John Grisham – ein christlicher Schriftsteller?
»Ich will als ein Christ schreiben, aber ich schreibe keine christliche Literatur.«

Von: Matthias Hilbert
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

John Grisham ist mit seinen oft im juristischen Milieu spielenden Romanen zum Bestsellerautor geworden. Mit verkauft wird dabei in Millionenauflage die klassisch-christliche Botschaft des Evangeliums. Kein Wunder, denn Grishams Biografie weist selbst typische Züge christlich-evangelikaler Sozialisation auf. Matthias Hilbert stellt den Megaseller und sein Werk vor.*


»Nur als Hobby und gewissermaßen zum Spaß«

Die Schriftstellerkarriere des heute erfolgreichsten Romanautors der Welt begann mit einem Flop. John Grisham arbeitete als junger Strafverteidiger in Southaven, einem Vorort von Memphis. Nebenbei saß er als demokratischer Abgeordneter im Repräsentantenhaus des Bundesstaates Mississippi. Doch der Anwaltsjob befriedigt ihn nicht wirklich. Und die Abgeordnetentätigkeit ist für ihn frustrierend, da er merkt, wie wenig er als Abgeordneter tatsächlich bewirken kann. So drängt es den Workaholic auch noch so ganz nebenbei zu schreiben (»Nur als Hobby und gewissermaßen zum Spaß«). Alles begann mit einem Prozess um eine Vergewaltigung an einer Minderjährigen in DeSoto County. Grisham hatte tiefberührt der Zeugenaussage des Vergewaltigungsopfers, einem schwarzen 12jährigen Mädchen, beigewohnt. Was wäre passiert, so fragt sich Grisham, wenn der Vater die weißen Männer, die seine Tochter gepeinigt hatten, umgebracht hätte? Wie würde die Jury richten? Grisham ist entschlossen, aus dem Fall einen fiktiven Roman zu machen.

Doch als das mit »Die Jury« betitelte Werk fertiggestellt ist, winkt ein Verlag nach dem anderen ab. Bis schließlich ein kleiner Verlag sich bereit erklärt, es in einer Auflage von 5000 Exemplaren zu veröffentlichen. Von diesen übernimmt auch noch der Autor 1000 Stück selbst. Trotz des offenkundigen Misserfolgs seines Erstlingswerks arbeitet Grisham bereits an einem zweiten Roman. Er nennt ihn »Die Firma«. In ihm geht es um eine Anwaltskanzlei, die in Geschäften der Mafia verquickt ist. Mit der »Firma« gelingt Grisham ein sensationeller Coup. Noch bevor der Thriller als Buch herausgekommen ist, erwirbt Paramount Pictures für 600.000 US-Dollar die Filmrechte. Kein Wunder, dass jetzt auch große Buchverlage auf den Jungautor aufmerksam werden. Das Rennen für »Die Firma« (und alle zukünftigen Romane) macht schließlich der renommierte Doubleday-Verlag. Der Krimi erweist sich als Megaseller.

Grisham hat es geschafft. Nachdem er bereits im September 1990 aus dem Parlament ausgeschieden war, gibt er bald darauf auch seine ungeliebte Tätigkeit als Anwalt auf. Fortan lebt er als freier Schriftsteller. Seine zahlreichen Bücher sind mittlerweile in rund 40 Sprachen übersetzt. Ihre Gesamtauflage beträgt etwa 300 Millionen. Mehrere seiner Romane sind verfilmt worden. Er selbst wohnt mit seiner Frau Renée, mit der er seit 1981 verheiratet ist und zwei Kinder hat, auf einer knapp 30 Hektar großen Farm außerhalb von Oxford/Mississippi und – für mehrere Monate im Jahr – auf einer Plantage nahe Charlottesville/Virginia.


Ein ganz gewöhnliches Bekehrungserlebnis

Dass er einmal zum Multimillionär aufsteigen würde, hatte sich Grisham, der am 8. Februar 1955 in Jonesboro/Arkansas geboren worden ist, wohl nicht träumen lassen. Er stammt nur aus sehr einfachen Verhältnissen. Grishams Vater war in Arkansas ursprünglich Baumwollfarmer gewesen, bis er seine kleine Farm aufgeben musste. Dann zog er mit seiner Familie nach Mississippi, wo er bei einer Baufirma Arbeit gefunden hatte. Immer wieder versetzte ihn sein Arbeitgeber in eine andere Stadt. In die zog er dann mit seiner Frau und seinen fünf ­Kindern.

»Das erste, was meine Familie nach einem Umzug tat«, so John Grisham, »war, sich einer örtlichen Gemeinde der Südlichen Baptisten anzuschließen. Das zweite war, zur öffentlichen Bibliothek zu gehen und sich Leserausweise zu besorgen.« Letztere Initiative ging auf Grishams Mutter zurück, die vom Fernsehen nichts hielt, umso mehr aber daran interessiert war, dass ihre Kinder viel ­lasen.

Dass sie am kirchlichen Gemeindeleben teilnehmen und die sonntäglichen Gottesdienste besuchen, ist für die Grishams eine Selbstverständlichkeit. Die Baptisten, zu denen sie sich zählen, üben nicht die Säuglingstaufe aus, sondern die sog. Gläubigentaufe per Untertauchen in einem Fluss oder dem kirchlichen Taufbassin. Das heißt, wenn ein Mensch – ob bereits alt oder noch jung – sich dazu bekennt, dass er an Christus glaubt und ihm nachfolgen möchte und er den Wunsch äußert, getauft und in die Gemeinde aufgenommen zu werden, dann wird er getauft. Seine eigene Bekehrung und anschließende Taufe erlebte John Grisham, als er acht Jahre war und die dritte Klasse der Sonntagschule besuchte. In einer dieser Unterrichtsstunden nun scheint sich der Junge besonders angesprochen gefühlt zu haben. »Ich wurde innerlich überzeugt, als ich in der dritten Klasse war. Ich sprach meine Mutter daraufhin an. Ich sagte zu ihr: ›Ich verstehe das Ganze nicht so recht. Ich muss mit dir reden.‹ Wir redeten miteinander und sie führte mich zu Jesus. Am darauffolgenden Sonntag bekannte ich meinen Glauben öffentlich. In gewissem Sinne war das für einen Achtjährigen nichts Besonderes, aber es war das wichtigste Ereignis meines Lebens. Es hat mich nicht sofort verändert, aber es war gleichwohl sehr real.«


Missionarische Einsätze in Brasilien

Nachdem Grisham seine Anwaltstätigkeit an den Nagel gehängt hatte und zum Bestseller-Autor avanciert war, lässt er sich – wie gesagt – mit seiner Frau Renée und den beiden Kindern in Oxford nieder. Vorher hatten er und Renée sich bereits in der Sonntagschularbeit ihrer Gemeinde engagiert. In Oxford beteiligt sich Grisham nun an einen mehrwöchigen missionarischen Arbeitseinsatz in Südamerika. Über sein Engagement meinte er 1994 in einem Interview: »Ich wollte immer an einer missionarischen Arbeit teilnehmen. Und im letzten Jahr war ich endlich in der Lage, mit ungefähr vierzig anderen Leuten aus unserem Ort nach Brasilien zu gehen. Wir gingen in einen entlegenen Teil des Landes und bauten eine Kirche in vier Tagen auf. Wir nahmen zwei Ärzte, einen Zahnarzt und einige Krankenschwestern mit und bildeten zwei oder drei medizinische Teams.« Es blieb nicht bei dem einen Auslandseinsatz. Weitere Einsätze dieser Art in Brasilien schlossen sich im Laufe der Zeit an.

Sich engagieren – das ist überhaupt ein typischer Wesenszug Grishams. So unterstützt er Organisationen, die sich darum bemühen, zu Unrecht verurteilte Häftlinge (und hierbei besonders solche, die zum Tode verurteilt sind) aus den Gefängnissen zu holen. Auch ist er Mitglied einer Organisation, die sich für Landschaftsschutz in Virginia einsetzt. In den Präsidentschaftsvorwahlen 2008 war er Teil einer Unterstützungskampagne für Hillary Clinton.

Engagiert ist Grisham aber auch als Autor selbst. Sicher, er will in erster Linie den Leser mit seinen Werken gut unterhalten und ihn durch eine spannend aufgebaute Handlung von der ersten bis zur letzten Seite an das Buch fesseln. Dabei ist seine Sprache einfach und prägnant. Der Handlungsablauf ist auf Tempo getrimmt. Und die Charaktere der Protagonisten sind in Schwarz-Weiß-Manier in Gut und Böse voneinander geschieden. Alles das gehört zum Handwerk eines guten Krimiautors. Und doch will Grisham gleichzeitig mit seinen Büchern etwas bewirken. Man kann sie zum Teil durchaus als sozial- und gesellschaftskritisch bezeichnen. Häufig werden die Auswüchse eines Rechtssystems angeklagt, das nach Grishams Ansicht, die Schwarzen benachteiligt und bei dem »skrupellose aalglatte Juristen mit immer neuen Eingaben, Widersprüchen, Prozessen und Verfügungen das Recht aushöhlen« (»Der SPIEGEL«).


Starke moralische Prinzipien

Aber auch Korruption und Verbrechen an der Umwelt (etwa in »Die Berufung« oder »Die Akte«), die Todesstrafe (etwa in »Die Kammer« oder »Das Geständnis«) oder die Probleme sozial Benachteiligter (etwa in »Der Verrat« oder »Der Regenmacher«) werden von Grisham thematisiert. Da ist es dann schon seine Absicht, »dass der Leser mal innehält, sich Gedanken macht. Er lässt sich in eine spannende Geschichte hineinziehen und stellt dann fest: Da gibt es ein ernsthaftes Problem. Vielleicht denkt er dann zum ersten Mal über die Todesstrafe, über Obdachlose, falsche Urteile und korrupte Wahlen nach.«

Dennoch bestreitet Grisham, dass es in seinen Romanen stets um eine übergeordnete Moral gehe. So dürfe der Romanheld durchaus ein »fehlerhafter, beschädigter, verwundeter Charakter sein«. Dennoch lege er Wert darauf, dass er »starke moralische Prinzipien« besitze. Seine Frau dürfe er nur betrügen, »wenn er teuer dafür bezahlt, wenn er leidet«. Und obgleich Grisham alles andere als prüde schreibt, so kommen doch ausgesprochene Sexszenen in seinen Büchern so gut wie nicht vor. Er gesteht, dass ihm sein christlicher Glaube in Bezug auf Sex und Gewalt Grenzen setzt.

Grisham bekennt sich dazu, »ein überzeugter Gläubiger« zu sein. Auf die Frage: »Was heißt es für Sie, Baptist zu sein?«, erwiderte er: »Es bedeutet, dass ich ein Leben führe, dass auf moralischen Werten und Glauben basiert. Ich glaube an Jesus Christus. Ich glaube an Mitgefühl und Vergebung. Familie und Ehe sind sehr wichtig für mich.« Manchen evangelikalen Christen ist Grisham jedoch zu tolerant und liberal. Er wiederum stört sich daran, dass bei nicht wenigen Evangelikalen gerade in den Südstaaten der USA, dem sog. »Bibelgürtel«, der christliche Glaube verbunden ist mit einer per se konservativen politischen Haltung, die manche mit der Tea-Party-Bewegung paktieren lässt. Grishams Oxforder Baptistengemeinde selbst gehört der Southern Baptist Convention an, die zu den eher konservativen Baptistenbünden der USA zählt. Aus ihr ist Grisham inzwischen ausgetreten und jetzt Mitglied einer »kleineren und liberaleren Kirche«.


Glaubenswelten in karikierender Perspektive

Starke biographische Züge seiner Kindheit enthält Grishams Roman »Die Farm« (2001). Auch wenn der Ort und die Handlung erfunden sind und manches biographisch verfremdet ist: Das eigene Kindheitsmilieu ist doch unverkennbar. Schauplatz des Romans ist die Landgemeinde Black Oak und die in ihrem Bezirk liegende kleine, wenig rentable Baumwollfarm der Chandlers. Black Oak liegt im amerikanischen Süden: in Kansas, wo ja auch Grisham selbst herkommt. Hauptperson ist der siebenjährige Luke, der unfreiwilliger Zeuge einer Mordtat wird.

Der ganze Roman ist gewissermaßen aus der Perspektive eines Kindes dargestellt und beschreibt, was es vom Alltag seiner Eltern und Großeltern (und den mexikanischen Saisonarbeitern) mitbekommt und wie es sich aus allem seinen Reim macht. Und so erlebt Luke auch ganz selbstverständlich den Glaubensalltag seiner Eltern und die Bedeutung, die ihre Baptistengemeinde für sie hat, mit: »Abgesehen von der Familie und der Farm war uns nichts so wichtig wie die Baptistenkirche in Black Oak. Ich kannte jeden Einzelnen in unserer Kirchengemeinde, und sie kannten natürlich mich. Wir waren eine große Familie, in Freud und Leid. Wir liebten einander oder behaupteten es zumindest, und wenn einer von uns auch nur ein bisschen krank war, dann beteten wir für ihn und er wurde christlicher Fürsorge teilhaftig. (…) Mindestens einmal im Monat veranstalteten wir (…) ein Picknick unter den Bäumen hinter der Kirche, zu dem alle etwas beisteuerten, (…) Hochzeiten waren wichtig, besonders für die Frauen, aber sie boten nicht das große Drama der Beerdigungen.« Und es gibt klare Regeln: »Als Baptisten wussten wir, dass jede Art von Tanz nicht nur Teufelswerk war, sondern auch eine regelrechte Sünde. Tanzen stand zusammen mit Trinken und Fluchen ganz oben auf der Liste schwerwiegender Vergehen.« Der Pastor der Baptisten, der alte Bruder Akers, ist ein Hardliner und feuriger Bußprediger.

Grisham schildert diese Glaubenswelt, der er ja selbst entstammt, gelegentlich leicht karikierend, aber nie ohne Sympathie oder gar lieblos, sondern eher mit einem gewissen Augenzwinkern und einem gutmütig-humorigen Unterton. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Geschichte in den 50er Jahren spielt. Und damit spiegelt sie zwangsläufig nicht nur jenen gewissen »Charme« dieser Epoche wider, sondern auch einen gewissen »Mief«, der ihr eigen war. Und sie zeigt auf, dass auch die Frommen nicht fehlerlos, dass auch sie Kinder ihrer Zeit sind und dass es auch bei ihnen und in ihren Kirchengemeinden »menschelt(e)«.


Seelenbalsam statt Lendenstimulanz

Zwei Jahre vor Erscheinen der »Farm« war mit »Das Testament« ein Roman erschienen, in dem deutlich Erfahrungen verarbeitet sind, die Grisham bei seinen diversen Brasilien-Aufenthalten gemacht hat. Die Handlung spielt sich in wesentlichen Teilen im Pantanal ab, einer in den brasilianischen Staaten Mato Grosso und Mato Grosso do Sul gelegenen Schwemmlandschaft von faszinierender Schönheit. Hier sucht der Rechtsanwalt Nate O’Riley nach der Missionarin Rachel Lane, die unter einem vom Aussterben bedrohten Indianerstamm arbeitet. Denn diese Frau, eine uneheliche Tochter des exzentrischen und gewissenlosen Milliardärs Troy Phelan, ist von diesem zur Alleinerbin seines Vermögens eingesetzt worden, kurz bevor er sich aus dem elften Stock seiner Geschäftszentrale in den Tod stürzte.

Nate O’Riley ist ein kaputter, desillusionierter Typ. Gezeichnet von einem ausschweifenden Lebenswandel und zerstörten Beziehungen. Ein Alkoholabhängiger, der bereits mehrere Entwöhnungskuren hinter sich hat – und wohl auch zwei Selbstmordversuche. Dass er es nicht mehr lange machen wird, ist absehbar. Und dieser O’Riley trifft nun nach einer langen und gefahrenreichen Odyssee durch das Pantanal auf die immer noch gut aussehende Missionarin Rachel Lane und lernt in Gesprächen mit ihr sie und ihren Glauben kennen. »Der triebgesteuerte Nate«, so Markus Spieker in einem Beitrag zu dem Buch, »hätte statt eines theologischen Disputs freilich lieber Sex mit der schönen Rachel. Die Solidarität der säkularen Leser ist ihm dabei sicher. Aber bei Grisham bekommen Protagonist und Publikum nicht, was sie wollen, sondern was sie brauchen. Seelenbalsam statt Lendenstimulanz, ein krasser Verstoß gegen die eisernen Regeln des Genres. Dort dürfen (Anti-)Helden so ziemlich alles – saufen, huren, töten; nur eins nicht: sich bessern, schon gar nicht: sich bekehren. (…) Aber Grisham ist kein ­Nihilist, sondern Moralist und Evangelist.«

Mit dem Buch wollte Grisham testen, ob es ihm gelingt, »eine spirituelle Reise in einer populären Erzählung zu verarbeiten. (…) Und genau so einen Typ (gemeint ist Nate O’Riley – M.H.) schicke ich auf die Suche nach geistiger Heilung.« Das Experiment ist Grisham durchaus geglückt. Die Zeitung »USA-Today« schrieb schon bald nach der Veröffentlichung des Buches, dass es der bisher beste Grisham-Roman sei. Er bringe ein »neues Element« ein, nämlich Gott, und sei »ungeniert geistlich, ohne doktrinär zu sein«.

Schon bei der ersten Begegnung mit der authentisch ihren Glauben lebenden Missionarin spürt O’Riley, dass diese Frau etwas besitzt, was ihm fehlt, was seinem eigenen Leben abgeht: Frieden und innerer Halt. Sie, die als Missionarin und Ärztin unter einfachsten, »primitiven« Verhältnissen und Menschen lebt, lebt auf fast schon paradoxe Weise ganz offensichtlich ein zutiefst erfülltes Leben.


»Eine traurige Kultur«

In der Begegnung mit dieser schlichten und doch so beeindruckenden Frau, in ihren immer offener werdenden gemeinsamen Gesprächen, ergibt es sich fast von selbst, dass O’Riley auch auf seine persönliche Lebenstragik angesprochen wird. Nachdem er seiner Fassungslosigkeit Ausdruck verliehen hat, dass ihr das Milliardenerbe nichts bedeutet, kommt es zwischen Rachel und ihm zu folgendem bemerkenswerten Dialog: »›Sie verehren das Geld. Sie gehören einer Kultur an, in der Geld der Maßstab für alles ist. Es ist eine Religion.‹ ›Stimmt. Aber auch Sex ist ziemlich wichtig.‹ ›Von mir aus. Geld und Sex. Was noch?‹ ›Ruhm. Jeder möchte berühmt sein.‹ ›Eine traurige Kultur. Die Menschen machen sich verrückt. Sie arbeiten ununterbrochen, um Geld zu verdienen, damit sie sich Dinge kaufen können, mit denen sie andere Menschen beeindrucken wollen. Man schätzt jeden nach dem ein, was er besitzt.‹ ›Zählen Sie mich unter diese Menschen?‹ ›Und Sie selbst?‹ ›Ich denke schon.‹ ›Dann führen Sie ein Leben ohne Gott. Sie müssen ein sehr armer Mensch sein, Nate, das kann ich spüren. Sie kennen Gott nicht.‹ Er zuckte zusammen und überlegte, was er zu seiner Verteidigung sagen könnte, aber die Wahrheit entwaffnete ihn.«

Es sind ergreifende, berührende Gespräche und Szenen, in denen sich sukzessive der Einstellungs- und Sinneswandel O’Riley’s abspielt. Als er bei einer Gelegenheit der Missionarin von seinem verkorksten Leben berichtet, fragt sie ihn in ihrer unaufdringlichen, natürlichen Art: »Haben Sie es je Gott gebeichtet?« »Ich bin sicher, dass Er das weiß.« »Natürlich weiß Er es. Aber Er hilft Ihnen erst, wenn Sie ihn darum bitten. Er ist allmächtig, aber Sie müssen sich Ihm bußfertig im Gebet nähern.«

Nachdem O’Riley die Missionarin verlassen und in einem Krankenhaus von Corumbá lebensbedrohliche Dengue-Fieberanfälle durchmachen musste, folgt er schließlich in einer kleinen brasilianischen Kirche dem Rat, den ihm die Missionarin gegeben hatte: »Nate schloss die Augen und sagte den Namen Gottes. Gott wartete auf ihn. Murmelnd wiederholte er die Liste, sagte leise jede Schwäche, jede Sünde, jede Qual und jedes Übel vor sich hin, die ihn heimsuchten. Er beichtete alles. In einem einzigen langen Bekenntnis seines Versagens stellte er sich nackt und bloß vor Gott hin. Er verschwieg nichts. (…) ›Es tut mir leid‹, flüsterte er Gott zu. ›Bitte hilf mir.‹ Ebenso rasch, wie das Fieber seinen Körper verlassen hatte, fühlte er seine Seele von ihrer Last befreit. (…) Wieder hörte er die Gitarre. Er öffnete die Augen und wischte sich die Wangen. Jetzt sah er nicht den jungen Mann auf der Kanzel, sondern das von Leid und Schmerz verzerrte Gesicht Christi, der am Kreuz starb. Für ihn. (…) Es war schön und gut, dass Gott ihm seine verblüffende Zahl von Missetaten vergab, und es kam Nate tatsächlich so vor, als wäre seine Last leichter geworden – aber dass von ihm erwartet wurde, die Nachfolge Christi einzutreten, dieser Schritt war sehr viel schwerer zu vollziehen.«

Die Realisierung seines vor ihm liegenden Weges als bewusster Christ beschreibt Grisham glaubwürdig. Bereits auf seinem Rückflug in die USA war O’Riley klargeworden, dass nunmehr Neuland und eine hoffnungsvolle Perspektive vor ihm liegt: »Er war achtundvierzig Jahre alt, würde in dreizehn Monaten fünfzig werden und war zu einem anderen Leben bereit. Gott hatte ihm Kraft gegeben und ihn in seiner Entschlossenheit bestärkt. Dreißig weitere Jahre lagen vor ihm. Er würde sie weder mit leeren Flaschen in den Händen noch auf der Flucht verbringen.«


Eine moderne Version der Schächer-am-Kreuz-Erfahrung

Seinen »religiösen Offenbarungseid« (Markus Spieker) hatte Grisham als Schriftsteller wohl spätestens mit dem 1994 erschienenen Roman »Die Kammer« abgelegt. In ihm versucht der junge Anwalt Adam Hall, seinen Großvater, den in die Jahre gekommenen Rassisten und Ku-Klux-Klan-Mitglied Sam Cayhall, quasi in letzter Minute mit allen noch zur Verfügung stehenden juristischen Möglichkeiten vor dem bereits fest terminierten Vollzug der Todesstrafe zu retten. Der alte Cayhall war einst nicht nur an grässlichen Lynchmorden, sondern auch an Bombenanschlägen auf jüdische Mitbürger beteiligt gewesen. Der letzte Anschlag hatte dabei zwei kleine Kinder das Leben gekostet. Dass die Taten des in seinen rassistischen Vorurteilen und Hassgefühlen gefangenen Sam Cayhall verabscheuungswürdig sind und über andere Menschen unvorstellbares, nicht gutzumachendes Leid hervorgerufen haben, dessen ist sich der Enkel des in der Todeszelle sitzenden Mörders nur zu sehr bewusst. Doch die Todesstrafe ist für ihn keine Lösung des Problems. Ihre Sinnhaftigkeit leuchtet ihm nicht ein. Darum kämpft er um das Leben seines Großvaters, obwohl er nur tiefste Verachtung für ihn empfinden kann.

Doch im Verlauf der intensiven Begegnungen mit dem Todeskandidaten kommt Hall seinem Großvater menschlich immer näher. Und er erkennt, wie der scheinbar so hartgesottene, skrupellose Mann unter seiner Schuld leidet. Sein Gewissen und die Reuegefühle, die er über all die vielen Jahre bemüht war zu verdrängen, werden nun in ihm bei den intimen Gesprächen mit dem Enkel und dem Gefängnisseelsorger freigelegt. Gott und Gebet, Schuld, Sündenbekenntnis und Vergebung, Himmel und Hölle – allesamt Tabubegriffe der modernen Säkularliteratur – kommen dabei ins Spiel. Schließlich kommt es noch vor der Hinrichtung zur Umkehr des Mörders, zu seiner Bekehrung. Eine moderne Version der Schächer-am-Kreuz-Erfahrung sozusagen. Vom Autor bemerkenswert gut umgesetzt.

Doch einen Bekehrungsautomatismus gibt es bei Grisham nicht, wie der Roman »Das Geständnis« zeigt. In ihm wird der lutherische Reverend Keith Schroeder von dem an einem Tumor erkrankten Sexualstraftäter Travis Boyette aufgesucht: »Das Thema seiner Predigt am Vortag war Vergebung gewesen – Gottes grenzenlose und alles überstrahlende Macht, Sünden zu vergeben, ganz gleich wie abscheulich sie waren. Travis Boyettes Sünden waren entsetzlich, unfassbar und grausam. Sein menschliches Verbrechen würde ihn mit Gewissheit in die ewige Verdammnis führen. An diesem Punkt in seinem erbärmlichen Leben war Travis überzeugt, dass es für ihn keine Vergebung gab. Und doch wollte er es genauer wissen.«

Und so gesteht Boyette dem entsetzten Geistlichen, dass er vor Jahren die siebzehnjährige Nicole Yarber vergewaltigt und anschließend ermordet habe. Für diese Tat war seinerzeit Donté Drumm, ein schwarzer Jugendlicher, aufgrund falscher Zeugenaussagen und fehlerhafter Ermittlungen zum Tode verurteilt worden. In vier Tagen steht seine Hinrichtung an. Im Wissen um den wahren Mörder bemüht sich Schroeder nun verzweifelt – und am Ende erfolglos – um einen Aufschub des Strafvollzugs.

Mehrmals hat der Pfarrer Kontakt mit Boyette. Doch bei dessen Bekenntnissen spielen eher sentimentale Anwandlungen mit als wirkliches Schuldempfinden. Es wird bei ihm nicht recht klar, was ernst gemeint und was nur Schau und Spiel ist, was auf Wahrheit beruht oder nur Lüge ist. Seine Reuebekundungen fallen eher oberflächlich aus. Er ist um weinerliche Selbstrechtfertigungen bemüht. Selbstmitleid, nicht Fremdmitleid erfüllen ihn. Auch fehlt ihm ein ernst zu nehmendes Verlangen nach tatsächlicher Veränderung. An Gott zeigt er im Grunde kein Interesse. Zu einer Bekehrung kommt es daher bei ihm nicht. Zwar hatte er, um vielleicht doch noch Drumm vor der Hinrichtung zu retten, am Ende öffentlich bekannt, der Mörder von Nicole Yarber gewesen zu sein. Aber es war zu spät.


»Vergnügen, Egoismus, Stolz«

Auch Grishams Roman »Der Anwalt« weist deutlich christliche Bezüge auf. Der Protagonist Kyle McAvoy hat nach Abschluss seines Jurastudiums infolge seiner bemerkenswerten Leistungen eine glänzende Anwaltskarriere vor sich. Doch er möchte zunächst als einfacher Rechtshilfeberater arbeiten. Da wird er mit einem ihn belastenden Video erpresst und gezwungen, bei der mächtigen Anwaltskanzlei Scully & Pershing, die auf den verheißungsvollen Jurastudenten aufmerksam geworden war, einzutreten. Sein Auftrag: Er soll bestimmte geheime Dokumente der Kanzlei seinem erpresserischen Auftraggeber zuspielen.

Die Kyle McAvoy belastenden Aufnahmen waren heimlich während seiner Collegezeit entstanden. Sie zeigen ihn mit drei weiteren Studienkameraden – alle sturzbesoffen – und einer jungen weiblichen Person, der Studentin Elaine Keenan, in höchst verfänglichen Szenen. Sie legen eine Vergewaltigung durch mindestens zwei Cliquenmitglieder nahe. Wenngleich nicht ersichtlich ist, ob auch Kyle sich an dem (ebenfalls alkoholisierten) Mädchen vergangen hat, so ist er doch durch das Video erheblich kompromittiert.

Einer der drei früheren Freunde Kyles war Baxter Tate. Er hat als Alkoholiker bereits diverse Entziehungskuren hinter sich. Da er seinen letzten Klinikaufenthalt vorzeitig abgebrochen hat, muss er sich vor seiner »Wiedereingliederung ins richtige Leben« noch vorübergehend in einem Übergangshaus in Reno aufhalten. »Hope Village« liegt in kirchlicher Hand und unterhält eine Suppenküche und ein Obdachlosenheim und kümmert sich um Alkohol- und Drogensüchtige. Gründer und Leiter von »Hope Village« ist Bruder Manny, ein Latino und ehemaliger Alkohol- und Drogenabhängiger, Dealer und Mitglied einer Gang. Jetzt Priester und Therapeut für Suchtkranke.

Auch wenn der biographische Hintergrund von Bruder Manny ein völlig anderer ist als der des aus einer sehr wohlhabenden, angesehenen Familie stammenden Baxter Tate, so sind sich beide doch darin einig, dass für sie »nur das, was schlecht war«, zählte und ihr Leben ausmachte: »Vergnügen, Egoismus, Stolz.« Doch »das ist«, so die Erkenntnis des Priesters, »alles Sünde, Schmerz, Zerstörung, Verderben, dann Tod.« Und ungeschminkt lässt er Baxter wissen: »In diese Richtung sind Sie gerade unterwegs, und Sie haben es ganz schön eilig dabei.«

Angesprochen darauf, wie es bei ihm zur Veränderung und Neuausrichtung seines Lebens gekommen sei, nachdem er wieder einmal im Gefängnis gelandet war und sich in einer Verfassung befand, in der er »sein Leben satt«, ja »sich selbst satt« hatte, erzählt Bruder Manny dem verblüfften Baxter von der Bekanntschaft mit einem Mithäftling. Obwohl der als Berufsverbrecher fünfzehn Jahre im Hochsicherheitstrakt verbracht und keine Chance hatte, auf Bewährung freizukommen, habe er erstaunlich glücklich und zufrieden gewirkt. »Ein Gefängnispriester hatte ihm das Evangelium verkündet, und so hatte er zu Gott gefunden. Er sagte, er würde für mich beten, (…) Eines Abends lud er mich zum Bibelstudium ein, und ich hörte zu, wie andere Gefangene ihre Lebensgeschichten erzählten und Gott für seine Gnade, seine Liebe, seine Stärke und das Geschenk der ewigen Erlösung dankten. Stellen Sie sich das mal vor: Ein Haufen hartgesottener Krimineller, die in einem morschen Gefängnis weggesperrt sind, singen Loblieder auf den Herrn. Ziemlich starker Tobak, aber genau das habe ich gebraucht. Ich brauchte Vergebung, denn in meiner Vergangenheit gab es eine Menge Sünden. Ich brauchte Frieden, denn mein ganzes Leben lang hatte ich Krieg gegen mich selbst geführt. Ich brauchte Liebe, denn ich hasste jeden. Ich brauchte Stärke, denn tief in meinem Innern wusste ich, wie schwach ich war. Ich brauchte Glück, denn ich war so lange unglücklich gewesen. Und so beteten wir zusammen (…), und ich bekannte vor Gott, dass ich ein Sünder war und dass ich durch Jesus Christus erlöst werden wollte.« Manny Lucera fühlte sich daraufhin wie neu geboren. Er erlebte an und in sich eine spürbare Veränderung. Zurück führt er das auf »die Kraft des Heiligen Geistes«.


Mehr als simple Bekehrungsgeschichten

Auch Baxter Tate wendet sich Gott zu. Er hält sich viel länger als geplant in »Hope Village« auf und hilft mit als ehrenamtlicher Helfer. Dreimal in der Woche trifft er sich mit einer Gruppe Anonymer Alkoholiker. »Entsprechend der zwölf Schritte zur Gesundung verfasste er eine Liste mit den Namen der Leute, denen er wehgetan hatte, und machte Pläne, um Wiedergutmachung zu leisten.« Bei seinem »Bestreben, mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen«, drängt es ihn auch, jene Elaine Keenan aufzusuchen, die er einst im Suff missbraucht hatte, und sie um Verzeihung zu bitten. Doch mit seinem Vorhaben löst Baxter bei seinen verständnislosen ehemaligen Freunden Panik aus …

Grisham selbst hat einmal geäußert: »Ich will als ein Christ schreiben, aber ich schreibe keine christliche Literatur.« Dennoch kann man ihn, wenn auch mit Einschränkung, als einen modernen christlichen Schriftsteller bezeichnen. Denn Grisham schreibt nicht nur »als Christ«, in einigen seiner Werke sind auch ganz unverhohlen christliche Elemente und Bezüge eingebaut. Und das richtig gut.

Richtig gut? Oder ist Grishams christliche »Message« in ihrem theologischen Gehalt nicht doch allzu anspruchslos? Sind seine »Bekehrungsgeschichten« nicht gar zu simpel? Wer so urteilt, übersieht, dass Grisham eigentlich nur die Kernbotschaft, ja die »Frohbotschaft« (= Evangelium!) des christlichen Glaubens und der frühen Christenheit ausdrückt: Wie schuldbeladen und verpfuscht das Leben eines Menschen auch sein, wie halt- und sinnlos es ihm auch erscheinen mag, durch Jesus Christus gibt es für jeden Menschen die Möglichkeit der Vergebung und die Chance eines Neuanfangs. Im Glauben und in der Bindung an Christus ist ihm Sinn- und Lebenserfüllung verheißen. Mit einer Perspektive, die über den Tod hinausreicht. Oder – um noch einmal Markus Spieker zu zitieren –: »Grisham formuliert keine geschraubte Metaphysik, sondern sagt das christliche Einmaleins auf, locker und unverkrampft.«


Anmerkung:

* Der Aufsatz ist eine gekürzte Version des Grisham-Porträts in Matthias Hilberts Buch »Fromme Eltern – unfromme Kinder? Lebensgeschichten großer Zweifler«, das Anfang April bei »edition chrismon« erscheint.

 

Über den Autor

Matthias Hilbert, Lehrer i.R., Veröffentlichungen zum Thema Glaube und Literatur, zuletzt: »Fromme Eltern – unfromme Kinder? Lebensgeschichten großer Zweifler«, »edition chrismon« (erscheint Anfang April).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2017

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Trinitatis
11. Juni 2017, Jesaja 6,1-13
Artikel lesen
Der Mann, der 1983 die Welt rettete
Von einem, der den Atomkrieg nur knapp verhinderte, und von der Wahrscheinlichkeit, dass die Raketen das nächste Mal treffen
Artikel lesen
Kann man für die Sünden der Vorfahren die Vergebung der Sünden erlangen? Oder: Wenn zwei gemeinsam das gleiche sagen, aber dabei nicht dasselbe meinen und tun
Eine Fragestellung zu den ökumenischen Gottesdiensten zum Reformationsgedenken
Artikel lesen
Vertrauensbildung und Beheimatung
Flüchtlingshilfe als Chance für Kichengemeinden
Artikel lesen
»Küche der Meinungen«
Die Toleranzfrage im Jahrhundert der Reformation
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
Neues vom Krümelmonster

Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!