14. April 2017, Lukas 23,33-46(49)
Karfreitag

Von: Tabea Rösler
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Den »Tag der Kreuzigung des Herrn« raumtheologisch inszenieren

»Stiller Freitag«

Der Karfreitag gilt liturgisch als der »stille Freitag«, er ist Teil des Triduum Sacrum, dem höchsten Fest des Kirchenjahres. Seine Botschaft transportiert sich durch eine raumtheologische Zeichenhandlung und Gottesdienstdramaturgie. Entgegen manchen regionalen Bräuchen sollte an Karfreitag kein Abendmahl gefeiert werden, da das Sakrament bereits im Zeichen der Festfreude der Auferstehung steht. Die liturgische Farbe ist schwarz oder violett. Höhe- und Zielpunkt ist der Todesschrei Jesu am Kreuz: »‚Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!‘ Und als er das gesagt hatte, verschied er.« (Lk. 23,46). Es herrscht Todes­stille – »stiller Freitag«. Der kahle, dunkle Raum beherrscht das Wort.


Karfreitagsliturgie aus der Praxis für die Praxis

Die skizzierte Karfreitagsliturgie lernte ich in der Evang.-Luth. Kirchengemeinde in Varrel/Stuhr (Oldenburg) kennen. Das Grundgerüst bilden die biblischen Lesungen zur Verurteilung und Hinrichtung Jesu. In Anlehnung an den Predigttext wähle ich die Texte aus Lk. aus (wobei auch Mt. mit seiner plastischen Erzählweise geeignet ist: »Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.« – Mt. 27,50). Der Predigttext ist Teil der gottesdienstlichen Gesamtdramaturgie.


Gottesdienstdramaturgie mit raumtheologischer Zeichenhandlung

Kyrieruf EG 178.2 → Lesung, 1. Teil »In Todesangst; Jesus wird verhaftet«

EG 789.2 → Lesung, 2. Teil »Jesus wird verhört; Petrus verleugnet Jesus«

EG 85,1-3;6 → Lesung, 3. Teil »Pilatus verurteilt Jesus zum Tode; die Soldaten verspotten Jesus«

EG 84,1-4 → Lesung, 4. Teil »Jesus stirbt am Kreuz« (Lk. 23,33-46)

Ruhige Musik, dabei raumtheologische Zeichenhandlung: Abräumen und Verdunkeln des Altars, Heraustragen der liturgischen Gegenstände aus dem Kirchenraum, Stille …

Fürbittruf EG 178.5 → Fürbittengebet und Gebetsstille, Vater Unser, Sendung und ­Segen


Zum Schluss wird das Lebenslicht ausgeblasen

Einen Tag zuvor wurde im liturgisch geschmückten Kirchenraum noch das Gründonnerstagsmahl gefeiert. Mit Karfreitag kommt der Bruch. Der Todesschrei Jesu am Kreuz (Lk. 23,46) setzt eine Dynamik in Gang, die die Zuhörer unmittelbar mitreißt durch eine vor ihren Augen sich vollziehende Umgestaltung, Verdunkelung und Reduktion des Kirchenraums. Erfahrene Mitarbeitende tragen schweigend sämtliche liturgische Gegenstände wie Altar- und Kanzelschmuck aus der Kirche. Was nicht transportiert werden kann, wird mit dunklen Tüchern verhängt. Zum Schluss blasen die Mitarbeitenden die Altarkerzen und die Osterkerze aus und tragen sie ebenfalls hinaus, dazu wird die Raumbeleuchtung abgedunkelt. Der Geruch von angeschmortem Docht und Wachs liegt in der Luft. Die Atmosphäre ist kalt, dunkel und beklemmend. Es herrscht absolute Stille, auch die Orgel schweigt … Erst nach einiger Zeit setzt sie wieder ein: »Herr, erbarme dich. Christus erbarme dich. Herr, erbarme dich …«

Jesu Kreuzigung wird zum existentiellen Erleben. Wer hat Jesus ans Kreuz geschlagen, wer ist schuld an seinem Tod? »Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit Plagen so übel zugericht? … Ich, ich und meine Sünden …« (Paul Gerhardt, EG 84,1+2). Spätestens, wenn das Auferstehungslicht der Osterkerze – Jesu Lebens- und mein Hoffnungslicht – ausgeblasen wird, wendet sich Jesu Kreuzestod auf mich selbst zurück. Ich werde Teil der Gottesdienstdramaturgie. Ob ich will oder nicht, das »Ich, ich und meine Sünden« schlägt auf mich zurück. Der der Stille nachfolgende Fürbittruf ist dann fast eine Erlösung: Ich darf wieder hoffen, bitten und beten – »Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!« (Lk. 23,34). Demütig, bescheiden und nachdenklich bleibe ich zurück. Es gibt nur wenige Gottesdienste wie diesen, wo die Gemeinde, jung oder alt, wirklich schweigend die Kirche verlässt.


Eindrücke und Wirkung

Der Gottesdienst verlangt ein hohes Maß an Emotionalität, Flexibilität und liturgischer Kompetenz. Wer an Karfreitag auf ein klassisches Setting mit zuvor verdunkeltem Kirchenraum, Predigt und Abendmahl beharrt, wird den Gottesdienst als schockierend und anstößig empfinden. Sterben und Tod Jesu treffen zu stark ins eigene Leben. Nicht jeder ist bereit, sich darauf einzulassen.

Alle Lesungstexte müssen mit den Lektoren sorgfältig vorbereitet sein, ebenso das Heraustragen und Verdunkeln der liturgischen Gegenstände. Die Ernsthaftigkeit der Stimmung ist tragendes Element. »Danach freute ich mich umso mehr auf Ostern«, sagte mir eine Dame im Nachgang des Gottesdienstes. Sie hat Recht. Gott ist nicht nur der liebevolle Versöhner. Selbst Jesus erlebt die Gottverlassenheit (Mt. 27,46). Wer Jesu Kreuz in seiner Härte ausklammert und den Tod aus dem eigenen Leben verbannt, für den bleiben auch Christi Auferstehung und der Osterjubel blass.


Tabea Rösler

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2017

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