aus und kümmert sich vor allem nicht um Gott. Dass der Mensch als Geschöpf und Ebenbild Gottes ursprünglich und unwiderruflich als »gut« oder »sehr gut« angesehen wird, gerät aus dem Blick.


1.3 Moralisierung der Sünde

Damit bin ich beim dritten Punkt: bei einem moralistischen Sündenbegriff. Wilfried Engemann beobachtet: »Von ›Sünde‹ wird in der Predigt der Gegenwart eher selten explizit gesprochen; implizit umso häufiger und in zahlreichen synonymen Formulierungen: Gewisse ›menschliche Unzulänglichkeiten‹, die eine oder andere ›Schwäche‹ oder ›mangelnde Perfektion‹ sind Favoriten unter den Synonymen für ›Sünde‹, weshalb Gottes ›Gnade‹ und ›Erbarmen‹ konsequenterweise für die Behebung solcher Mängel in Anspruch genommen werden.«6 Bei dieser oberflächlichen Betrachtung, in der Sünden als kleine Fehler firmieren, kommt der existentielle Aspekt der Sünde nicht in den Blick – also inwiefern Sünde uns zu einem verzerrten Selbstbild führt, wie Sünde uns belastet und beeinträchtigt oder wie wir bewusst und unbewusst an Dynamiken mitwirken, die andere schädigen und am Leben hindern. »Das Hauptproblem dieser rein moralischen Vergegenwärtigung von ›Sünde‹ besteht darin, dass die Konsequenzen und Folgen menschlichen Handelns [...] in ihrer Tragweite nicht hinreichend respektiert«7 und reflektiert werden. Auch hier findet eine problematische Trivialisierung von Sünde statt, die die Opfer der Sünde tendenziell übersieht.

Ein moralistisches Sündenverständnis führt überdies zu einer gesetzlichen Predigt, deren Tonfall die Hörerinnen und Hörer verstört, weil sie herabgesetzt und auf oft ganz schematische Weise wahrgenommen werden. Engemann fasst diesen Stil so zusammen: »›Wir waren nicht offen genug füreinander, wir haben einander nicht genug geholfen, wir haben nicht genug Freundlichkeit gezeigt, obwohl Gott uns ausreichend mit Liebe versorgt‹ usw«.8 Es ist nicht sinnvoll, den Menschen ihr Menschsein vorzuhalten. Kein Mensch kann dauerhaft freundlich, immer helfend und alles verstehend sein. Das ist ein Kirchensprech, der niemandem weiterhilft und vor allem nicht zum Nachdenken über echte Schuld führt. »Im homiletischen Protokoll des Abklapperns von Scheindefiziten bekommen die Hörer gar nicht erst die Chance, sich für einen Moment selbst zum Thema zu werden, sich über die Schulter zu schauen, Möglichkeiten des Andersseins in den Blick zu bekommen, gar Reue zu empfinden, Buße zu tun – und dabei einen Schritt in die Freiheit zu gehen.«9 Es geht darum, sich in der Predigt mit den Problemen und der konkreten Alltagswirklichkeit der Menschen auseinanderzusetzen, sie zur Sprache zu bringen und Sünde damit aus ihrer moralistischen Engführung zu lösen. Dazu bedarf es eines neuen Nachdenkens über Sünde.


2. Sünde als Kommunikations­zusammenhang von Misstrauen, Lieblosigkeit und Hoffnungslosigkeit

Sünde meint nicht nur die moralische Verfehlung eines Einzelnen. Sünde ist biblisch vielmehr in eine Dynamik eingebettet, die wir selbst beeinflussen, die aber auch uns beeinflusst, oft genug, ohne dass wir das wollen. Sünde kann deshalb nicht einfach als allgemeine Wahrheit definiert werden, sondern stellt eine Wahrheit in bestimmten Erfahrungszusammenhängen dar. Sünde ist im Verbund mit Hoffnungslosigkeit, Unversöhnlichkeit und Lieblosigkeit als zerstörerischer Kommunikations- und Lebenszusammenhang zu betrachten. Sünde heißt, »sich der Förderung anderen Lebens zu verweigern oder zur Verhinderung, Behinderung oder Zerstörung und Auslöschung anderen Lebens beizutragen.«10 Zugleich sind die Kommunikationszusammenhänge von Sünde für uns oft nur schwer durchschaubar. Sie machen uns, gerade in einem globalen Horizont, zu Sündern und Sünderinnen, oft genug, ohne dass wir dies wissen und wollen, zum Beispiel indem wir durch unsere Konsumgewohnheiten zu Ausbeutungsverhältnissen in Ländern der Dritten Welt beitragen. Deshalb greifen unsere moralischen Perspektiven oft viel zu kurz. Dies gilt es in einer differenzierten Predigt über Sünde zu bedenken. Es geht um eine Sensibilität für die überindividuellen Dynamiken, die sich in den Kontexten von Sünde entfalten.

Um diesen Zusammenhang besser zu verstehen, will ich die Gedanken Sigrid Brandts, der ich hier folge, etwas ausführlicher darstellen. Brandt geht von der paulinischen Antithese von Sünde und Geist aus. Das Leben des Geistes ist durch den Kommunikationszusammenhang von Glaube, Liebe und Hoffnung geprägt. Sie können in den jeweiligen Kommunikationen sehr individuelle und unterschiedliche Formen annehmen und teilen sich in bestimmten Worten, Handlungen oder Gesten mit.11 Die Kommunikationsformen von Glaube, Liebe, Hoffnung affizieren und verändern unsere psychische Verfasstheit wie auch unsere Einstellungen und Perspektiven in spezifischer Weise. Antithetisch dazu lässt sich Sünde bzw. die Macht der Sünde als die Kommunikation von Unversöhntheit oder auch Misstrauen, Lieblosigkeit und Hoffnungslosigkeit charakterisieren. In Lebenszusammenhängen, die von einem Geist des Misstrauens, von Perspektiv- und Rücksichtslosigkeit geprägt sind, die (selbst- und fremd-)schädigend oder zerstörerisch wirken, realisiert sich Sünde. Alle drei genannten sozialen Muster – Misstrauen, Hoffnungslosigkeit, Lieblosigkeit – stellen »eine langfristig verheerende und die Sünde potenzierende Kraft«12 dar. Sünde ist dabei nicht etwas, das hinter diesen Dynamiken steht, sondern »der durch die Kommunikation von Unversöhntheit, Hoffnungslosigkeit und Lieblosigkeit etablierte Kommunikations- und Lebenszusammenhang«13 selbst.

Sünde verstärkt und stabilisiert sich selbst. »Insofern kommt Sünde aus Sünde.«14 Allerdings können deformierende Kommunikationszusammenhänge auch aus dem Nichts entstehen und quasi aus »heiterem Himmel« über uns hereinbrechen. Wer Krimis schaut oder liest, weiß, dass sie beide Formen anschaulich vor Augen führen. Der Kommunikationszusammenhang der Sünde hat ein erhebliches Zerstörungspotential – und zwar sowohl in physischer und psychischer als auch in kultureller und sozialer Hinsicht.

Das Unheimliche an der Sünde ist, dass ihre »Verbreitung […] keineswegs immer gezielt und bewußt geschieht.«15 Es können demnach nicht immer einzelne Akteure als Verursacher eines lebensverneinenden und -zerstörerischen Lebenszusammenhangs ausgemacht werden. Die Kommunikation von Misstrauen und Lieblosigkeit kann »lange Zeit unentdeckt bleiben, und ihre konkreten Erscheinungen können nur schwer oder gar nicht (mehr) zurechenbar sein.«16 Sünde kann auch ganz unvermutet eintreten, wenn Menschen völlig willkürlich Opfer von Gewalttaten werden zum Beispiel. Oft sind die Zusammenhänge von Sünde für uns nur schwer durchschaubar. Natürlich können wir immer wieder beobachten, wie sich Unversöhntheit und Hoffnungslosigkeit verbreiten. Wir können dabei auch unsere Mitverantwortung erkennen. Aber oft genug ist der Kommunikationszusammenhang der Sünde für uns unentwirrbar. Kriminalromane arbeiten mit solchen Dynamiken: Da tut oder sagt jemand etwas vermeintlich Harmloses, das in der Folgezeit verheerende Folgen nach sich zieht.

Niemand kann sich der Dynamik der Sünde entziehen. »Sünder oder Sünderin ist, wer unentwirrbar in diesen Kreislauf eingebunden ist. Sünder oder Sünderin ist, wer an dem durch Unversöhntheit, Hoffnungslosigkeit und Lieblosigkeit konstituierten Kommunikations- und Lebenszusammenhang leidet und ihn zugleich mitkonstituiert und vervielfältigt.«17 Sünde ist insofern nicht primär ein moralisches Vergehen, sie geschieht keineswegs immer bewusst und gewollt, sondern stellt eine lebensabträgliche und zerstörerische Dynamik dar, in die sich Individuen verwickeln lassen und die sie zugleich aktiv verstärken. Dieses Sündenverständnis lässt sich auf Friedrich Schleiermacher zurückführen, der in genau diesem Sinn das Gesamtleben der Erlösung dem Gesamtleben der Sünde entgegensetzt und dabei den prozesshaften, überindividuellen Charakter der förderlichen wie der lebensabträglichen Lebens- und Kommunikationszusammenhänge betont.18

Die für die Homiletik spannende Frage ist, wie dieser vergiftenden Atmosphäre und Dynamik in der Predigt entgegengewirkt werden kann, wie förderliche Umgebungen geschaffen werden können, in denen wir diese Dynamiken erkennen und in denen wir uns auf eine Weise selbst verstehen können, die uns bislang verschlossen war. Folgen wir dem NT, dann ist die Kommunikation von Glaube, Liebe und Hoffnung das wirksamste Gegengift gegen die Sünde. Genau diese Kommunikation soll sich im Gottesdienst ereignen und in der Feier des Abendmahls sinnenfällig erfahrbar werden.

Nach dem hier dargelegten Sündenverständnis kann sich Sünde sowohl »als uneingeschränkte Selbstaffirmation, als Stolz, als Hochmut« und Egoismus äußern, aber auch »als Angst, als uneingeschränkte [...] Selbstaufgabe oder als Selbstverfehlung«.19 Es war die Feministische Theologie, die darauf hinwies, dass es für Menschen mit Diskriminierungserfahrungen oft weniger um die Sünde des Hochmuts, die in der Tradition fest verankert ist, als vielmehr um die Sünde der Selbstverneinung geht. Sünde ist deshalb kontextbezogen und sensibel für Unterschiede der Herkunft, des Geschlechts, der Ethnie (»race«) zu reformulieren und muss erfahrungsspezifisch konkretisiert werden. Das ist das berechtigte Anliegen kontextueller Sündenlehren, wie wir sie in der Befreiungstheologie, in der Feministischen Theologie und der Politischen Theologie finden. Zugleich gilt es zu vermeiden, »den Kommunikationszusammenhang ‚Sünde‘ auf einen seiner vielen möglichen Ausdrucksformen (etwa Unterdrückung, Selbstbezogenheit oder Selbstpreisgabe) zu reduzieren. In keiner Ausdrucksform von Sünde geht der Kommunikationszusammenhang ›Sünde‹ auf.«20 Überdies lässt sich eine Ausdrucksform nicht einer bestimmten Gruppe von Menschen oder deren Psychen starr zuordnen. Das bedeutet zugleich: Weder die Selbstbehauptung noch die Selbstverleugnung ist in jedem Fall als Sünde zu qualifizieren, sondern nur in bestimmten Kontexten, dann nämlich, wenn dadurch zur Kommunikation von Misstrauen, von Hoffnungslosigkeit und Lieblosigkeit beigetragen wird.


3. Perspektiven für die Predigt

Will die Predigt die gesamte Existenz des Menschen in den Blick bekommen, darf die Dimension der Sünde nicht ausgeblendet werden. »Andernfalls bliebe der Prediger dem Hörer etwas schuldig. Er bliebe ihm schuldig, der u. U. verdrängten, belastenden und selbstverschuldeten Lebensbedingungen gewahr werden zu können, unter denen das Evangelium seine befreiende Kraft erweisen soll.«21

Niklas Luhmann bemerkt nicht ohne ironischen Unterton, es sei viel einfacher über die Sünde als über das Heil zu predigen, weil die Sünde sehr viel anschaulicher, vielfältiger und interessanter ist. Das ist, denke ich, eine gute Empfehlung im Hinblick auf die Predigtpraxis: Eine Predigt über Sünde sollte nicht abstrakt, nicht hochdogmatisch, sondern im differenzierten Nachdenken über die Komplexität des Lebens, seiner Bedrückungen, Irrtümer, Beschämungen und Schattenseiten erfolgen. Ein langweiliger Schematismus ist zu vermeiden22 und damit auch ein akademischer Vortrag über Sünde und Rechtfertigung, der Sünde vor allem als Ausdruck eines gestörten Gottesverhältnisses thematisiert. Kaum ein Predigthörer kann das nachvollziehen. Wer an seinem Verhältnis zu Gott leidet oder sich von Gott getrennt empfindet, bringt das in der Regel nicht mit Sünde in Verbindung, sondern mit Leid und Zweifel. Michael Meyer-Blanck formuliert: »Dagegen erlebt man trotz aller guten theologischen Argumente eben doch die eigene Unzulänglichkeit, das Verletzen anderer und böses Handeln als Sünde und weniger das Getrenntsein von Gott«23. Und er fährt fort: »Scham, Schande und Schuld bedrängen viele Menschen, auch wenn sie dieses Empfinden nicht mit der Gotteserfahrung zusammenbringen.«24 Damit sind Themen einer realistischen Sündenpredigt benannt. Eine wichtige Aufgabe wäre dabei zu einer Differenzierung von Schuldgefühl und Schuld beizutragen. So gibt es Menschen mit Schuldgefühlen, die aber keine Schuld auf sich geladen haben, und Menschen, die schuldig geworden sind, aber kein Schuldgefühl empfinden. »Die treffende homiletische Rede von der Sünde [...] wird darum weder Schuldgefühle einreden noch Schuld ausreden wollen. Schuldgefühle sollen der Hilfe zur eigenen Bearbeitung zugeführt werden, von Schuld soll [...] befreit werden.«25

Hans-Martin Gutmann betont in ähnlicher Weise, dass es darum gehen müsse, die Mehrgestaltigkeit von Sünde zum Ausdruck zu bringen und zu reflektieren.26 Er schlägt vor, dazu die alte Tradition der sieben Todsünden wiederzubeleben, weil hier sehr anschaulich wird, wie sich Sünde auswirkt. Das Konzept der sieben Todsünden geht auf die Antike zurück, es wurde mehrfach modifiziert, bevor Thomas von Aquin es gewissermaßen kanonisierte. Thomas von Aquin zählt zu den sieben Todsünden den Stolz (superbia), den Neid (invidia), den Zorn (ira), die Akedia, die sowohl Trägheit als auch Traurigkeit umfasst, den Geiz (avaritia), die Völlerei (gula) und die Wollust (luxuria). Die erstaunliche Stabilität dieses Konzepts über die Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinweg spricht dafür, dass damit anthropologisch grundsätzliche, lebensbedrohliche und lebenszerstörerische Lebenspraktiken angesprochen werden, die ihre Relevanz bis heute nicht verloren haben.27

Für den Psychologen Heiko Ernst sind die sieben Todsünden denn auch bis heute aktuell, wobei er vor allem die Trägheit und die Tendenz zur Nicht-Teilnahme und zur Gleichgültigkeit in der Gegenwartsgesellschaft in den Vordergrund stellt.28 Gutmann ist davon überzeugt, dass die symbolische Ordnung der »sieben Todsünden« uns helfen kann, »ein unter der Oberfläche bei vielen Menschen unserer Kultur undeutlich grassierendes, bedrängendes und belastendes Lebensgefühl« zur Sprache zu bringen und besser zu verstehen. Die symbolische Ordnung und Differenziertheit der sieben Todsünden »kann zugleich helfen, Unüberschaubarkeit, Unübersichtlichkeit und Undurchdringlichkeit zentraler Lebensvollzüge in unserer Kultur zu klären, nämlich auf verstehbare und damit möglicherweise auch veränderbare Spuren hin zu lesen.«29

So könnte ein anschaulich gepredigtes Konzept der Todsünden uns helfen zu verstehen, wie die Macht der Sünde Beziehungen deformieren kann und wie wir in überindividuelle destruktive Handlungszusammenhänge verstrickt sind. Die symbolische Ordnung der Todsünden hilft der Sündenpredigt »zur Entschlüsselung, Sagbarkeit und Gestaltfindung in vielen individuell-lebensgeschichtlichen, aber auch in lebensweltlichen und gesellschaftlichen Konflikten.«30 Sie verbindet das individuelle Begehren oder die individuelle Traurigkeit und die äußere Macht oder soziale Atmosphäre, die auf uns einwirkt und uns beherrscht, miteinander und reduziert Sünde weder auf das Individuum und die Innerlichkeit noch auf die Sozialität.

Für Martin Luther war die aufdeckende Sündenpredigt eine ganze entscheidende Funktion der Evangeliumspredigt. Die aufdeckende oder aufklärende Funktion der Sündenpredigt hilft mir als Hörerin, mich zur Sünde, zu diesem Zusammenhang von Misstrauen, Lieblosigkeit und Hoffnungslosigkeit zu verhalten, mich zu distanzieren, über mich und mein Leben selbstkritisch nachzudenken und dabei zu einer Selbstkorrektur oder zur Reue über vertane Lebenschancen, unversöhnte Beziehungen oder die Trägheit des Herzens zu gelangen. Auf diesem Hintergrund gewinnt auch die Rede von der Vergebung wieder Plausibilität. Sie ist dann tatsächliche Seelsorge, Sorge um die Seele, und eröffnet einen Raum der Freiheit.

Ich denke, es ist elementar, dass Menschen in der Predigt ernstgenommen werden als Menschen, denen in ihrem Leben vieles gelingt, die zu ganz viel Gutem in der Lage sind, aber auch als Menschen, die unter sich selbst leiden, die andere enttäuschen und sich ihrer Mitverantwortung für lebenshinderliche und -zerstörerische Dynamiken stellen wollen. Es ist ein Fehler, Menschen in falscher Weise schonen zu wollen, indem man nur noch trivialisierend davon spricht, dass Gott uns liebt, egal was wir tun. Damit werden erwachsene Hörerinnen und Hörer nicht ernstgenommen – und die Opfer sündiger Kommunikations- und Tatzusammenhänge auch nicht. Sünde und Schuld sind Würdebegriffe. Dass Menschen schuldfähig sind, ist ein Teil ihrer Würde. Das legt uns schon der sogenannte Sündenfall in Gen. 3 nahe. Diese Würde sollte man Predigthörerinnen und Predigthörern nicht vorenthalten. Dann erst entfaltet das Evangelium seine Kraft. Dann erst erkennt man, dass man das Leben nicht zu verdammen braucht, das man gelebt hat, dass man sich sogar akzeptieren kann trotz aller Verbiegungen und Verirrungen – und endet gut protestantisch bei der Gnade.


Anmerkungen:

1 Vgl. David Buttrick, Homiletic. Moves and Structures, Philadelphia 1987, 71ff.

2 Vgl. z.B. Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift (1887), in: Nietzsche Werke 6.2, hrsg. von Giorgio Colli/Mazzino Montinari, Berlin 1968, 257-430.

3 Anton Rotzetter, Artikel: 4. Sonntag nach Trinitatis, in: E. Fellechner/H. Miethe (Hrsg.), Praxishilfe Gottesdienstliturgie. Trinitatis bis Ewigkeitssonntag. Band 2, Nidderau 1997, 55-66, 60f.

4 Wilfried Engemann, Einführung in die Homiletik, 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage 2011, 215.

5 Vgl. Friedrich Niebergall, Wie predigen wir dem modernen Menschen? Drei Teile, Tübingen 1902, 1906 und 1921.

6 Engemann, Einführung in die Homiletik, 412.

7 Ebd.

8 A.a.O., 423.

9 A.a.O., 424.

10 Sigrid Brandt, Sünde. Ein Definitionsversuch, in: dies./M. H. Suchocki/M. Welker (Hrsg.), Sünde. Ein unverständlich gewordenes Thema, Neukirchen-Vluyn 1997, 13-34, 29.

11 Vgl. Brandt, Sünde, 24.

12 A.a.O., 29.

13 A.a.O., 29f.

14 A.a.O., 30.

15 A.a.O., 31.

16 Ebd.

17 A.a.O., 32.

18 Vgl. Friedrich Schleiermacher, Der christliche Glaube. Nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt, 7. Aufl. auf Grund der 2. Aufl. und kritischer Prüfung des Textes, hrsg. von Martin Redeker, 2 Bde., Berlin 1960, § 87f u.ö.

19 Brandt, Sünde, 34.

20 Ebd.

21 Engemann, Einführung in die Homiletik, 439.

22 Vgl. Michael Meyer-Blanck, Reden von der Güte und ihrer Störung im Wandel der Zeiten. Problemaufriss und Umschau zur Sündenpredigt, in: M. Meyer-Blanck/U. Roth/J. Seip/B. Spielberg (Hrsg.), Sündenpredigt, München 2012, 236-249, 238.

23 A.a.O., 239.

24 A.a.O., 242.

25 A.a.O., 245.

26 Vgl. Hans-Martin Gutmann, Sündenpredigt, in: M. Meyer-Blanck u.a. (Hrsg.), Sündenpredigt, 272-286.

27 Vgl. als Beispiel aus der Gegenwart: Christoph Dinkel, Die sieben Todsünden. Predigt über Epheser 2,1-10, http://www.christuskirche-stuttgart.de/fileadmin/mediapool/gemeinden/KG_stuttgart_christuskirche/Predigten/2016/Dinkel__Predigt_Epheser_2_1-10__Sieben_Todsuenden__7.8.16.pdf.

28 Vgl. Heiko Ernst, Wie uns der Teufel reitet. Von der Aktualität der 7 Todsünden, Berlin 2006.

29 Gutmann, Sündenpredigt, 280.

30 A.a.O., 283.

 

Über den Autor

Prof. Dr. Isolde Karle, Jahrgang 1963, Studium der Evang. Theologie in Tübingen, Cambridge (Mass./USA), Münster, Promotion in Kiel, Habilitation in Bonn, seit 2001 Prof. für Prakt. Theologie in Bochum.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2017

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