Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Am Dienstag, 11. April, eröffnete der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Ausstellung »Der Luthereffekt – 500 Jahre Protestantismus in der Welt« im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Sie zeigt exemplarisch: Deutschland und Europa 1450-1600, Schweden 1500-1750, Nordamerika 1600-1900, Korea 1850-2000 und das heutige Tansania. In dem quadratischen Gebäude im Renaissancestil, 1881 als Kunstgewerbemuseum eröffnet und in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts restauriert, präsentiert das Deutsche Historische Museum auf ca. 3000 Quadratmetern die Ausstellung mit herausragenden Exponaten von nationalen und internationalen Leihgebern, die in Deutschland z.T. noch nie zu sehen waren. »Gräbt den gängigen Reformationsklischees das Wasser ab«, urteilte die »Berliner ­Zeitung«.

Eine ganz andere Ausstellung ist schon seit dem 1. April im Museum Nikolaikirche zu sehen: »Sankt Luther – Reformation zwischen Inszenierung und Marketing«. Sie ist ein Projekt im Rahmen des Reformationsjubiläums 2017 der EKBO sowie des Kulturprogrammes »Zeig Dich – Kultur zum Kirchentag anlässlich des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages Berlin-Wittenberg.

Die nicht sehr große, aber eindrückliche Ausstellung in der ehemaligen Sakristei erzählt von Schaulust und Berührungsdrang, von den fließenden Grenzen zwischen Andenken und Bilderkult. So gibt es eine »Luther-Reliquie« zu sehen, ein Stoffabschnitt aus dem Merseburger »Luther-Mantel« von 1545, auf Papier geheftet und beschriftet. Damals wurde Fürst Georg III. von Anhalt durch Martin Luther zum ersten evangelischen Bischof von Merseburg geweiht. Ein Messgewand aus fürstlichem violetten Seidenatlas wurde wahrscheinlich eigens für Luther angefertigt und später in den folgenden Jahrhunderten fast bis zur Unkenntlichkeit in Reliquien zerlegt! Unter den Stichworten »verehrt – verklärt – verkehrt« sind Bildfindungen versammelt, die Luthers Lehre nicht selten auf den Kopf gestellt oder seine Verehrung für politische Zwecke missbraucht haben. So gibt es ein Plakat von 1917 zum Aufruf, Kriegsanleihen zu zeichnen mit dem Motto »Wenn die Welt voll Teufel wär …«, oder um 1833 ein ­Lutherbild nach Veit Hans Schnoor von Carolsfeld auf einem Gedenkblatt zum 350. Geburtstag von Luther: »Ein feste Burg ist unser Gott« – und Luther steht auf einem Felsen. Kurios ist die Coburger Lutherblatt-Legende: Ein Zahnstocher vom Bett des Reformators wirkt wahre Wunder bei Zahnschmerzen …

Ein Highlightobjekt ist die Hausbibel des Perlenstickers Hans Plock – ein einzigartiges Zeugnis des Lebens und Denkens in der Reformationszeit. Plock, 1490-1570, geboren in Mainz, stand lange im Dienst des Kardinals Albrechts von Brandenburg und war ihm auch in seine Lieblingsresidenz Halle gefolgt, versagte ihm aber bei seinem Rückzug 1541 das Gefolge. Noch im gleichen Jahr erwarb er seine Bibel, eine Ausgabe, die noch von Luther redigiert war. Sie wurde ja noch ungebunden verkauft, sodass der Erwerber weitere Seiten einbinden lassen konnte. Zahlreiche Kommentare und Randglossen dokumentieren seine persönliche, innertheologische Auseinandersetzung mit den Schriften der Reformatoren und Humanisten. Sie beleuchten authentisch die geistlichen, politischen und kulturellen Umbrüche dieser Zeit. Zudem klebte Plock zahlreiche zeitgenössische Drucke in die Bibel ein und fügte eigenes Schmuckwerk sowie handschriftliche Kommentare zu den abgebildeten Persönlichkeiten des Zeitgeschehens hinzu. Zusätzlichen Platz gewann er, indem er weitere Lagen in die Bibel mit einbinden ließ: Diese nutzte er für herausgehobene ­Einklebungen wie beispielsweise vier Zeichnungen seines Freundes Matthias Grünewalds sowie für eigene tagebuchartige Aufzeichnungen, Erinnerungen und Reflexionen. Es macht ein großes Vergnügen mit dem interaktiven Bildschirm die beiden Bände durchzublättern und zu staunen. Und wenn man den Preis bedenkt: Das Jahresgehalt eines Schulmeisters musste aufgewendet werden! Trotzdem war die Auflage von 1500 Exemplaren auf der Buchmesse schnell verkauft …

Ein besonderes Schaustück ist auch das »Heiltumbuch« von 1520. Mit ihm warb Kardinal Albrecht für die öffentliche Vorführung seiner Reliquiensammlung: 42 »Körper« und 8133 »Partikel« waren in 353 Reliquiaren untergebracht und ergaben bei einem Besuch einen erheblichen Ablass.

Während diese Ausstellung am 28. Mai endet, werden im Kirchenschiff bis zum 10. September die Kunstwerke der Nikolaikirche aus dem Reformationsjahrhundert gezeigt. Zum Jubiläum konnten sie durch Leihgaben weiterer bedeutender Objekte ergänzt werden, die einst zum historischen Bestand gehörten. Zum ersten Mal seit 1945 präsentiert sich dieser außergewöhnliche Bilderschmuck damit ­wieder nahezu vollständig. Sehenswert!



Siegfried Sunnus

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2017

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

»Küche der Meinungen«
Die Toleranzfrage im Jahrhundert der Reformation
Artikel lesen
Neues vom Krümelmonster

Artikel lesen
2. Sonntag nach Trinitatis
25. Juni 2017, Matthäus 22,1-14
Artikel lesen
3. Sonntag nach Trinitatis
2. Juli 2017, Lukas 15,1-7(8-10)
Artikel lesen
Trinitatis
11. Juni 2017, Jesaja 6,1-13
Artikel lesen
Die Kirche und das »liebe Vieh«
Warum es im christlichen Glauben nicht nur um den Menschen, sondern auch um die Tiere geht
Artikel lesen
Der Mann, der 1983 die Welt rettete
Von einem, der den Atomkrieg nur knapp verhinderte, und von der Wahrscheinlichkeit, dass die Raketen das nächste Mal treffen
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!