Schicksal, gibt es das?
»Que sera, sera …«

Von: Peter Krech
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 »Que sera, sera – Was sein wird, wird sein«. Der Schicksalsglaube steht in modernen Zivilisa­tionen nicht hoch im Kurs. Und doch spielt er eine bedeutende Rolle in vielen Kulturen und Religionen. Was kann Schicksalsglaube leisten? Kann er bei der Bewältigung des Lebens helfen oder ist er eher hinderlich?*


1. »Que sera, sera«

»Que sera, sera« – ein Lied von Doris Day. Es stammt aus dem Film »Der Mann, der zu viel wusste« von Alfred Hitchcock. In dem Film wird Hank entführt, der Sohn der Mutter Jo McKenna (Doris Day). Die Mutter singt das Lied mit Tränen in den Augen in dem Haus, in dem der Sohn gefangen gehalten wird. Der Sohn erkennt an dem vertrauten Lied seiner Mutter, dass Rettung in der Nähe ist …

»Was sein wird, wird sein … .« Streng genommen geht es in diesem Satz ja nur um eine Wiederholung desselben. Und doch steckt für viele mehr in diesem Satz. Ich höre heraus: Was auch immer passiert, es wird so geschehen. Man kann es vielleicht nicht ändern. Aber man kann sich dem stellen! Egal, was kommt, es bewegt sich alles im Rahmen einer bestimmten Ordnung. Er gibt keinen Grund, sich vor der Zukunft zu fürchten. Ich höre weiter heraus: Aus dem Unbestimmten (»was immer sein wird«) wird etwas Bestimmtes. Es wird sein. Und mit etwas Bestimmtem können wir oft besser umgehen als mit Unbestimmtem. Patienten sagen oft: Das Schlimmste war das Warten auf die Untersuchungsergebnisse. Mit der Diagnose, auch wenn sie nicht gut war, konnten sie oft besser umgehen. Jetzt gab es etwas, mit dem sie sich auseinandersetzen konnten.


2. Schicksal – sechs verschiedene Bedeutungen

Ich nenne sechs Arten, wie wir das Wort »Schicksal« gebrauchen:


2.1 »Schicksal« als Lebenslauf

Wir reden zum Beispiel davon, dass wir uns drei Schicksale von Frauen aus der Renaissancezeit anschauen. Wie sich rückblickend ein Leben darstellt, das ist das »Schicksal« dieses Menschen.


2.2 »Schicksal« als das Unabänderliche im Leben

Wir sprechen von Schicksalsschlägen, die wir uns nicht ausgesucht haben. Oft bezieht sich das Wort auf negative Ereignisse. Aber wir sagen auch: »Das Schicksal hat es gut mit ihr gemeint!« Wir wissen, wie viele Dinge uns vorgegeben sind im Leben, die z.B. schon zum Zeitpunkt unserer Geburt feststanden. Mit Dingen, die vorgegeben sind, die einfach passieren, können Menschen ganz unterschiedlich umgehen. Einer macht eine Fahrradtour und rutscht dabei in einer Kurve aus. Nicht schlimm, aber ein paar Schürfwunden sind schon dabei. Was kann man dann alles an Reaktionen miterleben? Entweder man sucht einen äußeren Übeltäter, die Stadt zum Beispiel, die ihre Fahrradwege nicht richtig sauber hält, oder man klagt sich selbst an: Wieso bin ich nur zu dieser blöden Radtour aufgebrochen? Hätte ich das nicht sehen müssen, dass da Steinchen auf der Straße sind? Menschen, die etwas reifer sind, werden sich nicht selbst anklagen für etwas, wofür sie gar nichts können. Sie werden sich auch nicht – schon gar nicht lange Zeit – bedauern. Es ist passiert. So ist es eben. Manche sagen dann auch: Hat wohl so kommen müssen. Ist ja auch schon acht Jahre her seit meinem letzten Ausrutscher mit dem Fahrrad!

»Hat wohl so kommen müssen!« – Mit diesem Satz nähern wir uns dem an, was klassischerweise mit »Schicksal« gemeint ist. Eigentlich kommt das Wort Schicksal ja von dem niederländischen Wort »schiksel« und meint nichts anderes als »Fakt«. »Fakt« bedeutet: »Es ist so!« Aber was folgt auf diesen Satz »Es ist so!«? Die Fortsetzung kann lauten: »Es ist so. Aber warum nur trifft es gerade wieder mich?« Oder die Fortsetzung kann lauten: »Es ist so. Aber wenn ich nur anders gehandelt hätte, oder diese oder jene Dritte – dann wäre es nicht so.« Stattdessen kann man aber auch sagen: »Es ist so! Und ich sehe das (jetzt, wo es geschehen ist) als so unumstößlich an, als hätte es so sein müssen!«

Mit solch einem Satz, mit solch einem »Schicksalsglauben«, schieben sich die Menschen einen starken Riegel vor, einen Riegel gegen alles unproduktive Hadern und Selbstbedauern, gegen alles »Hätte!«

Schicksalsglaube, Einverstandensein mit den unabänderlichen Fakten des Lebens – so gesehen wäre das so etwas wie eine mentale Hilfskonstruktion für das zukunftsorientierte seelische Verarbeiten.

Unsere Tochter, die studiert und der im Sommer das dritte Fahrrad geklaut wurde, hat im Laufe der Zeit eine Theorie entwickelt, die dem Schicksalsglauben sehr ähnelt. Sie sagt: Ich stelle mir das so vor, dass jede im Leben eine gewisse Summe an Geld und Besitz verlieren wird. Diese Summe steht fest! Ein wieder einmal geklautes Fahrrad ist also nur ein Beitrag dazu, dass diese feststehende Summe irgendwann auch erreicht wird! Größer wird diese Summe dadurch nicht. Dieses Denken hat laut unserer Tochter dazu geführt, dass sie beim dritten Fahrrad gerade einmal einen Tag gebraucht hat, um über diesen Verlust hinwegzukommen. Wir merken schon: Das ist wieder so ein mentaler Trick. Aber er funktioniert! Er macht den Kopf wieder frei für die wirklich wichtigen und zukunftsweisenden Dinge.

Allgemeiner gesprochen: Wenn wir an unseren Lebensweg denken mit seinen zahllosen Möglichkeiten, sich hier so und da anders zu entscheiden, dann wird es am Ende doch nur dieser eine Lebensweg sein, den wir gegangen sein werden, es wird dieser eine Lebensweg sein, den wir durch das Labyrinth des Lebens genommen haben werden. Und dieser eine Weg wird genau das eine Maß an Enttäuschungen beinhalten, die wir erlebt haben werden, genau das eine Maß an Freude, genau das eine Maß an Fehlentscheidungen, genau das eine Maß an Leid, an Trauer, an Verzweiflung. Genau das eine Maß an Ekstase und Überschwang … das Futur II ist wichtig für das Weltbild des Schicksalsglaubens. Deshalb: sich selbst zu bedauern – nach einem kleinen oder großen Schicksalsschlag –, ist auf Dauer keine gute Einstellung.

Wer sich selbst bedauert, ist langfristig gesehen selbst schuld. Wieso schuld? Was macht er falsch? Wer sich selbst bedauert, sagt doch: Diese oder jene Fakten in meinem Leben, diese oder jene Umstände hätten mich eigentlich nicht treffen dürfen! Sie haben mich aber getroffen! Also ist Selbstbedauern, wenn man es überspitzt sagt, nichts anderes als ein Festhalten-Wollen an Illusionen, an Dingen, die früher vielleicht einmal wirklich waren, die früher einmal möglich waren, jetzt aber eben nicht mehr!

Schicksalsglaube hingegen führt mich an mein tatsächliches Leben heran. Er führt mich an die Wirklichkeit heran. An die Wirklichkeit, die unsere größte Verbündete ist. Auf sie ist Verlass. Sie ist die verlässlichste Spielpartnerin unseres Lebens. Natürlich: Bei einem schweren Schicksalsschlag kann man nicht einfach einen Hebel im Kopf umlegen und sagen: So ist das jetzt eben. Die Seele und auch unser gedankliches Verarbeiten brauchen Zeit, manchmal viel Zeit. Und Trauer braucht nicht nur Zeit, sie braucht Verständnis von anderen Menschen. Aber das Ziel der Trauer ist nichts anderes als eine Anpassung des Lebens an die veränderte Wirklichkeit. Das Ziel der Trauer ist Leben, wieder leben zu können unter jetzt veränderten Vorzeichen.



2.3 »Schicksal« als das Formbare im Leben

Hier sprechen wir z.B. davon, dass eine Frau ihr Schicksal meistert, oder davon, dass sie sich vom Schicksal nicht unterkriegen lässt. Am Ende wird unser Schicksal sich immer aus beidem zusammensetzten: aus dem Vorgegebenen und aus dem, was wir daraus gemacht haben.

Wenn ich vorhin betont habe, dass es wichtig sei, die Wirklichkeit seines Lebens zu akzeptieren, dann betone ich nun in gleicher Weise, dass die Wirklichkeit natürlich nichts Statisches ist, sondern dass wir sie beeinflussen und gestalten können – mit unserem Verhalten und Tun, mit unseren Worten, auch mit unseren Gedanken. Wie unser Tun sich z.B. auswirkt und zurückwirkt auf uns, das kommt schön zum Ausdruck in dem Sprichwort: »Wer den Acker pflegt, den pflegt der Acker.« Auch das Sprichwort, das in religiösen Kreisen nicht gern gehört wird, hat hier seinen Platz und sein Recht: »Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.« Also: Tu deinen Teil und du wirst erleben, dass dir – gerade durch dein Tun – Hilfe zuteilwird.



2.4 »Schicksal« als Bestimmung/ Berufung eines Menschen

Warum zieht es das eine Kleinkind zum Musikinstrument, das andere immer wieder zu Tieren, wieder ein anderes zur Seite im Kinderlexikon mit den Organen des Menschen? Und die eine wird später Cellistin, der andere Tierpfleger, die dritte Ärztin. Sind das alles schon vernünftige, abwägende Entscheidungen? Sicherlich nicht. Hier folgen die Heranwachsenden ihren Interessen und Leidenschaften, ihren Sehnsüchten, ihren Träumen, ihren Fähigkeiten und Begabungen. Und wie schön ist es dann, Menschen zu erleben, bei denen man in ihrer beruflichen Tätigkeit abspürt, dass sie ihre Berufung gefunden haben, ganz gleich, ob als KFZ-Mechaniker, als Krankengymnastin oder als Lehrerin.

Das macht schon ein bisschen deutlich, dass man gar nicht so arg eingreifen soll z.B. in die Erziehung eines Kindes oder in die Berufswahl eines Menschen. Der Pädagoge Comenius sagte: »Alles fließe von selbst, Gewalt sei ferne den Dingen«. Ein guter Rat bei der Berufswahl ist deshalb folgender Tipp: »Folge deiner Leidenschaft! Dadurch hast du eine gute Chance, deine Berufung zu finden. Denn bei dem, was du beruflich machen wirst, sollst du einmal leidenschaftlich dabei sein!«

Schicksal und Berufung – in anderen Sprachen ist das ein und dasselbe Wort. Das englische Wort destiny steht für beides. Und im Französischen gibt es das Wort »destin« für Schicksal und »destination« für Bestimmungsort, also für den Ort, wo die Ware oder der Brief hingehen soll.

Was ist unsere Berufung? Wo soll es lang gehen mit unserem Leben? Ich möchte dazu einmal drei Antworten geben. Unsere Berufung ist es,

a) das ganze Leben zu leben vom ersten bis letzten Atemzug (egal, was darin passiert)

b) ein liebender Mensch zu werden (hier sind sich eigentlich alle Religionen und alle humanistisch geprägten Weltanschauungen einig).

Und dann gibt es c) noch ganz spezielle Berufungen und Rollen in der Familie, in Freundeskreis oder Gesellschaft, im Berufsleben oder auch im spirituellen Bereich (und wer seine ganz persönliche Berufung bzw. seine Berufungen gefunden hat, ist ein glücklicher Mensch).


2.5 »Schicksal« als Fügung oder Passung, auch als »Fügung«, die das rationale Verstehen übersteigt

Wir alle hatten schon einmal Eindrücke, wo wir sagten: Da ist etwas genauso gepasst, als hätte es so sein müssen. Irgendwo hat etwas genau gepasst, obwohl es eigentlich vollkommen unwahrscheinlich war. Und deshalb drängt sich einem dabei unwillkürlich der Eindruck auf, als hätte da eine übernatürliche Macht, eine übergeordnete Intelligenz die Hand im Spiel gehabt. Ich spreche von Zufällen, die keine Zufälle mehr sind. Manchmal sind das Dinge, die über sieben Ecken laufen und durch die sich am Ende irgendein Problem in Luft auflöst, oder durch die etwas Neues, Schönes entsteht. Da finde ich die Kündigung für meine Wohnung vor, und am gleichen Tag erzählt mir eine Freundin von einer Bekannten, die in wenigen Wochen ihre Wohnung räumt und noch keinen Nachmieter hat. Die neue Wohnung ist am Ende schöner und heller als die alte. Oder man will eine Bekannte nach langer Zeit wieder anrufen, und just in dem Moment ruft diese an. Oder ich konnte stundenlang an einer konzentrierten Arbeit sitzen, etwa an einer Predigt, und kaum war der letzte Satz geschrieben, läutete es an der Tür oder am Telefon und die nächste Arbeit konnte angegangen werden.

Wenn wir immer realisieren würden, was in unserem Leben und in unserer hochtechnisierten Gesellschaft alles wunderbar zusammenspielt, damit unser Leben überhaupt gelingt, wir kämen aus dem Staunen nicht mehr heraus! Die Psychologie kennt sogenannte Synchronizitäten. Damit sind Vorgänge gemeint, bei denen ein inneres Erleben eine Entsprechung in der äußeren Welt hat – eine Entsprechung, die man aber nicht erklären kann, etwa mit dem Hinweis, das eine sei eben Ursache, das andere Wirkung. Von einer solchen Synchronizität berichtete einmal C.G. Jung. Eine Patientin erzählte ihm von einem Traum, in dem ein Skarabäus-Käfer eine Rolle spielte. In diesem Moment hörte C.G. Jung etwas hinter sich an der Fensterscheibe. Er drehte sich um und sieht – einen Skarabäus-Käfer! In zwei Gottesdiensten, die ich vor einiger Zeit zu halten hatte, ging es um den Bibeltext, dass eine fast verlöschende Flamme doch noch gerettet wird. In beiden Gottesdiensten mussten Kirchenälteste rettend eingreifen, um Kerzenlicht zu retten – etwas, was höchst selten vorkommt.


2.6 »Schicksal« als Theorie, dass die Dinge vorherbestimmt sind und der Mensch keine Wahlfreiheit hat

Einen so verstandenen Schicksalsglauben bezeichnet man als Fatalismus. Dem Menschen wird keine Wahlfreiheit zugesprochen. »Da kann man sowieso nichts machen!« – Dieser Devise folgen zwar viele Menschen im Bereich der Politik und der Gesellschaft, aber als ernstzunehmende philosophische Position ist dieses Denken heute kaum noch vertreten. Ich werde später noch darauf zu sprechen kommen.


3. Schicksal und Religion

Nun einige Dinge zur Verbindung von Schicksalsglaube und Religion. In den Religionen, die ich kenne, ist es so, dass sich der Mensch in sein konkretes Leben hineingestellt und hineingerufen weiß! In genau diesem Leben soll er leben und soll er sich bewähren.

In den abrahamitischen Religionen ist es so, dass Gott einen in dieses Leben hineinstellt und hineinruft. Da Gott über aller Zeit steht, ist bei ihm auch ein Schon-Voraus-Wissen vorhanden, wie ein Leben sich entwickeln und gestalten wird. Im Ps. 139 heißt es: »Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.« Und im NT lesen wir: »Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?« Im Koran heißt es: »Allah sagt: Gewiss, wir haben alles in bestimmtem Maß erschaffen« (Koran 54,49).

In den islamischen Schriften findet sich die Aussage Mohammeds: »Das erste, was Allah erschaffen hat, war das Schreibrohr. Er sagte zu ihm: ›Schreib!‹ Er fragte: ›Was soll ich schreiben?‹ Er sagte: ›Schreibe, was bis zum Jüngsten Tag geschehen wird.‹« Diese Tafel, die da vor aller Zeit beschrieben wird, heißt im Islam die »Wohlverwahrte Tafel«.

Aber wie ist das mit dem Schicksal? Wird jemand auf medizinische Hilfe verzichten, weil er an das Schicksal und die Bewahrung durch Gott glaubt? Die islamische Tradition sagt dazu: »Die Medizin ist Teil von Allahs Schicksal«. Und einem Mann, der daran zweifelte, ob er sein Kamel anbinden solle, wo er doch auf das Schicksal vertraue, dem antwortete Mohammed: »Binde dein Kamel an und dann glaube an das Schicksal!« Man soll also das Schicksal nicht herausfordern. Biblisch gesprochen: Man soll Gott nicht versuchen. Man soll Gott nicht in eine Ecke drängen, wo er nur so und nicht anders handeln kann.

Dass Dinge in ihrem Ablauf vorherbestimmt sind, spielt eine große Rolle in der apokalyptischen Literatur. Das scheinbare Chaos, das die Gläubigen zu ertragen haben, entgleitet Gott nicht. Das Böse darf sich nur eine begrenzte Zeit austoben. Darauf sollen sich die Gläubigen verlassen.

Sind Dinge wirklich vorherbestimmt – oder sind wir frei, uns zu entscheiden? Die jüdische Tradition sagt, dass dies kein Widerspruch sein muss: »Gott führt uns des Weges, den wir wählen.« Vorauswissen, Erwählung, Schicksalsglaube – alles das lässt sich durchaus wunderbar mit der freien Entscheidung der Menschen und mit ihrer Würde vereinbaren.

Interessant ist auch, wo die Frage der »Vorhersehung« in der christlichen Dogmatik behandelt wird, nämlich in der Schöpfungslehre und nicht etwa beim Glauben und dessen Vorzügen. Weil Gott alles erschaffen hat, wird er auch alles erhalten und zu einem guten Ziel führen. Von der guten Führung Gottes, von den guten Fügungen im Leben profitieren also die Gläubigen nicht mehr als andere Menschen. Gute Nachricht für Atheisten!

Aber hilft der Gottesglaube, wenn es um die Bewältigung schwerer Schicksalsschläge geht? Manchen hilft der Glaube an Gott dabei sicherlich. Manchen wird der Glaube in solchen Situationen hoch problematisch! Stellen wir uns ein Ehepaar vor. Die Tochter ist mit dem Motorrad unterwegs in Frankreich. Sie fährt durch eine Landschaft am Rand der Alpen, es lösen sich Felsbrocken am Hang und rollen auf das Fahrzeug, so dass die Tochter einen tödlichen Unfall hat. Wie schlimm wäre das für die Eltern? Stellen wir uns nun vor: Die Tochter ist unterwegs in Frankreich mit Motorrad und Zelt. Eines Nachts wird sie im Zelt überfallen, ausgeraubt und ermordet. Was wäre schlimmer für die Eltern? Die allermeisten sagen, der zweite Fall wäre schlimmer. Die psychologische Forschung hat das bestätigt: Es fällt uns viel schwerer, ein Unheil zu akzeptieren, hinter dem Personen als Täter stecken, als ein Unheil, das durch ein Naturereignis hervorgerufen wird.

Übertragen auf den Glauben heißt das: Ein einfacher und kindlicher Glaube, in dem man sich Gott einfach wie eine Person vorstellt, kann das notwendige Annehmen der Fakten im Leben erheblich erschweren. Wenn Gott als Person das irgendwie wollte und veranlasste oder auch nur zuließ:– meine Krebserkrankung, einen Mord, den Tsunami, gar den Holocaust – was ist das dann für ein Gott? Wir spüren, welche Abgründe sich auftun.

Wir sprechen zwar oft in Bildern von Gott, die an personale Vorgänge erinnern, aber das heißt natürlich nicht, dass mit diesen Vergleichen auch behauptet wird, dass Gott eine Person »ist« – noch dazu eine Person neben anderen, also neben dir und mir. »Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott« ist da ein guter Rat.

In meinem Studium hörte ich den Bericht über jenen deutschen Soldaten, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges am Ende einer Schlacht völlig verzweifelt am Boden lag! Seine Gedanken: »Wie viele Kameraden sind in den letzten Tagen wieder verwundet worden und gestorben, wie viele Soldaten sind auf allen Seiten getötet worden in diesem schrecklichen Krieg? Wie viel Leid hat Deutschland über ganz Europa und sogar noch darüber hinaus gebracht? Wird man je wieder aufrecht gehen können als Deutscher? Werde ich den Krieg überhaupt überleben?« In diese verzweifelten Gedanken hinein schaut der Soldat auf. Er sieht wenige Schritte entfernt eine Blume. Sie schert sich nicht um den Krieg und um all das Elend, sie bleibt nicht beschämt im Boden angesichts von so viel Leid, sie verweigert nicht ihren Auftrag, Blume zu sein und zu blühen und den Bienen Nahrung zu geben und sich weiter fortzupflanzen und vielleicht einen schönen Anblick zu bieten für Mitgeschöpfe, die dafür ein Auge haben. Und dieser Soldat, er studierte später Theologie, hat gesagt: »Diese Blume rettete mir wahrscheinlich das Leben, denn sie hat mir gezeigt: Das Leben ist trotzdem stärker. Gott, die Triebkraft in allem Lebendigen, ist stärker – das Leben wird weitergehen. Wir werden –trotz unserer Schuld – leben!« Diese Blume war auf ihre Weise stärker als aller Krieg. – Da wird Gott auch erlebt und geglaubt. Aber nicht als Verursacher aller Dinge, und erst recht nicht als Verursacher des Wahnsinns eines Krieges, sondern als tagtägliche Gegenmacht gegen alle Zerstörung und allen Tod, die sich in jedem Geschöpf finden kann.

Einige Sätze zum Schicksalsglauben im esoterischen Bereich: Dort wird oft beschreiben, wie die Seele die Aufgabe hat, sich immer weiter zu entwickeln auf ihrem Weg hin zu Gott. Dem Menschen kann nichts zustoßen, das seine Ursache nicht in früherem Verhalten hätte, sei es in diesem oder in einem früheren Leben. Es gibt deshalb kein blindes Schicksal, sondern nur frühere Schuld oder früheres gutes Verhalten, das jetzt seine Früchte trägt. Dass es seine Richtigkeit hat, dass ich genau in diesem Leben bin, das ich habe – das wird in der Esoterik oft mit der These unterstrichen, dass sich meine Seele genau dieses Leben ausgesucht habe, in Ahnung oder in Kenntnis dessen, was in diesem Leben passieren wird. Die Seele sucht sich genau das passende Schicksal aus, um Erfahrungen zu machen, die sie bisher noch nicht gemacht hat oder auch um sich aus vergangener Schuld aus früheren Leben zumindest ein Stück weit zu befreien.


4. Ein »gepflegter Schicksalsglaube«

Was verstehe ich unter »gepflegtem Schicksalsglauben«? Was zeichnet ihn aus?

1. Ich kann einen »gepflegten Schicksalsglauben« als Lebenshilfe verstehen, der mir in vielen Dingen hilft, der aber auch seine Grenzen hat. Also kein dogmatischer Schicksalsglaube. Ich entscheide selbst, wann er mir hilft, wann er passend für mich ist – und wann nicht. Zu einem Kellner, dem ein Missgeschick passiert und dem das peinlich ist, kann ich schon mal sagen: »War bestimmt Schicksal!« Dann sieht man sich in der Regel mit einem Lächeln an und die Situation ist entspannt und locker. Zu einem Kellner, dem nichts peinlich ist bei seinem Missgeschick, würde ich das nie sagen.

2. Der Schicksalsglaube ist also nicht vom Himmel gefallen! Wir können ihn als psychologisches Vehikel bzw. als mentales Training ansehen, um von unseren Illusionen, Neidgefühlen und unserem Hadern wegzukommen.

3. Es muss – das sage ich gegen das Karma-Denken – nicht für alles Schlimme in der Welt einen Schuldigen geben! Was aber dann? Wo kommen das Böse und das Unrecht her? Die biblische Aussage, die hier mit seriösen psychologischen Konzepten übereinstimmt, wäre wohl die: Wir Menschen sind irdische Geschöpfe, unvollkommen und nicht schuldlos, den Bedingungen dieser unvollkommenen Erde unterworfen. Wir wissen, was den Menschen an Unheil und Unglück und Ungerechtigkeit widerfahren kann. Dazu braucht man nur seine Augen aufzumachen. Wenn jemand deshalb von einem Unheil betroffen ist und es dennoch auf Dauer nicht akzeptieren kann, hält er sich dann nicht im Grunde für etwas Besseres als einen ganz normalen sterblichen Menschen, dem, wie wir gesehen haben, genau das widerfahren kann? Der biblische Satz »Ich bin nicht besser als meine Väter« geht in dieser Richtung.

4. Zur Frage der Schuld: Manchmal führt Schuld auch dazu, dass am Ende etwas Gutes entsteht. Z.B. Josef und seine Brüder: Die Brüder verkaufen Josef in die Sklaverei und ins Ausland. Dort macht Josef Karriere und sorgt schließlich dafür, dass seine Familie und sein Volk Jahre später nicht verhungern müssen. Die Theologie scheut sich nicht, in solchen Fällen von einer »glücklichen Schuld« zu sprechen, lateinisch felix culpa.

5. Meine Ausführungen heute geschehen auf dem Hintergrund einer Gesellschaft mit vielen Freiheiten, mit großer sozialer Absicherung. Auf dem Hintergrund von Gesellschaftsverhältnissen, die zum Himmel schreien, würde man vom »Schicksal« vermutlich leiser sprechen, und von Ungerechtigkeit und von Schuld lauter (allerdings: Wieso gibt es manch ärmeres Land, wo die Menschen signifikant glücklicher sind als in Deutschland?).

6. Schicksalsglaube darf nicht Menschen aus ihrer Verantwortung entlassen. Die Analyse von Fehlern und Fehlentwicklungen ist unbedingt erforderlich, wo man für die Zukunft etwas daraus lernen kann und soll.


5. Zehn Erträge eines gepflegten Schicksalsglaubens

1. Wer über sein Lebensschicksal nachdenkt, ist bei seinem ureigensten Thema: Sich selbst!

2. Wer über sein Lebensschicksal nachdenkt, hält immer wieder Ausschau nach dem roten Faden in seinem Leben (der ist m.E. wichtig – gegen alle einseitige Rede vom Sich-selbst-neu-Erfinden).

3. Sich bejahen! Sein Schicksal bejahen heißt sich bejahen. Sein Schicksal bejahen heißt auch den Platz, an dem ich bin, für den richtigen halten (wenn es nicht der richtige ist, sollte ich mich so bald wie möglich an den richtigen Platz begeben!)

4. Wenn mein Platz der richtige ist, wenn ich im richtigen Menschen zuhause bin und nicht im falschen, dann brauche ich mich auch nicht mit anderen in unguter Weise zu vergleichen, dann brauche nicht neidisch zu sein auf andere.

5. Warum machen die Russen Urlaub in der Türkei? – Weil sie sehen wollen, ob der türkische Wodka so gut ist wie der russische. Warum machen die Franzosen Urlaub in der Türkei? – Weil sie sehen wollen, ob der türkische Wein so gut ist wie der französische. Warum machen die Deutschen Urlaub in der Türkei? – Weil sie sehen wollen, ob auch genau alles richtig eingehalten wird, wie es in der Reisebeschreibung steht! Also, was ist wichtig? Flexibel sein, sich dem Leben mit dem, was es bringt, anpassen. Paulus sagt einmal: Ich kann reich sein und ich kann arm sein! Weise Menschen religiöser und nichtreligiöser Tradition haben oft betont, wie wichtig es ist, seinen Frieden in sich selbst zu finden, relativ unabhängig von äußeren Faktoren. Wir sprechen heute von der sog. Frustrationstoleranz. Reife und flexible Menschen haben sich immer eine große Frustrationstoleranz erworben.

6. Vertrauen in die Zukunft und in sich selbst führt dazu, Abstand nehmen zu können von der Bestrebung, mittels Wahrsagekunst in die Zukunft zu sehen. Die Wahrsagekunst (die Mantik) basiert auf der Überzeugung, die auch der Schicksalsglaube kennt, dass es jetzt schon das Wissen um die Dinge der Zukunft gibt. Wahrsagekunst verspricht, dieses Wissen jetzt schon anzapfen zu können und in die Zukunft zu schauen, z.B. in der Astrologie mittels der Sternkonstellationen. Für manche ist das natürlich alles nur ein Spaß. Aber in so mancher Befragung von Astrologen nach dem eigenen Weg steckt doch eine echte Not. Wer bei wichtigen Lebensfragen zur Astrologin geht, hat m.E. kein Vertrauen zu sich selbst, hat Angst davor, eine falsche Entscheidung zu treffen. Das hätte ja ganz schlimme Folgen! Woher kommt diese Angst vor eigenen Entscheidungen bzw. Fehlentscheidungen? Wahrscheinlich hat man in der Herkunftsfamilie nicht darauf geachtet, dass das entsprechende Kind mit einem guten Selbstbewusstsein aufwächst und Freude daran hat und kompetent darin wird, sich eigene Urteile zu bilden.

Ich möchte der Astrologie aber in zwei Dingen Recht geben: Sie hat Recht, wenn gesagt wird: »Ich bin Teil des Universums« (d.h.: Die Daten meines Lebens, wie z.B. meine Geburt, sind in den Lauf der Sterne eingezeichnet). Was für eine Würde! Denken wir an den Stern von Bethlehem. Und die Astrologie hat zweitens recht, wenn sie sagt: »Es gibt geeignete und ungeeignete Zeitpunkte für bestimmte Vorhaben.« Die hängen aber nicht von den Sternen ab, sondern von der Situation. Man braucht deshalb dazu keinen Astrologen, sondern ein gutes Gespür für Situationen. Dieses Gespür erwirbt man sich durch Lernen, durch Beobachtung und Erfahrung, durch Versuche und Fehlversuche.

7. Menschen können ihr Schicksal nicht selten so meistern, dass sie dadurch stärker, reifer und manchmal auch glücklicher werden. Der alte Seneca sagte: Über raue Pfade gelangt man zu den Sternen.

In der christlichen Tradition gibt es eine Erzählung, die hier vielleicht hilft: »Die Menschen waren mit ihren Kreuzen unterwegs und mühten sich ab mit ihrer Last. Da wurde einem von ihnen sein Kreuz zu schwer. Kurzerhand sägte er ein gutes Stück ab. Nach langer Pilgerschaft kamen alle an einen gähnenden Abgrund. Keine Brücke führte in das Land, das ewige Freude und Gottes Nähe versprach. Nach kurzem Zögern kamen sie auf den Gedanken: Jeder lege sein Kreuz über den Abgrund. Und siehe da: Jedes passte genau von der einen Seite zur anderen. Der aber sein Kreuz abgesägt hatte, um es sich leichter zu machen, stand nun betroffen und verzweifelt.«

Diese Geschichte sagt im Grunde: Nur wer sein Schicksal annimmt, kann in das Land der ewigen Freude kommen, kann die Glückseligkeit erreichen. (Himmel ist ja nicht zuerst ein jenseitiger Ort, Himmel ist auch ein seelischer Zustand des Friedens!) Einer kann dabei die Last seines Schicksals nicht ertragen. Er sägt von seinem Kreuz ein Stück ab, macht sein Schicksal leichter. Kann man aber sein Schicksal leichter machen? Man kann seine Probleme verdrängen, mit Süchten etwa, man kann, statt die Probleme zu tragen und zu bearbeiten, in Aufruhr gegen sein Schicksal verbleiben, man kann in Hass gegen andere verbleiben, in Hass gegen sich selbst. Alle diese Problemlösungen werden überall enden, nur nicht bei dem, was wir uns im Innersten wünschen: nämlich beim Frieden.

8. Auch der Mensch, der mir gar nicht in den Kram passt, der mich vielleicht hasst, ist Teil meines Schicksals. Will ich ihn bekämpfen oder will ich es als zu akzeptierende Herausforderung ansehen, mit diesem Menschen gut und verträglich umzugehen?

9. Achtung vor dem Schicksal von Menschen führt auch zu Achtung vor Kranken, Behinderten, Obdachlosen, Menschen mit schwierigem Lebenslauf.

10. Sein Schicksal meistern heißt schließlich: Angst überwinden, (Selbst-)Vertrauen einüben. Im NT heißt es: »Wer Gott liebt, dem werden alle Dinge zum Besten dienen.« Ich verstehe das so: Wer das Göttliche liebt, wer die Zusammenhänge des Lebens liebt, wer die Kraft Gottes in sich selbst und in allen Dingen liebt und an sie glaubt, dem werden alle Dinge zum Besten dienen. Weil er oder sie nämlich durch lange Übung die Kraft entwickelt hat, sich alle Dinge zum Besten dienen zu lassen.


Ein letzter Gedanke noch:
»Meistere dein Schicksal!« – Ich übersetze das für mich gerne so: »Mach ein Meisterwerk daraus!«


Anmerkung:

* Gekürztes Manuskript eines Vortrags am 21.1.2015 im Rahmen des Forums Niedereschach.

 

Über den Autor

Pfarrer Peter Krech, Jahrgang 1959, Studium der Evang. Theologie in Tübingen, St. Andrews/Schottland und Heidelberg, 1985-88 Vikariat, seit 1988 Gemeindepfarrer in der Badischen Landeskirche, zusätzliche Dienstaufträge in der Gefängnisseelsorge, als Dekanstellvertreter und als Weltanschauungsbeauftragter im Kirchenbezirk Villingen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2017

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