7. Mai 2017, Johannes 16,16-23a
Jubilate

Von: Ursula Bürger
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Wir sind guter Hoffnung


Der Text im Kirchenjahr

Am 3. Sonntag nach Ostern, Jubilate, soll dieser Text aus der Predigtreihe III auf den Sonntag einstimmen. Die liturgische Farbe ist weiß, das Wochenlied »Mit Freuden zart«. Alles soll von österlicher Freude durchdrungen werden. Und wenn an diesem Sonntag noch das Wetter und die Natur mitspielen, dann kann man mit einer frohgestimmten Gemeinde rechnen, die aber natürlich auch ihre bedrängenden Fragen im gesellschaftlichen und privaten Bereich mitbringt. Wie es eben auch der Text formuliert: auf der einen Seite Jesu Trost und Aufforderung und Hoffnung zur Freude und auf der anderen die Jünger, die viele Fragen haben.

Der Text findet sich in den Abschiedsreden Jesu, Kap. 13-17, und thematisiert im Gegenüber Trauer der Jüngerschaft in der Welt und Jesu Ansage auf Freude beim Wieder­sehen.


Zum Text im Einzelnen

Jesus spricht von einer »kleinen Weile«, »über ein kleines«, wie Luther übersetzt, einem »Mikron«, in der die Jünger ihn nicht sehen werden, und wieder von einem »Mikron«, an dem sie ihn sehen werden. Dieses doppelte »Mikron« ruft ihr Unverständnis hervor. Was bedeutet diese »kleine Weile«? Nach menschlichem Zeitempfinden sind auch diese vagen Zeitangaben relativ. Schöne Zeiten werden als zu kurz empfunden, schwere als zu lang. Was also ist ein »Mikron«? »Kurze Weile« im Gegensatz zur »Langen Weile«? Ein »Mikron« ist: »Die Zeit der Begegnung mit dem offenbaren Jesus, Zeit der Antwort des Glaubens, Zeit des Verweilens im Blick auf die Gabe, Zeit des Erlebnisses, des Innewerdens der Freiheit, Zeit der denkenden Betrachtung, des bewußten Verstehens … Und das alles nur ›eine kleine Weile‹, weil es kein Verweilen beim Erlebnis gibt, wenn das Erlebte nicht zerfallen soll.« (Bultmann, 446)

In diesem doppelten »Mikron« spielt sich die Existenz der Jüngerschaft, der christlichen Gemeinde ab.

V. 20: Aber immer bleibt die eigentümliche Distanz zwischen dem Glaubenden und dem Offenbarer. Immer haben die Glaubenden die Probe zu bestehen, in die scheinbar leere und dunkle Zukunft zu blicken und zu warten auf die Vollendung, auf die Erlösung, auf die Wiederkunft Christi, das Eintreten der Erlösung. So sind, zumindest die drei großen monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum, Islam, Wartegemeinschaften. Alle warten auf den Erlöser, den wiederkommenden Erlöser, das Gottesreich. Wir warten, dass aus unserer Trauer Freude wird. Und diese Freude hat in der Trauer ihren Ursprung. Die Trauer um den Weggang Jesu – eine kleine Weile – ist der Grund für die später – eine kleine Weile – einsetzende Freude, wenn nämlich Jesus wiederkommt.

Inzwischen sind 2000 Jahre vergangen, und Christen beten immer noch: »Komm, Herr!« Trauer und versprochene Freude, zwischen diesen beiden Polen ist unser christliches Dasein beschrieben. So lebt die Jüngerschaft, die Gemeinde, in einer frag-würdigen Existenz.

V. 21: »Die gebärende Frau« wird als Beispiel für die Folge von Trauer und Freude dargestellt. Der Vergleich nimmt auf den ersten Blick für sich ein, aber da ist der Anlass der Freude, dass doch nach all den Anstrengungen »am Ende was rauskommt«, ein neuer Mensch. Doch dies verführt, nach dem Objekt der Freude, dem neuen Menschen, zu schauen: Du bekommst etwas für deine ­Mühen des Geburtsvorgangs.

Christen sind vorerst schwanger mit der Hoffnung auf das Kommen der Erlösung: Das Kind ist noch nicht da. Wir wissen auch nicht, in welchem Stadium der Schwangerschaft wir uns befinden. Aber es gibt lebendige Anzeichen dafür, dass »da etwas unterwegs ist«. Hier lassen sich Beispiele aus der eigenen Gemeinde einflechten, wo christliches Leben und Glauben lebendige Zeichen setzen, diakonische Aktivitäten, gemeinschaftsfördernde Ideen, Gemeinde als Wartegemeinschaft, die unterwegs ist.

V. 23: »An dem Tage (wenn Christus wieder da ist – wenn die zweite kleine Weile da ist) werdet ihr mich nichts fragen.« Dann lebt die Jüngerschar im fraglosen Dasein, in einer Freude, die niemand wegnehmen kann, die keinen Zweck und keine Berechnung hat. Wir sind guter Hoffnung.


Literatur

Rudolf Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen (10. Aufl.) 1968

Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand, Hoffmann & Campe, Hamburg (2.Aufl.) 1997


Ursula Bürger

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2017

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