Das Kampagnenmotiv des DEKT im Jahr des Reformationsjubiläums
Werden wie die Kinder?

Von: Stefan Meier / Kristin Merle
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Kaum jemandem, der mit Kirche zu tun hat, entgeht das Kampagnenmotiv, mit dem die Werbetrommel für den 36. Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg gerührt wird. Für Stefan Meier und Kristin Merle ist dies Anlass genug, das öffentliche kirchliche Kommunikationsangebot im Jahr des Reformationsgedenkens noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Die beiden Autoren tun dies in medienwissenschaftlicher und theologischer Hinsicht.


»My goodness, scariest yet. Was someone paid to do this?«, fragt ein Facebook-Nutzer1 nach der Veröffentlichung des Kampagnenmotivs des Deutschen Evangelischen Kirchentags (DEKT) im April letzten Jahres. Die Antwort ist einfach: Bezahlt worden ist die bekannte Werbeagentur Scholz & Friends, das »Orchester der Ideen«, das, nach eigener Aussage, Markenerlebnisse schafft, »die das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen verändern.«2 Das dürfte Scholz & Friends auch mit dem Kampagnenmotiv für den DEKT gelungen sein. Allein die Kommentare im Netz drücken nicht nur Freude über die gewählte öffentliche Selbstpräsentation von Kirche aus. So schreibt ein anderer Nutzer: »Tut mir leid … habe schon bei vielen Kirchentagen aktiv mitgestaltet und ein weites Herz für viele Dinge … aber ich glaube, fünf Tage schielende Kulleraugen in tausendundeiner kreativen Variation, das wird mir einfach zu viel.« Solche Veränderungen hat die Werbeagentur sicherlich nicht im Sinn, und der DEKT schon gar nicht.

Abb. 1: DEKT 36 Plakat, Variante »Querformat mit Augen, die die Betrachtenden ansehen« (Hauptmotiv)3

Kaum jemandem, der mit Kirche zu tun hat, entgeht das Kampagnenmotiv in diesen Tagen, in denen final die Werbetrommel für den 36. Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg gerührt wird und die Planung von Fahrten zum DEKT in die Endphase gehen: Anlass, das öffentliche kirchliche Kommunikationsangebot im Jahr des Reformationsgedenkens noch einmal genauer in den Blick zu nehmen.

Der Beitrag tut dies aus einer interdisziplinären Perspektive heraus. Die medienwissenschaftliche Betrachtungsweise nimmt vor allem die Gestaltung des Kampagnenmotivs stilanalytisch in den Blick und rekonstruiert dabei mögliche Bedeutungspotenziale.4 Stilanalytisch wird das Kommunikations- bzw. Grafikdesign als multimodales Zeichenhandeln betrachtet, welches semiotische Ressourcen wie Form, Farbe und Fläche, (Bild-) Motive und Medien sinnstiftend auswählt, formt und komponiert. In theologischem Interesse wird nach Deutungsangeboten und -möglichkeiten des Kampagnenmotivs als Ausdruck öffentlicher kirchlicher Kommunikation gefragt.


1. Zum Plakat als Medium im öffentlichen Raum: Gestaltung als Sinnkonstruktion

In der inhaltlichen Diskussion um ein Plakat wird häufig vergessen, dass dieses nicht nur seiner unmittelbaren Zielgruppe präsentiert, sondern als Teil des öffentlichen Raumes von allen Passanten rezipiert wird. Plakate sind Medien des öffentlichen Raumes, die einem dispersen Publikum zugänglich sind. Damit ist das vorliegende Plakat – wie jede Werbung – parasitär zwischen Schildern und Wegweisern platziert und wird von Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen wahrgenommen. Als solches transportiert es ein Image von »evangelischer Kirche« an bibelkundige und weniger bibelkundige Personen in flüchtiger Bewegung. Es regt jedoch so oder so eine Vorstellung beim Rezipienten an, wie die werbende Institution gesehen werden möchte. Zu welchen Einsichten kommt eine bildwissenschaftliche Stilanalyse, die ohne besonderes biblisches Diskurswissen auf die rein durch Gestaltung nahegelegten Bedeutungspotenziale fokussiert ist?

Das Plakat ist als mediale Kommunikationsform in der Regel an öffentlichen Plätzen angebracht, die durch sich bewegende Passanten genutzt werden. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, wird das Plakat an zentralen Orten wie Kreuzungen, Bushaltestellen oder Bahnhöfen sowie zentralen Plätzen in der Stadt installiert. Es ist zumeist wegen nötiger Fernerkennung in DIN-A0 oder größer dimensioniert und weist statische visuelle Zeichen in Form von Schrift und Bild im flächenbezogenen Zusammenspiel auf. Ausnahmen bilden LED-Wände, die auch bewegte Schrift und Bildkomponenten per Videoaufspielung darstellen lassen.

Das hier betrachtete Plakat (Abb. 1) liegt im Quer- und Hochformat vor, wobei die Formate Gestaltungsvariationen aufweisen. Bildmotivisch sind zwei Augen ausgewählt, die mit dem Textanteil Du siehst mich als Claim kombiniert sind. Unter dem Textanteil erscheint eine Zitatangabe (1. Mose 16,13). Am oberen linken Bildrand lässt sich das Logo des DEKT erkennen, das Jerusalemkreuz: ein griechisches Kreuz mit vier kleineren Kreuzen in assoziierten dazugehörigen Quadranten. Rechts daneben befindet sich die schriftliche Angabe Deutscher Evangelischer Kirchentag Berlin – Wittenberg 24.–28. Mai 2017. Am unteren Bildrand finden sich, recht klein gesetzt, links das Kampagnenlogo des Vereins Reformationsjubiläum 2017, rechts Kontakt- und Infodaten zum Kirchentag. Das Kampagnenmotiv ist neben dem Augenpaar durch die große orangefarbene Hintergrundfläche dominiert, auf der die beschriebenen Elemente arrangiert sind. In der entsprechenden Komposition entsteht zwar eine starke Hell-Dunkel-Kontrastierung der Weißfläche der Augen und der relativ dunklen orangen Hintergrundfläche. Allerdings wäre für eine gute Lesbarkeit der Textanteile eine stärkere Kontrastierung notwendig: Die schwarze Schrift hebt sich wenig offensiv vom orangen Hintergrund ab.

Die erwähnten Augen weisen einen leichten Glanz auf, der durch Lichtreflexion auf durchsichtig-gewölbten Flächen entstehen kann. Unter diesen zwei nebeneinander platzierten gläsernen Wölbungen zeigen sich jeweils kreisrunde Weißflächen mit ca. halb so großen Schwarzflächen. Diese Formung legt die Erkennung von einem Augenpaar nahe, das entsprechend der Pupillenstellung entweder sein Gegenüber, also den Rezipienten anblickt/adressiert, oder im Querformat wahlweise den Claim Du siehst mich fixiert. Letzteres verleitet die Blickführung, zwischen Augen und Claim hin und her zu springen. Der gläserne Glanz der Augen erinnert an eine dreidimensionale Wölbung von durchsichtigem Kunststoff, wie er für die Gestaltung von Stofftier- oder Puppenaugen benutzt wird. Im Hochformat ist unter dieses Augenpaar der Slogan in etwas nach oben gewölbter Schrift angefügt. Durch diese Komposition wird die Form eines Gesichtes nahegelegt, wobei die Schrift zum lächelnden Mund wird. Die Schrift selbst erscheint in serifenloser und fernsichtig gut wahrnehmbarer Typografie, so dass die Aussage auch semantisch auf das Augenpaar bezogen werden kann. Die dargestellten Augen »sehen mich« als Betrachter somit (sofern sie nicht auf den Claim schauen).

Damit ist man bei der Frage, die sich für Betrachter und Betrachterinnen des Kampagnenmotivs nicht ganz klar beantworten lässt:


2. Wer sieht hier eigentlich wen (oder was)?

Wer sieht hier eigentlich wen (oder was)? Auf diese Frage gibt es im Wesentlichen drei Antwortmöglichkeiten:


a) Gott sieht den Menschen

Wer sich die Mühe macht (das dürfte nicht die Mehrheit der Passanten sein, die dieser Tage an den Plakaten in den Straßen vorbei flanieren) und der Herkunft des Claims in der Bibel nachgeht, stößt auf die Geschichte der Magd Hagar, die vor ihrer Herrin Sarai flieht. Auf der Flucht begegnet sie in ihrer Not einem Engel: »Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht.« (1. Mos 16,13) Die Augen auf dem Kampagnenmotiv symbolisieren also nach dieser Lesart die »Augen Gottes«, dem das Geschick der Menschen nicht egal ist.

Freilich handelt es sich bei dieser Flucht- und Wüstengeschichte um eine möglicherweise inspirierende Erzählung in Zeiten, in denen Millionen von Menschen weltweit auf der Flucht sind. Allein: Dieser potenzielle semantische Zusammenhang erschließt sich nicht, hat man allein das Kampagnenmotiv vor sich. Der Verweis auf den Adressaten der Aussage in der Geschichte 1. Mos. 16 ist zudem heraus redigiert. Der Ausweis, dass es sich um eine Form kirchlicher Kommunikation handelt, mag jedoch die Interpretation nahe legen, dass mit dem Plakat auf die Präsenz Gottes angespielt wird. Die Gott über Jahrhunderte zugeschriebene Eigenschaft der Omniszienz hat sich dabei nicht nur positiv in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben (»Er herrscht mit seiner Gewalt ewiglich, seine Augen schauen auf die Völker«, Ps. 66,7). Die Aussage »ich sehe dich« ist in diesem Zusammenhang ambivalent: Neben einem Ausdruck möglicher Fürsorge und Zuneigung schwingt das Moment der Überwachung bzw. der Kontrolle mit.


b) Ein Mensch sieht seinen Mitmenschen

Die zweite Interpretationsmöglichkeit ist auf den zwischenmenschlichen Bereich bezogen und wird insbesondere von Kampagnenverantwortlichen – unter Umständen als Reaktion auf Irritationen über das »Gottesbild«? – stark gemacht: »Aber ist es denn nicht zunächst einmal das Hinsehen, das jetzt dringend gefragt ist? Das mutige und genaue Hinsehen, wenn Menschen fliehen, sterben, sich verweigern, demonstrieren, polemisieren oder Brandsätze werfen? Ist es nicht ein wesentlicher Aspekt der christlichen Botschaft, dass Christinnen und Christen hier hinsehen können […], weil Gott uns zuallererst angesehen hat? […] Die Losung gilt vertikal wie horizontal: Du Gott siehst mich und: Du Mensch siehst mich. Sie schickt uns in die Welt. Die Wackelaugen sind ein Symbol dafür«5, schreibt etwa Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au auf der Homepage des DEKT.

Hier stiftet die Komposition von Augen und Claim etwas Verwirrung: Gehören die Augen Bassam aus Aleppo oder mir? Wenn man es recht nimmt: weder noch. Kein Mensch hat solche Augen, es sei denn, man zieht eine Spaßbrille auf (s. Abb. 2) – die aber wiederum die Sicht auf den Nächsten versperrt. Es soll also darum gehen, einander wahr zu nehmen; das ist grundsätzlich ein sinnvoller Appell.6


c) Passanten sehen Kirche

Gesehen wird hier von zahlreichen Bundesbürgern und Bundesbürgerinnen ein Plakat als Beispiel für öffentliche kirchliche Kommunikation. Dass der DEKT eine eigene Organisationsform ist, die – aus guten Gründen – zu großen Teilen unabhängig von der Evangelischen Kirche arbeitet, diese Feinheiten sind in der Wahrnehmung durchschnittlich nicht zu erwarten. Gesehen wird hier also eine Selbstpräsentation von »Kirche«. Wahrgenommen wird leichter, was Aufmerksamkeit erregt: »Wer Orange trägt, will gesehen werden«7, stellt Landesbischöfin Ilse Junkermann fest. Der Satz sagt freilich mehr über die Absichten desjenigen aus, der sich kleidet, als über die (intendierte oder nicht intendierte) Wirkung der Gewandung.

Das Plakat soll also gesehen werden, »[d]ie Augen auf dem orangen Grund […], auch im Berliner Plakatwald. Und vielleicht auf den zweiten Blick auch die Losung«, so Christina Aus der Au. Wie die Bildanalyse gezeigt hat, erschließt sich der potenziell tiefere Sinn der symbolischen Repräsentation allerdings nicht schon durch das Wahrnehmen des Claims, wenn denn diese Wahrnehmung geschieht, sondern eigentlich erst durch die Rekontextualisierung durch die Flucht- und Wüstengeschichte in 1. Mos. 16.


3. Öffentliche Christentumskultur

Der Kirchentag als eigene »originäre Gestalt öffentlicher Christentumskultur«8 existiert seit jeher in verschiedenen Spannungsfeldern. Spannungsvoll ist nicht zuletzt der Umstand, dass seine Trägerschicht zwar nicht repräsentativ für das breite Frömmigkeitsspektrum der Volkskirche ist, dass er aber – über sein Format als kirchliches Großevent – in der Öffentlichkeit als gesamtkirchliche Veranstaltung wahrgenommen wird. Der DEKT wird zum einen – im Vergleich zu parochialen Veranstaltungen – von vielen jungen Menschen besucht. Beim Dresdener Kirchentag 2011 waren z.B. 7% der Teilnehmenden unter 13 Jahren alt und 15% zwischen 13 und 17 Jahren.9 Zum Zweiten sind Kirchentagsbesucher und -besucherinnen überdurchschnittlich gesellschaftlich engagiert, viele Menschen sind in Sozialgruppen, Gemeinden und Freiwilligennetzwerken tätig.10 Insofern machen auch die gegenwärtigen Kirchentage das, was schon seit ihrer Gründung 1949 für sie charakteristisch gewesen ist, aus: die »spannungsreiche Beziehung zwischen Christentum und säkularer Moderne« und die »untrennbare Verbindung von religiöser Lebenshaltung und gesellschaftspolitischer Verantwortung«11. Der DEKT ist also eine protestantische Institution, auf die man gut und gerne mit einigem Stolz schauen kann – handelt es sich doch um ein großes »Schiff«, das mit mindestens konstant hohen Besucherzahlen in den letzten Jahren durch die Zeit segelt. Dass die kulturellen Stile der Kirchentage einer Pluralisierung unterliegen, liegt nahe. Dass die Komplexität wie das (kritische) Innovationspotenzial des DEKT in ein solches Kampagnenmotiv gegossen worden sind, erstaunt. Es ist nicht zu vermuten, dass die Wahl der Plakatästhetik allein mit dem vergleichsweise jungen Publikum der Kirchentage zusammenhängt.

Abb. 2: Vorstellung des Kampagnenmotivs 2016 vor dem Brandenburger Tor12

Dass die Plakatkampagne ein wesentlicher Ausdruck der symbolischen Repräsentation öffentlichen Christentums in der Gesellschaft ist (in Zeiten grassierender Deinstitutionalisierung kann man auch sagen: es handelt sich um eine Form der Selbstvorstellung von Kirche), liegt auch für die Verantwortlichen auf der Hand: »Zwei Augen, fröhlich und einladend. Und so wird der Kirchentag in Berlin ein Kirchentag von Dialog, Gespräch und Begegnung sein.«13 Kritische Stimmen zum Kampagnenmotiv werden inkorporiert. So schreibt Stefan Wegner, Partner und Geschäftsführer von Scholz & Friends: »Und was passierte nach Vorstellung der Kampagne vorm Brandenburger Tor? Ich habe mit Begeisterung die Reaktionen bei Twitter, Facebook & Co. verfolgt. Innerhalb von 24 Stunden nach der Veröffentlichung des Motivs ist es mindestens schon ein dutzend Mal kreativ verwandelt worden. Unsere lächelnde Losung gibt es jetzt schon als Krümelmonster, als Homer Simpson, als Osterei, als Martin Luther, als Kleiner Feigling, als schielende Augen. […] Ich ärgere mich gar nicht über die teils liebevolle, teils kritische Kommentierung der Kampagne. Genauso muss das sein. Die Idee motiviert zum Mitmachen […].«14

Tatsächlich begegnet in nicht wenigen Kommentaren zum Kampagnenmotiv – u.a. unter den bereits erwähnten Facebook-Kommentaren – das Wort »peinlich«. Dieses Gefühl mag in einer deutlich empfundenen Diskrepanz gründen: zwischen dem wichtigen Anspruch von Kirche (gerade auch des DEKT), eine ernst zu nehmende Akteurin in zivilgesellschaftlichen Diskurs- und Handlungsfeldern zu sein, und der Form der Kommunikation, die das Kampagnenmotiv anbietet.


4. Werden wie die Kinder?

Der medienwissenschaftliche Blick betrachtet, was »zum Ausdruck kommt«. Versteht man beim Kampagnenmotiv den Claim in Korrespondenz zu den Augen als Teil einer Anrede an Gott, werden mit dieser Lesart die Augen mit einer göttlichen Instanz in Verbindung gebracht, der man als Mensch gegenübergestellt ist (vgl. 2.). Dies wird jedoch widersprüchlich, betrachtet man die Gestaltung der Augen. Der Stofftierstil lässt etwas Verspieltes, Kindliches assoziieren. Auch wenn wiederum bei den Kirchentagen mit einer vergleichsweise großen Beteiligung von Kindern und Jugendlichen gerechnet werden kann (vgl. 3.), scheint hier nicht unbedingt attraktive Jugendkultur in die Plakatgestaltung Einzug gehalten zu haben, sondern ein dominantes Orange mit großen Kulleraugen, das das kindliche Assoziationsfeld der Sendung mit der Maus aufmacht. Ist das tatsächlich gewollt?

Der Kirchentag findet im Jahr des Reformationsjubiläums (auch) an einer der Hauptwirkungsstätten Luthers statt, Akteure und Themen der Reformation werden aber nicht erkennbar im Plakat – und sei es graffititechnisch verpopt – zum Thema gemacht.

Es ist vielfach auf die Fröhlichkeit15 und das Humorvolle des Motivs hingewiesen worden. Humor wertet in der Regel um und leistet eine Form des Reframings, »indem er scheinbar Selbstverständliches dekonstruiert, scheinbar Absurdes und Ausgegrenztes in die Wahrnehmung einbezieht, die Komplexität der Wirklichkeit bewahrt und den Widrigkeiten des Lebens mit heiterer Gelassenheit begegnet.«16 Gütekriterien dürften dabei die prinzipielle Erhaltung der Komplexität, dann aber auch das Passungsverhältnis zum eigentlichen Thema wie zum Kontext sein. Natürlich dürfen Kampagnen nicht zu komplex sein, sie müssen ein klar definiertes Ziel besitzen.17 Was ist aber mit dem vorliegenden Kampagnenmotiv als öffentliches Image einer protestantischen Großveranstaltung gewollt?

Das Kampagnenmotiv macht vor allem eins: Es spricht die Betrachterin nicht als Erwachsene an. Das ist ein irritierendes Signal in (welt-) gesellschaftlich unübersichtlichen Zeiten und es nährt den alten Freudschen Regressionsvorwurf Religion gegenüber. Und das ist, gelinde gesagt, ein Ärgernis. Regression ist bekanntlich nichts per se Schlechtes: Rückzug aus situativer Überanstrengung ermöglicht Erholung. Zur benignen Regression gehört dann aber die Progression: »wie die Kinder werden« (Mt. 18,5) bedeutet – das hat Klaus Winkler in pastoralpsychologischer Perspektive anschaulich dargestellt –, wenn »aus dem damit verbundenen psychischen (Glaubens-) Zustand […] Impulse entstehen, um der alten Lebenswelt nach einem notwendigen Rückzug mit neuer Kreativität begegnen zu können.«18 Mit dem Leben immer wieder neu beginnen, das ist – nach der Regression – der Impuls der Progression. Regressivität ist also immer auch kritisch insofern zu evaluieren, ob wieder ein Weg aus ihrem Weltgestaltungsverzicht heraus führt. Das Kampagnenmotiv appräsentiert diese Doppelbewegung nicht. Das widerspricht im Grunde ganz eklatant der Bedeutung, die die Kirchentage der Frage der gesellschaftspolitischen Verantwortung – und kritischen Mitgestaltung von Welt – einräumen: »Reformation erinnert uns ja auch immer daran, dass nichts bleibt, wie es ist«, so Aus der Au »sondern sich weiter entwickelt und entwickeln muss und entwickeln wird, und dass wir auf dem Boden, den wir nicht selber legen können, sondern der gelegt ist […], dass wir auf dem Boden wachsen und uns verändern und blühen können, dass wir mit dieser Zuversicht im Privatleben weiter machen können, aber dass wir mit dieser Zuversicht und dieser Freiheit uns auch engagieren können für Menschen in Deutschland, in Europa, in der Welt […].«19

In diesem Sinne sei dem Kirchentag in diesem Jahr alles Gute gewünscht. Es wird um mehr und Wesentlicheres gehen, als es das Kampagnenmotiv vorstellt.


Anmerkungen:

1 Die hier erwähnten Kommentare sind auf der Face­book-Seite des DEKT zu finden.

2 https://s-f.com/ (13.4.2017, wie alle folgenden Online-Inhalte).

3 Die verschiedenen Plakatmotive stehen zum Download zur Verfügung unter: https://www.kirchentag.de/service/downloads/plakatmotiv.html.

4 Zur Methodik der visuellen Stil-Analyse vgl.: ­Meier, Stefan, Visuelle Stile. Zur Sozialsemiotik visueller Medienkultur und konvergenter Design-Praxis, Bielefeld 2014.

5 https://www.kirchentag.de/service/meldungen/ berlin/juli_2016/christina_aus_der_au_zur_kampagne_du_siehst_mich.html.

6 Sicherlich in apologetischer Hinsicht nicht gelungen ist, wenn der Partner und Geschäftsführer von Scholz & Friends, Stefan Wegner, den rhetorischen Grundsatz Don’t offend the audience ignorierend, die Kampagne als »unwiderstehlich« auch für die Generation Head Down, also für die so genannten »Smombies« bezeichnet. (https:// www.kirchentag.de/index.php?id=17664).

7 https://www.ekd.de/kirchentag/2015/aktuell/ 104761.html.

8 Steck, Wolfgang, Praktische Theologie. Horizonte der Religion – Konturen des neuzeitlichen Christentuns – Strukturen der religiösen Lebenswelt. Band II, Stuttgart 2011, 81.

9 Vgl. Pickel, Gert/Jaeckel, Yvonne/Yendell, Alexander, Der Deutsche Evangelische Kirchentag – Religiöses Bekenntnis, politische Veranstaltung oder einfach nur ein Event? Eine empirische Studie zum Kirchentagsbesuch in Dresden und Hamburg, Baden-Baden 2015, 13.

10 Vgl. a.a.O., 14.

11 Steck, Praktische Theologie, 78.

12 https://www.luther2017.de/de/neuigkeiten/plakatkampagne-fuer-kirchentag-2017-in-berlin- und-wittenberg/ – Bild: Rolf Zoellner/epd-bild.

13 https://www.kirchentag.de/service/meldungen/berlin/kampagne_startet_mit_einem_laecheln. html.

14 https://www.kirchentag.de/index.php?id=17664.

15 S.o., vgl. u.a. auch: Kuschel, Heiko, Hier kommt der Kirchentag!, https://www.evangelisch.de/ blogs/stilvoll-glauben/133979/27-04-2016.

16 Köster, Gabriela, Wir können auch anders. Humor und sein Potenzial für die christliche Predigt, Neukirchen-Vluyn 2009, 136.

17 Vgl. ausführlicher: Blanke, Eberhard, Kommunikationskampagnen. Ansätze und Kriterien einer praktisch-theologischen Kampagnentheorie, Stuttgart 2010, 34ff.

18 Winkler, Klaus, Werden wie die Kinder? Christlicher Glaube und Regression, Mainz 1992, 104.

19 http://www.rbb-online.de/brandenburgaktuell/index.htm/doc=!content!rbb!rbb!politik!beitrag!2016!05!interview-kirchentag-2017-berlin-aus-der-Au.html (Audiodatei).

 

Über den Autor

PD Dr. Stefan Meier, Privatdozent am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen; Forschungsschwerpunkte: kommunikative und diskursive Praktiken populärer Medienkulturen.

PD Dr. Kristin Merle, Privatdozentin für Praktische Theologie der Evang.-Theol. Fakultät in Tübingen, derzeit Vertretung der Professur für Praktische Theologie am Fachbereich Evang. Theologie der Universität Hamburg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2017

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