23. April 2017, Johannes 21,1-14
Quasimodogeniti

Von: Peter Haigis
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Christus ist der Anfang eines neuen Tages


Vergegenwärtigung

Was vergangen ist, will erinnert werden! Die frühen Christen haben Erzählungen gesammelt über Jesus von Nazareth, jenen Bezugspunkt ihres Glaubens, dessen raumzeitliche Vergegenständlichung ihnen in seinem Tod abhandenkam. Sie wollten aber nicht nur Vergangenes dem Vergessen entreißen. Sie wollten zugleich bezeugen: »Jesus ist immer noch gegenwärtig, anwesend, unter uns.« Deshalb enden alle Evangelien (und zum Teil auch einzelne Abschnitte in ihnen) mit Erzählungen vom Auferstandenen. Für diese Geschichten ist die merkwürdig anmutende, in der Schwebe zwischen Präsenz und Entzogenheit gehaltene Stimmung typisch (vgl. z.B. die Verklärungsperikope). Von einer solchen »Grauzone« des glaubenden Bewusstseins erzählt auch Joh. 21,1-14.


Ein merkwürdiger Text

Ein Fremder leitet die Jünger, ehemalige Fischer, bei ihrem Handwerk an. Dann hält er ein Frühstücksmahl mit ihnen. Einige Fische – wo hat er die her? – braten schon auf dem Feuer. Die Jünger wagen nicht zu fragen, wer er ist. Sie scheinen ihn zu kennen. Aber sind sich dessen wirklich so sicher? Und dann der Fang: Zunächst ist das Netz so voll, dass es die Jünger nicht ziehen können; später holt es Petrus allein an Land.

Alles Symbolik, Allegorie, Enigmatik? Vielleicht ist es aber auch einfach nur dies: Der lebendige Gott in Gestalt des auferstandenen Christus begegnet mitten im Alltag.


Back to the roots

Am Ende des Mk. geht der Auferstandene den Jüngerinnen und Jüngern voran, zurück nach Galiläa. Ganz ähnlich hier: das Ende des Evangeliums mündet in die Anfang. Ja, Evangelium – das ist die relecture des Alltags im Licht von Ostern.

Arbeitsreiche, aber ertraglose Nächte auf dem See kannten die Fischer auch aus anderen Zusammenhängen. Doch diesmal stellt sich – wie andernorts in der Petrusüberlieferung – überraschender und später Erfolg ein, der nicht der Mühe Lohn ist, sondern purer Zu-fall, eine Art Geschenk, ermöglicht durch die Umkehrung des Denkens und gängiger Strategien. »Probier's mal auf der anderen Seite!«, ruft Jesus den Jüngern zu (V. 6). Oder anders: manchmal liegt das Glück im Rücken des Betrachters…

Doch zur österlichen relecture gehört nicht nur das Licht, das einem über etwas Schlichtem aufgeht, und nicht nur das unverhoffte Glück am Ende eines langen, erfolglosen Weges. Zu ihr gehört auch der Blick ins Schmerzhafte, ins Peinliche und Peinigende. Freilich, verwandelt auch hier! Als Petrus an Land steigt, erwartet ihn ein loderndes Kohlenfeuer am Boden. Der (auch terminologische) Bezug zu Joh. 18,18 ist unverkennbar: In jener tiefsten Nacht im Hof des Hohepriesters in Jerusalem brannte auch ein solches Kohlenfeuer – der Herd der Verleugnung des Petrus.

Doch es bleibt nicht bei diesem lodernden Bild des Versagens. Jesus lädt zum Mahl ein – wie so oft. Und auch diesmal nicht nur deshalb, um die hungrigen Mägen zu speisen, sondern zugleich um die hungrigen Seelen zu sättigen. Ein Versöhnungsangebot wird ausgesprochen, Schuld wird vergeben – im gemeinsamen Essen.


Am Anfang eines neuen Tages

Ist der Fremde Jesus? Am Ende fragt niemand, weil es alle wissen. Wozu Namen und Bekenntnisse, wenn doch Zeichen mehr als deutlich sprechen. Im Teilen von Brot und Fischen werden die Jünger dessen gewiss: »Er ist's! Der Christus, der Auferstandene! Denn hier ist Gott selbst gegenwärtig. Das Teilen ist die Gestalt, in der sich die göttliche Liebe zeigt – ganz alltäglich, jeden Tag.«


Lieder

EG 454 »Auf und macht die Herzen weit«

EG 551 (Württ.) »Wo einer dem andern neu vertraut«

EG 182 »Suchet zuerst Gottes Reich in dieser Welt«


Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2017

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