Eine Fragestellung zu den ökumenischen Gottesdiensten zum Reformationsgedenken
Kann man für die Sünden der Vorfahren die Vergebung der Sünden erlangen? Oder: Wenn zwei gemeinsam das gleiche sagen, aber dabei nicht dasselbe meinen und tun

Von: Johannes Oesch
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Seit dem 31. Oktober 2016 im schwedischen Lund1 und vermehrt im Frühjahr 2017 vieler Orten in Deutschland2 werden ökumenische Gottesdienste gehalten zum »Heilen der Erinnerung«3 nach dem ökumenischen Vorbild »healing of memories«4. Ein besonderes Kennzeichen des 500. Gedenkens an den Ausbruch der Reformation ist gewiss die ökumenische Weite und Verbundenheit, die wir jahrzehntelangen Bemühungen verdanken nach vielen Belastungen in den vergangenen Jahrhunderten. Es ist Ermutigung und Ansporn, beharrlich die ökumenischen Bemühungen fortzusetzen. Freilich, immer wieder stoßen die ökumenischen Bemühungen auch an harte Grenzen, am bekanntesten ist die Frage der Interkommunion. Doch auch in den wohlgemeinten Entwürfen für ökumenische Bußgottesdienste verbergen sich überraschende Aporien, die anscheinend nonchalant überspielt werden. Denn ein wesentlicher Teil dieser Liturgien besteht im – auch ausdrücklich so genannten – Sündenbekenntnis, teils liturgisch gehalten, teils mit anschaulichen Gegenständen illustriert. Das verdient eine genauere Analyse.

Die Sünden der Vorfahren

Dieses Bekenntnis der Sünden bezieht sich in den genannten Liturgien sowohl auf die Sünden der Anwesenden wie auf die Sünden der beteiligten Konfessionen, jedoch auch ausdrücklich auf die Sünden der Vorfahren, besonders genannt werden etwa die Religionskriege. Zusammengefasst: »Wir bringen vor dich die Last der Schuld der Vergangenheit, als unsere Vorfahren deinem Willen nicht gefolgt sind, dass alle eins seien in der Wahrheit des Evangeliums.«5 Da es nun ja nicht die Vergangenheit ist, welche schuldig ist, werden also die Sünden der Vorfahren im Sündenbekenntnis vor Gott gebracht. Das meint gewiss nicht, dass die Vorfahren angeklagt werden, vielmehr zielt dies auf Versöhnung und Vergebung, die von Gott und den anwesenden Partnern erbeten werden.

Somit stellt sich die Frage: Kann man für die Sünden der Vorfahren die Vergebung der Sünden er­langen? Diese Frage gehört mitten hinein in den Ausbruch der Reformation 1517, die sich an der Ablassfrage6 entzündete. An dieser Frage zeigt sich nun eine nicht ausdiskutierte Dissimulation7 in der Frage des Bußverständnisses. Was nämlich bei diesen Gottesdienstentwürfen tatsächlich passiert, ist eben, dass zwei gemeinsam das gleiche sagen, aber dabei nicht dasselbe meinen und tun.

Vor der Reformation war es selbstverständlich, sich der Sünden der Vorfahren anzunehmen. Man litt nicht nur unter ihren Sünden und hat diese beklagt, sondern hat in einer Art Generationenvertrag durch Bezahlung von Messen und Ablässen zu ihren Gunsten deren Sündenstrafen beglichen. Subtilere Gemüter haben die Unterscheidung von resozialisierenden Zeiten im Fegefeuer und dem ewigen Seelenheil beachtet. Allgemein aber war es eine wesentliche Attraktion der Ablasskam­pagnen zur Zeit Luthers, dass damit auch die Vergebung der Sünden der Vorfahren zu erlangen war.

Dem erteilten die Reformatoren eine Absage. Man kann keine Vergebung für die Sünden der Vor­fahren erlangen, auch nicht durch teure Ablässe und Seelenmessen. So heißt es etwa im Württembergischen Glaubensbekenntnis, Art. 24: »Aber daß man den Toten zu Hilfe komme mit jenen üblichen Vigilien, Gebeten und Opfern, und daß sie kraft der Verdienstlichkeit solcher Bemühungen entweder von ihrer Pein erlöst werden oder eine größere Seligkeit im Himmel erlangen, – dafür besteht kein Zeugnis in der wahrhaft prophetischen und apostolischen Lehre.«8 Mit der reformatorischen Absage bricht das mit diesen populären Frömmigkeitsübungen verbundene System zusammen9. Zusammengefasst: Die Leitfrage dieses Aufsatzes – »Kann man für die Sünden der Vorfahren die Vergebung der Sünden erlangen?« – wurde im 16. Jh. ausdrücklich kontrovers beantwortet.

Auch heute gibt es in der katholischen Kirche nach wie vor den Ablass10, wo die Heiligkeit der Heiligen den anderen durch die Kirche zugewendet werden kann, sowie die Messen zugunsten der Verstorbenen11, wenn auch in Deutschland unauffällig und ohne Auswüchse. Es geht darum, auch den Verstorbenen »die Frucht der Eucharistie, die Gemeinschaft mit Jesus Christus, in besonderer Weise zuzuwenden.«12 Auf der protestantischen Seite jedoch ist es nach wie vor undenkbar, dass die Vergebung für die Sünden der Vorfahren zugesprochen wird.13

Wenn im ökumenischen Bußgottesdienst die Sünden der Vorfahren bekannt werden, so tut dies die eine Seite in der Meinung, dass hierfür Ablass der Sündenstrafen, ja Vergebung erlangt werden könne, während die – im gleichen Raum die gleichen Worte betende – andere Seite diese Hoffnung gerade nicht teilt und auch nicht anstrebt. Diesen ­Befund kann man nur als Dissimulation bezeichnen, auch wenn es eine wohlmeinende ökumenische Andacht ist.


Zuspruch der Vergebung?

Doch fragen wir weiter zu diesen ökumenischen Bußgottesdiensten: Wenn wir uns – im gleichen Raum die gleichen Worte betend – zwar nicht einig sein können hinsichtlich der abwesenden Vorfahren, können wir dann immerhin als anwesende lebendige Christenmenschen uns einig werden im Glauben an die Vergebung der Sünden, die im gemeinsamen Gebet bekannt werden? Dies eröffnet die Analyse einer weiteren Dissimulation, jedoch gewissermaßen über Kreuz gelagert mit der ersten. Es ergibt sich nämlich die Frage, ob die Vergebung der Sünden in diesen Andachten auch zugesprochen werden und diesem Zuspruch geglaubt werden kann.

Nach evangelischem Verständnis gehören zur Buße zwei Teile: das Bekenntnis der Sünden und der Glaube an die Absolution, die den Gläubigen nicht verweigert werden darf. Art. 12 des Augsbur­gischen Bekenntnisses sagt hierzu: »Nun ist wahre, rechte Buße eigentlich nichts anderes als Reue und Leid oder das Erschrecken über die Sünde und doch zugleich der Glaube an das Evangelium und die Absolution, nämlich, dass die Sünde vergeben und durch Christus Gnade erworben ist.«14 Eben weil die Buße ohne den Glauben an das Evangelium, das im Zuspruch der Absolution erfahren wird, nicht zum Ziel kommt, deshalb heißt es ausdrücklich, dass die Absolution nicht verweigert werden soll.15 Hierfür gibt es nicht nur in der oberdeutschen lutherischen Tradition die Liturgie der Offenen Schuld, verbunden mit dem Zuspruch der Absolution, wie es etwa nach der Agende für die oberdeutsche Form des Abendmahlsgottesdienstes in Württemberg in der Praxis geübt wird.16

Jedoch kann dies in den ökumenischen Bußgottesdiensten nicht praktiziert werden. Eine Absolution ist auch in den empfohlenen Formularen der ökumenischen Arbeitsgruppen durchaus nicht vorge­sehen. Denn nach den Grundsätzen des kanonischen Rechts darf die Absolution den Evangelischen nicht zugesprochen werden17. Dies ist den Priestern wohl deswegen nicht gestattet, weil die Protes­tanten notorisch den Gehorsam dem Papst gegenüber verweigern und es somit an der Aussöhnung mit der Kirche mangelt,18 also die rechte Disposition der Bußwilligen doch nicht gegeben ist.

Wenn nun in diesen ökumenischen Bußgottesdiensten die Sünden der Anwesenden bekannt werden, so sind in diesen Liturgien ausdrücklich Bitten um Vergebung und Versöhnung vorgesehen, auch Zeichen der Versöhnung und des Friedens werden ausgetauscht. Modell hierfür sind offenkundig verschiedene liturgische Bußformen in der katholischen Kirche, etwa Bußgottesdienste in den entsprechenden Zeiten des Kirchenjahrs oder der Bußakt zu Beginn einer Messfeier, die in eine Vergebungsbitte münden, jedoch ohne den Zuspruch der Absolution.

Wenn im ökumenischen Bußgottesdienst die Sünden der Anwesenden bekannt werden, so ist dieses Bekenntnis also nach der einen Meinung ausgerichtet auf den Glauben an das Evangelium, das im Zuspruch der Absolution erfahren sein will, während die – im gleichen Raum die gleichen Worte betende – andere Seite diesen Zuspruch der Absolution für unzulässig hält, auch wenn zugleich authentischer Versöhnungswille bekundet wird. Auch diesen Befund kann man nur als Dissimulation bezeichnen, wenngleich es eine wohlmeinende ökumenische Andacht ist.

Zum Trost gereicht vielleicht nach der stattgehabten Andacht ein gemütliches Beisammensein im Gemeindehaus, wo die ökumenische Heilung der Erinnerung durch das zum Jubiläum gebraute Lutherbier aus dem katholischen Eichsfeld befördert werden kann.19


Johannes Oesch


Anmerkungen:

1 Ökumenischer Gottesdienst »Vom Konflikt zur Gemeinschaft«. Gemeinsames Lutherisch-katholisches Reformations­gedenken im Jahr 2017. Text der liturgischen Arbeitsgruppe der Lutherisch/Römisch-katholischen Kommission für die Einheit. Hrsg.: Theodor Dieter, Wolfgang Thönissen. Bonifatius Verlag (ISBN 978-3897106727). Evang. Verlagsanstalt (ISBN 978-3374045266). Download: https://www.
lutheranworld.org/sites/default/files/dtpw-lrc-liturgy-2016_de.pdf.

2 Z.B. Ökumenischer Versöhnungsgottesdienst zum Reformationsgedenken i.V.m. der Gebetswoche für die Einheit der Christen. Hrsg. von der ACK, Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland. Download: http://www.oekumene-ack.de/fileadmin/user_upload/Gebetswoche/2017/Gebetswoche_2017_Gottesdienst_dt_Endfassung.docx.

3 Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen. Ein gemeinsames Wort zum Jahr 2017. Gemeinsame Texte Nr. 24. Hrsg. von der Evangelischen Kirche in Deutschland und vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Hannover und Bonn 2016. Download: https://www. ekd.de/download/erinnerung_heilen_gt24.pdf.

4 Vgl. Dieter Brandes: Healing of Memories. Heilendes Erinnern – ein weltweiter Versöhnungsprozess, 8 in: Evangelische Orientierung, Nr. 4/2016. Hrsg.: Evangelischer Bund, Bensheim 2016.

5 S. 15 in: Ökumenischer Gottesdienst »Vom Konflikt zur Gemeinschaft«, s. Anm. 1.

6 Vgl. in Luthers 95 Thesen etwa These 37: Jeder wahre Christ, lebend oder tot, hat, ihm von Gott geschenkt, teil an allen Gütern Christi und der Kirche, auch ohne Ablassbriefe. In: Martin Luther: Lateinisch-Deutsche Studienausgabe. Band 2: Christusglaube und Rechtfertigung. Hrsg. und eingel. von Johannes Schilling. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2006.

7 Vgl. die Diskussion bei M. Heckel zum Wesen der Dissimulation am Beispiel des Konzilsverständnisses und des Bischofsamts im 16. Jh., siehe resümierend S. 308, Ziff. 2, in: Martin Heckel: Martin Luthers Reformation und das Recht. Mohr Siebeck, Tübingen 2016. Bd. 114 in: Jus Ecclesiasticum, Hrsg.: Martin Heckel.

8 S. 101 in: Konrad Gottschick/Wolfgang Metzger (Hrsg.), Württembergisches Glaubensbekenntnis (Confessio Virtembergica) Quell Verlag, Stuttgart 1952.

9 Vgl. in Luthers 95 Thesen etwa These 83: Wiederum: Warum bleibt es bei den Messen und Jahrgedächtnissen für die Verstorbenen, und warum gibt er die dafür eingerichteten Stiftungen nicht zurück oder erlaubt deren Rücknahme, wo es doch schon Unrecht ist, für [vom Fegfeuer] Erlöste zu beten? (a.a.O.)

10 Vgl. S. 343 in: Hugo Schwendenwein: Das neue Kirchenrecht. Gesamtdarstellung. Darmstadt 1984. – Papst Franziskus spricht beim Ablass den Schatz der Heiligen an: »Die Kirche lebt die Gemeinschaft der Heiligen. In der Eucharistiefeier vollzieht sich diese Gemeinschaft, die ein Geschenk Gottes ist, als geistliches Band, das uns Glaubende mit der unzählbaren Schar der Heiligen und Seligen verbindet (vgl. Offb 7,4). Ihre Heiligkeit kommt unserer Gebrechlichkeit zu Hilfe, und so kann die Mutter Kirche mit ihren Gebeten und ihrem Leben der Schwachheit der einen mit der Heiligkeit der anderen entgegen kommen.« In: Misericoriae Vultus. Verkündigungsbulle des außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit, 11.4.2015. In: http://w2.vatican.va/content/francesco/de/apost_letters/documents/papa-francesco_bolla_20150411_misericordiae-vultus.html.

11 »Der Priester kann die Messe für Lebende und Verstorbene, wer auch immer sie sein mögen, applizieren.« (c. 901 CIC), in: Schwendenwein, a.a.O., 329.

12 Einfühlsam wird der Sinn der Messstipendien amtlich so umschrieben: »… und damit die Bitte zu verbinden, den Geber selbst, eine bestimmte andere Person oder eine Gruppe von Personen in die Feier der Eucharistie einzubeziehen, in ihrem Anliegen die heilige Messe zu feiern und ihnen so die Frucht der Eucharistie, die Gemeinschaft mit Jesus Christus, in besonderer Weise zuzuwenden.« In: Gemeinsamer Beschluss der Bischöfe der Oberrheinischen Kirchenprovinz über die Neuregelung von Messstipendien, Messstiftungen und Stolgebühren vom 31. Oktober 1991 (sic!), Quelle: http://recht.drs.de/fileadmin/Rechtsdoku/5/4/8/91_28_01.pdf.

13 Pikanterweise ist im evangelischen Bereich seit mehreren Jahrzehnten gleichwohl die wachsende Bereitschaft zu beobachten, die Sünden der Vorfahren zu bekennen.

14 CA 12, zitiert nach der Fassung im Evangelischen Gesangbuch, Ausgabe für Württemberg, S. 1498. Gesangbuchverlag Stuttgart 1996. Vgl. BSELK, S. 106f. Göttingen 2014.

15 So an sich auch c. 980 CIC, nach Schwendenwein, a.a.O.

16 S. 71 in Gottesdienstbuch für die Ev. Landeskirche in Württemberg. Erster Teil: Predigtgottesdienst und Abendmahlsgot­tesdienst. Hrsg.: Ev. Oberkirchenrat Stuttgart 2004. Ausführlicher: Die Beichte, 83ff. in: Kirchenbuch für die Evangelische Landeskirche in Württemberg. Zweiter Teil: Sakramente und Amtshandlungen. Teilband: Das Heilige Abendmahl. 1977.

17 Katholische Amtsträger dürfen die Sakramente nur katholischen Gläubigen spenden. Diese hinwiederum dürfen die Sakramente nur von katholischen Spendern empfangen (c. 844 §1). Schwendenwein, a.a.O., 320.

18 Ob die pax cum Ecclesia sakramental ursächlich ist für die pax cum Deo, wird in der Kanonistik widersprüchlich debattiert, so Schwendenwein, a.a.O., 136.

19 http://www.lutherbier.de/luther_und_bier.html.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2017

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