Luthers Theologie der Ökonomie, Teil I
»Der Mammon klebt der Natur an bis in die Grube«

Von: Gebhard Böhm
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Anlässlich des Reformationsjubiläums stehen – abseits des üblichen Medien- und Event-Hypes, der um seine Person getrieben wird – vor allem Martin Luthers theologische Überlegungen oder aber seine problematischen politischen Stellungnahmen im Vordergrund ­einer kritischen Auseinandersetzung. Doch was ist mit seinen Bemerkungen zur Ökonomie? Hat Luther hier sehr früh Richtungsweisendes für eine Ethik des Geldes erkannt? ­Gebhard Böhm nimmt in seinem dreiteiligen Aufsatz Luthers Theologe der Ökonomie unter die Lupe.
 

I  Zeitgebunden oder zukunftsweisend?

Wieder einmal ein Luther-Jubiläum! Das gab’s schon öfter. Der 500. Geburtstag des Reformators liegt gerade mal 34 Jahre zurück. Und jetzt wird der 500. Jahrestag des legendären Thesenanschlags begangen, der – so die Übereinkunft der Nachgeborenen – den Beginn der Reformation markiert. Im Lutherjahr 2017 steht der Gefeierte hoch auf dem Sockel. Dort steht er freilich immer. Daher wird er viel verehrt und häufig zitiert. Und wozu könnte man ihn nicht alles ­zitieren!

Luther ist natürlich »der Theologe«, der Exeget, der »Doktor der heiligen Schrift« – er ist der, der die Kirche und den Glauben reformieren, von der Bibel her neu – bzw. alt, in ihrem ursprünglichen Sinn – verstehen und gestalten wollte. Dessen wird gedacht. Und da geht es dann zumeist um sola gratia, sola scriptura, sola fide, um die Rechtfertigungslehre, um Gesetz und Evangelium etc.

Aber Luther hat sich ja nicht nur in theologischen Dingen geäußert. Er hatte zu vielem eine Meinung und zu vielen Themen, Fragen, Problemen hat er sein Sprüchlein gesagt. Zu allem und jedem hat er sich geäußert – die Tischreden (aber nicht nur sie) zeigen das: über Bauern, Hexen und Juden, über Poltergeister, Aberglaube und Astrologie, über Juristen und Ratgeber und Vielredner, über Ehe, Ehescheidung und Kinder, über Schule und Schulmeister, über die Obrigkeit, die Stände, die Soldaten – und über vieles andere mehr hat er sich ausgelassen. Und eben auch über Handel und Geschäfte, über die Ökonomie im Kleinen und im Großen.

Und wahrlich: vieles von all dem ist »Meinung«, »Ansichtssache«, oft interessant, ärger­lich manchmal, skurril gelegentlich, vielleicht veraltet-zeitgebunden. Vieles ist Ausdruck seiner Person, erklärbar aus seiner Situation, Folge der ihn prägenden Traditionen und Anschauungen. Man muss nicht alles verbindlich nehmen, etliches muss man verwerfen – wie manche Worte über Juden und aufständische Bauern, man kann anderes einfach übergehen und nicht ganz wenig darf man humoristisch nehmen – wie einige der Bonmots, die von ihm überliefert sind, und noch mehr die, die ihm volkstümlich in den Mund gelegt wurden.

Wie steht es aber da mit dem, was Luther zur Wirtschaft gesagt hat? Ist das auch »Nebensache« – neben der »Hauptsache«: seiner Theologie?1 Ist das nur »Nachhall« des Mittelalters und der damals bröckelnden kirchlichen Haltung zu Zins und Wucher?2 Ist das Ausdruck des partikularen »klassenbezogenen« Standpunktes des Sohnes eines vom Bergmann zum Grubenbesitzer aufgestiegenen Unternehmers?3 Ist das nicht doch einfach Zeichen von Unkenntnis, von Inkompetenz, von Ignoranz4, was bislang freilich noch selten Theologen gehindert hat, zu einer Sache Stellung zu nehmen? Oder kommt darin zum Vorschein, dass Luther etwas von Ökonomie versteht, so dass es nicht unberechtigt wäre, ihn mit Karl Marx als »ältesten deutschen Nationalökonomen«5 zu bezeichnen? Zeigt sich darin, dass er nicht rückwärtsgewandt-reaktionär, sondern aktuell, ja vielleicht sogar zukunftsbedeutsam über Wirtschaft denkt und sich wegweisend dazu äußert?6 Erweist sich darin eben gerade nicht ein »Klassenstandpunkt«, sondern die Konsequenz der biblischen »Option für die Armen«? Und ist das, was er in ökonomischen Dingen sagt, vielleicht tatsächlich Konsequenz und Ausdruck seiner theologischen Verantwortung?


II  Luther – ein theologischer Nationalökonom

Eben als Konsequenz und Ausdruck theologischer Verantwortung hat Luther selbst es gesehen. In Predigten mahnt er die Gemeinde, in seinen Tischreden spricht er zu den Haus- und Tischgenossen, in den beiden Katechismen leitet er die zum jeweiligen Hausstand gehörenden und die in ihrem Beruf arbeitenden Christen zu verantwortlichem wirtschaftlichem Handeln im Alltag an. Und in programmatischen Schriften7, die, ohne die wirtschaftsethische Frage darauf zu verengen, thematisch stets um den »Wucher«, also um die Kreditvergabe gegen Zins kreisen (im »Sermon vom Wucher« (1519), in »Von Kaufshandlung und Wucher« (1524), in der »Vermahnung an die Pfarrherrn, wider den Wucher zu predigen« (1539/40)) erweist Luther sich nicht nur als engagiert, sondern auch als in der Sache kompetent. Er weiß, ­wovon er redet. Er hat nicht einfach eine Meinung, er hat Ahnung – und gewiss mehr als nur eine Ahnung, er hat etwas zu sagen.


Der Mensch muss wirtschaften, um zu leben

Luther weiß um die Bedeutung und Notwendigkeit der Wirtschaft für das Leben: »Man kann nicht leugnen, dass Kaufen und Verkaufen eine nötige Sache ist, deren man nicht gut entbehren kann.«8 Dieses Wissen unterscheidet sich angenehm von der Ahnungslosigkeit einer vermeintlich nur geistlichen, religiösen Existenz. Der Mensch muss wirtschaften, um zu leben. »So haben auch die Patriarchen9 verkauft und gekauft, Vieh, Wolle, Getreide, Butter, Milch und andere Güter.«10

Luther schreibt und redet zur Sache, zur Sache der Ökonomie, zur Sache des Produzierens und des Konsumierens und des Handelns. Aber Luther, der Theologe, redet nicht erbaulich-fromm, er handelt sachverständig von dieser, der ökonomischen Sache. Er hat das Prinzip der Ökonomie verstanden und formuliert deren »Hauptspruch«, ihre »allgemeine Regel«, so: »Ich verkaufe meine Ware so teuer wie ich nur kann!«11 Das liest sich banal, weil es gängige Praxis ist, bis heute: Gewinnorientierung, Profitmaximierung – darum geht es in der Wirtschaft. Und dafür ist ggf. jedes Mittel recht: Preistreiberei12 oder – je nachdem – Preisdumping (um die Konkurrenz in die Knie zu zwingen)13, Monopolbildung14, Verknappung der Ware15, Kartellbildung16, Verkauf auf Ratenzahlung17, Spekulation18, maximal-durchsetzbarer19, fest vereinbarter20, verbindlicher Zins auf Darlehen – Luther beschreibt die gewählten Praktiken und weiß, dass ihre Aufzählung nicht vollständig ist: »Wie sollte es möglich sein, dass man sie alle aufzählt!« Aber sie sind repräsentativ, so »dass man alle anderen bösen Stücke aus diesen erkennen und ableiten möge.«21


Befreiung zur Sachlichkeit

Luthers Sachkenntnis bezüglich der ökonomischen Situation seiner Zeit ist enorm. Daher ist es berechtigt, ihn einen »Nationalökonomen« zu nennen.22 Aber Luther äußert sich nicht in ökonomischem, sondern in theologischem Interesse.

Hier ist vorweg von Bedeutung, dass er grundsätzlich wirtschaftliches Handeln versteht als etwas, wodurch »niemand besser oder schlechter wird vor Gott«23. Das ist ja überhaupt seine reformatorische Einsicht, dass »allein der Glaube« die Gottesbeziehung des Menschen definiert und bestimmt. Alles Weltliche, jedes Tun des Menschen ist daher von religiöser Zweckbestimmung frei: Luthers Rechtfertigungslehre schließt notwendig die Befreiung der Ethik »zur Sachlichkeit« ein: Das Handeln des Menschen soll ihn nicht vor Gott (und den Leuten) ins rechte Licht setzen, es soll ganz einfach »sachgemäß« sein.

Wirtschaften ist daher für Christen eine irdisch-weltliche Angelegenheit, in der übrigens auch »Heiden, Türken (Muslime) und Juden« durchaus sachkundig sein können (»frum seyn mugen«). D.h.: »Die Regelung von Wirtschaftsordnung und Geldwesen ist der Vernunft aufgetragen.«24 Daraus freilich zu schließen, es gebe daher hierfür »keine unmittelbar anwendbaren biblischen Vorschriften«25, ist nur in dieser engen Formulierung zutreffend, nicht jedoch in der grundsätzlichen Hinsicht, als ob diese weltlich-irdische Sache keiner Orientierung bedürfe oder sich aus der Bibel keine Orientierung für diese Sache ergeben könne. Die Rechtfertigung des Menschen »sola fide« überlässt ihn in seinem Tun ja nicht der Beliebigkeit und der Orientierungslosigkeit. Entsprechend kann ein Christ in weltlichen Fragen und Problemen »nicht den Stimmen Gehör schenken, die dir raten, deine Seele, deine Seligkeit Gott anzubefehlen, für dein ewiges Heil Gott sorgen zu lassen, in den Dingen dieses Lebens aber deinem gesunden Menschenverstand zu folgen, der dir ja auch von Gott gegeben sei. So redet der Versucher26


Ökonomie in christlicher Verantwortung

Es geht Luther also zum einen darum, ob bzw. wie es möglich sein kann, ökonomisch in christlicher Verantwortung zu handeln27, d.h. es geht um christlich-ethische Orientierung in wirtschaftlichem Handeln. Hierbei denkt Luther an die berufliche Existenz des Kaufmanns28 und an die des Bauern und des Handwerkers. Er denkt aber auch an die ökonomisch bestimmte Existenz des Hausvaters, ja sogar des Knechtes und der Magd.29 Christliche Verantwortung in der Ökonomie, in der Wirtschaft ist wesentlich »personale« Verantwortung. Sie ergibt sich für Luther zwingend daraus, dass er – aus reformatorischer Einsicht – die vermeintlich unökonomische Sonderexistenz des Mönchtums ablehnt und den Glauben weltlich, nämlich im »Beruf« verortet30, wobei er unter »Beruf« nicht nur die jeweilige Profession, sondern auch den jeweiligen existentiellen Ort des Menschen versteht.

Dabei geht es ihm andererseits auch ganz wesentlich um die Gestaltung des öffentlichen Raumes der Wirtschaft und der Gesellschaft und um die christliche Verantwortung hierfür. Insofern der Glaube teilhat an der Öffentlichkeit und Gemeinschaftlichkeit des Lebens, weil er ja seinen Ort nicht in der Innerlichkeit des Seelenlebens oder in der Weltlosigkeit des kirchlichen Binnenraumes, sondern in der Wirklichkeit der Welt hat, erfordert christliche Verantwortung die Schaffung einer Ordnung, die dem Glauben entspricht. Dabei geht es durchaus um die Schaffung von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen, die den öffentlichen Raum so gestalten, dass Leben und Zusammenleben möglich wird bzw. bleibt und dass Recht geschaffen und dem Unrecht gewehrt wird.31 Hier wird deutlich, dass Ethik für Luther – so sehr sie die personale Orientierung des Christen betrifft – immer auch eine »Ethik der Strukturen« sein muss.

Weil Wirtschaften konstitutiv ist für die menschliche Existenz, ist Wirtschaftsethik, ist die theologische Reflexion verantwortlicher Gestaltung des menschlichen Lebens und Zusammenlebens unerlässlich. Dass Luther sich zu Fragen der Wirtschaft äußert, ist also nicht der zeitgeistigen Aktualität geschuldet; er beteiligt sich nicht mit seinen persönlichen Ansichten am damals aktuellen »Meinungsstreit«. Was er sagt, ergibt sich für ihn aus der »Sache des Glaubens«. Was er zur Wirtschaft und zum Wirtschaften äußert, ist »theologische Wirtschaftsethik« bzw., da er ja nicht nur über wirtschaftliches Handeln nachdenkt, sondern das Wesen von Wirtschaft insgesamt theologisch zu erfassen sucht, geht es ihm in umfassendem Sinn um eine »Theologie der Ökonomie«.


III  Wirtschaft kann nicht ihrer eigenen Orientierung folgen

Indem Luther die Ökonomie als der ethischen Orientierung bedürftig versteht, bestreitet er ihr das Recht auf jede vermeintliche »Eigengesetzlichkeit«.32 Wirtschaft kann nicht ihrer eigenen Orientierung folgen, schlicht, weil sie keine eigene Orientierung hat. Wirtschaft dient immer bestimmten Interessen, Zwecken und Zielen von Menschen, weil Wirtschaften nicht ein natürlicher Prozess, sondern ein kulturelles Unternehmen ist. Wirtschaft wird von Menschen gemacht und betrieben. Das steckt bereits in dem »Hauptspruch«, in der schon erwähnten »allgemeinen Regel«: »Ich verkaufe meine Ware so teuer wie ich nur kann!«33 Es war zuvor nicht präzise formuliert: »Darum geht es in der Wirtschaft.« Richtig muss es lauten: »Darum geht es dem Menschen in der Wirtschaft.«


Der »Gräuel« egoistischer Ökonomie

Damit aber geht es dem Menschen ganz und gar und nur um sich selbst – und damit richtet er sich gegen seinen Nächsten: »Was ist das anders gesagt als so viel: ›Ich frage nichts nach meinem Nächsten!‹?«34 Das »Schalksauge« und der »Geizwanst« nimmt wahr, dass ein anderer auf die Ware angewiesen ist und ihrer bedarf, und schaut dann nicht auf den Wert seiner Ware oder auf Mühe und Gefährlichkeit der Beschaffung – und »steigert« den Preis seiner Ware, den er nicht »steigern« würde, wenn dies nicht möglich wäre ohne die Not des Nächsten. D.h. er nützt die Not des Nächsten aus und schlägt aus ihr Kapital. Die Not des Nächsten ist also dem Händler ein »Schatz«.35 »Sage mir: heißt das nicht unchristlich und unmenschlich gehandelt?« ­Luther nennt’s ein »Gräuel«.36


»Win-win«-Verhältnisse

Luthers Vorstellung von dem, wie Wirtschaften geschehen soll, zielt ganz offenkundig stattdessen auf eine »win-win-Beziehung« der Beteiligten. Statt der erwähnten gängigen Grund- und Hauptregel der Ökonomie ist daher dies die christlich-ethische Regel: »Ich verkaufe meine Ware so teuer wie ich soll oder wie es recht und billig ist.«37 Und Luther begründet dies so: »Dein Verkaufen soll nicht etwas sein, das frei in deiner Macht und in deiner Willkür stünde, als seiest du ein Gott, der niemandem verbunden wäre. Sondern weil dein Verkaufen etwas ist, das du gegenüber deinem Nächsten vollziehst, soll es nach der Regel und in dem Gewissen erfolgen, dass du es ausübst ohne Schaden und Nachteil deines Nächsten. Und du sollst dabei mehr darauf achten, dass du ihm nicht schadest, als darauf, wie du Gewinn machst.«38

Aber Luther weiß wohl, dass man das nicht gerne lesen möchte: »Nun weiß ich wohl, dass mein Schreiben übel gefallen wird und (die Leute) werden vielleicht alles in den Wind schlagen und bleiben wie sie sind.«39 Die ethische Orientierung der Wirtschaft ist das ganz und gar Unwahrscheinliche. Denn in der Ökonomie, in seinem Wirtschaften – davon ist Luther überzeugt – tritt ans Licht, wie es um den Glauben des Menschen steht, theologisch gesprochen: in seinem wirtschaftlichen Handeln offenbart der Mensch, was bzw. wer sein Gott ist.


Gott oder Mammon

In den Erklärungen des Kleinen und des Großen Katechismus zum ersten Gebot – »Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!« – verweist Luther auf dieses Fundament seiner Wirtschaftsethik: Es geht darum, ob der Mensch den befreienden, heilvollen biblischen Gott »über alle Dinge fürchtet, liebt und ihm vertraut«40 oder ob er sich an den »allergewöhnlichsten Abgott auf Erden«, den Mammon, hält: »Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergewöhnlichste Abgott ist auf Erden. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und wiederum, wer keines hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ihrer gar wenig finden, die guten Mutes sind, nicht trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; es klebt und hängt der Natur an bis in die Grube.«41

Das Jesus-Wort aus der Bergpredigt »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon« formuliert die Alternative und stellt vor diese Entscheidung: »Niemand kann zwei Herren dienen!« (Mt. 6,24) Und um diese Radikalität geht es Luther in seiner theologischen Kritik der menschlichen Ökonomie. Diese Radikalität der Bergpredigt bringt er kompromisslos zur Geltung als das, was jedem Christenmenschen gilt.


Keine elitäre »geistliche« Ethik

Die mittelalterlich-katholische Unterscheidung zweier »Stände« unter den Christen, den Stand der »Geistlichen« und den Stand der »Laien«, hebt Luther grundsätzlich auf. Für ihn ist jeder, der »aus der Taufe gekrochen«42 ist, ein »Priester, Bischof und Papst«. Daher verneint Luther grundsätzlich die Unterscheidung einer – wenn man so will – alltagstauglichen Ethik für die Laien, für das Volk von einer nur in geistlicher Sonderexistenz zu lebenden elitären Ethik der Geistlichen, die Unterscheidung von Geboten, etwa dem Dekalog, an die sich jeder zu halten hat, gegenüber den sog. »evangelischen Räten«, Ratschlägen des Evangeliums, an die man sich im Alltag des Lebens weder halten könne noch müsse, sondern allenfalls sich freiwillig halten könne, wenn man sich auf den »weltlosen« Weg geistlichen Lebens, auf das Mönchtum also, eingelassen habe.

Die radikale, grundlegende Antithese der Bergpredigt bezüglich der Gewaltlosigkeit etwa galt als »evangelischer Rat«, als etwas, das in der Wirklichkeit von Gesellschaft und Politik nicht verwirklichbar sei: »Ich sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.« Auch diese ökonomische Konkretion scheint kaum realistisch: »Wenn jemand mit dir rechten und dir deinen Rock nehmen will, dem lass auch den Mantel!« (Mt. 5,39f) Und auch dies sollte im Alltag nur in höchst eingeschränkter Form gelten: »Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will!« (Mt. 5,42) Gerade diesen »evangelischen Ratschlag« aber nimmt Luther zum Ausgangspunkt seiner wirtschaftsethischen Grundsatzpredigt, dem »Sermon vom Wucher« (1519).


(Teil II im nächsten Heft)


Anmerkungen:

1 Hans-Jürgen Prien, Luthers Wirtschaftsethik, 1992, Neuauflage 2012, 240f, meint, »daß Luthers Stellungnahmen zu wirtschaftsethischen Fragen … in der Lutherforschung meist eher marginal eingestuft worden sind«.

2 S. Ernst Troeltsch, Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen, Ges. Schr. Bd. 3, 19233, 578; an anderer Stelle spricht Troeltsch von »Nachblüte des Mittelalters« – zit. n. Prien, 17; auch Max Weber sieht in Luthers Äußerungen zu Wirtschaftsfragen eine »rückständige Vorstellungsweise« – vgl. Prien, 16.

3 S. Günter Fabiunke, Martin Luther als Nationalökonom, 1963, 148; Fabiunke bezeichnet Luther als »kleinfeudalen, kleinbäuerlichen, kleinbürgerlichen Ökonomen« mit »konservativ-reaktionärer« Haltung, der Ökonomie nur im Rahmen »einfacher Warenwirtschaft« verstehen könne – vgl. Prien, 14.

4 Georg Wünsch, bescheinigt Luther in dieser Frage »Weltferne« (Wirtschaftsethik, 1927, 319f). ­Hartmut Weber begrenzt seine Diagnose der »wirtschaftsethischen Sterilität« freilich auf »das Luthertum« (RGG3 VI, Sp. 1740).

5 Prien, 13.

6 »(Adolf) Holl bezeichnet … Luthers Ethik im Gegensatz zu Troeltsch als durchaus fruchtbar für die Gegenwart.« (Prien, 19)

7 In vielen thematisch anders ausgerichteten Schriften sind wirtschaftsethisch bedeutsame Passagen zu finden, so z.B. in: »An den christlichen Adel … (1520), »Von den guten Werken« (1520).

8 Von Kaufshandlung und Wucher, 1524 – WA 15, 293 (Die Zitate sind sprachlich modernisiert).

9 Abraham, Isaak und Jakob.

10 Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 293.

11 A.a.O., WA 15, 294 – vgl. die Erklärung zum 7. Gebot im Großen Katechismus (Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, 1930 (Neuauflagen), 621).

12 »Diese Teuerung ist eine willkürliche Teuerung. Wir werden zu Mördern und Dieben an unseren Nächsten. Denn du bist schuld am Tod und dem Verschmachten des Armen.« (Kurt Aland (Hrsg.) Martin Luther – Tischreden, 1960, 267)

13 »Sie geben ihre Ware so wohlfeil, dass andere nicht mithalten können; so zwingen sie die Konkurrenz dazu, dass sie entweder nicht verkaufen kann oder zu ihrem eigenen Verderben auch so billig verkaufen muss.« (Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 307)

14 »Da sind etliche, die ein Gut oder eine Ware in einem Land oder in einer Stadt ganz und gar aufkaufen, auf dass sie alleine dieses Gut ganz und gar in ihrer Gewalt haben, und es danach verteuern können, so sehr sie nur wollen.« (Von Kaufs­hand­lung und Wucher – WA 15, 305)

15 Luther nennt beispielsweise Bauern, »die ihr Getreide verstecken, weil sie eine Teuerung erwarten, um es dann teurer zu verkaufen« (nach: Aland, Martin Luther – Tischreden, 267).

16 Luther verweist auf »einen besonderen Rat« im englischen Tuchhandel: »Dem Rat müssen alle die Engländer gehorchen, die englische Tücher verkaufen.« (Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 309f)

17 »Es machen sich etliche kein Gewissen daraus, dass sie ihre Ware auf Borgen und Zeit (= auf Ratenzahlung) teurer verkaufen als bei Barzahlung.« (Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 305) »Wo solches Borgen und Leihen nicht wäre, müsste mancher hier unten bleiben und sich mit mäßiger Nahrung begnügen, der sich sonst auf Borgen und Bürgen verlässt und Tag und Nacht in die Höhe trachtet.« (Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 304)

18 »Wenn einer einem anderen eine Ware, die er gar nicht hat, zu einem bestimmten Preis verkauft, weil er weiß, dass er diese Ware irgendwo sonst sich billiger noch besorgen kann, also bei Einkauf und Verkauf einen Gewinn ohne jedes Risiko hat«. (vgl. Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 307) »Das heißt, sich fein auf der Gasse von fremdem Geld und Gut ernähren.« (WA 15, 308)

19 »Das verstehe ich nicht, wie man mit hundert Gulden im Jahr zwanzig erwerben kann, ja ein Gulden einen anderen«. Er empfiehlt, »den Fuggern und dergleichen Gesellschaften einen Zaum ins Maul zu legen«. Denn »das größte Unglück für die deutsche Nation ist gewiß das Kreditwesen. … Der Teufel hat es erdacht«. (An den christlichen Adel deutscher Nation: Von des christlichen Standes Besserung, 1520, in: Karin Bornkamm/Gerhard Ebeling (Hrsg.), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 1. Bd., 1982, 233f)

20 »Sie wollen ihrer Zinsen und ihres Guts gewiß und sicher sein und darum ihr Geld von sich tun, damit es bei ihnen – sc.: in eigenen, stets mit Risiken verbundenen, Geschäftstätigkeiten – nicht in Gefahr bleibe. Es ist ihnen viel lieber, daß andere Leute damit arbeiten und in der Gefahr stehen (= das Risiko tragen), so daß sie derweil müßig und faul sein können und doch auf diese Weise reich bleiben oder werden. Ist das nicht Wucher, so ist er ihm sehr ähnlich.« (Sermon vom Wucher, in: Karin Bornkamm/Gerhard Ebeling (Hrsg.), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 2. Bd., 1982, 17) »Da ist der Käufer (hier: = der Darlehensgeber) seines Zinses sicher ohne Risiko, was gegen die Natur jeglichen Darlehensgeschäfts ist.« (Von Kaufshandlung und Wucher – WA 6, 56)

21 Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 304.

22 S. Anm. 3 und 4.

23 Von Kaufshandlung und Wucher – WA 6, 51.

24 Martin Honecker, in: TRE 12, 1984, 286.

25 Honecker, a.a.O., 287.

26 Alfred Quervain, Das Gesetz Gottes – Die zweite Tafel (Predigten), Theologische Existenz heute 39, 1936, 33.

27 Es geht ihm darum wie man Kaufen und Verkaufen »wol Christlich brauchen kan« (Von Kaufs­hand­lung und Wucher – WA 15, 293).

28 Das ist v.a. Thema der programmatischen Schrift »Von Kaufshandlung und Wucher«.

29 Das ist wesentlich Gegenstand der Unterweisung des Kleinen und des Großen Katechismus (1529).

30 S. Gustav Wingren, Luthers Lehre vom Beruf, 1952.

31 Darum geht es z.B. in der Adelsschrift (1520) unter Punkt 26 (WA 6, 465) und in der Obrigkeitsschrift (1523) (WA 11, 245ff).

32 Das hat eine klare Entsprechung in der 2. These der Barmer theologischen Erklärung (1934): »Durch Gott seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung. (1. Kor 1,30) Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürfen.« (hier zit. n. Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Württ. Landeskirche, 1. Aufl. 1996, 1507)

33 Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 294.

34 Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 294.

35 Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 295.

36 Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 295.

37 Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 295.

38 Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 295.

39 Von Kaufshandlung und Wucher – WA 15, 313.

40 Vgl. Luthers Erklärung zum 1. Gebot im Kleinen Katechismus – Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, 1930 (Neuauflagen), 507.

41 Aus Luthers Erklärung zum 1. Gebot im Großen Katechismus – Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, 1930 (Neuauflagen), 561.

42 An den christlichen Adel deutscher Nation: Von des christlichen Standes Besserung, 1520, in: Bornkamm/Ebeling, Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 1. Bd., 156f.

 

Über den Autor

Pfarrer i.R. Gebhard Böhm, Jahrgang 1948, 1966-1971 Studium der Theologie in Tübingen und Göttingen, Pfarrer der Württ. Landeskirche, ab 1984 im Religionsunterricht am Gymnasium, 1993 Studiendirektor in der staatlichen Schulaufsicht, ab 2003 im Evang. Oberkirchenrat Stuttgart, seit 2012 im Ruhestand; Engagement bei Oikocredit (seit 1980) und in diesem Zusammenhang diverse theologische Publikationen, zuletzt »Versuchung und Chance – der Glaube und das Geld« (Fromm-Verlag 2016).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2017

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