18. Juni 2017, Johannes 5,39-47
1. Sonntag nach Trinitatis

Von: Dörte Kraft
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Eine Frage der Ehre

Konfrontation

Unsere Perikope ist der letzte Teil einer längeren Rede, in der Jesus nach der Krankenheilung am Teich Bethesda »den Juden« seine Legitimation darlegt. Die Schärfe der Auseinandersetzung ist wohl der feindseligen Situation zwischen Synagogen und ersten christlichen Gemeinden zur Zeit der Abfassung des Evangeliums geschuldet. Heute, 2000 Jahre und jahrhundertelange Verfolgung des Judentums durch eine mit der politischen Macht verbundene Kirche später, verbietet sich ein solcher Ton und eine solche herablassend klingende Argumentation von selbst.

Es ist ein konfrontativer Text, das kann ärgerlich sein. Jesus ringt mit denen, die ihn ablehnen und sicher sind, alle guten vernünftigen und religiösen Gründe auf ihrer Seite zu haben. Wären ihm diese Menschen egal, könnte er hier »den Staub von den Füßen schütteln« – augenscheinlich sind sie das aber nicht. Er argumentiert lange und sorgfältig. Und da unser Text keine Reaktion der Gegenseite beschreibt, bleibt dieser Platz sozusagen frei: der Leser (und Predigthörer) kann sich hier gedanklich verorten.


Der Filter unserer Vorentscheidungen

Auf mehreren Linien weist der joh. Jesus seinen Zuhörern nach, dass sie eigentlich alles haben, um Jesus als den Gesandten Gottes zu erkennen und anzunehmen, aber sie stehen sich selbst im Weg. Dabei ist ein Mechanismus am Werk, der wohl zutiefst menschlich ist: alles, was wir hören oder lesen, läuft zuerst durch die Filter unserer Vorentscheidungen. Was prägt, was blockiert also hier die Wahrnehmung?

Ich sehe drei Stichworte: Prinzipien – »Ehre« – Schrift ohne Gott.

Ich schlage vor, dem Thema »Ehre« einmal nachzuhören und es in Beziehung zu setzen zu den aktuellen Debatten.


Ehre, wem Ehre gebührt – und Liebe für andere

Wo Menschen »Ehre voneinander nehmen«, sind sie unfähig zu glauben, sagt Jesus in V. 44 – warum sollte das so sein?

In Zeiten der Selfies und der Selbstpräsentation zählt das glänzende Ich. Ansehen, Erfolg, Bewunderung. Das »Ich und …« wird festgehalten und »geteilt«. Ich bin, was die anderen in mir sehen. Und das möchte ich steuern über meine Selbstinszenierung. In den Augen der anderen liegt die Quelle der »Ehre«. Das ist anstrengend und oft genug unbarmherzig.

Die Akzeptanz und Meinungsführerschaft meines Umfelds färben dann meine Wahrnehmung von Menschen, einer Religion, Kultur, eines Kleidungsstils, aber auch eines Sachverhalts, einer Nachricht, einer Aussage. Hier liegt eine Vorentscheidung. Gruppenzugehörigkeit ist einer der Filter, durch die wir politische Verlautbarungen hören oder die ganz persönliche Erzählung eines Menschen wahrnehmen. Eure Meinung, sagt Jesus, hat damit zu tun, wem ihr Ehre erweist, will heißen: wer eure Autorität darstellt, von wem ihr euch abhängig macht.

»Ehre«: wörtlich sogar »Herrlichkeit« (doxa) – was nur Gott zusteht, wird begeistert einem überzeugenden Menschen entgegengetragen (V. 43b). Der »charismatischen« Persönlichkeit wird dann die Erlösung zugetraut. Diese Person kommt zwar im eigenen Namen, aber nur zu gern wird ihr geglaubt, Probleme lösen zu können.

So ist Gott dann – nur dann? – glaubwürdig, wenn er in Gestalt einer überzeugenden Persönlichkeit daherkommt. Hier wird unter der Hand der beeindruckende Mensch zum Kriterium geistlicher Unterscheidung. Und folgerichtig wird der kommende Erlöser auch nach diesem Maßstab gesucht, bzw. abgelehnt. Darum kann Jesus sagen: solange ihr auf Anerkennung untereinander aus seid, könnt ihr nicht glauben (V. 44). Ihr folgt den falschen Maßstäben. Und das, weil ihr der Liebe Gottes zu euch und allen Menschen keinen Raum in euch gebt (V. 37b.38); einer Liebe, die gerade nicht das Vollkommene und Spektakuläre sucht, die gerade dem mit Achtung und Respekt begegnet, der oder das schwach ist, und auch dem Gebrochenen Ehre erweist – einem Gelähmten zum Beispiel, einer Liebe, die selbst am Kreuz schwach wird und von Gott zu Ehren erhoben.

Wo Gott die Ehre gegeben und Annahme bei ihm gesucht wird, lebt Freiheit: »Kindlich abhängig von Gott und königlich unabhängig von Menschen« (nach Eva v. Tiele-Winckler). In dieser Freiheit wird es auch möglich, den Christus Gottes zu erkennen. Und sein Gesicht im Bruder, in der Schwester in ihrer Not.


Dörte Kraft

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2017

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