Wie ein Reformationsgedenken zur Farce wurde
Luther schach-matt

Von: Reiner Strunk
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Es war eine Episode und sie endete im Eklat. Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. sah sich damals genötigt einzuschreiten und ein Schauspiel von der Bühne des Nationaltheaters zu verbannen, das in der Berliner Gesellschaft für einige Irritationen gesorgt hatte: ein Schauspiel über Martin Luther, genauer über Luther und Katharina von Bora, deren Liebes- und Ehebündnis im Zentrum der Handlung stehen sollte. Der Autor war ein heute vergessener Zacharias Werner, Sekretär am preußischen Hof, Literat und Dramaturg, der später zum Katholi-zismus übertrat und zum Hofprediger in Wien avancierte. Er hatte sich vorgenommen, das Gedenken an die Errungenschaften der Reformation und deren Symbolfigur Martin Luther auf melodramatische Weise zu erneuern, und zwar dem Geschmack der Zeit entsprechend, die nach romantischen Liebesgeschichten und nationalen Verklärungen zu verlangen schien.

Eine Lutherromanze

Das war im Jahr 1806, einer kritischen Phase des preußischen Militärstaats, der in seiner Konfrontation mit Napoleon (nach Austerlitz und vor Jena und Auerstedt) um seine politische Bedeutung und sogar um seine Existenz fürchten musste. Werner wollte, im Rückgriff auf die Reformationsgeschichte, einen Beitrag leisten zur inneren Stabilisierung des Systems und zur allgemeinen Aufrichtung der Gemüter an der Heldengestalt Martin Luthers. Aber das misslang ihm gründlich. Ein Schulbeispiel dafür, dass die künstlerische Aufbereitung historischer Stoffe ihre Tücken hat und am Ende mitunter etwas herauskommt, das weder dem Geist des Vergangenen noch den Erwartungen der Gegenwart Genüge tut.

Dabei ließ sich das Vorhaben gar nicht übel an. Dem Autor war es gelungen, keinen geringeren als Iffland, die Berliner Theaterlegende, für seinen Plan zu gewinnen, und Iffland sicherte dem Stück nicht allein einen Platz im Programm des Berliner Nationaltheaters zu, sondern übernahm auch gleich selber die Hauptrolle des Reformators. Nach der Premiere am 11. Juni 1806 erlebte das Schauspiel noch eine Reihe weiterer Aufführungen, allerdings bei zunehmend ungehaltenen Reaktionen des Publikums, bis der König seinen Daumen senkte und das Stück in den Schächten unter der Bühne verschwand. Dieser ungewöhnliche Eingriff Seiner Majestät geschah allerdings erst, nachdem auf das umstrittene Drama eine lächerliche Burleske gefolgt war. Sie betraf noch einmal Martin Luther und Katharina von Bora, aber jetzt nicht vom Nationaltheater verantwortet, sondern von einer launigen Offiziersclique des renommierten Preußenregiments »Gensdarmes«. An dessen Rang und Wertschätzung erinnert bis heute der Gendarmenmarkt ­mitten in der Hauptstadt.


Luther ja, Reformation auch, aber bitte nicht so!

Zacharias Werner hatte seinem Spiel den Titel »Martin Luther oder Die Weihe der Kraft« verliehen und er hatte es sinnigerweise der Königin Luise gewidmet. Ähnlich wie Novalis wenige Jahre zuvor seinen Traktat »Glauben und Liebe oder Der König und die Königin« demselben preußischen Herrscherpaar widmete und deren Verbindung als Inbegriff einer romantischen Liebe hochstilisierte. Das waren brave Verbeugungen durch Vertreter der Kunst, die huldvoll hingenommen wurden, solange sie keine Peinlichkeiten enthielten.

Im Fall des Lutherstücks von Werner gelang das freilich nicht. Schon der Titel gab zu Bedenklichem Anlass, weil die ausgesprochene »Weihe der Kraft« in nichts anderem als in Luthers Eheschließung bestehen sollte. Katharina von Bora, so wusste der Autor, war es gewesen, die in ihrer weiblichen Zucht und Zuneigungsbereitschaft Luther erst zu dem gemacht hatte, was er in seiner geschichtlichen Größe werden sollte. Er beschloss deshalb, »den glorreichen Zeitpunkt« auszumalen, in dem Luthers »Riesenkraft durch Zartheit gereinigt, geregelt« wurde. Das konnte im Grunde nicht gut gehen und wurde auch durch eingestreute musikalische Partien nicht erträglicher.

In der Berliner Gesellschaft rümpfte man die Nase. Luther ja, Reformation auch, aber bitte nicht so! Das ganze Drama der Reformationsgeschichte zum romantischen Rührstück verdünnt, in dem der erwünschte Nationalheld Martin Luther zur beinahe komischen Figur mutierte, das fand wenig Beifall. Das Theater schien einen schwer verzeihlichen Missgriff getan zu haben.


Luther in einem pikanten Berliner Etablissement

Vollends im Eklat endete allerdings die Affäre um dieses Reformationsgedenken, als eine Offiziersgruppe der »Gensdarmes« den Stoff aufsammelte und das Theaterstück in eine deftige Klamotte verwandelte. Sie hatten am Regimentsstammtisch über das Lutherstück gelästert und eine Parodie darauf ausgesponnen, die sie öffentlich zur Schau stellen wollten. Darin kamen Luther und Katharina von Bora vor, aber auch eine Reihe von jungen Frauen, ehemaligen Nonnen eines Wittenberger Klosters. Die hatte es nach ihrer reformatorischen Befreiung nach Berlin verschlagen und unter die Fittiche einer stadtbekannten Dame geraten lassen, die für weiblichen Nachschub in ihrem Etablissement dankbar war. Luther und Katharina statten dem Berliner Institut einen Besuch ab, die Früchte ihrer reformatorischen Bemühungen zu begutachten, und beteiligen sich an einer fröhlichen Schlittenfahrt, die von der Hausherrin veranstaltet wird. Das gibt den Offizieren Gelegenheit, sich in Frauenkleidern auf ihren Regimentspferden zu präsentieren und einen Luther in ihrer Mitte zu führen, der nicht kapiert, welcher Schabernack mit ihm getrieben wird. Der Spaß war derb und die Geduld des Königs erschöpft. Das Spiel war aus.

Ähnlich wie der Name des Autors von »Martin Luther oder Die Weihe der Kraft« wäre zweifellos auch die ganze Episode in Vergessenheit geraten, wäre sie nicht von einem späteren Dichter aufgegriffen und in einem seiner Werke verarbeitet worden. Das war Theodor Fontane mit seiner Novelle »Schach von Wuthenow«. Fontane veröffentlichte sie im Jahr 1883, zum 400. Geburtstag Martin Luthers, und das wurde auf seine Weise auch ein Beitrag zum Gedächtnis an den großen Reformator, allerdings in einer geschickten ironischen Brechung.


Fontanes Novelle »Schach von Wuthenow«

»Schach von Wuthenow«: der Ort Wuthenow ist erfunden, die Person Schach jedoch nicht. Wie gewöhnlich in seinen Romanen und Erzählungen greift Fontane ein reales Ereignis auf, in diesem Fall eine Skandalgeschichte aus der Berliner Gesellschaft. Dort war es zum Suizid eines Leutnants vom Regiment »Gensdarmes« gekommen, und zwar aus delikaten Gründen. Der Leutnant von Schack (er wird bei Fontane zum Leutnant von Schach), jung, eine blendende Erscheinung, das Bild eines Preußen in Uniform, verkehrte im Haus der Kammerrätin und Bankierswitwe Crayen (bei Fontane: Carayon), zu deren Tochter Victoire er engere Beziehungen knüpfte. Diese Victoire muss (im Unterschied zu Schack) eine geistreiche, intelligente Person gewesen sein und (noch einmal im Unterschied zu Schack) alles andere als eine Schönheit. Wie auch immer, die Beziehung entwickelte sich so, dass eine Vermählung unvermeidlich wurde. Aber die wollte Schack unter keinen Umständen. Er fürchtete die Blamage und den Hohn der Kameraden im Regiment und in der Berliner Gesellschaft. In die Enge getrieben und sogar vom König aufgefordert, verbindlich zu dieser Liaison zu stehen, für die er sich zu schade war, erschoss er sich wenige Tage nach der Verlobung nahe beim Haus seiner Braut, derentwegen er meinte, sich vor aller Welt schämen zu müssen.


Der Reformator im falschen Licht und an falscher Stelle

In den Ablauf dieser Tragödie um vermeintliche Ehre und tatsächlichen Ehrverlust fügt Fontane den Fall des missglückten Lutherspektakels ein. Gleich im zweiten Kapitel der Novelle tauscht man sich im Salon der Madame Carayon über Zacharias Werner und sein Schauspiel aus, und die Szene nutzt Fontane dazu, seine entschiedenen Vorbehalte sowohl gegen den Zustand Preußens als auch gegen den Zustand der Kirche zur Sprache zu bringen. Im Grunde sitzen für seine Wahrnehmung beide in einem Boot, das sich in liederlicher Verfassung befindet und dessen Kentern samt Untergang allein eine Frage der Zeit sein kann.

Major Alvensleben, ein Gesprächspartner in der Runde, der später wegen seiner Teilnahme an der Schlittenfahrtsposse auf königliche Ordre hin strafversetzt werden sollte, stellt sich schützend vor die historische Gestalt Luthers, den »Gottesmann«, zu dem er nie »anders als in Ehrfurcht und Andacht aufgeschaut habe«. Er war es wohl auch, der zusammen mit anderen die Offiziersparodie ausschließlich auf Werners Lutherspiel und keinesfalls auf Luther selbst bezogen haben wollte. Ihre Intention sei nicht, den Reformator und sein Werk zu verhöhnen: »Was verhöhnt werden soll, ist das Stück, ist die ­Lutherkarikatur, ist der Reformator in ­falschem Licht und an falscher Stelle.«


Ein Schuss ins Herz von Preußens Gloria

Dies allerdings genügt Fontane nicht. Seiner Erzählmethode entsprechend, Beobachtungen und Urteile immer perspektivisch anzulegen und sie damit auf ein Spektrum zwischen Zustimmung und Ablehnung zu verteilen, schreibt er nun anderen Gesprächsteilnehmern Bemerkungen der kritischeren Art zu. Und da geht’s nicht mehr allein um ein missratenes Theaterstück, sondern um eine missratene politisch-religiöse Konstellation überhaupt, nämlich die alte Koalition aus Preußentum und Luthertum. Bülow, seines Zeichens Militärschriftsteller und bei Fontane die Stimme einer uneingeschränkten Gegenwartskritik, mokiert sich anfangs über ein Schaustück, das ihm »in seinen mystisch-romantischen Tendenzen einfach zuwider« sei. Um anschließend jedoch auf den Kern des Übels zu stoßen, den er im »Zusammenhang zwischen der Episode Preußen und der Episode Luther« zu erkennen meint. Plötzlich verschärfen sich die Betrachtungen und die Analysen. War zunächst der Fall Werner mit seinem Lutherstück wie eine unglückliche Episode erschienen, so unterliegt jetzt die gesamte Preußengeschichte demselben Urteil. Bülow erklärt unverblümt, dass er »die Tage Preußens gezählt glaube«, und zwar namentlich wegen dessen Verbindung mit dem Luthertum. Zwar passten beide zueinander, jedoch warum? »Weil beide gleich dürftig angelegt, gleich eng geraten sind. Es sind Kleinexistenzen.« Und nach diesem heftigen Schuss ins Herz von Preußens Gloria und in die feierliche Gedächtniskultur des Luthertums zugleich schiebt Bülow einen weiteren Aspekt seiner depressiven Gesamtschau nach: »Der nationale wie der konfessionelle Standpunkt sind hinschwindende Dinge, vor allem aber ist es der preußische Standpunkt und sein alter ego, der lutherische. Beide sind künstliche Größen.«

Fontanesche Anmerkungen zum Lutherjahr 1883. Sie verdienen es, im Luther- und Reformationsgedenkjahr 2017 erinnert und noch einmal durchbuchstabiert zu werden.


Reiner Strunk

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2017

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