»I Keep Falling at You«

Von: Peter Haigis
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Alle fünf Jahre verwandelt sich Kassel in die »Documenta«-Stadt. Dann dreht sich alles nur noch um zeitgenössische Kunst – 100 Tage lang. Die »Documenta 14« geht – wie jede »Documenta« zuvor – neue Wege, auch was die Lokalitäten betrifft. Erstmals wird ein zweiter Standort neben Kassel, nämlich Athen, ins Ausstellungskonzept einbezogen. Das ist nicht ganz neu, wenn man bedenkt, dass es interkontinentale Zusammenarbeit auch schon früher gab: so 2002 bei der »Documenta 11« mit Symposien in Wien, Berlin, St. Lucia, Neu-Delhi und Lagos. Doch diesmal steht mit Athen ein gleichberechtigter alternativer Standort auf dem Plan.

Seit längerer Zeit nutzen die beiden großen Kirchen in der Region Kassel, also das Bistum Fulda und die Evang. Kirche von Kurhessen-Waldeck, die Gelegenheit der »Documenta«, um Kirche und Kunst ins Gespräch zu bringen. Das hat in der Vergangenheit auch für Verstimmungen und kleine Skandale gesorgt. So etwa, als vor fünf Jahren Stephan Balkenhol eine Skulptur in der für seine Arbeiten typischen Menschengestalt für den Kirchturm von St. Elisabeth, direkt gegenüber von Fridericianum und Documenta-Halle, schuf. Die damalige künstlerische Leiterin der »Documenta«, Carolyn Christov-Bakargiev, die menschliche Darstellungen dieser Art aus ihrem Ausstellungskonzept ausschloss, empörte sich über den »Eingriff« und wollte das »kirchliche« Kunstwerk mit einem Bannstrahl treffen. Der Angriff ging fehl und die Figur von Balkenhol steht und dreht sich noch heute auf ihrer goldenen Kugel im Kirchturm.

Inzwischen sieht man das Ganze entspannter. Dass der öffentliche Raum in der Kasseler Innenstadt die »Documenta« auch abseits des offiziellen Ausstellungsgeländes für Begleitveranstaltungen und -ausstellungen nutzt, ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Zeitgenössische Kunst gehört in die breite Öffentlichkeit und in einer pluralistischen Gesellschaft finden angestoßene Diskurse ein vielfaches Echo, das man weder einhegen noch kontrollieren sollte.

Umso mehr sind die diesjährigen Kunstprojekte der beiden Kirchen erwähnenswert und lohnen auch einen Besuch, wenn man sich anlässlich der »Documenta 14« (oder auch sonst) gerade in Kassel aufhält. Die katholische Kirche St. Elisabeth zeigt eine Arbeit von Anne Gathmann: »Statik der Resonanz«. In dem nüchternen Beton- und Backsteinbau der 1950/60er Jahre senkt sich ein Band aus Aluminium-Stäben ins Kirchenschiff herab. Über Altar und Orgelempore aufgehängt durchzieht die Installation wie ein silberner Bogen die Kirche. In der Mitte neigt sich das Band fast bis auf Kopfhöhe über den Betrachter, während es an den Enden in der Höhe des Kirchenraums nahezu verschwindet. Einen Ausschnitt stellt diese parabelförmige Kurve dar aus einer den Raum transzendierenden Bewegung, so die Künstlerin. Es ist sichtbare und damit sinnlich-symbolische Form dessen geworden, was in die Unendlichkeit ragt.

Ganz andere Wege beschreiten die ausgestellten Künstler am »evangelischen Standort«, in der Kasseler Karlskirche. Der puristisch wirkende »white cube« der reformierten Kirche ist für die Dauer der Präsentation, die Teil der Reformationsausstellung »Luther und die Avantgarde« in Berlin und Wittenberg ist, komplett abgedunkelt. Die Werke der Künstler Shilpa Gupta, Thomas Kilpper und Massimo Ricciardo kreisen um das Thema »Migration, Flucht, Asyl«. Die indische Künstlerin Shilpa Gupta hat u.a. in die Mitte des Raums eine gigantische Traube aus dunkelgrün angeleuchteten Mikrophonen gehängt. Das an einen Insektenschwarm erinnernde Objekt summt unaufhörlich und lässt ein von der Künstlerin selbst gesprochenes Poem entströmen: »I keep falling at you/but I keep falling at you/your garden is growing on me/I will ­take it away with me/to a land which you/can mark no more/where distances don’t/grow anymore/I keep falling at you …« Das paradox anmutende Objekt (Mikrophone, die scheinbar sprechen!) löst ambivalente Gefühle aus: es wirkt gleichermaßen anziehend wie bedrohlich.

Thomas Kilpper, der sich seit vielen Jahren für die Flüchtlinge in Lampedusa engagiert, hat mit Massimo Ricciardo Fundstücke von gestrandeten Flüchtlingen gesammelt, die er nach »Sachgruppen« sortiert auf der Orgelempore in »offenen Vitrinen« zeigt. Die Besitzer dieser Gegenstände sind unauffindbar – und doch hier präsent gemacht und präsent. Eine Herausforderung an die europäische Gesellschaft, der sich niemand entziehen kann, der Zeitung liest oder Nachrichten hört …

Herzlich grüßt Sie Ihr


Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2017

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