Zur Neuausgabe des »Evangelischen Soziallexikons«
Evangelische Sozialethik

Von: Martin Honecker
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

1954 erschien die erste Auflage des »Evangelischen Soziallexikons«. Katholische Rezensenten konstatierten damals, durchaus anerkennend und wohlwollend, damit habe die evangelische Ethik genauso wie die katholische Theologie eine Soziallehre gewonnen. Wie ist diese Aussage historisch und systematisch einzuordnen und einzu­schätzen?

Ein Rückblick auf die Geschichte zeigt, dass Sozialethik ein Randthema in der evangelischen Theologie war. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und den Erfahrungen mit dem totalitären Staat im Dritten Reich wurde Sozialethik in der evangelischen Theologie etabliert und institutionalisiert. Denn bis zum Ende des landesherrlichen Kirchenregiments 1919 waren im staatskirchenrechtlichen System gesellschaftlichen und sozialen Aktivitäten der Kirche Grenzen gesetzt. In der Weimarer Republik galt das kirchliche Augenmerk zunächst einmal der Sicherung der Position der evangelischen Kirche in Recht und Gesellschaft. Der Nationalsozialismus und sein ideologischer Totalitätsanspruch schränkte danach eine gesellschaftliche Tätigkeit der Kirche weitgehend ein und ließ eigenständige Aktivitäten und Ideen nicht oder kaum zu.

Nach der politischen und militärischen Katastrophe 1945 reflektierten folglich Kirche und Theologie ihre öffentliche Verantwortung neu. Sie öffneten sich einer offenen freiheitlichen und pluralistischen Gesellschaft und hatten daher ihre Position und Aufgabe in der Gesellschaft reflektiert zu bestimmen und sich selbst dabei zu orientieren. Ein solches Ergebnis einer Neuorientierung war anfangs der 1950er Jahre die Konzeption des evangelischen Soziallexikons.


Kulturprotestantisches Präludium

Allerdings hatte bereits Ernst Troeltsch, Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen (1911) eine weit ausgreifende Sozialgeschichte des Christentums vorgelegt. Das große und epochemachende Werk endete freilich schon im 18. Jh. und enthielt nur einen kurzen Ausblick auf die Gegenwart vor dem Ersten Weltkrieg. Troeltschs Soziallehren beschrieben geschichtliche Entwicklungen, wollten aber nicht normativ inhaltlich festgelegte Anweisungen für die Gegenwart geben. Verknüpft wird von ihm prinzipiell die Sozialgeschichte mit den Erscheinungsformen und Gestaltungen der sichtbaren Kirche. Im Mittelpunkt stehen dabei jedoch nicht die dogmatische Lehre von der Kirche, sondern die Sozialformen des Christentums und die Bildung kirchlicher Organisation. Denn die drei Typen Kirche, Sekte und Mystik bilden nach ihm jeweils eigene ethische, soziale und kulturelle Lebensformen aus. Troeltsch geht es nicht um eine verbindliche Kirchentheorie, sondern um eine unvoreingenommene Wahrnehmung des jeweiligen Verständnisses des Christentums in Kultur und Gesellschaft. Eine spezifisch christliche, theologische Gesellschaftstheorie gibt es für ihn nicht.

Der theologische Neuaufbruch der Dialektischen Theologie in den 1920er Jahren konzentrierte sich im Widerspruch zum Kulturprotestantismus auf das Verständnis von Offenbarung und Wort Gottes und blendete die Auswirkungen auf Kultur und Gesellschaft weitgehend aus. Insofern ist in der Tat die Erarbeitung und Publikation des Evangelischen Soziallexikons Zeichen eines Neuaufbruchs und Meilenstein in der Wahrnehmung von Ethik und Gesellschaft; es ist auch Indiz eines Wandels kirchlichen Selbstverständnisses.


Katholische Soziallehre und evangelische Sozialethik

Was aber meint unter diesem Aspekt »Soziallehre«? Die katholischen Kritiker stellten damals einen Umschwung im Protestantismus fest, der aus dem Zusammenbruch des Obrigkeitsstaates und einer nationalstaatlichen Engführung Konsequenzen gezogen habe. Sie deuten diese Entwicklung als Absage an eine Abstinenz der evangelischen Kirche und Christen im politischen und sozialen Raum.

Maßstab dabei ist für die katholische Bewertung verständlicherweise die katholische Soziallehre. Dabei ist freilich zu unterschieden zwischen einer kirchenamtlich verkündeten und innerkirchlich verbindlichen Soziallehre und deren wissenschaftlicher Interpretation und Begründung. Für die kirchliche Sozialverkündigung und Soziallehre grundlegend ist deren Magna Charta von Papst Leo XIII. in der ersten Sozialenzyklika »Rerum novarum« (1891). Die kirchliche Soziallehre, wie sie in den päpstlichen Sozialenzykliken und auch in Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils vorliegt und entfaltet wird, ist eine authentische Äußerung des kirchlichen Lehramts. Sie nimmt die Autorität des Lehramts in Anspruch, um die Soziallehre verbindlich zu machen. Zugespitzte kirchliche Auffassungen sehen daher die Aufgabe der katholischen Soziallehre in der wissenschaftlichen Theologie lediglich nur noch darin, die amtlichen Lehraussagen zu erklären und zu begründen. An dieser Stelle ist nicht zu erörtern, wie diese offiziellen Lehraussagen im Lauf von mehr als 100 Jahren verändert und dem gesellschaftlichen Kontext angepasst wurden. Aus der Perspektive evangelischer Ethik und Sozialethik ist nämlich allein schon eine Legitimation der Aussagen einer Soziallehre durch die Berufung auf ein institutionelles kirchliches Lehramt nicht grundlegend.

Die wissenschaftliche katholische Soziallehre oder Gesellschaftswissenschaft versteht sich jedoch keineswegs lediglich als Exegese offizieller Vorgaben. Sie bemüht sich ihrerseits um eine wissenschaftliche Grundlegung mithilfe der Philosophie, vor allem der Sozialphilosophie. Traditionell bot dafür das Naturrecht die Grundlage. Die Überzeugung war dabei, dass man ohne Normen des Naturrechts und ohne naturrechtliche Beweisführung Sozialprobleme nicht beurteilen und lösen könne. Daher lautet der Einwand gegen evangelische Ethik und Soziallehre, diese beriefen sich allein auf die Bibel. Vorkonziliar bestand insofern unverkennbar ein Gegensatz zwischen der katholischen Gründung der Soziallehre im Naturrecht und evangelischer Berufung auf Aussagen der Bibel als Heiliger Schrift.


Falsche Alternativen

Neben der Berufung auf die Bibel ist ein starker Situations- und Kontextbezug evangelischer Ethik zu beobachten. Die Alternative von naturrechtlicher oder biblischer Begründung ist heute überwunden. Einerseits steht eine ethische Berufung auf die Autorität des Schriftworts vor der Aufgabe einer Auslegung und Übersetzung biblischer Aussagen auf gegenwärtige Probleme. Die Bibel ist nicht zeitlose Autorität, sondern bedarf der Interpretation und macht hermeneutische Bemühungen notwendig. Andererseits hat man gleichzeitig in der katholischen Ethik und Theologie die Grenzen einer Berufung auf naturrechtliche Normen erkannt. Denn einmal ist das Verständnis von Natur vielschichtig und pluralistisch, Strittig wurde sodann auch eine zeitlos verstandene klassische neuthomistische Sozialphilosophie. Dazu kommt inzwischen die Konkurrenz einer Befreiungstheologie oder politischer Theologien zur neuscholastischen Soziallehre. Inzwischen wird auch von katholischen Vertretern die Soziallehre als »Gefüge offener Sätze« verstanden.

Was folgt daraus für den Vergleich evangelischer Soziallehre bzw. Sozialethik mit der katholischen Soziallehre? Evangelische Sozialethik kann sich nicht auf eine lehramtliche Autorität stützen und berufen. Es gibt keine offiziell kirchlich approbierte Soziallehre. Evangelische Sozialethik kann sich aber auch nicht auf eine rein deskriptive Darstellung von Phänomenen und Problemen beschränken. Zwar ist die Darstellung von Sachverhalten, Problemen und Aufgaben Voraussetzung und Basis jeder ethischen Bewertung. Eine evangelische Beurteilung sozialer, politischer, wirtschaftlicher und politischer Themen kann jedoch nicht auf eine Bewertung verzichten und sich mit der bloßen Beschreibung begnügen. Deshalb müssen Sozialethik und Soziallehre sowohl deskriptiv als auch normativ, präskriptiv konzipiert werden. Evangelische Sozialethik will zum eigenen Urteil anleiten und sollte folglich einen freiheitlichen Geist atmen. Die Folge dieser Grundhaltung ist ein innerevangelischer Pluralismus.

Dazu kommt die Bedingung einer sachgerechten Wahrnehmung von Fakten und Aufgaben. Allerdings können Sachgegebenheiten und Sachverhalte unterschiedlich wahrgenommen und gedeutet werden. Gleichwohl sind Sachlichkeit und eine möglichst unvoreingenommene Sicht der zu bewertenden Realitäten unerlässlich. Evangelische Sicht von Leben und Weltgestaltung nimmt ferner geschichtliche und gesellschaftliche Veränderungen zur Kenntnis. Geschichtlichkeit und Kontextualität sprechen infolgedessen gegen eine Berufung auf statische unveränderliche Ordnungen. Nicht nur geschichtliche und gesellschaftliche Veränderungen sind zu beachten, sondern auch neue Themen und Herausforderungen sind zu bedenken. Sozialethik kann allein schon deswegen kein geschlossenes System entwerfen. Die Offenheit für geschichtlichen Wandel und gesellschaftliche Veränderungen ist für sie essentiell.


Kein geschlossenes System

Das kann durchaus zu dem bekannten kritischen Einwand führen, das evangelische Verhältnis zur Gesellschaft sei relativ, ja sogar beliebig. Gegen diesen Einwand des Relativismus ist ein Zweifaches zu bedenken: Einmal hat jede Ethik und Sozialethik ihr Fundament in der Anthropologie. Dem Menschenbild kommt eine Schlüsselrolle zu. In der katholischen Soziallehre wurde formuliert: »Sag mir, welches Menschenbild du hast, und ich will dir sagen, welches Bild der menschlichen Gesellschaft dazu gehört.« Denn das christliche Verständnis von Gott, Mensch und Welt hat Auswirkungen auf die eigene Lebensgestaltung, wie auf das gesellschaftliche Zusammenleben. Deshalb hat ein »evangelisches« Soziallexikon das Grundverständnis des Menschen aus der Perspektive des christlichen Glaubens und aus den Erfahrungen einer Kultur des Christentums zu explizieren.

Sodann ist gegen ein rein individualistisches Verständnis der Lebensorientierung und einen verabsolutierten Anspruch auf Selbstbestimmung der kommunikative Anspruch von Freiheit und Autonomie zur Geltung zu bringen. Der Mensch ist ein soziales Wesen und dadurch eingebunden in eine Lebenswelt. Er ist angewiesen auf eine Ordnung der Lebenswelt und des Zusammenlebens. Solche Ordnung zeigt sich in Institutionen. Institutionen entstehen aus der Notwendigkeit, Grundbedürfnisse des Menschen auf Dauer zu stellen. Fundamentale Institutionen wie Ehe und Familie, Politik und Staat, Wirtschaft sowie Kultur und Bildung haben ihre Wurzeln in der Anthropologie. Neben der Achtung der Individualität und der Rechte der Person ist darum die Bedeutung institutionell entstandener und verfestigter Strukturen zu bedenken. Von dieser fundamentalen Angewiesenheit des Menschen auf Institutionen ist jedoch die konkrete kulturelle und geschichtliche Ausgestaltung der jeweiligen Institution zu unterscheiden.


Träger von Kultur und Ethos

Neben der Differenzierung zwischen institutioneller Angewiesenheit und konkreter Ausformung von Institutionen sind überdies auch Organisationen zu beachten, die als geschichtlich entstandene und damit veränderliche, aber relativ beständige und dauerhafte Einrichtungen das gemeinsame soziale und gesellschaftliche Leben erleichtern. Folglich enthält das »Evangelische Soziallexikon« ­Artikel über Institutionen, institutionelle Verfahren und Organisationen.

Zu den Institutionen zählen ferner auch Kirchen, Konfessionen, kirchliche Vereinigungen und Einrichtungen. Mit dem Stichwort Kirchen verbinde sich die Frage nach den Trägern evangelischer Ethik und gesellschaftlichen Handelns. Die Antwort auf diese Frage kann nicht darin bestehen, zwischen dem Einzelnen als verantwortlichem Subjekt und dem gemeinschaftlichen Handeln in Institutionen eine Alternative aufzustellen oder gar einen Gegensatz zu konstruieren. Aber es ist dennoch festzuhalten, dass nicht allein die verfasste und organisierte Kirche Träger von Sozialethik ist. Dem steht schon die reformatorische Auffassung vom allgemeinen Priestertum aller Glaubenden entgegen. Außerdem ist das theologische Verständnis von Kirche von einer Beschreibung in Kirchenkunde und Kirchensoziologie zu unterscheiden. Christentum und Protestantismus umfassen phänomenologisch mehr als die etablierten Kirchen und geschichtlich gewordenen Konfessionen und Kirchengebilde. Sie sind nicht bloß als Organisationen zu beschreiben, sondern als ­Träger von Kultur und Ethos zu begreifen.


Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kirche

Schließlich hat Sozialethik und also auch das Soziallexikon die Bedeutung und Rolle der Öffentlichkeit zu beachten. Das schließt nicht nur die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Öffentlichkeit ein, sondern überdies sind der Funktions- und Strukturwandel in der Mediengesellschaft und die Veränderung von Öffentlichkeit durch globale Kommunikation in der Informationsgesellschaft darzustellen und zu analysieren.

Die Neuausgaben des »Evangelischen Soziallexikons« spiegeln infolgedessen auch Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kirche wieder. Die erste Auflage 1954 hatte sich eine doppelte Aufgabe vorgenommen: Einmal soll das Soziallexikon über Entwicklung und Stand der Diskussion informieren, um eine eigene Urteilsbildung zu ermöglichen. Zum anderen sollte es den evangelischen Standpunkt zu den verschiedenen Fragen des sozialen Lebens deutlich machen. Die folgenden fünf Neuauflagen brachten Überarbeitungen der Artikel und Erweiterungen der Stichworte. Die 7. Neuauflage 1980 legte darüber hinaus einen Schwerpunkt auf Diakonie und Sozialstaat. Die 8. Auflage 2001 richtete den Blick auf die neuen Entwicklungen in Europa, auf Globalisierung, Finanzthemen und Finanzkrise, Informationstechnologie und Bioethik.

Die jetzige 9. Ausgabe fügt als Stichworte und Themen hinzu: Generationengerechtigkeit, Demographischer Wandel, Inklusion, Sozialunternehmer, Energiewende, Bankenkrise, Transaktionssteuer, Institutionelle Anleger, Digitale Sicherheit, Suffizienz, Wachstumsökonomie. Verstärkt berücksichtigt wird auch das Verhältnis von christlicher Ethik zu nichtchristlichen Religionen. Bei aller Veränderung und Erweiterung bleibt jedoch die Kontinuität in der anthropologischen Grundsicht und der Bezug auf evangelischen Glauben und protestantische Tradition erhalten. Die Notwendigkeit einer Neuausgabe bestätigt so eindrucksvoll zugleich die Kontext- und Zeitbezogenheit von Ethik und Sozialethik, wobei deren Grundlegung in einer evangelischen Sicht von Welt und Mensch nach wie vor erhalten bleibt.


Literatur:

Evangelisches Soziallexikon, 9. überarbeitete Auflage 2016, 930 Seiten, Fester Einband, 99 €


Martin Honecker

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2017

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Trinitatis
11. Juni 2017, Jesaja 6,1-13
Artikel lesen
Werden wie die Kinder?
Das Kampagnenmotiv des DEKT im Jahr des Reformationsjubiläums
Artikel lesen
Der Mann, der 1983 die Welt rettete
Von einem, der den Atomkrieg nur knapp verhinderte, und von der Wahrscheinlichkeit, dass die Raketen das nächste Mal treffen
Artikel lesen
2. Sonntag nach Trinitatis
25. Juni 2017, Matthäus 22,1-14
Artikel lesen
Die Kirche und das »liebe Vieh«
Warum es im christlichen Glauben nicht nur um den Menschen, sondern auch um die Tiere geht
Artikel lesen
Kann man für die Sünden der Vorfahren die Vergebung der Sünden erlangen? Oder: Wenn zwei gemeinsam das gleiche sagen, aber dabei nicht dasselbe meinen und tun
Eine Fragestellung zu den ökumenischen Gottesdiensten zum Reformationsgedenken
Artikel lesen
1. Sonntag nach Trinitatis
18. Juni 2017, Johannes 5,39-47
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!