Zur Archäologie eines Ursymbols
Im Labyrinth des Todes und des Lebens

Von: Peter Haigis
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Labyrinthe sind Zeugnisse einer uralten Kultur. Man findet sie weit verstreut an den ­verschiedensten Orten des Globus’. Sie bergen einen bis heute nicht vollständig entschlüsselten symbolischen Sinn in sich. Im Laufe der Geschichte des Christentums sind Labyrinthe als religiöse Sinnbilder verstanden worden. Im Mittelalter hat man sie in zahlreichen Kirchen in die Fußböden eingelassen. Und jüngst sind sie als spirituelles Symbol bei Kirchentagen und in Klosterzeiten wiederentdeckt worden. Peter Haigis fragt danach, was es mit dem Tiefensinn dieses Symbols auf sich hat, woher es stammt und was seine Bedeutung ist.


Irrgarten oder Labyrinth

Mit dem Wort »Labyrinth« verbinden wir üblicherweise die Vorstellung von etwas ganz und gar Unübersichtlichem und Verwirrendem. Wenn wir etwas als »Labyrinth« bezeichnen, dann bringen wir damit unsere Orientierungslosigkeit zum Ausdruck. Der Ortskern eines mittelalterlichen Städtchens mit seinen verwinkelten Gassen beispielsweise kann uns in diesem Sinn »wie ein Labyrinth« vorkommen. Es besteht die Gefahr, dass wir die Orientierung verlieren und uns darin verlaufen. In letzter Zeit haben mehr und mehr sog. »Getreide-« oder »Maislabyrinthe« einen Boom erfahren. Sie dienen dem Spaß, dem Event, dem Spiel mit der Orientierung. Doch in einem »echten Labyrinth« kann man sich nicht verlaufen. Wirkliche Labyrinthe mögen vielleicht unübersichtlich sein – jedenfalls auf den ersten Blick. Doch verwirrend sind sie keineswegs. Und schon gar nicht kann man in einem »echten Labyrinth« die Orientierung verlieren.


Wenn wir von »Labyrinthen« sprechen, verwechseln wir sie meist mit Irrgärten. Aber: »Labyrinth« oder »Irrgarten« – ist das nicht ein Streit um Worte? Nicht ganz. Es lassen sich einige gravierende sachliche Unterschiede benennen.

In einem Irrgarten gibt es einen Ausgangspunkt und ein Ziel, und dazwischen liegt eine wahrlich verwirrende Vielfalt von Wegen, die sich nicht nur ineinander verschlingen und ständig kreuzen, sondern die auch oftmals in einer Sackgasse enden. Der Reiz besteht darin, durch Ausprobieren vieler Wege den einen richtigen (vielleicht auch den kürzesten) Weg zum Ziel herauszufinden. Dafür gibt es übrigens einen alten Trick, den Mark Twain in seinem Jugendbuch »Tom Sawyer und Huckleberry Finn« verrät. Ich weiß allerdings nicht, ob ich das hier wiedergeben und allen Rätsellösern damit den Spaß an Irrgärten bzw. auf die Lektüre von »Tom Sawyer« verderben soll.

Solche Irrgärten zieren nicht nur die Rätselseiten mancher Illustrierten – als Plan auf einem Papier aufgemalt, damit man sie mit dem Finger oder einem Kugelschreiber »abfahren« und »durchlaufen« kann. Sie finden sich – wie gesagt – im großen Maßstab inzwischen auch in Getreide- und Maisfeldern. Ihr Vorbild haben sie in den italienischen und englischen »Garten- und Heckenlabyrinthen« aus der Renaissancezeit und dem Barock. Doch in Wahrheit handelt es sich um Irrgärten und nicht um Labyrinthe.


Die Grundform des Labyrinths

Ein wirkliches Labyrinth kennt nicht viele Wege, sondern nur einen Weg. In einem wirklichen Labyrinth gibt es keine Kreuzungen des Weges und keine Weggabelungen. Deshalb gibt es auch keine Entscheidung, ob man sich nun nach rechts oder links wenden soll oder am besten geradeaus weitergeht. Es gibt in einem echten Labyrinth natürlich auch keine Sackgassen. Ein zwar verschlungener, aber durchgehender Weg führt in die Mitte des Labyrinths hinein und aus ihm wieder heraus. Ein Labyrinth kennt daher weder den Reiz des Spiels mit der Orientierung noch die Herausforderung, den richtigen oder kürzesten Weg aufzuspüren.


Verglichen mit Irrgärten erscheinen uns Labyrinthe eigentlich eher langweilig. Ein Labyrinth, in dem man sich nicht verlaufen kann – das klingt so ein bisschen wie eine Gitarre ohne Saiten, oder? Das Labyrinth ist ein in sich gewundener und verschlungener Weg. Doch gerade in dieser vergleichsweise einfachen und klaren Form liegt dessen Sinn.


Die »Urerzählung« des Labyrinths

Unsere Verwechslung von Irrgärten und Labyrinthen ist übrigens keineswegs neu. Sie entstammt einer alten griechischen Sage, die man zugleich als »Urgeschichte des Labyrinths« bezeichnen könnte. Es wird erzählt, dass einstmals König Minos von Kreta mit dem Meeresgott Poseidon im Streit lag. Minos hatte Poseidon betrogen, und zur Strafe ließ Poseidon die Frau des Königs nun mit einem Ungeheuer – einer Gestalt, halb Mensch, halb Stier – schwanger werden. Die Frau des Minos brachte das Monstrum zur Welt. Doch um es vor der Öffentlichkeit zu verbergen, ließ der König ein Gefängnis errichten, in dessen Innerem der »Minotaurus«, wie das Ungeheuer hieß, eingesperrt war. Der Erbauer dieses Gefängnisses für den Minotaurus war übrigens kein geringerer als Dädalus, der Erfinder antiker Flugmöglichkeiten, dessen Sohn Ikarus bei einem Flucht- und Flugversuch ums Leben kam.

Später wurden dem Untier in seinem Gefängnis dann alle neun Jahre zur Besänftigung sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen geopfert. Unter einer dieser Gruppen war auch Theseus. Er fasste Mut, sich dem Kampf gegen den Minotaurus zu stellen. Ariadne aber, die Tochter des Königs Minos, verliebte sich in Theseus. Und da es hieß, dass wer einmal zum Zentrum des Gefängnisses vordringe, nicht mehr herausfände, gab sie ihm einen Faden mit, den Theseus beim Hineingehen auslegen solle. Nach der Bezwingung des Minotaurus könne er dann durch Aufrollen des Fadens den Weg zurück in die Freiheit finden.

Diese Erzählung wurde schon seit ihrer antiken Überlieferung mit einem »Labyrinth« in Verbindung gebracht, das es auf Kreta gegeben haben soll. »Labyrinth« hieß der Überlieferung nach das Gebäude, in dem der Minotaurus eingesperrt war. Man nahm an, das auf Kreta errichtete Gefängnis müsse ein Haus mit verwirrenden Gängen sein – so raffiniert, dass es von niemandem zu verlassen war, was zwar Kreta vor einem möglichen Ausbrechen des Minotaurus schützte, aber eben auch Theseus’ Rückkehr gefährdete.

Die ursprüngliche Herkunft und genaue Bedeutung des Wortes »Labyrinth« hat man übrigens nicht überzeugend ableiten können. Es gibt die Annahme, dass sich darin das lydische Wort für »Doppelaxt« (labrys) finde. Was eine Doppelaxt mit einem Labyrinth zu tun haben soll, hat man bislang aber nicht überzeugend darlegen können. Dass der minoische Palast als »Haus der Doppelaxt« bezeichnet wurde und dass damit die Verbindung zur Labyrinthgestalt gegeben sei, ist jedenfalls mehr als fraglich. Wahrscheinlich haben bereits die Griechen das Wort »Labyrinth« als Fremdwort aus einer früheren Kultur übernommen.

Der Ausdruck »Labyrinth« ging später dann einerseits als Bezeichnung für das Gefängnis des Minotaurus, andererseits als Name einer bestimmten ornamentalen Figur, wie wir sie beispielsweise in der Kathedrale von Chartres finden, in die Geschichte ein. Beides passt aber schlecht zusammen.


War das »kretische Labyrinth« ein Labyrinth?

Die Erzählung vom Minotaurus legt genau genommen die Annahme nahe, das beschriebene Gefängnisgebäude sei ein Irrgarten im buchstäblichen Sinn und gar kein klassisches »Labyrinth« – so wie es vorher beschrieben und charakterisiert wurde. Denn nur bei einem Irrgarten würde wohl die Gefahr bestehen, dass man nicht mehr herausfindet, wenn man einmal drin ist. In einem Labyrinth, das nur einen Weg kennt, müsste man ja einfach nur diesen Weg wieder in die entgegengesetzte Richtung zurücklaufen.

Nun könnte man argumentieren, dass der Minotaurus möglicherweise nicht um die Ecke gehen konnte, sondern nur geradeaus – so wie die Dämonen im Hinduismus (weswegen hinduistische Tempel im Eingangsbereich durch eine sog. »Dämonenschranke« versperrt sind). Allerdings gibt es keinen Hinweis in der mythologischen Überlieferung, der eine solche Vermutung stützen würde. Und außerdem hätte Theseus als Mensch ja dann auch ohne Ariadnes Faden aus dem Labyrinth wieder herausgefunden. Nur bei einem Irrgarten wäre Ariadnes Faden ein hilfreicher Trick, um aus dem Gängegewirr wieder herauszukommen. Bei einem Labyrinth wäre der Faden hingegen völlig überflüssig. Oder anders gesagt: Der gesamte Gangverlauf des klassischen Labyrinths ist nichts anderes als der auseinandergezogene Faden der Ariadne, wie Umberto Eco sagt.1

Interessant ist nun allerdings, dass die bildlichen Darstellungen der Geschichte vom Minotaurus, von Theseus und von Ariadne seit ältester Zeit ein »echtes« Labyrinth und keinen Irrgarten zeigen. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass die Künstler früherer Zeiten diesen Widerspruch nicht bemerkt hätten. Und so muss man sich fragen, welchen Sinn ihre Darstellung hat. Das führt zu der Vermutung, dass die Labyrinthdarstellungen in Verbindung mit der Sage von Theseus und Ariadne ebenso wie die Labyrinthgestaltungen in mittelalterlichen Kirchen wohl eine symbolische Bedeutung haben, d.h.: es kommt nicht auf die Abbild-Qualität an, sondern das Symbol des Labyrinths verweist auf einen Tiefensinn. Wir haben es hierbei – wenn man so will – mit einer Art »Gleichnis« zu tun. Doch ein Gleichnis wofür?


Gebaute Labyrinthe in der Antike?

Wenden wir uns von den bildlichen und literarischen Darstellungen des hier einmal so genannten »kretischen Labyrinths« den architektonischen Spuren zu. Oder anders gefragt: Was hat es historisch mit dem »Labyrinth von Kreta« auf sich? Bereits in der Antike gab es Reisebeschreibungen von Autoren, die sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Gefängnis des Minotaurus gemacht haben. Freilich ohne Erfolg. Auch archäologische Ausgrabungen, die man immer wieder auf Kreta und anderen griechischen Inseln bzw. in Klein-Asien, der heutigen Türkei, vorgenommen hat, haben kein gebautes Labyrinth noch Überreste eines Irrgartens zutage fördern können, allenfalls Nachbauten aus späterer Zeit, z.B. den Tholos von Epidauros, 4. vorchr. Jh., auf dem Gelände eines Asklepios-Tempels, dessen Bedeutung jedoch völlig unklar ist. Interessanterweise begann der Gang hier – untypisch gegenüber den antiken Labyrinthdarstellungen – wohl in der Mitte und endete in einer Sackgasse in einem Außenring.

Heute geht man in der Forschung davon aus, dass es das in der Sage beschriebene Labyrinth von Kreta ebenso wenig gegeben hat wie den Minotaurus selbst. Die Sage ist also entweder eine spannende Dichtung, eine Art antike Gruselgeschichte, oder sie hat – wie alte Erzählungen ja so oft – einen tieferen, ebenfalls symbolischen Sinn.

Was man hingegen gefunden hat, waren antike Münzen und Plaketten oder Amulette des reichen minoischen Handelsstaates Kreta (Zeitraum: 5./4. vorchr. Jh.). Und die zeigen nun oft entweder den stierköpfigen Minotaurus oder ein Labyrinth in seiner klassischen Form – sozusagen als Wahrzeichen der zwischen Griechenland und der heutigen Türkei gelegenen Insel. Diese Funde deuten zumindest darauf hin, dass es nicht schlichte Unkenntnis der späteren Künstler gewesen sein kann, wenn sie bei ihren Illustrationen der Ariadne-Sage ein echtes Labyrinth und keinen Irrgarten zeigten.


Das kretische Labyrinth als choreografische Figur

Der Labyrinthforscher Hermann Kern, eine Koryphäe auf diesem Gebiet und leider viel zu früh verstorben, bietet für das Problem fehlender architektonischer Spuren bei gleichzeitiger Beharrlichkeit der Labyrinthfigur in Verbindung mit der Insel Kreta eine relativ einfache und auf den ersten Blick ebenso plausible Erklärung an: Kern sagt, dass es auf Kreta zwar höchstwahrscheinlich kein labyrinthartiges Gebäude gegeben hat, dass es aber in der Hauptstadt Knossos sehr wohl einen Tanzplatz gab, auf dessen Boden das Labyrinthsymbol in großem Maßstab eingelassen war. Der Sinn dieser Gestaltung war nach Kern der, dass man dort einen – wahrscheinlich rituellen – Tanz aufführte, der in seinen Bewegungsabläufen derart kompliziert war, dass man ihn ohne diese Gedächtnisstütze auf dem Boden nicht hätte vollführen können. Die ornamentale und sehr eigentümliche Fußbodengestaltung des Tanzplatzes von Knossos habe der Insel später zu ihrem Wahrzeichen und zu den immer wieder mit der klassischen Labyrinthform dargestellten Illustrationen zur kretischen Sage von Minotaurus, Theseus und Ariadne verholfen.2

Das »Labyrinth« war Kern zufolge ursprünglich also ein Tanz. Wie dieser Tanz genau aussah und welchen Sinn er letztlich gehabt haben mag, kann Kern natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Nur so viel scheint klar: Mit diesem rituellen Tanz habe man die Geschichte vom Minotaurus und seiner Überwindung nacherzählt, erinnert und gefeiert. Ebenso wie dies vielleicht auch der ursprüngliche Sinn eines kretischen Sports gewesen sein mag, bei dem junge Männer ihren Mut bewiesen, indem sie über einen Stier sprangen. Bildliche Darstellungen davon hat man immerhin ebenfalls auf bemalten Keramikscherben, Tellern, Vasen und ähnlichem gefunden.


Kerns Vermutung wird noch durch die Tatsache unterstützt, dass die mittelalterlichen Kirchenlabyrinthe ebenfalls ursprünglich für liturgische Tänze genutzt wurden. Aus kirchenhistorischen Quellen konnte man rekonstruieren, dass im 14. bzw. 15. Jh. bei Ostergottesdiensten ein Tanz durch das auf dem Boden des Kirchenschiffs angebrachte Labyrinth vollführt wurde. Damit wollte man der Freude über die Auferstehung Jesu Christi Ausdruck geben.

Freilich könnte die Interpretation Kerns auch eine aus späterer Zeit – nämlich durch eben diesen mittelalterlichen Brauch – an die antike Überlieferung herangetragene Sichtweise darstellen. Zwar kann Kern auf literarische Belege für einen Reigentanz des Theseus (bei Plutarch, 1. nachchr. Jh.) hinweisen und es gibt auch bildliche Darstellungen solcher Tänze. Nirgends wird aber der Bezug zum klassischen Labyrinthmuster hergestellt. Das trifft selbst dann nicht zu, wenn Plutarch selbst von labyrinthartigen Tänzen spricht, weil seine beschreibende Rede von »Irrgängen« und »Verschlingungen« anzeigt, dass Plutarch dabei nicht unbedingt die mäandernde Form eines Reigentanzes vor Augen hatte bzw. unter »Labyrinth« das versteht, was die literarische Überlieferung im Sinne eines Irrgartens ausformuliert3. Polonaisenartige Reigentänze, bei denen Figuren auch ineinander, gegeneinander und überkreuzt gezogen wurden, mag es zweifellos gegeben haben, dass sie aber das Labyrinthmuster erklären könnten, ist eine Annahme mit einem »missing link«. Denn natürlich haben wir – anders als in den mittelalterlichen Kathedralen – keine entsprechenden Bodenbilder aus antiker Zeit.

Überhaupt sind alle bildlichen Labyrinthdarstellungen vor den mittelalterlichen Kirchenlabyrinthen nur in einem »verkleinerten Maßstab« (wenn man das einmal so bezeichnen darf) vorhanden – ein auffälliger Befund, dem wir uns gleich noch widmen müssen. Von den sog. Trojaburgen im skandinavischen Raum, das sind Labyrinthmuster mit ausgelegten Steinen, will ich hier nicht sprechen, weil ich sie für schwer datierbar halte. Ich gehe davon aus, dass sie allesamt in nachchristlicher Zeit entstanden und maximal 1000 bis 1200 Jahre alt sind.


Die ältesten Labyrinthdarstellungen

Die Überlegungen Kerns zur ursprünglichen Bedeutung des Labyrinths haben aber auch noch eine andere entscheidende Schwachstelle. Labyrinthdarstellungen aus ältester Zeit finden sich nämlich auch als Felsritzzeichnungen auf Sardinien, in Spanien, an der schottischen Küste, in Irland und anderswo in Europa. Nun sind Felsritzzeichnungen zwar nicht so leicht datierbar wie Tontäfelchen oder Münzen. Es spricht aber manches dafür, dass einige dieser Graffitis ebenfalls in das 2. oder sogar ins 3. vorchristliche Jahrtausend zurückreichen. Die ältesten Graffitis sind sog. »Näpfchen-« oder »Schalensteine« aus neolithischer Zeit (2500-2000 v. Chr.), die jedoch nicht den typischen labyrinthischen Verlauf aufweisen, sondern nach einem Zwiebelschalenmuster aus konzentrischen Ringen entworfen sind.

Die erwähnten Felsritzzeichnungen finden sich in aller Regel auf schiefen Ebenen oder an Wänden und messen im Durchmesser weniger als 100 cm, oft sogar unter 50 cm. An eine choreografische Notierung wie beim kretischen Tanzplatz-Labyrinth ist also nicht zu denken. Natürlich könnte man annehmen, es handle sich wie bei den Münzlabyrinthen um Wiedergaben des kretischen Wahrzeichens. Abgesehen davon, dass diese Münzgravierungen aber aus viel späterer Zeit stammen, sind die Spuren der minoischen Handelskultur hierfür nicht überzeugend auszumachen – und wer hätte sonst ein Interesse an der entsprechenden Verewigung kretischer »Duftmarken« gehabt. Wenn schon, dann ist eher an eine umgekehrte kulturelle Bewegung zu denken: vom europäischen Nordatlantikraum hinein in die Ägäis nach Kreta.


Indessen spricht manches dafür, dass die Felsritzzeichnungen »orientierende Funktion« hatten. Etwa wenn sie entlang einer schwer schiffbaren Küste in Schottland auszumachen waren. Oder wenn sie sich als Embleme in bronzezeitlichen Bergbaustollen finden. Nicht dass sie in unmittelbarer Weise einen Ausweg oder den Weg ins Freie gewiesen hätten. Als Symbol oder Emblem sollten sie die Menschen hingegen wohl eher daran erinnern, dass es einen Weg durch Bedrohliches und Unübersichtliches gibt, oder waren eventuell auch eine Art Schutzzeichen in unübersichtlicher Situation mit möglicherweise vorsymbolischer, nämlich magischer Bedeutung.4

So könnte auch eine Labyrinthzeichnung zu verstehen sein, die man in einem jungsteinzeitlichen Grab fand. Ob die Ritzzeichnung an einer Wand im Grabstollen von Luzzanas auf Sardinien5 aber wirklich so alt ist, ist fraglich. Wenn sie mit der frühesten Grabaushebung angebracht wurde, dürfte sie um 2500 v. Chr. entstanden sein, sie könnte aber auch deutlich jüngeren Datums und etwa zwischen 1500 und 1000 v. Chr. eingraviert worden sein. Möglicherweise bringt sie die Gewissheit und den Glauben der Menschen von damals zum Ausdruck, dass es einen Weg durch den Tod hindurch gibt.

Ich schließe nicht aus, dass in der ältesten Schicht der kulturellen Tradition des Labyrinthsymbols dieses vielleicht auch die Funktion astronomischer Bestimmungen hatte und möglicherweise kultisch-rituellen Vollzügen diente. Ob die keltischen Spiralzeichnungen, etwa in Newgrange auf Irland, in Verbindung mit der Labyrinthsymbolik stehen, muss ich hier offenlassen. Zahlreiche Labyrinthforscher lehnen eine solche Verbindung ab, weil die Spiralzeichnungen nicht die für das Labyrinth typische Wendung der Linienführung kennen, sondern nur in eine Richtung laufen.


Das Labyrinth als Symbol der Orientiertheit

In allen anderen vorab genannten Beispielen ist das Labyrinth jedenfalls – sofern nicht magisch zu interpretieren – das symbolische Ausdrucksmittel eines Menschen, der sich – modern gesprochen – seiner Orientierungsmöglichkeiten in Leben und Tod, Welt und Unterwelt bewusst geworden ist. Das Labyrinth ist so verstanden das genaue Gegenteil eines Irrgartens. Es zeugt von Orientierung, nicht von Orientierungslosigkeit. Man könnte zugespitzt auch sagen: Das Labyrinth ist sozusagen der »durchschaute« und »überwundene« Irrgarten. Deshalb ist es kein Wunder, dass die Minotaurussage in späterer Zeit immer wieder mit der klassischen Labyrinthfigur illustriert wurde. Denn Theseus’ Rückkehr mit Hilfe Ariadnes kündigt ja vom Sieg der Orientierung über die Desorientierung, vom Sieg der Ordnung über das Chaos, der List der Vernunft über die Attacken dunkler Schicksalmächte. Der Faden der Ariadne, der in seinem Verlauf mit der durchgängigen Linie durch das Labyrinth identisch ist, spricht ebenso wie die Labyrinthfigur selbst – ob als bildliche Gestaltung oder als Tanz – eine einzige Botschaft aus: Das Chaos der Orientierungslosigkeit ist überwunden; der Held der Sage weiß, wo es langgeht.


Diese Deutung basiert natürlich darauf, dass das Labyrinth ein universales Zeichen ist, das transkulturell vermittelt wurde. Beispiele dafür habe ich genannt. Nicht ausgeschlossen ist dabei freilich, dass es im Laufe der Zeit immer wieder Deutungswandlungen und -erweiterungen gegeben hat. Als Beispiel dient mir hier die Vase oder Weinkanne von Tragliatella aus etruskischer Zeit (ca. 650 v. Chr.).6 Hier wird die Darstellung des Labyrinths mit einem kopulierenden Paar in Verbindung gebracht. Der Gesamtzusammenhang des Panels legt nahe, dass es sich um das Ende der Theseus-Adriadne-Geschichte handelt. Nach vollzogenem Sieg über den Minotaurus steht der Vereinigung von Theseus und Ariadne nichts mehr im Wege. Doch zugleich deutet die formale Gestaltung an, dass in dem Labyrinthsymbol auch so etwas wie eine Darstellung geschlechtlicher Vereinigung gesehen werden konnte, mithin in dieser Deutungsphase also das Labyrinthsymbol möglicherweise auch als Zeichen eines Fruchtbarkultes aufgefasst werden kann.

Auch muss damit gerechnet werden, dass sich unterschiedliche Formentypen herausbilden. Der sog. kretische Formentyp ist dabei als für die antike und vorantike Zeit sehr stabil auszumachen.


Die christliche Rezeption des Labyrinthsymbols

So konnte die aus der antiken Kultur stammende Labyrinthform dann auch im christlichen Mittelalter als Gestaltungselement in Kirchen aufgenommen werden. Im Labyrinth fand man den Weg Christi vorgezeichnet. Nun war er der Held, der das Chaos durchstiegen und überwunden hat. Wie Theseus ins Labyrinth, so stieg Christus in die Tiefe menschlichen Lebens hinab, um dort nun freilich nicht den Minotaurus, aber Sünde, Tod und Teufel niederzuringen. Und wie Theseus den Kretern damit Befreiung brachte, so kehrt Christus mit seinem Sieg und der Freiheit, die uns Menschen darin geschenkt ist, aus dem Labyrinth menschlichen Daseins zurück. Was schon die Kreter im Blick auf Theseus feiern konnten, gab den Christen mit Blick auf ihren »Helden« und »Befreier« Christus natürlich erst recht allen Grund zu feiern – und Ostern schien vom Kirchenjahr her der geeignete Termin dafür zu sein.

Doch die Labyrinthform bot sich auch noch in anderer Hinsicht für eine christliche Interpretation an. Viele Labyrinthgestalter wanden den Weg durch das Labyrinth so, dass von oben betrachtet die Form eines Kreuzes darübergelegt zu sein schien. Auch damit war die Heilsbedeutung des zentralen christlichen Symbols mit einer tieferen symbolischen Bedeutung des Labyrinths verschmolzen. Durch die Windungen und Wendungen des Lebens und Leidens Christi geht der Weg, an dessen Ende nicht nur Christi Überwindung des Todes, sondern auch die Befreiung des Menschengeschlechtes insgesamt lag. Und selbst die Zahl der Kehren und Umgänge mancher Labyrinthfiguren hatte einen versteckten symbolischen Sinn. So gibt es Labyrinthdarstellungen mit elf Umgängen. Sie verdeutlichten die Vermessenheit des Menschen, der einerseits das von Gott gesetzte Maß (die Zehn Gebote) überstieg, andererseits aber hinter der göttlichen Vollkommenheit (die heilige Vollzahl Zwölf) zurückblieb.

Mit dem Bildersturm nach der Reformationszeit gingen die Labyrinthe in zahlreichen Kathedralen Mitteleuropas unwiederbringlich verloren. Einige wenige blieben erhalten. Sie werden von Hermann Kern in seinem umfangreichen Bildband über Labyrinthe aufgelistet und vorgestellt. Das berühmteste Kirchenlabyrinth ist das von Chartres, aber auch in vielen anderen französischen oder italienischen Kirchen gibt es noch wahre Schmuckstücke, z.B. in Amiens oder in Ravenna. In Deutschland sind im Kölner Dom und in Trier neue Labyrinthe eingesetzt worden.

Das Labyrinth selbst geriet nur vorübergehend in Vergessenheit. Während die barocken Garten- und Parkgestaltungen vieler Adelssitze das Labyrinth zum lustig-abenteuerlichen Irrgarten umfunktionierten, haben es die Pietisten als Sinnbild für das Leben wiederentdeckt. Der christusgläubige Mensch wird zum Pilger auf Erden, der während seines Lebens einem verschlungenen Pfad durch die hiesige Welt zu folgen hatte, bis er am Ort der himmlischen Seligkeit ­anlangte.

In der pietistischen Literatur tauchen übrigens beide Figuren als Sinnbilder für das irdische Leben auf: der Irrgarten wie das klassische Labyrinth, zum Teil in Mischform. Beide Motive, Irrgarten wie Labyrinth, verraten natürlich auf je eigene Weise etwas darüber, wie in diesem Zusammenhang das Leben in der »Welt« zu verstehen sei – ob eben als Irrgarten, der ständig mit verlockenden Abwegen vom Pfad des Heils abzulenken versucht bzw. in die Sackgasse führt, oder als Labyrinth, das den weiteren Verlauf des Weges hinter jeder nächsten Kehre und Wegbiegung zwar nicht erkennen lässt, dem man sich aber mutig anvertrauen darf, weil man weiß, dass der Weg zuletzt gegen allen Anschein doch mitten ins ersehnte Ziel hineinführt.

Die frommen Separatisten Süddeutschlands, die sich im 19. Jh. von der Kirche abgesetzt haben, um ihren Glauben in eigenen Zirkeln zu feiern, zu pflegen und aufzuerbauen, haben sich teilweise ebenfalls des Labyrinthmotivs bedient. So finden sich z.B. Labyrinthgestaltungen auf dem Gelände der früheren Separatistenkolonie »New Harmony« (Indiana/USA) des 1803 aus Iptingen bei Mühlacker nach Amerika ausgewanderten Webers Johann Georg Rapp und seiner Gruppe. Die abtrünnigen pietistischen Geschwister fanden sich in Gemeinschaften Gleichgesinnter zusammen, die sie »Harmonien« nannten. Im Wissen darum (und wohl auch aus der Erfahrung), dass wahre brüderliche Einheit aber nur schwer, nämlich mit viel Geduld, zu erreichen ist und letztlich das Werk Gottes bleibt, sollte ausgerechnet das Labyrinth sie an diese Ausdauer und dieses Gottvertrauen erinnern.

Als Sinnbild für das Leben taucht das Labyrinth schließlich auch in modernen Kirchen, Andachts- und Religionsbüchern sowie im »alternativen zweiten Gottesdienstprogramm« und bei »Thomasmessen« wieder auf. Es soll denjenigen, die es durchschreiten oder betrachten, zur Ruhe und Besinnung verhelfen. Der Weg durch solch ein Labyrinth soll die Möglichkeit bieten, über den eigenen Lebensweg nachzudenken: die Kehren laden dazu ein, sich an die erlebten Wendemarken des eigenen Lebens zu erinnern; die großen Schleifen fordern dazu auf, den Sinn von Umwegen zu bedenken, und dienen als Einübung in Geduld; die erreichte Mitte ist oftmals als besonderer Ruhepol gestaltet und gibt Gelegenheit zu Gebet oder Meditation. Und auch die Rückkehr hat ihren Sinn, denn Leben bedeutet ja, stets auf Höhe- oder Scheitelpunkte zuzugehen, diese aber auch wieder loslassen und gewissermaßen in den »Alltag« wieder zurückkehren zu können.

Menschen, die in einem solchen Besinnungs-Labyrinth unterwegs waren, erzählen oft davon, welche Ruhe und Ausgeglichenheit ihnen das langsame Schreiten gegeben hat. Und das verwundert kaum, denn anders als zu früheren Zeiten haben wir uns heutzutage ja angewöhnt, das Gehen nur noch zur Fortbewegung – und dann meist schnell und zielgerichtet – oder eben zur mehr oder weniger sportlichen Ertüchtigung (Walking) bzw. zum geselligen Zeitvertrieb in der Natur (Spaziergang) zu nutzen. Dass das Gehen, vor allem dann, wenn es schweigend, allein und nicht zielgerichtet eingesetzt wird, dazu verhelfen kann, sich selbst, seinem Leben und auch Gott ein wenig auf die Spur zu kommen, wussten schon früher die Mönche und Pilger. Und so wird der Gang durch das Labyrinth heute für manche ein Pilgerweg im Kleinen. Wer sich dazu entschließt, ihn zu gehen, sollte jedenfalls eines mitbringen – Zeit. Denn der vielfach gewundene Weg erweist sich beim Gehen stets als wesentlich länger als es vom Eingang eines Labyrinths aus betrachtet erscheint.


Literatur zum Thema

Hermann Kern, Labyrinthe. Erscheinungsformen und Deutungen – 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds, Prestel-Verlag München 1982 (der »Klassiker« unter den Labyrinthbüchern)

Gernot Candolini, Das geheimnisvolle Labyrinth. Mythos und Geschichte eines Menschheitssymbols, Pattloch-Verlag Augsburg 1999 (gut verständlicher Überblick über den kultur- und religionsgeschichtlichen Hintergrund)

Gernot Candolini, Labyrinthe, Pattloch-Verlag Augsburg 1999 (ein Praxisbuch mit vielen praktischen Anregungen zum Malen, Bauen, Tanzen und Spielen im Labyrinth)


Anmerkungen:

1 Umberto Eco, Nachschrift zum »Namen der Rose«, München 1986, 64f.

2 Hermann Kern, Labyrinthe. Erscheinungsformen und Deutungen – 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds, München 1982, 49ff.

3 Vgl. Kern, a.a.O., 46.

4 Kern spricht diese Deutungsperspektiven zwar an, landet dann aber doch wieder beim choreografisch inspirierten »Troja-Ritual« (vgl. a.a.O., 87f).

5 Siehe: http://www.labyrinthos.net/luzzanas.html.

6 Siehe: http://www.archart.it/oinochoe-di-tragliatella.html.


 

Über den Autor

Pfarrer PD Dr. theol. habil. Peter Haigis, Jahrgang 1958, Studium der Evang. Theologie, der Philosophie und der Medienwissenschaften in Berlin, Marburg und Tübingen, 1996 Promotion im Fachgebiet Syst. Theologie, 2006 Habilitation, Pfarrer der Evang. Landeskirche Württemberg, seit 2007 Schriftleiter des »Deutschen Pfarrerblatts«, Privatdozent für Syst. Theologie an der Universität Heidelberg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2017

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