Die Toleranzfrage im Jahrhundert der Reformation
»Küche der Meinungen«

Von: Sascha Salatowsky
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Mit der Reformation entstand im 16. Jh. eine von zunehmender Vielfalt geprägte religiöse Landschaft in Deutschland. An vielen Orten lebten gleichzeitig Anhänger verschiedener Konfessionen, Religionen und Glaubensrichtungen – mitunter in enger Nachbarschaft. Das war nicht ohne Konflikte und Polemik. Der Umgang mit der sich nun einstellenden Pluralität der Konfessionen musste erst gelernt werden. Sascha Salatowsky beschreibt diesen Lernprozess anhand einiger eindrücklicher Beispiele.
 

Ein neues religiös-konfessionelles Landschaftsbild

Mit der Reformation entstand im 16. Jh. eine von zunehmender Vielfalt geprägte religiöse Gesellschaft im Alten Reich. An vielen Orten lebten gleichzeitig Anhänger verschiedener Konfessionen, Religionen und Glaubensrichtungen – mitunter in enger Nachbarschaft. Bekannte Beispiele hierfür sind die bikonfessionellen Städte Augsburg und Erfurt, die beide katholisch-lutherisch geprägt waren. Konflikte blieben hier genauso wenig aus wie in Schmalkalden, wo sich durch die Konversion von Landgraf Moritz von Hessen-Kassel (1572-1632) zum Calvinismus im Jahre 1605 eine bikonfesionelle Situation zwischen den Protestanten ergab. Insbesondere nach dem Bildersturm von 1608 eskalierten dort immer wieder Konflikte, die sich vor allem an der zentralen Abendmahlsfrage entzündeten. Im Vergleich zu der relativ homogenen religiösen Gesellschaft des Mittelalters mit der einen katholischen Kirche im Zentrum war die sich nun einstellende Pluralität der Konfessionen neu. Der Umgang mit ihr musste erst erlernt werden.

In zahlreichen Religionsgesprächen zwischen den Konfessionen versuchte man die inhaltlich umstrittenen Lehren miteinander auszugleichen und Konfliktvermeidungsstrategien zu entwickeln. Eine dieser Maßnahmen betraf die zentrale Formel »Cuius regio, eius religio« (wessen Gebiet, dessen Religion), auf die sich die katholische und lutherische Seite nach langwierigen Verhandlungen auf dem Augsburger Reichstag von 1555 einigten. Diese Formel beinhaltete zum einen das ius reformandi, also das Recht des jeweiligen Landesherrn, die Religion seiner Untertanen zu bestimmen, zum andern jedoch das ius emigrandi, also das Recht der Untertanen, ihr Land zu verlassen. Auch wenn diese Formel längst nicht alle Probleme löste, so war sie gleichwohl das erste reichsrechtlich bedeutsame Anerkenntnis einer pluralen religiösen Gesellschaft von Katholiken und Lutheranern. Die Calvinisten bzw. Reformierten waren allerdings von dieser Regelung (noch) ausgeschlossen. Erst der Münsteraner Religionsfrieden von 1648 sorgte nach dem fürchterlichen 30jährigen Krieg, der große Teile Mitteleuropas, vor allem aber das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, verwüstet hatte, für die gegenseitige Anerkennung aller drei christlichen Konfessionen.

Der Weg dorthin war steinig und wurde von vielen Polemiken auf allen Seiten begleitet. Ironie, Sarkasmus, Verstellungen, persönliche Beleidigungen und Unterstellungen, Verleumdungen bis hin zu geistigen und körperlichen Verfolgungen waren probate Mittel, um den Gegner zu diffamieren, mundtot zu machen oder sogar körperlich anzugreifen. Die Toleranz hatte es unter diesen Bedingungen nicht leicht. Gleichwohl wurde sie je länger, desto stärker zum bestimmenden Element der neuzeitlichen, ja überhaupt unserer modernen Welt.

Unter der Überschrift »Viel Polemik, wenig Toleranz« werden in diesem Beitrag zwei Kupferstiche aus dem späten 16. Jh. ausführlich vorgestellt und in ihren historischen Kontext eingebettet, um einen etwas anderen Blick auf das Jahrhundert der Reformation zu werfen, deren 500jähriges Jubiläum in diesem Jahr gefeiert wird. Sie sind Teil der Ausstellung »Im Kampf um die Seelen – Glauben im Thüringen der Frühen Neuzeit« der Forschungsbibliothek Gotha, die vom 30. April bis zum 9. Juli im Spiegelsaal auf Schloss Friedenstein gezeigt wird.

Ein Ketzerbaum mit zwei Antichristen
(Abb. [unbekannt]: Arbor haereseon. [s.l.] [ca. 1576]. © Forschungsbibliothek Gotha]

Ein aus heutiger Sicht eher amüsantes Beispiel einer derben Polemik liegt in dem Kupferstich »Arbor haereseon« (Ketzerbaum) vor, der wohl erstmals 1576 von dem reformierten Theologen Lambert Danaeus (1530-1595) im Anhang seines Kommentars zum Werk »De haeresibus« (Über die Häresien) des Kirchenvaters Augustinus (354-430) abgedruckt worden ist. Der Kupferstich zeigt einen Baum, der mit seinem Wurzelwerk direkt aus dem Herzen Satans erwächst, der das Fundament aller Verunstaltungen der christlichen Lehre bildet. Als Urvater aller Häresien wird hier Simon Magus (verst. 65 n. Chr.) benannt, der in Apg. 8,9-24 als ein Zauberer beschrieben und später von den Kirchenvätern mit den gnostischen Sekten in Verbindung gebracht worden ist. Über die weiteren »Kernhäretiker« – den Gnostiker Valentinus (100-160), den Leugner der Gottheit Christi Artemon (3. Jh.) und den Urvater des Antitrinitarismus Arius (260-336) – bildet der Baum die jüngsten Äste aus, die mit den Namen »Papismus« und »Mahumetismus« versehen sind. Dass der Papst und der Prophet Mohammed hier als die »Krone« der Häresien beschrieben werden, markiert den hochpolemischen Aspekt dieses »protestantischen« Ketzerbaums.

Danaeus hat mit dieser Zuspitzung die Ketzerhistorie von Augustinus fortgeschrieben, die ursprünglich nur bis ins 4. Jh. reichte. Für ihn repräsentierte das Papsttum mit seiner hierarchischen, sich für unfehlbar haltenden Kirche die höchste Häresie des Abendlands. Der Papst sei der eigentliche Antichrist, da er die wahren Aufgaben und Pflichten des Mittlers Jesus Christus aufgehoben und die Kirche Christi in ihr genaues Gegenteil verkehrt habe, indem er aus einer episkopalen, von Gleichberechtigung geprägten Kirche eine pontifikale Kirche gemacht habe, die seinem Alleinvertretungsanspruch unterliege. Den »Mahumetismus« – also den Islam – sah Danaeus dagegen als die höchste Häresie des Morgenlands an, da er die Gottheit Christi vollständig leugne. Er sei daher ebenfalls als Antichrist anzusehen.

Wenig überraschend wurde dieser Ketzerbaum auch im Luthertum rezipiert. So hat der Stettiner Theologe Daniel Cramer (1568-1637) den Ketzerbaum in etwas überarbeiteter Form in seine große Bibelausgabe von 1619 zur Kommentierung der Bibelstelle Offb. 8,7-13 übernommen. Den vier Engeln mit ihren Posaunen entsprechend beschrieb Cramer vier Hauptklassen von Häresien, die in dem »Römischen« und »Türkischen Antichristen«, dem Papst und dem Propheten Mohammed, zusammenfließen. In seiner Schrift »Arbor haereticae consanguinitatis« (Baum der häretischen Blutsverwandtschaft) von 1623 hat Cramer sehr ausführlich aus seiner Sicht die Übereinstimmungen zwischen dem Papst- und Türkentum sowohl im Ritus und bei den Zeremonien als auch in einigen Lehrpunkten beschrieben. Dieser Ketzerbaum ist auch in die erste Ausgabe des Ernestinischen Bibelwerks von 1641 eingegangen. Er wurde erst seit 1662 weggelassen.

Freilich kennt auch die katholische Kirche die Tradition des Ketzerbaums, wenn auch freilich unter genau umgedrehten Vorzeichen. So hat Abraham Nagel (er wirkte 1572-1591) 1589 in Ingolstadt einen Holzschnitt mit dem Titel »Delineatio malae arboris Lutheranae. Das ist E. eygentliche Entwerffung und Fürstellung deß bösen unfruchtbaren Luther- und Ketzerbaum« veröffentlicht. Hier sind die alten Ketzer als die Wurzel des Baums dargestellt, während der siebenköpfige Luther und seine Gefolgsleute den Stamm bilden, dessen Äste wiederum die neuen Ketzer der »Confessionisten« ausprägen. Urheber des ganzen Ketzerbaums ist auch hier der Teufel.

Man sieht an diesen Beispielen, wie aufgeheizt die religiöse Stimmung auch noch am Ende des 16. Jh. gewesen ist. Turbulent hatte es bereits 1517 mit dem vermeintlichen Thesenanschlags Martin Luthers (1483-1546) an der Wittenberger Schlosskirche begonnen. Innerhalb weniger Jahre hat hier auf beiden Seiten eine scharfe Polemik Einzug gehalten, die noch dazu durch die Erfindung des Buch- und Einblattdrucks eine enorme Verbreitung erfuhr. Allerdings war die Polemik nur die eine Seite eines Kampfes um die Seelen, der auf der anderen Seite ganz reale und handfeste Züge annehmen konnte bis hin zu erfolgten Hinrichtungen.


Die Hinrichtung von Wiedertäufern

Eine Gruppe, die hierbei im Alten Reich besonders in den Fokus geriet, waren die Wiedertäufer, die seit der Mitte der 1520er Jahre an verschiedenen Orten verstärkt Zulauf erhielten. Für sie, die 1534/35 in Münster mit Gewalt ihr Täuferreich einzuführen versuchten, geschah die Aufnahme in den Bund der Auserwählten allein durch die Erwachsenentaufe. Luther sah hier eine gefährliche Form des Spiritualismus am Werk, der sich nicht mehr am offenbarten Wort Gottes orientiere, sondern von seinem unmittelbaren Wirken in den wenigen Auserwählten ausgehe und einen umstürzlerischen Charakter in sich trage. Innerhalb weniger Jahre eskalierte dieser Konflikt dramatisch.

Ein nicht nur aus heutiger Sicht besonders trauriges Beispiel einer solchen gewaltsamen Verfolgung innerhalb des noch jungen Luthertums liegt mit der Hinrichtung von sechs Wiedertäufern im thüringischen Reinhardsbrunn im Jahre 1530 vor. Im Auftrag des Kurfürsten verhandelte dort der Gothaer Pfarrer und Superintendent Friedrich Myconius (1490-1546) mit insgesamt neun festgesetzten Wiedertäufern, um sie zum Widerruf ihrer Ansichten zu bewegen. Die Gefahr eines neuerlichen politischen Umsturzes ahnend, den man mit der gewaltsamen Niederschlagung der Bauernaufstände von 1525 mit Thomas Müntzer (1489-1525) an der Spitze eben erst überstanden hatte, war die Obrigkeit nunmehr bereit, drakonische Strafen durchzusetzen. Am 10. Januar 1530 verhörte Myconius die neun Wiedertäufer. Da sechs von ihnen – zwei Männer und vier Frauen – bei ihren Ansichten blieben, wurden sie am 18. Januar öffentlich hingerichtet.

Diese Hinrichtung hat nachträglich kein Geringerer als Philipp Melanchthon (1497-1560) gerechtfertigt. In einem Brief von Ende Februar 1530 an Myconius, der im Original in der Forschungsbibliothek Gotha liegt, verteidigte sie der Wittenberger Reformator – gewiss im Einverständnis mit Martin Luther – vor allem mit dem Hinweis auf die »Zwickauer Propheten«, die er als Wurzel der Wiedertäufer ansah. Da sich mit den Bauernaufständen gezeigt habe, wohin die Irrtümer der »Rotten« führten, forderte Melanchthon nunmehr die Todesstrafe ihrer Anhänger. Er appellierte an die Einsicht des »skrupulösen« Myconius, die Ursachen des Aufruhrs zu erkennen. Myconius erweist sich hier als einer der wenigen Reformatoren, der die Hinrichtung von Christen durch Christen im Gegensatz zu den Wittenbergern, aber auch zu seinem Eisenacher Kollegen und Freund Justus Menius (1499-1558) mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte.


Debatten um die Toleranz

Forderungen nach Toleranz hatten es in diesen aufgeheizten Zeiten schwer. Nach der Hinrichtung des Antitrinitariers Michael Servetus (geb. 1509) 1553 in Genf unter den Augen von Johannes Calvin (1509-1564) war es vor allem der Humanist Sebastian Castellio (1515-1563), der die aus seiner Sicht unerträgliche Verfolgung von vermeintlichen Ketzern im Protestantismus scharf anprangerte und eine gegenseitige Tolerierung entgegenstehender Ansichten, Lehren und Glaubenspraktiken forderte. Von Calvin und seinem Nachfolger Theodor von Beza (1519-1605), aber auch von dem Heidelberger Theologen David Pareus (1548-1622) erhielt er dafür wenig Zustimmung. Ihrer Meinung nach muss die christliche Lehre rein erhalten werden, damit die Seelen der Gemeinden vor allen häretischen Ansichten geschützt werden können, und dafür sei der gewaltsame Einsatz der Obrigkeit bei »hartnäckigen« Ketzern gegebenenfalls notwendig und auch gerechtfertigt. Freilich gab es auch andere Stimmen im reformierten Lager, zu denen in Holland vor allem die Arminianer bzw. Remonstranten rund um Simon Episcopius (1583-1643) zu rechnen sind. Sie entwickelten – gerade im Nachgang zur Dordrechter Synode von 1619, die in dogmatischen Fragen den Sieg der orthodoxen Seite gebracht hatte – eine dezidiert andere Haltung, die sich für eine Gewissensfreiheit in Glaubensfragen und damit auch für eine Tolerierung entgegenstehender Ansichten einsetzte.

Ein Aufruf zur Toleranz
[Abb. Matthias Quad: Culina opinionum. [Köln] [ca. 1590]. © Forschungsbibliothek Gotha.]


Eine ähnliche Position findet man im orthodoxen Luthertum. Einer ihrer prominentesten Vertreter, der Jenaer Theologe Johann Gerhard (1582-1637), hat in seinem neunbändigen dogmatischen Hauptwerk Loci theologici (1610-1622) Luthers Zwei-Reiche-Lehre bestätigt. Nach dieser Ansicht ist die Obrigkeit für die Sicherstellung des weltlichen Friedens nach innen und außen verantwortlich, während die Kirche den ewigen und geistlichen Frieden des Menschen befördert. Ausdrücklich stellte Gerhard fest, dass die Kirche zwar das »Schwert des Geistes« (Eph. 6,17), nicht aber das weltliche Schwert verwenden dürfe, das allein der Obrigkeit zur Klärung politischer, nicht jedoch religiöser Fragen zustehe. In der Nachfolge Castellios bejahte er die Frage, ob der Magistrat eine Vielheit von Religionen in einer Gesellschaft tolerieren müsse. Auch wenn eine Einheit der Religion – gerade im Blick auf das Seelenheil der Gläubigen – wünschenswert sei, müsse man sich mit der konkreten Situation arrangieren. Gerhard stufte sogar den öffentlichen Frieden gegenüber dem kirchlichen Frieden als höherrangig ein. Vor diesem Hintergrund lehnte Gerhard dann auch wie viele seiner lutherischen Kollegen eine Hinrichtung von Andersgläubigen rundweg ab. Irrtümliche Ansichten könne man nicht durch äußere Gewalt bekämpfen, sondern nur durch brüderliche Unterweisung korrigieren und verbessern. Gerhard war sich durchaus bewusst, dass hier konfessionelle Differenzen nicht nur zu den Reformierten wie Calvin und Beza, sondern auch zu den Katholiken, und hier vor allem zu den Jesuiten Roberto Bellarmin (1542-1621) und Martin Becanus (1563-1624) bestanden.


Ein Aufruf zur Toleranz

Diese Debatten um die Toleranz schlugen sich auch in dem Kupferstich »Culina opinionum« (Küche der Meinungen) nieder, der wohl aus dem holländischen Milieu humanistischer Gelehrter stammt, in der vorliegenden Fassung jedoch mit verdeutschten Texten versehen worden ist. Er zeigt eine Szenerie, wie sie sich viele Zeitgenossen gewünscht hätten: Johannes Calvin, Martin Luther, ein Wiedertäufer und der Papst sitzen an einem Tisch beim Essen und Spielen. Sie wurden als Kirchenvertreter der vier damals am meisten verbreiteten christlichen Konfessionen von der Köchin als personifizierter »Ratio« (Vernunft) – dieses Wort ist ihr am Kleidersaum aufgenäht – zusammengerufen. Das Motto »Culina opinionum« bzw. »Glaubens küchen« im Begleittext zeigt an, dass die konfessionellen Gegensätze nicht auf der Ebene der Lehre (doctrina) verhandelt werden sollten, bei der sich sogleich die Frage nach wahr oder falsch stellt, sondern auf der Ebene eines bloßen Meinungsaustauschs (opinio), bei dem eine Tolerierung entgegenstehender Ansichten immer möglich ist.

Ganz rechts steht die Eintracht, die mit ihrer Hand auf den Hirsch verweist. Laut der deutschen Bildunterschrift heißt »Hirsch« im Holländischen »Hert«, wobei »eins menschen Hertzt auch ein Hert genannt wirdt«. Der Hirsch symbolisiert also das Herz, das für Friedsamkeit, Bescheidenheit und Redlichkeit steht. Dies verweist nicht zuletzt wieder auf die Eintracht und Vernunft zurück, die dazu aufrufen, die dogmatischen Gegensätze im Sinne der Gemeinschaft Christi zu überwinden – ganz so wie es die Charitas mit ihren vier Kindern auf dem Kaminsims fordert: »Ach wehr es saich das ein jeder gedechte uff Christi leste Sententie, dair er der Lieffte werck allein hatt Mentie.« Barmherzigkeit soll das Motto sein und nicht Hartherzigkeit gegenüber dem Nächsten.

Die vier Kirchenvertreter sind durch Begleittexte eindeutig identifizierbar, die zugleich ihr ironisch-polemisches Spiel mit ihnen treiben. Vor Calvin liegt ein Kalb auf dem Teller, und aus der Bildzuschrift »Calf fijn ist« ergibt sich das Wort Calvinist. Bei Luther wird mit seinem Namen durch den Hinweis auf die Laute (»luyt teer aan«) ebenso gespielt wie beim Papst, der »pap [Brei] ißt«, was zugleich auf »Papist« verweist, die ironische Bezeichnung der Papstgetreuen seitens der Protestanten. Allein beim Wiedertäufer, der nicht ohne Grund nahe beim Feuer sitzt – was als deutlicher Hinweis auf den Tod durch Verbrennen zu verstehen ist – vergeht der Spaß. Hier heißt es: »Kompf Widder Tauffer ich sopt das broedt sonder sluissen/ Acht die ander gesellschaft nichts in disem fall. Hetten sey ihrem Will, ich moest mich verkruissen/ Oder ich moest zum Fewr mitt geschall/ Doch so lang disser Koch ist Meister pleib ich all.« Hier wird der existentielle Ernst der Toleranzfrage sichtbar, die für die Randgruppen niemals beliebig ist. Die Köchin selbst ermahnt jeden einzelnen, doch die Folgen seines oft leichtfertigen Handelns zu bedenken. So heißt es im Text auf dem Sockel, der fast im Zentrum des Bildes steht, zu dem Papst: »Du sollest nit fluichen solt gebenedeyen. Das Tyrannisch morden trifft noch deinen kopff/ Dein hertz ist venin, und du ein loeser Droepff.« Die persönliche Sympathie des Kupferstechers für den Protestantismus und die Antipathie gegen den »Papismus« ist deutlich sichtbar.

Der Kupferstich wird dem Geographen, Karthographen, Schriftsteller und Kupferstecher Matthias Quad (1557-1613) zugeschrieben, der in Deventer geboren wurde, jedoch seit ca. 1587 in Köln wirkte. Das Motiv hatte durchschlagenden Erfolg: Im Museum Catharijneconvent in Utrecht hängt heute ein Gemälde aus der 1. Hälfte des 17. Jh., das den Kupferstich in ein sehr ähnliches Bildprogramm umgesetzt hat. Hier ist es eine Frau mit einem Olivenzweig als Zeichen des Friedens, die die vier Kirchenvertreter zum Frieden gemahnt. Erst der Münsteraner Friedensschluss von 1648 brachte Europa diesem Ziel einen Schritt näher.


Ausstellung »Im Kampf um die Seelen«

Die Ausstellung »Im Kampf um die Seelen – Glauben im Thüringen der Frühen Neuzeit« der Forschungsbibliothek Gotha beleuchtet nicht nur diese polemischen und toleranten Aspekte einer religiösen Gesellschaft. Sie zeigt viel umfassender die Eigenheiten der lutherischen, reformierten und katholischen Konfessionen im Thüringer Land, veranschaulicht die Situation des Judentums sowie verschiedener Frömmigkeitsbewegungen wie des Pietismus und der Herrnhuter Brüdergemeine und wirft schließlich einen Blick auf die Dissidenten. Sichtbar wird auf diese Weise eine Gesellschaft in Bewegung, die auch in den lutherischen Kernländern vielfältiger war, als oft angenommen wird.
Dazu trugen auch die durchaus nicht wenigen Konversionen und Migrationen bei, zu denen es als Folge der Aufsplitterung des Christentums in mehrere Konfessionen und dissidente Bewegungen in der Frühen Neuzeit immer wieder kam. Beide Phänomene stehen für eine extreme existentielle Situation, in der sich jemand im Kampf um das eigene Seelenheil für einen Glaubens- und/oder Ortswechsel entschied. Zu konvertieren, war eine radikale Entscheidung: Man musste für sich selbst über sehr gute Gründe verfügen, um diesen Schritt zu gehen, bedeutete er doch in der Regel den Verlust der eigenen Familie, der Freunde und der Heimat. Wer konvertierte, der verlor alles, was er hatte, gewann aber im Zweifel seinen ­eigenen Seelenfrieden.

Die Ausstellung zeigt schließlich die verschiedenen Glaubenspraktiken und illustriert den Lebenslauf zwischen Geburt und Tod. Viele Eltern mussten ihre eigenen Kinder zu Grabe tragen. Krankheiten, Seuchen und Kriege waren alltägliche Phänomene, die man nicht ausblenden konnte. In den Predigten, überhaupt im gesamten religiösen Leben spielte die Vorbereitung auf den Tod eine eminent wichtige Rolle. Der »Kampf um die Seele« findet hier sein stärkstes ­Motiv, ging es doch darum, sich mit Unterstützung des Pfarrers, der Gemeinde und der Familie auf den eigenen Tod vorzubereiten. Gerade von Geistlichen sind häufig »die letzten Worte« überliefert, die als Beweis für ein in Frömmigkeit und Glaubensstärke vollbrachtes Leben standen. Die Erbauungsliteratur war hierbei für viele ein wichtiger Wegweiser, der zu Buße aufrief, aber auch Trost vermittelte. Die Leichenpredigt war das letzte Wort, das der Pfarrer über die verstorbene Person an die versammelte Gemeinde hielt. Bei Adligen folgten prachtvolle Leichenzüge, die in aufwändigen Zeichnungen für die Nachwelt festgehalten wurden. Der Tod war so eingehegt in ein gemeinsames Erleben, das niemanden allein zurückließ.

 

Über den Autor

Dr. Sascha Salatowsky, Studium der Philosophie und Germanistik an der Freien Universität Berlin, seit 2011 als Wiss. Mitarbeiter an der Forschungsbibliothek Gotha im von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt »Ausbau der Forschungsbibliothek Gotha zu einer Forschungs- und Studienstätte für die Kulturgeschichte des Protestantismus in der Frühen Neuzeit«; Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie der Frühen Neuzeit, ­insbesondere zum Luthertum und Sozinianismus.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2017

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Die Kirche und das »liebe Vieh«
Warum es im christlichen Glauben nicht nur um den Menschen, sondern auch um die Tiere geht
Artikel lesen
3. Sonntag nach Trinitatis
2. Juli 2017, Lukas 15,1-7(8-10)
Artikel lesen
»Der Mammon klebt der Natur an bis in die Grube«
Luthers Theologie der Ökonomie, Teil I
Artikel lesen
Vertrauensbildung und Beheimatung
Flüchtlingshilfe als Chance für Kichengemeinden
Artikel lesen
Neues vom Krümelmonster

Artikel lesen
1. Sonntag nach Trinitatis
18. Juni 2017, Johannes 5,39-47
Artikel lesen
2. Sonntag nach Trinitatis
25. Juni 2017, Matthäus 22,1-14
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!