Eine Empfehlung für klare Verhältnisse
Doppelte Mitgliedschaft in der Kirche

Von: Menno Aden
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Geistliche Mitgliedschaft

Die Mitgliedschaft in der (unsichtbaren) Kirche Jesu Christi wird seit den Anfängen der Kirchengeschichte durch das Sakrament der Taufe vermittelt. Die Taufe ist die zentrale mitgliedschaftliche Tatsache des Kirchenangehörigen. Aus der Taufe erwachsen geistliche Rechte und Pflichten des Christen und korrespondierende Pflichten der Kirche (Sakramentsverwaltung).

Aus dem Begriff der Taufe lässt sich herleiten, dass keine interreligiöse Doppelmitgliedschaft, z.B. jüdisch/christlich, denkbar ist, wohl aber eine interkonfessionelle christliche, z.B. katholisch/evangelisch, jedenfalls aus evangelischer Sicht.


Weltliche Mitgliedschaft

Die Mitgliedschaft in der rechtlich verfassten weltlich sichtbaren Kirche gründet ebenfalls auf der Taufe. Daneben treten aber noch andere, je nach landeskirchlicher Gesetzgebung vorgesehene Aufnahme- und Mitgliedschaftsvoraussetzungen, als deren anscheinend einzige, jedenfalls bei weitem wichtigste die Pflicht zur Beitragszahlung (Kirchensteuer) praktisch bewusst wird.

Es ist seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen, dass eine Person aus der evang. Kirche ausgeschlossen wurde. Apostasie, die öffentlich Lossagung vom Glauben, die beharrliche Missachtung kirchlicher Gebote, spottende Weigerung, am Gottesdienst teilzunehmen, wiederholter öffentlich verteidigter Bruch der Ehe, ja selbst schwere Verbrechen wie Mord und Kindesschändung führen, auch wenn der Täter trotz Ermahnung jedes Zeichen der Reue vermissen lässt oder sogar öffentlich verweigert, niemals zum Ausschluss aus der Kirche. Es gibt nur einen Grund, aus der evang. Kirche ausgeschlossen zu werden – die Verweigerung der Kirchensteuerzahlung.

Aber auch umgekehrt gilt: Ein frommer Lebenswandel, die geduldige Aufzucht mehrerer Kinder im christlichen Glauben, regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst – all das ist nicht geeignet, dem Betreffenden die Mitgliedschaft in der Kirche zu erhalten, wenn er aus welchen Gründen immer, seiner Beitragspflicht nicht nachkommt.


Ende der Mitgliedschaft

Da der Kirchenaustritt die einzige Möglichkeit ist, der Kirchensteuerpflicht zu entgehen, kommt die geltende kirchenrechtliche Rechtslage auf die folgende Aussage hinaus: Keine denkbare Sünde, nur die Nichtzahlung der Kirchensteuer (mit oder ohne innere Abwendung von der Kirche) ist der Grund, zusammen mit der weltlichen Mitgliedschaft in der Kirche die Teilhabe am Gottesreich in seiner evangelischen Zusageform zu verlieren.

Es ist hier nicht auszuführen, ob und gegebenenfalls welche Glaubensaussagen in der evangelischen Kirche überhaupt noch mit Verbindlichkeit getroffen werden. Angesichts der konstitutiven Bedeutung der Taufe ist dies aber theologisch schlechterdings nicht haltbar. Die Rechte aus der Taufe können nur durch Lossagung vom Glauben verloren gehen. Es wäre allenfalls nach einer spätestens seit der Reformation überwundenen katholischen Sicht zu vertreten, dass die beharrliche Weigerung, ein gutes Werk zu tun, also durch materielle Zuwendungen den Bestand der Kirche zu ermöglichen, zum Verlust des Gnadenstandes führen kann. Wenn es überhaupt einer theologischen Begründung bedarf, dann gilt insbesondere für die evangelische Lehre, dass die Verrichtung oder Unterlassung eines »guten Werkes« (hier = Kirchensteuer zu zahlen oder zu verweigern) überhaupt keine Auswirkungen auf den Status des Christen haben kann.

Es ergibt sich aus der Verknüpfung von Kirchensteuerpflicht und Mitgliedschaft in der unsichtbaren Kirche die Alternative: entweder ist die Gnade auch außerhalb der Kirche erfahrbar – damit gibt sie sich institutionell auf – oder die von der evangelischen Kirche gepredigte Gnade bedarf eben doch eines guten Werkes in Form von Geld – damit gäbe sie sich theologisch auf.


Selbstmarginalisierung der Kirche

Die christlichen Großkirchen in Deutschland stehen mit ihrer Verknüpfung von Heilsgemeinschaft und Kirchensteuergemeinschaft weltweit allein da. In Deutschland wird der Christianisierungsgrad nach den Steuerlisten gemessen. In z.B. Mexiko, Brasilien, Polen usw. werden Christianisierungsgerade von fast 98% bewundert. Auch in den erkennbar entchristlichten, aber staatskirchenrechtlich verfassten Gesellschaften in Skandinavien und England werden weiterhin hohe Christianisierungsgrade gemeldet.

Zum Teil befriedigen wir mit diesen Feststellungen unseren neurotischen Hang, alles was unsere Nation angeht in ein möglichst trauriges Licht zu tauchen. Merkwürdig ist aber doch, dass es nicht die begeisterten Christen in Lateinamerika und Afrika, Polen, Frankreich oder Italien sind, welche die weltkirchlichen Institutionen tragen, sondern immer noch die Christen in Deutschland, eben die hiesigen Kirchensteuerzahler, und zwar proportional zu den Beiträgen aus Kirchen in anderen Staaten zu einem immer höheren pro Kopfanteil.

In Deutschland geht der Prozentsatz der Gläubigen offensichtlich nicht rascher zurück als in anderen Ländern, nur der Prozentsatz der Kirchensteuerzahler an der Gesamtbevölkerung. Durch den Beitragsrigorismus marginalisiert sich die Kirche in Deutschland also selber.


Doppelte Mitgliedschaft in der Kirche

Die Taufe als konstitutives Element für die doppelte Mitgliedschaft in der Kirche als der geistlichen »Gemeinschaft der Heiligen« und zum anderen in der weltlichen Körperschaft des öffentlichen Rechtes Kirche ist verfehlt. Es wäre eine Aufgabe des heutigen Kirchenrechtes, eine saubere Trennung zwischen den Rechten und Pflichten der Mitglieder in den jeweiligen Sphären herzustellen, welche sich durch die eigentümliche Doppelnatur der Kirche ergeben. Rechte und Pflichten sowie Sanktionen im Falle von Pflichtverletzungen dürfen sich nur aus der jeweils zu betrachtenden Mitgliedschaftssphäre herleiten lassen.

Die Weigerung, körperschaftliche Pflichten (= Kirchensteuer zu zahlen) zu erfüllen, kann in Bezug auf die weltlichen Ausprägungen der Kirche Folgen haben. Es ist daher zulässig, eine Person wegen dieser Weigerung von der Teilhabe an den weltlichen bzw. körperschaftlichen Rechten und Pflichten auszuschließen. Das bedeutet den Verlust des aktiven und passiven Wahlrecht in der Körperschaft Kirche, u.U. auch bei der Anwartschaft auf Teilnahme an den weltlichen Sonderveranstaltungen der Kirche (Ausflüge, Kindergartenbenutzung usw.).

Der Verlust dieser körperschaftlichen Rechte kann aber nicht zu einem Verlust der geistlichen Rechte und Pflichten führen. Der geistliche Pflichtenrahmen des Christen und der Kirche ergibt sich aus dem theologischen Inhalt, welchen die Kirche der Taufe und ihrer eigenen Predigt zumisst. Solange eine Person dem evangelischen Glauben nicht öffentlich absagt und damit das Sakrament der Taufe für sich zunichtemacht, bleibt sie Mitglied der geistlichen, unsichtbaren Kirche. Diese Person hat also weiterhin Anspruch auf alle geistlichen Leistungen, welche die Kirche vermitteln kann, insbesondere hat sie Anspruch auf Zulassung zum Abendmahl, sie darf Pate stehen und ist kirchlich zu bestatten. Nach dem geistlichen Auftrag der Kirche hat gerade sie Anspruch auf seelsorgerliche Zuwendung, denn die Gesunden bedürfen des Arztes nicht (Mk. 2,16).


Folgerungen

Es ergeben sich aus dem Gesagten zwei Folgerungen: Erstens: Eine Person kann, ohne getauft zu sein, Mitglied der weltlichen Körperschaft Kirche sein. Wie es bürgerlich-rechtlich möglich ist, dass ein Nichtmitglied Vorstand des Vereins ist, kommt daher in Betracht, einen ungetauften Spezialisten in die Kirchenleitung zu berufen. Hieraus können sich Auswirkungen ergeben auf das Verhältnis zwischen evangelischen Christen und vielen Einwanderern, welche ohne christliche Sozialisation, in unser Land gekommen sind. Die Kirchen haben offenbar jede Hoffnung aufgegeben, irgendwelche Mission unter diesen Menschen betreiben zu können. Der merkwürdige Widerspruch, dass wir zwar in Asien und Afrika Menschen zum christlichen Glauben bekehren wollen, aber die bei uns lebenden Fremdgläubigen nicht, bleibe einmal dahingestellt. Die Öffnung der weltlichen Kirche für Menschen ohne Taufe könnte bei Schaffung entsprechender Rahmendaten die Möglichkeit eröffnen, Menschen ohne eine christliche Sozialisation über eine Fördermitgliedschaft, z.B. beim Roten Kreuz, in die christliche Kirche einzubeziehen, ohne dass diese sich gleich gedrängt fühlen, auch geistlich überzutreten.

Zweitens: Eine getaufte Person, welche nicht Mitglied der weltlichen Körperschaftskirche sein will, kann dennoch Teil haben an der christlichen Heilsgemeinschaft. Die evangelische Kirche kann sich in dieser Weise also öffnen für alle Menschen, welche christlich getauft sind, aber der jeweiligen Konfession, welche sie durch Geburt erworben haben, nicht angehören wollen. Diese Menschen können – wie es praktisch auch bisher schon geschieht – gleichsam offiziell Mitglied der evangelischen Gemeinde werden, ohne gezwungen zu sein, die körperschaftlichen Pflichten (insbesondere also Kirchensteuerpflicht) auf sich zu nehmen.

Es wirkt ein wenig wie ein Werbetrick, wenn darauf hingewiesen wird, dass sich durch eine solche Neudefinition der Mitgliedschaft die Zahl der Kirchenangehörigen in Deutschland schlagartig bedeutend erhöhen würde. Getauft sind viele. Vielleicht ist es aber auch kein Werbetrick.


Schlussempfehlung

Die EKD soll den Mitgliedskirchen empfehlen, das Mitgliedschaftsrecht im Sinne der doppelten Mitgliedschaft zu ändern. Durch diese Änderung wird die Zahl der Kirchenmitglieder drastisch zunehmen, da die getauften Ausgetretenen wieder mitgerechnet werden. Es wird im einzelnen zu prüfen sein, ob sich durch einen solchen Mitgliederzuwachs politische (z.B. Religionsunterricht) oder rechtliche (z.B. Staatsleistungen) Ansprüche ergeben und wie diese zu behandeln sind. Das Mitgliedschaftsrecht wird geistlich-theologisch wieder glaubwürdig, was zur Hebung des Ansehens der Kirche beitragen kann. Die weltliche und die geistliche Kirche öffnen sich für neue Kreise.


Menno Aden

Über den Autor

Dr. iur. Menno Aden, Jahrgang 1942, 1994-1996 Präsident des Oberkirchenrates der Evang.-luth. Landeskirche Mecklenburgs, seit 1999 im Ruhestand.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2017

1 Kommentar zu diesem Artikel

Ein Kommentar von Frank Martin Brunn / 21.03.2017
Menno Aden legt einen interessanten Vorschlag zur Reform des Kirchenmitgliedschaftsrecht vor. Er möchte den weltweit singulären Zusammenhang von Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuerpflicht entkoppeln. Dabei geht er davon aus, dass eine hohe Zahl Austretender alleine wegen der Kirchensteuerpflicht austreten, der geistlichen Gemeinschaft der Kirche aber weiterhin angehören möchten. Wenn dem so wäre, hätten sie zweifellos die Möglichkeit, sich einer der nicht am Kirchensteuereinzugsverfahren beteiligten Freikirchen anzuschließen. Dort kann man die Höhe des eigenen Mitgliedbeitrages oft selbst bestimmen. Doch ein Wachstum der Freikirchen in auch nur annähernd dem Maß, wie die Landeskirchen Mitglieder verlieren, ist nicht zu erkennen. Von einigen Freikirchen ist bekannt, dass sie ebenfalls Mitglieder verlieren. Der Kirchenaustritt mag oftmals im Zusammenhang mit dem Abfassen der Lohn- oder Einkommenssteuererklaerung erfolgen, nicht selten auf Rat von Steuerberatern. Anders als Aden den Anschein erweckt, ist das nicht nur ein privater, sondern auch ein öffentlicher Akt. Die Kirchengemeinde erhält eine Mitteilung vom Einwohnermeldeamt. Austretende wenden sich gegenüber staatlichen Stellen öffentlich von ihrer Kirche ab. Wenn sie sich keiner anderen Kirche zuwenden, ist das schwer als etwas anderes als eine Abwendung von der Kirche in ihrer sichtbaren Gestalt zu verstehen und als ein Abwenden von der Kirche, in der sie ihre Taufe erhalten haben. Die ist, das betont auch Aden, nicht unverbunden mit der unsichtbaren Kirche. Die sichtbare Kirche ist sichtbares Zeichen der unsichtbaren Kirche. Ein Abwenden von der sichtbaren Kirche wird häufig geschehen, weil sie für das persönliche Leben bedeutungslos geworden ist. Die Frage, ob das den Fortbestand der Taufgnade und damit die Teilhabe an der unsichtbaren Kirche betrifft, können wir getrost Gott überlassen. Allerdings erscheint es mir äußerst fraglich, wieso jemand, der oder die aus der Kirche in ihrer sichtbaren Verfassung ausgetreten ist, in dieser leitende Funktionen übernehmen sollte, wie Aden es vorschlägt. Das wirkt schizophren und dürfte auf Dauer das kirchliche Profil unterlaufen. Das bedeutet nicht, dass eine solche Person nicht leitende Funktion in einem außerhalb der Kirche bestehenden, aber sachlich mit der Kirche verbundenen Verein wahrnehmen kann, z.B. einem Kirchbauverein. Der Vorschlag von Aden wirft die Frage auf, ob die Einführung einer kirchensteuerfreien Mitgliedschaft tatsächlich zu weniger Austritten führt. Wieso sollten Menschen, für die die Kirche persönlich bedeutungslos geworden ist, nicht weiterhin reinen Tisch machen? Es könnte zudem auch sein, dass etliche Mitglieder, die aus verschiedensten Gründen nicht austreten aber gleichwohl Sparzwängen unterliegen, in diese günstigere Mitgliedschaft wechseln. Das wäre nachvollziehbar, denn die Unterhaltspflicht von kirchlichen Strukturen für über Einkommen verfügende Mitglieder wäre damit aufgehoben. Die weit verbreitete Vermutung, dass die Kirche reich sei und auf den Beitrag der oder des Einzelnen nicht angewiesen sei, wäre bestätigt. Allerdings ist wohl keine der Kirchen so reich, dass sie auf die finanzielle Unterstüzung ihrer Mitglieder verzichten könnte.. Pastor PD Dr. Frank Martin Brunn, Hamburg/Lübeck

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