Sechs Thesen zur Osterpredigt der Gegenwart
An Ostern die Auferstehung predigen

Von: Susanne Platzhoff
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»An Ostern die Auferstehung predigen!« – »Ja, was denn sonst?«, könnte man fragen. Ostern ist schließlich – aus theologischen Gründen – das wichtigste christliche Fest, denn ohne die Ostererfahrung der Jüngerinnen und Jünger mit dem Auferstandenen gäbe es kein Christentum. Für Paulus besteht zwischen Auferstehung und Predigt bzw. Glauben ein unmittelbarer Zusammenhang: »Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.« (1. Kor. 15,14). Dennoch ist die Predigt der Auferstehung mittlerweile ein schwieriges Thema. Das lässt sich u.a. an den Besucherzahlen der Gottesdienste ablesen. Aller theologischen Bedeutung zum Trotz wird das Osterfest in der Beliebtheit bei den Gottesdienstbesuchern von Weihnachten um ein Vielfaches übertroffen.1 Das Kind in der Krippe – es ist einfach um so vieles angenehmer als die Rede von Kreuz und Auferstehung. Damit nicht genug: Auf jeder Auferstehungspredigt lastet die Frage nach dem Wunder und nach der Vereinbarkeit eines Wunderglaubens mit unserem doch in weiten Teilen naturwissenschaftlich geprägten Weltbild. Die Ostertexte haben in den letzten 230 Jahren – beginnend mit der Zeit der Aufklärung – eine Geschichte der Anfragen und Zweifel hinter sich, nicht zuletzt durch die Tendenz, die Texte vor allem auf ihren »historischen Kern« hin zu untersuchen.2

Und dennoch wird landauf landab an Ostern gepredigt – aber wie? In einer qualitativen Studie habe ich 16 Osterpredigten zu Mk. 16,1-8 auf folgende Fragen hin untersucht: Wie gehen die Predigten um mit dem Bibeltext? Welches Verständnis von Auferstehung findet sich in den Predigten? Wie wird die »Osterfreude« thematisiert?3 In drei Thesen umreiße ich die Hauptgefahren, die ich für die Osterpredigt heute wahrnehme. Komplementär möchte ich entfalten, welche Wege ich homiletisch für sinnvoll halte und was von gelungenen Beispielen zu lernen wäre über eine Osterpredigt, die den gegenwärtigen Christus verkündigt.


1. These: Christus-Absenz

In den meisten von mir untersuchten Osterpredigten nehme ich eine Art »Christus-Absenz« wahr. Dass »Jesus lebt«, wird manchmal noch in einem Satz behauptet – was über sein Leben erzählt wird, verbleibt aber in der Vergangenheit. Die Lebendigkeit und Präsenz des Auferstandenen wird nicht thematisiert. So wird die Auferstehung zu einer weiteren Biographie-Station im Leben Jesu, die auf das Kreuz folgt und über die im Präteritum gesprochen wird. Nur selten wird in einer Predigt über die Bedeutung der Auferstehung für die Gegenwart gesprochen. Wo Predigten etwas über Jesus erzählen, bezieht sich das v.a. auf sein (vergangenes) Leben und seinen Tod – z.B. aus der Perspektive der trauernden Frauen, die beklagen, dass es diesen Jesus nicht mehr gibt.

Eine theologische Deutung – welche die Auferstehung nicht nur als Ereignis der Vergangenheit thematisiert, sondern ihre gegenwärtige, gewissermaßen »prospektive« Bedeutung entfaltet – kommt kaum vor. Eine solche Deutung könnte z.B. entfalten, wie der lebendige Jesus seinen Jüngern – bis heute – vorangeht. Wird die Christologie »umschifft«, was steht dann an ihrer Stelle? Die Predigten stellen andere theologische Aussagen in den Mittelpunkt – vor allem allgemeine Aussagen zur Gotteslehre (etwa darüber, dass Gott in der Auferstehung das Entscheidende bereits getan hat) oder ethische Forderungen (was der Mensch seinerseits beitragen müsste, um problematische Zustände zu überwinden). Hier kann man ­also von einer »Themenverschiebung« sprechen – weg von der Christologie hin zu anderen theologischen Topoi. Theologisch gesprochen bedeutet das: Die christologische Mitte der Auferstehungsbotschaft bleibt leer.


2. These: Freuden-Rhetorik

Gleichzeitig verwenden viele der untersuchten Predigten eine suggestive Freuden-Rhetorik, mit der die Hörerinnen und Hörer aufgefordert werden, sich doch über die Osterbotschaft zu freuen. Da heißt es dann z.B.: »Ostern ist die frohmachende Botschaft schlechthin«. Es bleibt allerdings leider bei der Behauptung, dass die Botschaft Freude auslöst – ohne dass diese entfaltet wird. Hier findet – mit Martin Nicol und Alexander Deeg gesprochen – ein »Reden Über« statt, bei dem die Freude nur benannt oder dazu aufgerufen wird, sich doch zu freuen, ohne dass der Grund zur Freude in einem »Reden In« weiter entfaltet würde.4 Manche Predigten versuchen, Freude zu illustrieren durch eine fiktive Geschichte, in der eine lineare Entwicklung von der Trauer zur Freude nachgezeichnet wird. Der Umschwung wird dann dargestellt wie bei einem Kippschalter, den man umlegt, um die Dunkelheit in Licht zu verwandeln. Man könnte auch von einer Ambivalenz-Armut sprechen.

Hier steht die Osterpredigt in der Herausforderung, die spezifischen Erfahrungen von Dunkelheit im Leben der Hörerinnen und Hörer, wie etwa den schmerzlichen Verlust eines Menschen, nicht zu trivialisieren. In seinem Aufsatz »Die Lügen der Tröster« schreibt Henning Luther provozierend, dass Vertröstung, »die über das Leiden schnell hinwegredet«, Lüge ist.5 Wo einseitig die Herrlichkeit thematisiert wird, besteht die Gefahr, dass die Rede von der Freude von der Lebenswirklichkeit der Menschen abperlt und schlimmstenfalls naiv oder gar zynisch wirkt. Das gilt gerade auch, wenn man die Freude nicht individualistisch verengen will, sondern auch größere soziale und weltpolitische Gefüge im Blick hat. Angesichts des Leidens vieler Menschen würde eine Verkündigung, die Ostern als »Happy End« darstellt, leicht zynisch wirken.



3. These: Textverlust

In vielen der von mir untersuchten Osterpredigten manifestiert sich ein dramatischer Textverlust, d.h. die Predigten beziehen sich nur punktuell und eklektisch auf den Predigttext. Durchaus nachvollziehbar ist, dass Prediger in ihrem Textbezug Schwerpunkte setzen. Überraschend ist jedoch, dass viele Predigten sich an diversen Einzelaspekten des Textes orientieren – und etwa den Gang der Frauen zum Grab sehr plastisch ausschmücken, ohne die Verheißung der Begegnung mit dem Auferstandenen (Mk. 16,7) auch nur zu erwähnen. Bei den ausgelassenen Sequenzen handelt es sich also um Textstellen, die theologisch substantiell sind. Bedenkt man, dass die Zusage der Begegnung mit Jesus kein »nebensächliches Detail« der Erzählung ist, sondern die christologische Pointe, muss dieser Befund überraschen, gerade auch deshalb, weil die Predigten auf kleinere Details der Erzählung durchaus eingehen – wie den Sonnenaufgang und die Öle, die die Frauen mitbringen. Daneben werden Textstellen ausgelassen, die nicht dem fröhlichen Festcharakter entsprechen und die Fragen aufwerfen, wie das Erschrecken und die Flucht der Frauen in Mk. 16,8.


Zwischenfazit

Man wird ohne Übertreibung davon sprechen können, dass die verstehende Aneignung des christlichen Osterglaubens seit der Aufklärung in die Krise geraten ist.6 Von daher ist es sehr nachvollziehbar, dass auch Pfarrerinnen und Pfarrer Probleme mit diesem Glaubensthema haben und sich – bewusst oder unbewusst – dafür entscheiden, es zu umschiffen und auf andere Topoi auszuweichen. Hinzu kommt, dass »verstehende Aneignung« nicht unbedingt vorrangiger Studieninhalt war und ist und man sich noch heute in manchem exegetischen Proseminar bei der Texterschließung mit einer historischen Text-Rekonstruktion begnügt.

Man könnte auch sagen: Die Predigten zeigen, was die Prediger sehen und nicht sehen. Sie sehen nicht die Christusverheißung in den Texten. Sie sehen mehr Leid als strukturelles Gelingen und thematisieren darum entweder viel Schwere oder das »gute Ende« nur behauptend herbeiredend. Die Analyse der Predigten ist also auch eine Art Seh-Hilfe für das, was Menschen gerade zu glauben schwerfällt.

Was wäre nun den oben skizzierten Aporien der Osterpredigt entgegenzustellen? Ich möchte dafür plädieren, dass es sich lohnt, auch in der Osterpredigt Spannungen auszuhalten: aus seelsorglichen, christologischen und biblisch-theologischen Gründen.


4. These: Predigt des gegenwärtigen Christus

Wichtig für die Entfaltung der Osterbotschaft ist m.E. die Erkenntnis, dass es auch in der österlichen Freude um etwas »Anbruchhaftes« geht. Ostern werden kann es immer nur momenthaft – die Verheißung der bleibenden Präsenz Christi und Gottes steht noch aus.

Neben dem eschatologischen Vorbehalt, scheint es mir wegweisend für eine Christologie der Osterpredigt, die Auferstehung pneumatologisch zu deuten. Eine der untersuchten Predigten wählt diesen Weg und thematisiert die gegenwärtige Bedeutung der Auferstehung als Verheißung der Christus-Präsenz. Sie beschreibt den »Geist der Auferstehung« als Geist, der »auch bei uns lebendig ist«. Wenn es um Gemeinsamkeiten geht zwischen dem, was die drei Frauen am Grab erlebt haben, und heutigen Zuhörern, dann wären diese nicht in der (in einigen Predigten gern gewählten) Bewegung des »Aufstehens« zu suchen, sondern in den Momenten einer (geistigen) Gegenwart Jesu und in der Verheißung einer Begegnung mit ihm. Dieser Blick setzt eine theologisch-eschatologische Perspektive auf die Texte voraus, bei der es nicht um das historische Faktum geht, sondern darum, die Texte als Seh-Hilfe für eine bestimmte Gegenwartsdeutung zu lesen: eben für das Leben in der Verheißung, dem Lebendigen Auferstandenen im »jeweiligen Galiläa unseres Alltags« zu begegnen. Christine Smith beschreibt die Hinwendung zu einer christologischen Deutung der Ostertexte so: »Man erlebt Leben im Angesicht der Auferstehung nicht, weil ein Leichnam verschwunden ist. Man erlebt Leben im Angesicht der Auferstehung, weil etwas präsent ist – und diese Präsenz ist rettend und verwandelnd.«7

Liturgiewissenschaftlich wird der Aspekt der Vergegenwärtigung der Heilstaten Christi im Gottesdienst unter dem Begriff der »Anamnesis« gefasst. Sie umfasst freilich nicht nur die individuell-geistige Wiedererinnerung, sondern erfolgt leiblich-sinnenfällig in einer bestimmten Umwelt und Gemeinschaft.8 Der ganze Gottesdienst ist als Feier der Gegenwart Christi zu verstehen. Schon erste gottesdienstliche Formen haben die Funktion gehabt, »Jesus von Nazareth als den Christus zu erinnern, und zwar eben nicht als den historisch vergangenen, sondern als den gegenwärtigen, den, der mitten in der Gemeinde ist.«9 Insofern braucht die Predigt die religiöse Dimension der persönlichen Betroffenheit: »Wo von der Auferstehung Jesu die Rede ist, reden Betroffene, Angerührte, nicht historische Analytiker.«10 Sie sprechen die Sprache des Mythos, der in die gegenwärtige Bedeutsamkeit von Erinnertem einführt: »wo Vergangenes aufhört, vergangen zu sein und Gegenwärtiges, an das Vergangene erinnernd, zugleich Zukunft ansagt«.11

Ein Beispiel für diesen vergegenwärtigenden Aspekt des Festes findet sich in der Liturgiegeschichte für die Art und Weise, wie in verschiedenen historischen Kontexten des Leidens Christi gedacht wurde: Durch die Aufnahme der Festtage von Märtyrern in das kollektive Gedächtnis der Gemeinde wurde die Gemeinde selbst Teil der Passatradition.12 Bekannt ist etwa, dass Oscar Romero, der später selbst ermordete Erzbischof in El Salvador, in den späten 70er Jahren die Namen von Ermordeten im Gottesdienst verlas. Historisch verortet wird die Praxis, Märtyrerfesttage im Gemeindeleben zu begehen, etwa auch im Rheinland unter den an obrigkeitlicher Verfolgung leidenden reformierten Gemeinden. So hat sich die Gemeinde jeweils in die Christus-Geschichte eingeschrieben und ihre eigene Geschichte vor dem Hintergrund der Christus-Geschichte gedeutet. Auch heute noch gibt es im südamerikanischen Kontext Beispiele, dass sich eine Gemeinschaft nicht nur in das Leiden, sondern auch in die Auferstehung und Überwindung des Leidens Christi einschreibt. Die Gemeinde ruft nach dem Verlesen ihrer Märtyrer den Refrain »presente« – so wie Jesus als »presente« verkündigt wird.


5. These: Trost durch das Wahrnehmen und Aushalten von Spannungen

Seelsorgliche Gründe sprechen dafür, auch die Osterpredigt als spannungsvolles Geschehen zu betrachten, in der es natürlich das Gefühl der Freude geben kann, bei der die Freude aber keinen statischen Endpunkt einer linear gedachten Bewegung darstellt. Eine leidvergessene Predigt ist hier ebenso fehl am Platze wie eine leidversunkene. Die Osterpredigt hat eine höchst anspruchsvolle Aufgabe: Sie muss die Skylla einer aufgesetzten Fröhlichkeit vermeiden, die von der Auferstehung im Behauptungsmodus und verniedlichend vom »Aufstehen am Morgen«13 spricht. Gleichzeitig muss sie die Charybdis einer zweiten Karfreitagspredigt umschiffen und darf nicht in der Dunkelheit und Bedrückung über das Leid auf der Welt enden.

Eine leidsensible Osterpredigt wird im Auge behalten müssen, dass es bleibende Brüche gibt, die nicht durch ein fröhliches »Der Herr ist auferstanden« geheilt werden können. Trost kann gerade dann entstehen, wenn Prediger der Versuchung widerstehen, Spannungen nicht gleich durch die gute Botschaft einzuebnen, sondern auszuhalten und Brüche zur Kenntnis zu nehmen. Peter Cornehl schreibt über das Gelingen der Osternacht: »Nur eine Osternacht, die sich auf das Kreuz der Gegenwart einläßt, dürfte wirklich imstande sein, die todüberwindende Kraft des Kreuzes Jesu zu verkündigen und die Entmachtung des Todes in der Auferweckung Christi zu bezeugen.«14 Kristian Fechtner beschreibt dieses Spannungsfeld so: »Gewissheit und Freude einerseits, Furcht und Zweifel andererseits – in dieser Spannung bewegt sich der christliche Osterglaube von Anfang an.«15 Beide Motive – Passion und Kreuzestod und die Auferstehung Christi – gehören theologisch zusammen: »Ohne Auferstehungskunde bliebe Karfreitag entweder unaufhörliche Klage oder mystische Verherrlichung des Leidens. Ohne des Eingedenkens des Karfreitags wäre Ostern nichts mehr als der Triumph eines Unberührbaren und/ oder illusionäre Verdrängung des ­Leidens.«16

Liturgisch könnte man sagen, dass auch in der Osterpredigt neben dem Gloria das Kyrie steht. Denn bei der Verkündigung des Auferstandenen geht es gerade nicht um die Abgeschlossenheit eines »Happy End«, sondern um die Verkündigung dessen, der bleibend die Wundmale des Gekreuzigten trägt. Auch die Freude über den Auferstandenen ist daher nicht als schmerzbefreiter Zustand zu verkündigen. Sie ist keine »unproblematische«, pure Freude. Gerade diejenigen Predigten vermögen zu berühren, die Leiderfahrungen von Menschen nicht verdrängen, sondern sie wahrnehmen und davon erzählen, wie Menschen mitten im Leid die heilvolle Gegenwart Christi erfahren haben.


6. These: Den Spannungsbogen der Texte ernst nehmen

Einen fruchtbaren Weg scheinen mir die Predigten zu gehen, die die Texte nicht in erster Linie als Dokumente von historischem Interesse behandeln, sondern als Zeugnisse, die von der gegenwartsverändernden Kraft der Begegnung mit dem Auferstandenen sprechen. Ihnen geht es nicht darum, die Zuhörer mit apologetischer Argumentation davon zu überzeugen, dass die Auferstehung Jesu ein historischer Fakt sei, sondern die Auferstehungserzählungen als Zeugnisse des Glaubens zu predigen.17 Sie nehmen die Einzeltexte sorgsam wahr und sehen auch über die Brüche im Text nicht einfach hinweg, sondern loten den Spannungsbogen des Textes mitsamt seinen schwerer zu deutenden Sequenzen (wie dem Gang nach Galiläa oder dem Entsetzen) aus. Sie schöpfen aus dem »kreativ-kritischen Potential« des Textes (Manfred Josuttis).18 Denn die Texte enthalten das kreative Potential zu einer Seh-Hilfe für die Weltwirklichkeit und die Wirklichkeit Gottes.

Diese Wirklichkeit scheint in den Erzählungen auf – vermischt mit den bleibenden Wunden, den Tränen und dem Staub an den Füßen des auferstandenen Gekreuzigten. Auch in den Erzählungen der biblischen Auferstehungszeugen findet sich die »Gebrochenheit« menschlicher Geschichten wieder. Der glorreiche Sieg und ein »glückliches Ende« sind nicht Teil der Geschichten, die die Evangelien erzählen. Christine Smith weist zu Recht auf die Spannungen hin, die – nach Darstellung der Evangelien – selbst die Zeugen der Auferstehung erleben: »Was sie erlebt haben, war kein unkomplizierter Triumph. Sie haben ihn nicht erlebt: den unangefochtenen, standhaften Glauben. Sie haben die Auferstehung erlebt – die bleibende Präsenz Jesu unter ihnen, eine Kraft, die ihnen von Gott gegeben wurde, und eine Präsenz, die sie aufgerichtet hat und ihnen neue Wege gezeigt hat, vor aller Welt die Kraft des Lebens und der Gerechtigkeit zu bezeugen. Und in all diesem Erleben, da gab es auch sie: die Momente des Schweigens, der Ungläubigkeit und des Schreckens.«19

Für den diesjährigen Predigttext am Ostersonntag, Mt. 28,1-10, würde das heißen genau zu beobachten: Wie spricht dieser Text von der Ankündigung und der Begegnung mit dem Auferstandenen? Und auf die Textsignale zu achten, z.B. die Pause, die Mt. den beiden Frauen gönnt durch den Moment, wo die Bewacher, »wie tot« am Boden liegen. Die Spannung wahrzunehmen, dass die Frauen »erschrocken – und voller Freude« vom Grab weglaufen. Die Verheißung, Jesus in Galiläa zu sehen – und dass sich diese Verheißung doch schon »plötzlich« erfüllt. Auch auf Details wäre zu achten: Spricht der Engel noch davon, dass die Frauen den »Jüngern« (Mt. 28,7) alles weitersagen sollen, nennt Jesus sie seine »Brüder« (Mt. 28,10). Das ist nicht die Rede von »früheren Weggefährten«, sondern von einer verwandtschaftlichen Beziehung, die durch den gemeinsamen Vater begründet wird – unaufkündbar. Es gibt auch Anklänge an Joseph in Ägypten, der von seinen »Brüdern« verraten worden war und mit dem Gott es am Ende doch »gut gemacht« (Gen. 50,20) hat.


Eine Osterpredigt unter diesen Vorzeichen wäre fern von jedem Triumphalismus – aber vielleicht könnte sie das leisten: Christinnen und Christen auf der Wegstrecke begleiten in ihrer Freude und ihrem Schmerz, die Augen öffnen für die Zeichen der Gegenwart des Geistes Christi und des anbrechenden Reiches Gottes unter uns und schließlich die Sehnsucht offenhalten für all das, was noch aussteht – für den Tag der Vollendung.

Die Aufgabe von Predigerinnen und Predigern wäre dann, sich von den alten Texten die Augen öffnen zu lassen für das, was an heilvoller Gegenwart Christi zu erwarten ist, selbst die Augen offen zu halten für das, was es in geheiligten Momenten zu erspähen gibt von dem, das in aller Herrlichkeit noch aussteht, und in ihrer Predigt die Sehnsucht zu schüren für das, was noch kommt und was wächst – zart wie keimende Saat und doch unaufhaltsam. Stück für Stück. Das ist Ostern.


Susanne Platzhoff


Anmerkungen:

1 Laut EKD-Statistik gingen 2015 an Karfreitag etwa 1 Mio. Menschen in die Kirche. An Heiligabend waren es achtmal so viele (http://www.ekd.de/download/zahlen_und_fakten_2015.pdf, S. 15 [Zugriff: 30.1.2017]).

2 Autoren wie H.S. Reimarus, D.F. Strauß, R. Bultmann und G. Lüdemann stehen für eine Forschung, die die Historizität der Erzählungen – vor allem aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit – hinterfragt.

3 Die Basis für diesen Artikel bildet meine wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema von 2011-2016, die im Dezember 2016 als Dissertation von der Universität Leipzig angenommen wurde und voraussichtlich noch 2017 bei EVA Leipzig erscheinen wird.

4 M. Nicol, Einander ins Bild setzen, 55.

5 H. Luther: Die Lügen der Tröster, 163.

6 Vorholt, Das Osterevangelium, 83.

7 C. Smith, Risking the terror, 69 (Übersetzung S.P.).

8 Richter, Anamnesis – Mimesis – Epiklesis, 202.

9 K.-F. Daiber, Pastoralsoziologische Einführung, 14.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Vgl. K.H. Bieritz/T. Jörns, Art. Kirchenjahr, 581.

13 Vgl. Jochen Lenz in seinen Ausführungen zum Ostersonntag 2011: »Wer Auferstehung hört, denkt erst einmal ans Aufstehen. Ganz klein, ganz normal, ganz alltäglich.« Ders., Aufstehn, 265.

14 P. Cornehl, Die längste aller Nächte, 131.

15 K. Fechtner, Im Rhythmus des Kirchenjahres, 95.

16 K. Fechtner, Im Rhythmus des Kirchenjahres, 96.

17 Vgl. C. Smith, Risking the terror, 68 (Übersetzung S.P.).

18 Vgl. M. Josuttis, Die Textpredigt, 24.

19 C. Smith, Risking the terror, 71 (Übersetzung S.P.).

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2017

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