11. Juni 2017, Jesaja 6,1-13
Trinitatis

Von: Gerhard Maier
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Der heilige Gott, sein Bote und die Botschaft damals wie heute

Grundentscheidungen

Im Blick auf den Gottesdienst stehen Grundentscheidungen zu Textumfang und möglichen Predigtintentionen an. Die plerophor klingende Überschrift deutet es an.

Die Perikope als ganze enthält (zu) viel; exegetisch betrachtet sind es vier Abschnitte:

V. 1-4: Schilderung der Theophanie

V. 5-8: Jesaja, der Mann »mit unreinen Lippen«, wird entsündigt und beauftragt

V. 9-11: Jesajas Verstockungs-Botschaft. Während Jesaja in V. 1-8 Unglaubliches sieht, hört und erfährt, wirkt seine Botschaft Gegenteiliges: verfettete (= verhärtete) Herzen, schwere (= taube) Ohren und verklebte (= blinde) Augen.

V. 12f »sind erst nachträglich mit 6,1-11 verbunden worden; auch der Schluss von V. 13 ist sekundär«1.

Man muss also auswählen und fokussieren. Oder man reserviert drei oder gar vier aufeinander folgende Sonntage für die Perikope.


Optionen

1. Vom Sonntag(sthema) her kann man das dreimalige »Heilig« (V. 3) in die Mitte stellen2, also mehr gottesdienstlich-liturgisch predigen. Ein so geprägter Gottesdienst könnte durchaus auch an den am 6.3.1937 verstorbenen Rudolf Otto und sein 1917 erschienenes Werk »Das Heilige« erinnern. Außerdem müsste die Kirchenmusik einen Schwerpunkt bekommen. Vom Liedgut her bieten sich EG 185.1-185.5 an.

2. Man kann die Perikope auf die V. 5-8 konzentrieren und von Jesaja her althergebracht zu Wesen, Stand und Beruf des Christen predigen, also pneumatologisch-ethisch vom heiligen Gott, der sich sein Volk heiligt3. Dazu passend: EG 128,4 (»Ohn dein Beistand«).

3. Wohl am schwierigsten dürfte es sein, mit den V. 9-13 vom totalen, nichts übrig lassenden Gericht zu predigen. Die Naturbilder lassen auch an die unaufhaltsam fortschreitende Zerstörung unserer pflanzlichen Lebensgrundlagen denken. In vielen Ländern unserer Erde muss man außerdem eine Entstaatlichung feststellen. Und dann die stets präsente Terrorgefahr. – Kalendermäßig und politisch-religiös gesprochen ist es »Aschermittwoch« am beginnenden Sommer – mitten im Wahljahr 2017. Aber in der »Verödung« sind doch Hoffnungszeichen auszumachen: »Heiliger Same sind die Triebe …«4.

4. Das Tersteegenlied »Gott ist gegenwärtig« (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Gott_ist _gegenw%C3%A4rtig) ist sowohl im EG (Nr. 165) als auch im »Gotteslob« (Nr. 387) mit allen acht Versen enthalten. Dies und die gemeinkirchliche Bedeutung des Trishagions könnte einen ökumenischen Gottesdienstes mit einer Liedpredigt inspirieren. Diese sollte jedoch nicht (zu sehr) Tersteegens Mystik folgen, sondern sich an dem harten Jesajatext orientieren.


Anmerkungen:

1 Otto Kaiser: Der Prophet Jesaja. Kapitel 1-12 (ATD 17), Göttingen 1963, 66 (teilweise umgest.).

2 Zum sog. Trishagion vgl. das 58. Blatt (»Dreimal heilig«) in Christian Lehnerts »Der Gott in einer Nuß. Fliegende Blätter von Kult und Gebet« (Berlin 2017, 157-165). Rudolf Otto sagte laut http:// www.deutschlandfunk.de/rudolf-otto-und-die- ­erfahrung-des-heiligen.886.de.html?dram: ­article_id=233339 einmal: »Ich habe das Sanctus, Sanctus, Sanctus von den Kardinälen in Sankt Peter und das Swiat, Swiat, Swiat in der Kathedrale im Kreml und das Hagios, Hagios, Hagios vom Patriarchen in Jerusalem gehört. In welcher Sprache immer sie erklangen, diese erhabensten Worte, immer greifen sie in die tiefsten Gründe der Seele, aufregend und rührend mit mächtigem Schauer das Geheimnis des Überweltlichen, das dort unten schläft.«

3 Vgl. die atl. und ntl. Überblicke und Zusammenfassungen bei Hanna Stettler: Heiligung bei Paulus (WUNT 368), Tübingen 2014, 52-59. 211f.

4 So Hans Wildbergers Übersetzung in seinem Kommentar zu Jes. 1-12 (BK X,1 [1980], 231).


Gerhard Maier

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2017

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