Ein Plädoyer für mehr Selbstkritik
500 Jahre Reformation – und nur Jubel?

Von: Peter Bingel
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Schon der Vorblick auf das Jahr 2017 hat uns einige Reformationsfeiern gebracht. Es ist das Normale, dass man bei einer solchen Gelegenheit das Positive dieser einstigen religiösen Revolution und Erneuerung hervorhebt. Dabei ist in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entschieden worden, nun nicht die klassischen Hauptdaten der Reformation in den Mittelpunkt zu stellen, nicht die Rechtfertigungslehre und nicht das »sola fide – allein durch den Glauben« und nicht das »sola gratia – allein durch Gnade«, wohl aber das »solus Christus – allein Christus«. So ist es möglich geworden, das 500jährige Reformationsjubiläum auch ökumenisch zu feiern, indem es auf den Christusglauben konzentriert wird, und zwar gemeinsam mit anderen Konfessionen. Nicht dass man sich von dem »allein aus Glauben« und dem »allein aus Gnade« grundsätzlich verabschieden müsste oder wollte, aber in einer ganz anderen geschichtlichen Situation und angesichts ganz anderer Fragen der Menschen ist es nicht dran, diese reformatorischen Formulierungen so spitz und einseitig vorzutragen, wie das vor 500 Jahren richtig war. Vielmehr müssen alle Glaubensantworten so einbalanciert werden, dass sie verstanden und mit Leben erfüllt werden können.

Es fehlt aber etwas: Es fehlt in der evangelischen Kirche eine kritische Betrachtung des Weges und der Entwicklung des Protestantismus. Die evangelische Kirche ist in keiner guten Verfassung, und zwar seit dem 19. Jh., in dem sie sich allzu sehr mit dem Nationalen und dem Patriotismus verbündet hatte. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind übermäßig viele Menschen aus ihr ausgetreten, und die äußere Armut, eine allerdings sehr relative Armut im Vergleich zu anderen Kirchen in der weiten Welt, ist auch Ausdruck ihrer inneren Armut. Es fehlen in der Breite ein lebendiges geistliches Leben und ein starker, im Spirituellen begründeter Zusammenhalt. Die evangelische Kirche erreicht zu wenige Menschen, um ihnen geistliche Orientierung und die nötige und mögliche Kraft und Lebendigkeit zu geben. Dies hat Gründe, und auch sie hängen mit der Reformation zusammen.


Notwendige Einseitigkeit

Die Reformation konnte nicht anders als einseitig sein, denn sie reagierte ihrerseits auf eine ganz einseitige, tief fehlerhafte Situation in der Kirche des Spätmittelalters. Durch diese Einseitigkeiten ist etwas verloren gegangen, was heute bitter nötig ist. Vor allem muss man feststellen, dass die Reformation am Anfang eines Zeitalters des Individualismus steht, das sie selbst mit geprägt hat. Dem liegt ein Verständnis des Menschen zugrunde, als könne der Mensch in jeder Hinsicht autonom sein, als brauche er nicht substantiell die Gemeinsamkeit mit anderen, auch nicht in der Prägung seines Gewissens. In Bezug auf den Glauben steht dahinter die Meinung, der evangelische Christ brauche letztlich nicht die Kirche. Mit der Bibel in der Hand und im Kopf stehe er immer allein vor Gott – und das scheint zu genügen.

In Wirklichkeit genügt das aber eben nicht. Zum Wesen des Christusglaubens gehört die konkrete Zugehörigkeit der Glaubenden zur Kirche im weitesten Sinne, also in verschiedenen möglichen Formen der Verwirklichung. Die Frage ist aber nun: Was ist das, »Kirche«, bei genauem Hinsehen? Ist das eine Landeskirche, eine Ortsgemeinde, vertreten durch Pfarrer oder Pfarrerin?

Es ist ein Faktum, dass den Evangelischen ein tieferer Begriff von der Ekklesia, wie sie im NT heißt, verloren gegangen ist bzw. nie geschenkt wurde. In der wichtigsten Bekenntnisschrift der lutherischen Reformation, dem Augsburger Bekenntnis vom Jahr 1530, wird die Frage nach der Kirche Jesu Christi so beantwortet: Die Kirche ist die Versammlung aller Gläubigen, in der das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente recht »verwaltet«, das heißt gefeiert werden. M.a.W.: Wahre Kirche ist, wo die Pfarrer evangeliumsgemäß ihres Amtes walten. Diese Sicht war logisch und sicher unvermeidlich aus der zeitbedingten Situation heraus. Es ging der Reformation gezielt um die Verkündigung des wahren Evangeliums, bereichert um formal und inhaltlich rechte Abendmahls- und Tauffeiern. Der Reformation fehlte ein Bewusstsein davon, dass zur Kirche im Sinne des NT gemeindliche Gemeinsamkeit gehört. Dadurch bildete sich dieses protestantische Verständnis von Christsein aus, dass Glaube durchaus ohne die Zusammengehörigkeit der Christen und ohne eine Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft der Christen lebendig sein und bleiben kann. Dies ist einer der Gründe für die tiefreichende Kraftlosigkeit und Verarmung der evangelischen Kirche.


Kommunitäre christliche Existenz

Ein anderer Grund steht unmittelbar damit im Zusammenhang: Christsein kann ohne konkret gestaltete geistliche – und damit auch einfach menschliche – Gemeinsamkeit nicht lebendig sein. Ohne hilfreiche und auch verpflichtende geistliche Gemeinsamkeit, also im reinen christlich-protestantischen Individualismus, sterben die Glaubensklarheit und die Glaubenskraft ab. Geistliches Leben und geistliche und auch kirchliche Gemeinschaft bedingen sich gegenseitig. Dass dieses beides zu sehr fehlt, bestimmt die gegenwärtige Situation der evangelischen Kirche.

Was wahre Kirche, die Ekklesia des NT, konkret ist, lässt sich beispielsweise in Röm. 12 und 1. Kor. 12 ablesen. In ntl. Zeit war das Christwerden ein Sich-Einfügen in eine eng zusammen lebende Gemeinschaft der Glaubenden, eine Gemeinschaft des Gebets, der Verkündigung und des sozialen Engagements mit zweifellos engen Kontakten untereinander im täglichen Leben. Diese Gemeinschaft nennt Paulus »Leib Christi«, und Dietrich Bonhoeffer wagt es zu formulieren, dass Jesus Christus in die Gemeinde der Glaubenden hinein auferstanden ist. Dort ist – unter anderem – seine Gegenwart bzw. die besondere Verheißung des Heiligen Geistes. Die frühe Kirche hatte etwas von der Gestalt von Kommunitäten. Gewiss konnte diese Ekklesia auf lange Sicht nicht in dieser Intensivgestalt erhalten bleiben, nämlich bei einer Ausweitung und Ausbreitung der Gemeinden und damit der Kirche Jesu Christi. Aber spätestens mit der Anerkennung der Kirche als Staatskirche im Römischen Reich (konstantinische Struktur) kam es mit der Staatsabhängigkeit und den Versuchungen der Kirche durch ihre Machtposition zu Überfremdungen, die, wenn auch in stark veränderter Weise, heute noch im volkskirchlichen Grundcharakter der evangelischen Kirche in Deutschland bestehen.

Entsprechend fehlt der evangelischen Kirche unserer Tage vor allem ein Bewusstsein vom grundlegenden Charakter der Kirche Jesu Christi, der »una, sancta, catholica«, der einen, heiligen und weltweiten Kirche, die nach dem apostolischen Glaubensbekenntnis ein zentraler Gegenstand des Glaubens ist. Es mangelt an der konkreten, christus- und kirchebezogenen Gemeinsamkeit auf dem Boden praktizierten geistlichen Lebens. Diese »Kirche« hat sehr viele Dimensionen, von der Gemeinschaft der Zwei oder Drei bis hin zur großen Ökumene. Was die Wiedergewinnung von geistlicher Gemeinsamkeit unter Christen betrifft, so hat der Pietismus in seiner Weise bereits seine konkreten Lebensformen geschaffen. Die Diakonissenmutterhäuser des 19. Jh. waren eine wichtige Erneuerungsform kommunitärer christlicher Existenz innerhalb des Protestantismus.

Im 20. Jh. stellen die relativ vielen neu entstandenen evangelischen Kommunitäten ein Element der Erneuerung dar, das der evangelischen Kirche so dringend fehlt: Sie sind Beispiele für die verbindliche Lebensnähe von Christen zueinander in Verbindung mit immer neu geformtem gemeinsamem geistlichem Leben. Diese Kommunitäten verwirklichen eine eigene Berufung, nämlich beizutragen zu einer Erneuerung der evangelischen Kirche in einer Richtung, die die mit der Reformation bzw. ihrer Wirkungsgeschichte verbundenen Defizite korrigiert. Die Kommunitäten geben Beispiele. Sie sind substantiell Kirche und dienen der Kirche, der Ekklesia, im Sinne des NT.

Der Jubiläumsjubel um 500 Jahre Reformation sollte begleitet sein von einer kritischen Sicht auf die Fehlentwicklungen in der evangelischen Kirche und darauf hinweisen, in welcher Richtung eine Erneuerung nötig ist.


Peter Bingel

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2017

2 Kommentare zu diesem Artikel

Ein Kommentar von Ernst F. Jochum / 01.04.2017
Die fehlende Kirchen-Gemeinschaft ist sicher ein großes Manquo in der evangelischen Kirche. Das röm.-kath. Gotteslob hat u.a. deshalb Lieder von Paul Gerhard nicht aufgenommen, weil ihnen der Gemeinschafts-, Kirchenaspekt fehlt und es weitgehend Ich-Lieder sind. Die evangelische Kirche hätte nach dem WK II eine andere Richtung einschlagen können, wenn sie die Barmer Theologische Erklärung und darin besonders Barmen III beherzigt hätte. Aber wahrscheinlich war das zu reformiert. So wurde die Evangelische Kirche nach dem WK II organisatorisch vorwiegend von Lutheranern mit ihrem bekannten Staats-Kirchen-Verständnis geprägt und ihrem individualisierten Gottesverhältnis des einzelnen Christen.
Ein Kommentar von Peter Bingel / 06.04.2017
Zum Kommentar von Ernst F. Jochum vom 1. 4. 2017: Welchen Grund gibt es, an dieser Stellt den Graben zwischen Reformierten und Lutheranern aufzureißen? Was bitte ist an der EKD organisatorisch lutherisch. Der Rat der EKD kommt synodal zustande und an der Spitze steht kein Bischof. Was hat das lutherische Staats-Kirchen-Verhältnis damit zu tun? Hätten es die Reformierten gerne ohne Religionsuntertricht an Schulen und ohne Einziehung der Kirchensteuern durch die Finanzämter? Dass Lutheraner ein mehr individualisiertes Gottersverhältnis des einzelnen Christen hätten als Reformierte, ist eine kühne Behauptung.

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