Die »Systematische Theologie« von Eilert Herms
Ein reformatorisches Ereignis

Von: Dirk Kutting
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Endlich hat der em. Tübinger Professor für Syst. Theologie einen Gesamtentwurf der Systematischen Theologie vorgelegt, die das Ganze von Fundamentaltheologie, Dogmatik und Ethik umfasst. Diese Gesamtdarstellung des christlichen Lebens im Wort- und Tatbekenntnis des Glaubens hat das Zeug, die Beschreibung des Verständnisses des Christentums für das 21. Jh. zu werden und wird eine der großen Dogmatiken und Ethiken sein, die ein Lehrer der reformatorischen Kirchen hervorgebracht hat. Sie ist ein Ereignis des Reformationsgedächtnisjahres.

Endlich, das zeigt der Umfang des Werkes, hat sich Herms von der kleinen Form der Studie und des Aufsatzes befreit, mit der er die evangelische Theologie in vielen Jahren prägte. Diese Befreiung tut der Darstellung gut, weil sie eben nicht auf zwanzig, dreißig Seiten eingeengt daher kommen muss, sondern sich Raum zur Entfaltung nehmen kann, was sich sehr vorteilhaft auf den Lesegenuss auswirkt. Wer sich auf den Sprachstil dieses Werkes einlässt, wird auf eine Wanderung mitgenommen und bekommt viel zu sehen. Da die Landkarte stimmt und man auch einen Kompass (mit den §§ 1-4) in die Hand bekommt, kann man gerade in dem Ethik-Teil an sehr unterschiedlichen Stationen einsteigen und wird sich jeweils garantiert fest lesen, so dass man an manchen Stellen umkehren und den ein oder anderen Weg noch einmal abschreiten möchte. Überblick über das Ganze verschaffen die »Thesen« am Anfang jedes Paragraphen, und das Detail kann dann gelesen werden je nach Neugier und eigenem Interesse (wenigstens bei den vier ersten Paragraphen sollte man allerdings auch das Detail nicht überspringen).


Christliches Leben als Grund und Gegenstand christlicher Theologie

Was passiert hier? Es wird gerade nicht, wie es Adolf von Harnack einst forderte, für die Beschreibung des Wesens des Christentums das Wesentliche und Besondere einer großen Erscheinung von den zeitgeschichtlichen Hüllen befreit, sondern das christliche Leben als Grund und Gegenstand christlicher Theologie entfaltet. Es findet ein phänomenologischer Rückgang auf das gelebte Christentum, genau: die leib-seelische Einheit des christlichen Lebens statt, indem die »Christenheit« als Gemeinschaft verstanden wird, die »durch das eine und identische Wirken des inkarnierten Wortes (Logos) Gottes im Medium des Geistes der Wahrheit« (5) geschaffen und erhalten wird. Diese reale Einheit wird manifest im christlichen Leben, in den einzelnen Menschen, die von diesem Wirken ergriffen werden, »in ihrer Unverwechselbarkeit, Unersetzbarkeit und Unvertretbarkeit als leibhafte Personen, also unter Wahrung … ihrer Individualität« (5). Somit meint christliches Leben »den Vollzug des Zusammenlebens in der Christenheit jeweils am Ort und in der Verantwortung seiner ­vielen unverwechselbaren individuellen ­Autoren.« (5)

Das Wesentliche und Besondere der Christenheit, seine Gründung im »inkarnierten Wort«, wird nicht von den zeitgeschichtlichen »Hüllen« befreit, sondern im Zusammenleben derer, denen sich dieses erschließt, konkret und real lebendig. Das Wesen der Christenheit erscheint im realen christlichen Leben.


Unmittelbar präsenter und lebendiger Geist Gottes

Diese Sicht hat natürlich Folgen für die Wahrnehmung unserer pastoralen Praxis. Wenn ich z.B. im Weihnachtsgottesdienst unserer Schule darüber predige, dass in der Geburt von Jesus Gottes Wort lebendig wird, dann kann ich nicht umhin, in allen Teilnehmer/innen dieses Gottesdienstes, die singen, musizieren, Szenen darstellen, beten, Gott loben und sich gegenseitig Frieden wünschen, Gottes inkarniertes Wort gegenwärtig wirksam zu sehen. In jedem und in uns allen ist hier am Ort des Gottesdienstes Alles (Gottes lebendiger Geist) unmittelbar, leibhaft präsent.

Aber dieses unmittelbar Präsente will auch expliziert werden, was Aufgabe einer jeden Christin und eines jeden Christen sein kann und einer jeden Pfarrerin und eines jeden Pfarrers ist, und erst recht einer jeden systematischen Theologin und eines jeden systematischen Theologen. Oft höre ich (als Protokollant) beim theologischen Examen auch von Professoren, dass sich in Bescheidenheit geübt wird und gesagt wird: »Mir reicht eine systematische Theologie mittlerer Reichweite, die nicht allen Fragen nachgehen muss.« Das wird dann mit Henning Luthers These vom »Leben als Fragment« untermauert. Aber die Frage, wovon denn unser Leben Fragment, nämlich Bruchstück, ist, wird dadurch doch erst richtig laut und steht mit Herms vor der Alternative: »den Wahrheitsanspruch des inkarnierten Wortes Gottes so klar leibhaft präsent zu halten, zu artikulieren, dass sich der Geist der Wahrheit dieser Manifestations- und Artikulationsgestalt (…) bedienen kann und dadurch die Gemeinschaft selbst als solche erhält, oder mehr oder weniger unklar werden zu lassen, so dass sich der Geist der Wahrheit dieser unklaren leibhaften Artikulationsgestalten dieses Wahrheitsanspruchs nicht bedienen kann, sich ihrer auch nicht bedient, und genau dadurch (…) die Gemeinschaft seinem ›Gericht‹ unterzieht, indem er sie nicht erhält, sondern – soweit diese unklaren Artikulationsgestalten vorherrschen – verkommen und untergehen lässt (…).« (15f).


Weniger Banalität und gefühls­duselige Wortbilder predigen

Von Herms können wir lernen, weniger Banalität und gefühlsduselige Wortbilder (vgl. Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit, München 2016) zu predigen, weil die Lebenswirklichkeit der Menschen in den Predigten nicht nur »zur Sprache kommt«, sondern als christliches Leben selbst Gegenstand von Theologie und Predigt ist, in welchem der Grund eines jeden Christenlebens präsent ist und wirksam wird: das inkarnierte Wort Gottes, das uns der Geist der Wahrheit aufschließt. Es kann gesehen und gesagt werden, dass auch wenn das Leben des Einzelnen als Fragment erscheinen muss, es dennoch in Wahrheit, ursprünglich und letztlich Leben aus einem Guss ist, das im Werden ist, nämlich auf dem Weg zur vollendeten Ganzheit. Herms macht deutlich: »das Leben versteht, wer zu leben versteht.« (46)

Wir ertragen einander in unserem endlichen Leben und sind getragen vom Leben, so wie Christus auch unser Kreuz trägt, aber letztlich selbst noch vom Kreuz getragen wird. In den Situationen, in denen wir uns gegenseitig finden, geben wir uns stets gegenseitig vorsprachlich zu erleben, was die innere Nötigung enthält, das auch zu verstehen (vgl. 49). Das mache ich mir manchmal im Unterricht so klar, dass die Geschichte des Universums genau auf diese Situation zugelaufen ist, in der wir uns jetzt hier gemeinsam befinden und von dieser aus weiter geht. Welchen Wert kann dann dieses Jetzt-Hier des Miteinanders bekommen! Wenn so im Unterricht der reale Unterrichtsgegenstand mit all seinen uneinholbaren Prädikationen präsent wird und diese Präsenz zum Grund eines Zusammenseins, in welchem Aufmerksamkeit und Verstehen aller auf ihn gerichtet sind, ist das der Himmel auf Erden.

»In Wahrheit leben« bedeutet denn auch mit Herms, dass wir uns gegeben sind, uns angemessen zu verstehen; und dies in einer leibhaft realen Situation, die uns ebenfalls so und dazu gegeben ist, sie angemessen zu verstehen. Wie unsere jeweilige Gegenwart zuverlässig bestimmt ist vom »Ursprung und Ziel im ewigen Wollen und Wirken Gottes« (54), so sind wir fähig, damit übereinzustimmen und uns in unserer Gegenwart angemessen zu verstehen – und auf diese Weise in Wahrheit zu leben (vgl. 54f).


Was will der Wille Gottes von seinem geschaffenen personalen Gegenüber?

Herms fragt aber weiter, was dieses »in Wahrheit leben« für Christen inhaltlich qualifiziert meint. Was will der Wille Gottes von seinem geschaffenen personalen Gegenüber? Will er an ihm nur seine eigene Souveränität zeigen »auf Kosten bzw. durch Demütigung seines geschaffenen personalen Gegenübers?« (55) »Der Wille des Schöpfers, der sein Ziel im Gewähren von Welt, in der Faktizität des Dauerns unseres innerweltlich-leibhaften Personlebens realisiert, ist in sich selbst Gnade.« (55) In seiner Gnade hält Gott unerschütterlich, trotz unseres Irrtums und Irrgangs, an seinem Wohlgefallen und an seiner Gemeinschaftstreue fest (vgl. 56). Die »Gewissheit, ›aus Gnade‹ zu leben, (ist) nur die konkrete Gestalt der Gewissheit, ›in Wahrheit« zu leben‹« (57) – und umgekehrt.

Dementsprechend schrieb eine Schülerin einem Schulseelsorger, der ihr in einer schwierigen Lebenssituation geholfen hatte, den alles andere als blasphemischen Satz: »Ich weiß, es klingt dumm, aber immer, wenn ich mit Ihnen rede, weiß ich, es gibt Gott!« Wir erkennen uns in unserer Gegenwart angemessen in der Gewissheit über Ursprung und Ziel der Welt als ganzer. Die Theologie hat die universalen Züge, die sich an jedem Einzelfall manifestieren, zu erfassen und zu beschreiben (vgl. 58). Das ist mitnichten ein abstraktes Geschäft, sondern höchst konkret und lebensdienlich.

Soweit mein erster Eindruck zu dem, was in Herms Systematik passiert.


Der Bau des Ganzen

1. Teil: »Theologie. Ihr Grund und Gegenstand« (§§ 1+2)

In den beiden einleitenden Paragraphen wird das Wesen des Christentums als christliches Leben entfaltet. Das christliche Leben stellt Grund und Gegenstand christlicher Theologie dar.


2. Teil: »Das christliche Leben. Sein Grundakt: Glaube. Dessen Grund und Gegenstand: Offenbarung« (§§ 3-24)

Hier wird fundamentaltheologisch entfaltet, worauf das Zusammenleben von menschlichen Personen, dessen exemplarischer Fall das christliche Leben ist, überhaupt beruht. Es gründet in der praktischen Gewissheit über Welt, Gott und Leben, die auf Erschließungsereignisse (Offenbarung) zurückgeht, die als zuverlässig anerkannt (geglaubt) das Leben ausrichten und durch es leibhaft ausgedrückt (bezeugt) werden. Christliche Gewissheit verdankt sich – wie alle Gewissheit von Menschen überhaupt – Gottes unverfügbarer Selbsterschließung.

Gleichzeitig befindet sich christliche Gewissheit in einem fortlaufenden Bildungsprozess, sie ist immer im Werden und durchläuft auch vor- und außerchristliche Bildungsgestalten. Darum verwirklicht sich christliche Lebensgewissheit pluralismusoffen in allen Bereichen des Zusammenlebens in Form von Gemeinwohlorientierung und prägt die persönliche Lebenserfüllung. Beide, persönliche Lebenserfüllung und öffentliche Gemeinwohlorientierung, bezeugen diese Gewissheit im Schöpferlob.


3. Teil: »Das Wortbekenntnis des Glaubens« (§§ 25-59)

Der einleitende Paragraph 25 sagt, wovon im Wortbekenntnis im Ganzen die Rede ist. Nämlich vom Grund des Gewordenseins und Im-Werden-Bleibens unserer dauernden Lebensgegenwart, unseres dauernden Jetzt-hier: von der Selbstoffenbarung des Schöpfers, die unsere Welt schafft, bildet und auf ihre Vollendung hin erhält. Dann wird in vier Schritten gezeigt, dass die klassischen dogmatischen Themen nur Einzelaspekte dieses einen Gesamtgeschehens beschreiben:

I. Das dreieinige Wesen der Ursprungsmacht (§§ 28-31). Diese Paragraphen handeln von Sinn und Unsinn der »Beweise« der Existenz Gottes, der immanenten und ökonomischen Trinität (klassisch: Lehre vom Wort Gottes, Lehre von der Offenbarung).

II. Die geschaffene Welt-des-Menschen. Die Gewährung des lumen naturae als Verheißung des lumen gratiae (§§ 32-40). Behandelt wird die geschaffene Welt-des-Menschen als Möglichkeitsraum für das Gebildetwerden der Menschen zu uneingeschränktem Verstehen ihrer selbst, der Welt und Gottes (klassisch: Schöpfungslehre, Protologie).

III. Die versöhnte Welt-des-Menschen. Die Gewährung des lumen gratiae als Erfüllung seines Verheißenseins im lumen naturae und als Verheißung des lumen gloriae (§§ 41-50). Entfaltung des Inhalts des Christusgeschehens als Inkarnation des Wesenswillens des Schöpfers, als Wirken des inkarnierten Logos im Medium des Heiligen Geistes durch die Mitteilung (Ausgießung) des Geistes und die Schaffung der Glaubensgemeinschaft als Instrument für die Befreiung und Versöhnung der Menschheit (klassisch: Versöhnungslehre, Soteriologie).

IV. Die vollendete Welt-des-Menschen. Das im lumen gratiae verheißene Leben im lumen gloriae (§§ 51-59). Unter dem Titel »Unser ewiges Leben in Gott« wird nach dem Ziel des schöpferischen Lebens, seinem Leben in der vollendeten Welt, der Anteilhabe am Reich Gottes und der ewigen Seligkeit gefragt (klassisch: Erlösungslehre, Eschatologie).


4. Teil: »Das Tatbekenntnis des Glaubens« (§§ 60-100)

Wiederum in vier Schritten wird die Ethik entwickelt:

I. Grundfragen der christlichen Ethik (Theorie des christlichen Ethos) (§§ 60-62)

II. Die Theorie des christlichen Ethos als Pflichtenlehre (§§ 63+64)

III. Die Theorie des christlichen Ethos als Tugendlehre (§§ 65+66)

IV. Die Theorie des christlichen Ethos als Güterlehre (§§ 67-100)

Das christliche Leben ist das gelebte christliche Ethos. Dass es Grund und Gegenstand der Theologie ist, heißt also auch: es ist Grund und Gegenstand christlicher Ethik. »Weil Menschen Personen sind, handeln sie ausnahmslos im Lichte und im Banne der Anziehungskraft einer Leitvision des für sie höchsten Gutes, die ihrem Ethos zugrunde liegt.« (1171) Demnach stellt sich die Frage, ob Menschen moralisch handeln, nicht, sondern einzig die Frage welche Moral sie beherrscht. Ethos meint also das übersprachliche Bekenntnis seiner Leitgewissheiten. Die Ethik wird als Selbstbesinnung und Selbsterfassung des Ethos entfaltet, Ethik expliziert ihr Ethos, wie es sich im »Zusammenleben von menschlichen Personen kraft verantwortlicher Regelbefolgung am Ort des Einzelnen« zeigt (1172).


Wenn Vorannahmen unreflektiert bleiben

Inwiefern nun Herms ethischer »Ansatz« das rechte Wort zur rechten Zeit ist, möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen: In einer Rezension von Herms’ Aufsatzsammlung »Die Wirtschaft des Menschen« in der FAZ (7.3.2005) attestiert Norbert Tofall, dass Herms sich informiert, klug und differenziert zu Wirtschaftsfragen äußere, jedoch misslinge Herms’ Versuch, die Ökonomik fundamentalanthropologisch zu begründen. Ökonomik sei als sozialwissenschaftliche Disziplin etabliert, die auf den »Rückgriff auf Instanzen verzichtet, die dem Wollen und den Präferenzen der Individuen extern bleiben, wie beispielsweise Gott, der Kosmos, die Natur, die Gesetze der Geschichte.« Nach Herms’ »mittelalterlicher Ethik« müsste man die Wirtschaft in erneute Abhängigkeit von der Theologie stellen – für Tofall ein Rückfall in vormoderne Zeiten. In Wahrheit zeigt Herms jedoch nur, dass empirische Humanwissenschaft nicht anders möglich und auch nicht real ist denn als jeweils im Licht eines Vorverständnisses von der ganz allgemeinen Verfassung und Bestimmung von Welt und Leben des Menschen.

Tofalls Urteil ist ein Musterbeispiel dafür, dass die kategorialen Überzeugungen, die kosmologischen und fundamentalanthropologischen Vorannahmen, die den Betrieb der Erfahrungswissenschaften jeweils de facto leiten, unbedacht und undiskutiert bleiben. Dann geht entweder die Möglichkeit verloren, ethisch zwischen dem Menschlichen und Unmenschlichen (also zwischen dem, was der Natur und Bestimmung des Menschen entspricht bzw. widerspricht) zu unterscheiden und, was machbar ist, wird dann auch gemacht. Oder es werden mit dem implizit bleibenden faktischen Überzeugungen von Natur und Bestimmung des Menschseins zugleich auch ethische Standards mitgeführt, die bzw. deren Grundlagen ebenfalls implizit bleiben und einfach faktisch herrschenden Vorlieben und Interessen ­folgen.


Herzstück Güterlehre

Zurück zum Aufbau von Herms’ Ethik: Ihr Schwerpunkt liegt in der Güterlehre: »Erst in der Beschreibung des Letzteren, der Realisierung des Guten, also in der Güterlehre, gewinnt jede Ethik ihre konkrete Gestalt.« (1172) Hierbei stellt die Beschreibung der interaktionellen Realisierung des für alle Guten, des Gemeinwohls (bonum commune), den breitesten Raum ein (§§ 72-96 und damit auch des gesamten Werkes, nämlich mehr als 1300 Seiten). Abgeschlossen wird die Ethik durch die Beschreibung der Realisierung persönlicher Lebenserfüllung (bonum proprium) (§§ 97-100).

Die Themen der Ethik umfassen wirklich alles, was für das Zusammenleben in einer offenen, pluralen Gesellschaft aus christlicher Sicht zu bedenken ist. Ich nenne nur die wichtigsten: Reproduktion des menschlichen Lebens, Wandel der Heilkunst, Wirtschafts- und Sozialordnung, Politik und Recht, Forschung, Lebenssinnkommunikation, Spielen, Medien, Bildungswesen, Wissenschaft, Traditionspflege, Feiern, Mitgestaltung der Globalisierung. Und im letzten Teil dann: Lebensgenuss und Lebenskunst, sowie Altern und Reifwerden für die Ewigkeit.

Dank der, den einzelnen Paragraphen vorangestellten Sätze und eines ausführlichen Sachregisters, kann man sich in allen wichtigen Fragen des christlichen Lebens in der pluralen Gesellschaft konkret und gut beraten lassen. Die christliche Sicht der Würde des Menschen wird dabei immer auch im Zusammenhang der deutschen Rechtsordnung diskutiert: Was ist erlaubt? Was ist geboten? Welche Übel sind eher zu akzeptieren als andere? Welches Gut ist anzustreben? Was kann nicht von allen verlangt werden, wenn sie die christliche Sicht von der Würde des Menschen nicht teilen? Was betrifft das Menschsein schlechthin und sollte in der Rechtsordnung seinen Niederschlag finden? Welche Entscheidungen sind von Christen vorzuziehen, wenn das Recht einen weiten Spielraum lässt?


Ein Entwurf Systematischer Theologie als Sehschule

Was für jeden Aufsatz von Herms gilt, gilt erst recht für seine »Systematische Theologie«. Die Realität des christlichen Lebens wird aufgeschlossen. Der Text ist eine Sehschule, die sehen lässt, nämlich das, was die Phänomene zeigen. Wie Luther sagte: »Dem Menschen fehlt nichts, als dass er eine Kreatur nur einmal richtig ansehe!« Dann sieht er, was schon Paulus den Athenern zu sehen geben wollte: »In ihm (in Gott und seinem Welt schaffenden, bildenden und vollendenden Wirken) leben, weben und sind wir« (Apg. 17,28). Herms: »Die Wirklichkeit, in der sich die Christen finden und mit allen (noch) Nichtglaubenden zusammenleben, ist das Herz Gottes.« (3406f)

»Nachgezeichnet wurde, was dem Glauben offenbar und gewiss ist: Alles ist inneninnen das Prozedieren von Welt, innen alle präpersonalen und alle sozialen Prozesse in der Welt, innen alle Hervorbringungen und Katastrophen der innerkosmischen Evolution, innen alle Katastrophen und Hervorbringungen der Geschichte. Alles ist innen – in der allbefassenden Gegenwartsgegenwart Gottes, in seinem ewigen Personleben. In ihm ist die Welt-der-Menschen ein Ganzes und eins.« (3407)

Darum: Eine nachdrückliche Empfehlung an die Kolleginnen und Kollegen in Pfarramt und Schule, sich auf diese Systematische Theologie einzulassen, sich in sie zu vertiefen und teilzunehmen an einem reformatorischen Ereignis!


Literatur

Eilert Herms, Systematische Theologie. Das Wesen des Christentums: In Wahrheit und aus Gnade leben, Tübingen (Mohr Siebeck) 2017, 3468 Seiten (3 Bände), 149,00 €


Dirk Kutting

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2017

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