9. April 2017, Markus 14,3-9
Palmsonntag

Von: Ute Pietsch
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»Zu ihrem Gedächtnis«


Eine Reihe von Gegensätzen

Der Text von der Salbung in Bethanien schildert eine Reihe von Gegensätzen: Eine Frau tritt während des Essens in eine Männergesellschaft ein. Ihrem »vergeudeten« Reichtum steht die Mahnung zum Dienst an den Armen gegenüber. Zweckfreiheit und Nützlichkeit kontrastieren einander, ebenso die liebevoll-körperliche Geste die schroffen Worte der Zuschauer. Schließlich: Fast fühlbar ist der Duft des Lebens im Kontrast zum bevorstehenden Tod.

Die Beobachtungen ergäben jede für sich einen interessanten Predigtansatz. Doch der Kontext weist mich auf das zentrale Thema hin: Die Vorbereitungen auf den Tod Jesu. Die Hohepriester und Schriftgelehrten beraten, wie sie ihn greifen und töten könnten (14,1-2) und Judas entscheidet sich für den Verrat (14,10-11). Dazwischen tut die Frau ihr gutes Werk. (14,3-9).


Salben, cremen, ölen

Salbung: Welche Erfahrungen bringen die Predigthörerinnen und -hörer mit? Salben, cremen und ölen ist den meisten aus therapeutischen und kosmetischen Zusammenhängen bekannt. Wir salben verstauchte Gelenke, entzündete Hautpartien oder schmerzhafte Verspannungen. Wir pflegen trockene Haut, wollen Falten vermeiden oder cremen uns zum Schutz vor Sonne ein. Besonders Kinder und Liebende empfinden bei der Berührung (sofern sie wohlwollend ist) Zuneigung und Aufmerksamkeit. Katholische Christinnen und Christen kennen die Salbung als Zeichen bei der Taufe, Firmung und Priesterweihe. Der gesalbte Mensch soll den »Wohlgeruch« Jesu Christi verbreiten. Darüber hinaus gibt es das Sakrament der Krankensalbung als Ermutigung und Stärkung. Für alle Salbungen gilt: Der Duft und die Berührung gehören zur Kommunikation vorsprachlicher Natur. Sie sind daher von besonderer Wirkung. Bei Mk. wird sie zu einer leibhaften Verkündigung.

Die vermuteten Erfahrungen der Gemeinde decken sich nur teilweise mit dem biblischen Befund. Die Salbung als Körperpflege (Ruth 3,3) und Heilanwendung (z.B. Mk. 6,13; Lk. 10,30-37; Jak. 5,13-16) reichen bis in die Gegenwart. Die Totensalbung (Mk.16,1) ist als zentrale biblische Überlieferung noch im Bewusstsein. Dagegen ist es in unserem Kulturkreis nicht üblich, Gäste als Zeichen der Gastfreundschaft vor dem Essen zu salben (Ps. 23,5). Auch die Salbung als Ermächtigung zum Dienst der Könige und Propheten für Gott ist den meisten fremd (2. Sam. 2,4; Jes. 61,1). Ein Gesalbter – Messias, Christus – zu sein, ist Ehre, Beauftragung und Verantwortung zugleich.


Jesu Deutungen

Jesus gibt der Salbung drei Deutungen: Sie ist ein gutes Werk, eine vorausgehende Totensalbung und sie geschieht zum Gedächtnis der Frau.

Das gute Werk: In der Passahwoche sind fromme Juden besonders zu guten Werken verpflichtet. Dazu zählen Almosen und Liebeswerke. Almosen bestehen in einer Geldgabe für arme Menschen, die Zuwendung richtet sich nur an Lebende. Die Liebeswerke können auch reichen Menschen gelten und Tote ehren oder ihre Bestattung veranlassen. Sie erfordern ein persönliches Engagement. Jesus antwortet den Männern am Tisch, indem er die Frau in den Kontext der jüdischen Frömmigkeit stellt. Sie tut etwas völlig Rechtmäßiges im Sinne des jüdischen Glaubens. Doch für die Männer bleibt mindestens eine Irritation: Sie tut es als Frau an einem Mann und sie tut es bei einem Essen, zu dem sie nicht geladen ist.

Jesus deutet ihre Tat als »im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis«. Was die Frau selbst gedacht haben könnte, lässt die mk. Überlieferung offen. Ihr Werk ist sinnlich ausgemalt, aber sie selbst und ihr Motiv bleiben anonym. Als Leserin des 21. Jh. wirkt diese Absichtslosigkeit ungewohnt und anziehend auf mich. Aus ihr spricht Empathie und das Gespür dafür, was jetzt angemessen ist – Stärkung und Ruhepol im Geschehen auf den Tod hin.

Jesus kommentiert ihre Tat mit den Worten »zu ihrem Gedächtnis«. Die Frau wird für alle Zukunft Teil der Verkündigung sein. Elisabeth Schüssler Fiorenza beschreibt in ihrem Buch »Zu ihrem Gedächtnis« den Inhalt dieser Verkündigung so: »Wie die Profeten die Könige Israels auf der Stirn gesalbt haben, so salbt die Frau Jesus. Sie benennt ihn öffentlich in einer Zeichenhandlung …« Sie gibt ihm – politisch riskant – den Titel »Messias«. Die Gemeinde, die diese Geschichte damals und heute erzählt, hat Jesus nicht mehr leibhaft bei sich. Aber in ihrer Umgebung leben arme Menschen. Über sie sagt Jesus im Gespräch mit den Männern: »wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun.« Jesus ist der Gesalbte und Beauftragte Gottes; in seinem Reich sind Arme und Reiche solidarisch.


Literatur

Rudolf Pesch, Reinhard Kratz, so liest man synoptisch 7, Frankfurt/M. 1980

Elisabeth Schüssler-Fiorenza, Zu ihrem Gedächtnis, Gütersloh 1993 (202ff)


Ute Pietsch

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2017

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