Luthers Theologie der Ökonomie, Teil III
»Der Mammon klebt der Natur an bis in die Grube«

Von: Gebhard Böhm
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Das Reformationsjahr gibt Gelegenheit, Martin Luthers Theologie in all ihren Facetten zu studieren. Dass der Reformator auch im Blick auf eine Ethik der Ökonomie und des Geldes Maßgebliches vorgedacht hat, vertritt Gebhard Böhm. In einem mehrteiligen Aufsatz stellt er Luthers Theologie der Ökonomie vor, dessen letzter Teil u.a. Luthers einschlägige ­Aus­sagen in seinem Kleinen und Großen Katechismus behandelt.


V  Wirtschaftsethik im Kleinen und Großen Katechismus

Während Luther in der programmatischen Schrift »Von Kaufshandlung und Wucher« die Situation des professionell wirtschaftlich Handelnden bedenkt und ihm eine Orientierung in seinem Beruf geben will96, gibt er dann im Kleinen und im Großen Katechismus Orientierung für den Alltag der Leute: »Zum Beispiel das siebte Gebot vom Stehlen mußt du« – angeredet sind »alle treue, fromme Pfarrherren und Prediger«97 – »bei Handwerkern, Händlern, ja auch bei Bauern und Gesinde heftig treiben; denn bei solchen Leuten ist allerlei Untreu und Dieberei groß.«98

Die Auslegung des 7. Gebotes in den Katechismen ist nicht weniger bedeutsam für die Wirtschaftsethik Luthers als die drei programmatischen Schriften. Sie gehen in die volkskirchliche Breite und zielen in ihrer Wirkung auf die christliche Gestaltung des alltäglichen Lebens.

Die Erklärung des Kleinen Katechismus ist kurz und bündig, sie kann daher hier in Gänze zitiert werden – vielleicht ist sie aus Konfirmandenunterrichtszeiten manchen noch in Erinnerung:

»Du sollst nicht stehlen. – Was ist das?

Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsers Nähisten Geld oder Gut nicht nehmen noch mit falscher War oder Handel an uns bringen, sondern ihm sein Gut und Nahrung helfen bessern und behüten.«99

Auf einige Punkte soll hier hingewiesen ­werden:

1. Durch die von Luther der Erklärung – wie auch bei den anderen Geboten – einleitend vorangestellte Formel »Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir …« macht er deutlich, dass alle Gebote die Gottesbeziehung des Menschen betreffen. Die in der Unterscheidung von »erster« und »zweiter« Tafel des Dekalogs häufig mitgemeinte Unterscheidung, die ersten100 Gebote bezögen sich auf Gott, die weiteren Gebote dagegen auf den Nächsten, ist also für Luthers Verständnis (und in der Sache sowieso) nicht zutreffend. D.h.: Diebstahl betrifft nicht nur das Eigentum des Nächsten, sondern zuerst Gott und seinen ­Willen.

2. Mit der Doppelung der Begriffe »Geld oder Gut« macht Luther deutlich, dass es in diesem Gebot um die gesamte wirtschaftliche Existenz des Nächsten geht.

3. Mit der Ergänzung »mit falscher War oder Handel an uns bringen« nimmt Luther nicht eine Erweiterung oder Ausdehnung des Sinns des biblischen Gebotes vor. Er präzisiert vielmehr dessen Sinn: es geht nicht nur um die illegale Handlung des Diebstahls, es geht um illegitime Machenschaften insgesamt.

4. Mit der Schlussformulierung zeigt Luther, dass der Sinn der Gebote, auch dieses Gebots, nicht im Verbot des Unzulässigen besteht, sondern auf das Tun des Guten zielt. Die Unterlassung des Unzulässigen alleine ist nicht bereits Teil der Erfüllung des Gebotes, es ist Verletzung des Gebotes nicht weniger als dessen direkte Übertretung.101

Die Erklärung im Großen Katechismus geht über mehrere Seiten102. Auch hier fasst er den Begriff des Stehlens sehr weit: »Stehlen heißet nicht anders, denn eins andern Gut mit Unrecht zu sich bringen, damit kürzlich begriffen ist allerlei Vorteil mit des Nähisten Nachteil in allerlei Händeln. … Denn es soll nicht allein gestohlen heißen, daß man ­Kasten und Taschen räumet …«103.

Am Ende seiner Erklärung betont er diese Weitläufigkeit des Verständnisses von Diebstahl noch einmal: »Das sei gnug davon gesagt, was stehlen heiße, daß man’s nicht so enge spanne, sondern gehen lasse, soweit als wir mit dem Nähisten zu tuen haben, und kurz in ein Summa … zu fassen, ist dadurch verpoten erstlich: dem Nähisten Schaden und Unrecht zu tuen … und wiederümb ­gepoten, sein Gut fordern (fördern – G.B.), bessern und, wo er Not leidet, helfen, mit­teilen, furstrecken beide Freunden und ­Feinden.«104

Auch hier schärft Luther die Sensibilität nicht nur für illegale Handlungen, sondern für jede Form illegitimen Handelns. Auch hier betont er, dass es in diesem Verbot/Gebot um den Ausschluss von jeglichem Ausnutzen und Übervorteilen eines anderen geht. Auch hier bezieht Luther jede Form wirtschaftlichen Umgangs ein. Er erkennt Wirtschaft, Ökonomie nicht nur als einen Prozess von Produktion und/oder als Vorgang des Austauschs von Waren, sondern als eine grundlegende Form menschlicher Kommunikation.

Und in dieser fundamentalen Weise des Kommunizierens unter Menschen sieht er klar, dass im ökonomischen Verkehr der Vorteil des einen sich häufig notwendigerweise aus dem Nachteil des anderen speist.

Dieses weite Verständnis des Stehlens wendet Luther im Großen Katechismus u.a. auf diese konkreten Beispiele an: »Wenn ein Knecht oder Magd im Hause nicht treulich (d.i. nachlässig) dienet und Schaden tuet und geschehen lässet, den sie wohl verwahren (verhindern) künnde, oder sonst ihr Gut verwahrloset und versäumet aus Faulheit, Unfleiß oder Bosheit zu Trotz und Verdrieß Herrn und Frauen …«105 »Desgleichen rede ich auch von Handwerksleuten, Erbeitern, Taglöhnern, die ihre Mutwillen brauchen und nicht wissen, wie sie die Leute übersetzen (übervorteilen) sollen, und doch lässig und untreu in der Erbeit sind. Diese alle sind weit über (schlimmer als – G.B.) die heimlichen Diebe, fur die man Schloß und Riegel legen kann …«106

Hier geht es Luther also zentral um den Ruf zu gewissensgebundener, personaler Verantwortung eines jeden Christen in seinem jeweiligen Stand und Tun. In den von ihm beispielhaft angeführten Konkretionen ist dabei immer klar, dass es nicht Ziel ethischer Besinnung sein kann, alle nur denkbaren verschiedenen Fälle, Konflikte und Situationen kasuistisch zu erfassen und zu regeln. Das würde einerseits »die Eindeutigkeit des Guten«107 und andererseits die Eindeutigkeit von Situationen, Erfordernissen und Verantwortlichkeiten voraussetzen. Ethik wäre nur noch die richtige Anwendung von Vorgaben. Das Prinzip der Ethik wäre Legalismus und das angemessene christliche Verhalten wäre Gesetzlichkeit. »Moral-Kasuistik« lässt »keinerlei Adiaphora« zu. Kasuistik wäre außerdem kaum praktikabel, da die Bosheit des Menschen erfindungsreich ist und Kasuistik daher dem immer hinterherhinken würde.108

Kasuistik ist aber christlich betrachtet auch gar nicht notwendig, da »diejenigen, die das Evangelium verstehen, in solchen äußerlichen, leichten Sachen selbst aus eigenem Gewissen gut urteilen können, was richtig und was nicht richtig (billich vnd unbillich) ist.«109 »Der Gerechte (tut) von sich aus alles und mehr …, als alle Rechte fordern.«110 Das ist ihm möglich, weil er seine Habe »hat, als hätte er sie nicht«111. In den Tischreden erläutert Luther dazu: »Wenn jemand dieser Welt Güter hat, kann er in der Welt sagen: Das ist mein. Aber vor Gott ist’s nötig, daß er sage: Gott, das ist dein.«112 Und eine große Gelassenheit gegenüber der Habe ergibt sich für ihn selbst aus dieser Einsicht: »Was mir unser Herrgott gibt, das nehme ich gern; was er nicht gibt, das kann ich gut entbehren. Das ist mein Wahlspruch, daß ich mir genügen lassen kann. So halte ich Haus.«113

Weil primär das Tun des Guten nicht dem Gebot, sondern dem rechten Glauben entspringt, ist die Verkündigung des Evangeliums in der Tat der allererste Schritt zu wirtschaftsethischem Handeln.114 Insofern ist es völlig zutreffend zu sagen, dass »Luthers ­Ansatz der Ethik« strikt »vom Individuum« ausgeht.115


VI  Die überindividuellen Zusammenhänge von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft

So sehr Luther vom »Individuum« ausgeht, so sehr sieht er doch den Menschen immer und ausschließlich in seinen Beziehungen, also in seiner weltlich-irdischen Existenz nicht isoliert, sondern in den überindividuellen Zusammenhängen von Wirtschaft, Staat, Gesellschaft. Es ist daher zwar durchaus nicht verkehrt zu sagen, für Luther stehe »immer der Mensch, der in den Institutionen handelt, im Vordergrund …«, aber es ist nicht richtig fortzufahren: »… und nicht die Verfaßtheit der Strukturen«116. – Es geht Luther wesentlich durchaus auch um die Verfasstheit der Strukturen, die so beschaffen sein sollen, dass sie den Menschen ermöglichen oder auch ggf. sie zwingen, dem Willen Gottes gemäß und dem Nächsten zugute zu leben und zu handeln.

Weil viele Menschen sich der Verkündigung des Evangeliums versperren und sich dem Ruf des Glaubens verweigern und weil im Übrigen auch Christenmenschen keine Engel, sondern der Versuchung der Sünde, des Egoismus ausgesetzt sind, bedarf es der Strukturen, die den Menschen die grenzenlose Verfolgung ihres Eigennutzes und jeden unrechten Strebens wehren, das Recht aufrechterhalten und die Schwachen schützen.117

Es ist daher eine klare Verkennung Luthers, wenn man meint, er sei in seinem Denken ausschließlich auf die Person des Einzelnen gerichtet, der der ethischen Orientierung bedürfe, soweit er nicht aus eigenem Glauben und Gewissen zum rechten Handeln finden könne. So sehr Luther hierauf bedacht ist, so sehr ist ihm die Notwendigkeit von ethisch verantwortbaren überindividuellen Strukturen bewusst, und es ist ganz offenkundig Teil seines eigenen ethischen Bemühens, die Schaffung solcher Strukturen theologisch zu begründen und die Durchsetzung solcher Strukturen theologisch zu rechtfertigen und die Sündhaftigkeit anderer Strukturen aufzudecken und ihnen zu widerstreiten.

Insofern beschränkt sich Luther keineswegs bezüglich der Ethik in der Ökonomie auf die Verantwortlichkeit der Personen für ihr wirtschaftliches Handeln, es geht ihm durchaus um die Verantwortbarkeit des gesamten ­ökonomischen Systems.118


Strukturen des Marktes

Zum einen geht es ihm daher um Strukturen des Marktes. Beispielhaft sollen diese strukturellen Vorschläge Luthers Erwähnung ­finden:

– Sofern nicht ein generelles Verbot des Leihens auf Zins durchsetzbar ist, sollte eine (niedrige) vertretbare Zinshöhe seitens der Obrigkeit festgelegt sein und von ihr durchgesetzt werden.119

– Die »Monopolia«, d.h. Unternehmen, die – national und auch übernational agierend – über eine unkontrollierbare Marktmacht verfügen, sollten verboten und aufgelöst werden.120

– Der Grenzenlosigkeit der Konkurrenz und den z.T. raffinierten Mitteln der Konkurrenz muss gewehrt werden.121


Die Struktur der Politik

Weil die Strukturen des Marktes aber von denen umgangen oder unterlaufen, jedenfalls außer Kraft gesetzt werden könnten, die diese nicht im Sinne ihres Egoismus ausnützen können, ja, deren Streben nach Eigennutz durch diese Strukturen be- oder gar verhindert wird, bedarf es einer weiteren, einer politischen Struktur, nämlich der Obrigkeit, die mit Recht und notfalls mit Gewalt solche Marktstrukturen einsetzen kann und sie durchzusetzen122 die Aufgaben hat. Dazu hat Gott das »weltliche Regiment« eingesetzt.

Zwar handeln im weltlichen Regiment, in den »Ämtern« der Herren, Fürsten, Richter, Henker, Kriegsknechte und Lehrer Menschen, aber sie handeln nicht als »Person«, sie vollziehen, wenn sie es recht machen, ihr »Amt«, d.h. sie nehmen die von Gott gewollte und eingesetzte »Funktion« wahr, Frieden zu schaffen und zu erhalten, das Recht aufzurichten oder zu wahren. Es können daher durchaus Christen sein, die diese Ämter innehaben und sie ausüben – und die sich in diesem Tun als »Gottes Diener« den Menschen zugute123 verstehen. Es können aber auch Menschen anderen oder keines Glaubens sein, die in diesen Funktionen stehen – und ausschließlich aus den Notwendigkeiten ihres Amtes und gemäß ihrer eigenen vernünftigen Einsichten dem Recht und dem Frieden dienen.

Im Bereich der Wirtschaft wäre ggf. die wehrende und ordnende Aufgabe des weltlichen Regiments also z.B. diese: Die Obrigkeit hat dafür zu sorgen, dass Geliehenes wieder zurückgegeben wird. »Darum ist in der Welt ein strenges, hartes weltliches Regiment notwendig, das die Bösen zwingt124 und dringt, nicht zu nehmen, noch zu rauben und wiederzugeben, was sie borgen (auch wenn freilich ein Christ es nicht wieder fordern oder erhoffen soll125), auf dass die Welt nicht wüst werde, der Friede untergehe und der Handel und die Gemeinschaft der Leute gar zunichte werde, was geschehen müsste, wenn man die Welt nach dem Evangelium regieren wollte.«126

Luther verweist auf Röm. 13: »Das will Gott haben, dass den Unchristen gesteuert werde, dass sie nicht … ohne Strafe Unrecht tun. Es soll niemand meinen, dass die Welt ohne Blut regiert werden könne …, denn die Welt will und muss böse sein127. Daher ist das Schwert Gottes Rute und Rache über sie.«128 Zum Weiteren verweist Luther auf seine Schrift »Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei.« (1523)

Aber es ist nicht nur die Aufgabe des weltlichen Regiments, das Böse zu strafen und abzuwehren, sie muss auch ordnen und regeln: Wenn z.B. der Schuldner das Geliehene nicht zum vereinbarten Zeitpunkt zurückgibt und dadurch der Leihende zu Schaden kommt, »ist hier weltlich und juristisch zu reden«: Dann »ist’s billig, auch der Vernunft und natürlichem Recht nach, daß du mir alles wieder erstattest, beide die Hauptsumme mit dem Schaden: denn ich habe dir die hundert Gulden nicht geliehen, daß ich mich selbst, oder du mich damit solltest verderben, sondern habe dir wollen ohne meinen Schaden helfen.«129

Oder was ist zu tun, wenn dem, der das Darlehen bekommen hat, das Geld gestohlen wurde? »Solche und derselben unzähligen Umstände oder Zufälle gebührt den Juristen zu rächen und zu bewegen, damit der Schadewacht (Schadensanspruch – G.B.) oder Interesse (Zins – G.B.) nicht ein Schalk oder Wucherer werde«. Und dabei gilt dann: »Wie kann man alles so rein machen in dem unreinen Recht, so die Welt in diesem elenden Leben muss brauchen? Ist genug, daß es grob, schlecht, einfältig Recht sei; subtil und scharf kann’s nicht sein …«130 »Nach dem Spruch des klügsten Römers, Scipionis: ›summum ius, summa iniuria‹ … muß man … die Billigkeit lassen alles Rechts Meisterin sein.«131

Die weltliche Obrigkeit ist eine »Struktur« – und Luther begründet sie aus dem Glauben und er trägt auf diese Weise zu ihrer Ausgestaltung bei, dass sie – ob sie nun von Christen getragen wird oder nicht – dem menschenfreundlichen, erhaltenden (nicht: dem erlösenden) Willen Gottes zur Verwirklichung hilft.


Die Struktur innerhalb der christlichen Gemeinde

Schließlich noch zur Struktur der christlichen Gemeinde. Gemeinde – das heißt hier nicht: die Kirche des 3. Glaubensartikels, sondern die äußerlich verfasste, institutionell bestehende, sichtbare Gemeinschaft der Kirche. Auch sie braucht eine Struktur – und die sollte dem Glauben entsprechen. Ein bemerkenswertes Beispiel hierzu gibt die »Ordnung eines gemeinen Kasten« (1523)132.

Der Rat der Stadt Leysnick133 hat – aus dem neuen Glauben – eine »neue Ordnung des Gottesdienstes und des gemeinen Gutes dem Exempel der Apostel nach«134 entworfen, dem Luther ein Vorwort voranstellt, nachdem er »solch neue Ordnung für gut angesehen« und ihren Druck befördert hat, um sie als Vorbild zu rühmen, »dem auch viele andere Gemeinden nachfolgen« sollten.135 Luther betont in seinem ausführlichen Vorwort den Zusammenhang von Evangelium und Sozialordnung der Gemeinde.136

In der »Ordnung des gemeinen Kasten« ist – so beschreibt es Luther in seinem Vorwort – geregelt, wie mit den Klöstern nach der Einführung der Reformation zu verfahren sei, wie sie von der Obrigkeit übernommen und, wo es angezeigt ist, in »gute Schulen für Knaben und Maidlein«137 umgewandelt oder »für den Bedarf der Stadt« verwendet werden sollen, indem sie diese nach und nach »zum gemeinen Gut eines gemeinen Kastens gelangen« lasse.

Da »die Gebote der Bergpredigt (auch) konstitutiv für die Rechts- und Sozialgestalt der reformatorischen Kirchen gewesen sind, wie man an den rechtlichen Bestimmungen der Kasten und Kirchenordnungen sieht«138, soll das Gut des gemeinen Kastens den Bedürftigen dienen, denn das ist wahrer Gottesdienst: »Es gibt keinen größeren Gottesdienst als den christlicher Liebe, die den Bedürftigen hilft und dient«, schreibt Luther. Entsprechend bestimmt die »Ordnung«: »Die aus Zufällen bei uns verarmen oder wegen Krankheit und Alter nicht arbeiten können, sollen durch den vorordneten Zehnten aus unserem gemeinen Kasten in angemessener Weise versorgt werden.«139

Mit der Verpflichtung, die wirklich Bedürftigen zu unterhalten, geht aber die klare Entscheidung einher, all dem zu wehren, was an fauler Bettelei und an Schnorrertum eingerissen hatte bzw. aufkommen könnte: In »Von den guten Werken« (1520)140 und in »An den christlichen Adel deutscher Nation« (ebenfalls 1520)141 ist diese Linie bereits klar. Dabei ist andererseits auch klar, dass all diese Regelungen »eigentlich« unnötig wären, denn »Christen sind Brüder und einer lässt den anderen nicht im Stich. Unter ihnen ist auch keiner so faul und unverschämt, dass er ohne Arbeit sich auf des anderen Gut und Arbeit verlassen würde und zehren wollte mit Müßiggang von eines anderen Habe.«142

Aber nicht nur die Versorgung der Bedürftigen, die nicht sich selbst unterhalten können, und nicht nur die Abwehr des Missbrauchs von Unterstützung sind in der »Ordnung« geregelt. Es wird auch festgelegt, wie denen gegenüber zu verfahren ist, die arbeiten und erwerben könnten, wenn sie nur die Voraussetzungen dafür zur Verfügung hätten: Ihnen soll aus dem gemeinen Gut, also gewissermaßen aus den »kirchlichen Rücklagen«, ein faires Darlehen gewährt werden, mit dem sie selbst in eigener Verantwortung eine produktive Tätigkeit beginnen können.143 Handwerkern und Bauern, die dessen bedürfen, »sollen die Vorsteher aus dem gemeinen Kasten angemessene Darlehen auf eine festgesetzte Frist gewähren, nach der sie dieses zurückzahlen.«144 Dies wird bestimmt im Bewusstsein, dass ein solches Produktivdarlehen durchaus risikoreich sein kann. Entsprechend wird verfügt: »Denjenigen, die ein solches Darlehen, obwohl sie getreulich und fleißig gearbeitet haben, am Ende nicht zurückzahlen können, soll es um Gottes willen zu ihrer Versorgung erlassen werden.«145.

Zur verantwortlichen Gestaltung – und insofern zur Struktur – der christlich Gemeinde, der Kirche gehört also auch, wie sie mit ihren Rücklagen umgeht, gerade da, wo arbeitsfähige Menschen fairer Darlehen bedürfen.


VII Was bleibt im Reformationsjahr 2017?

Es ist klar: Luther lebt, denkt, redet und schreibt in einer anderen Zeit und Welt als der heutigen. Eine Eins-zu-Eins-»Anwendung« seiner ethischen Orientierung auf aktuelle Situationen ist nicht möglich und nicht angemessen. Das bedeutet jedoch nicht, dass das, was Luther zur Ökonomie seiner Zeit und zur Frage verantwortlichen christlichen Handelns in der Wirtschaft zu sagen hatte, allenfalls »historisch« interessant sei. Vielmehr lässt sich in der Auseinandersetzung mit ihm eigenständig-verantwortliche Orientierung gewinnen.

Das soll nun nicht abschließend im Detail und in jedem der hier denkbaren Felder noch einmal ausgeführt werden. Manches dürfte implizit deutlich geworden sein. Grundsätzlich aber soll festgehalten werden, dass Luther Ökonomie als zentrales Thema der Theologie und nicht nur einer die Theologie gewissermaßen nur anwendenden theologischen Ethik verstanden hat146. Dieses »Erbe« ist auch im 500. Jahr seiner Reformation aktuell, es ist »prinzipiell unerledigt«.


Anmerkungen:

96 »Das heylig Euangelion, nach dem es an den tag komen ist, strafft vnd zeygt allerley werck der finsternis … denn es ist eyn helles liecht, das aller wellt leucht vnd leret, wie böse die werck der wellt sind, vnd zeyget die rechte werck so man gegen Gott vnd den nehisten vben sol. Daher auch ettliche vnter den kauffleuten aufferwacht vnd gewar geworden sind, das vnter yhrem handel mancher böser griff vnd schedliche fynanze ym brauch sind vnd zu besorgen ist, es gehe hie zu, wie der Ecclesiasticus sagt, Das Kauffleut schwerlich ohne sunde seyn mügen.« (WA 15, 293/Clemen, 1). Nachdem es aber so ist, »das man noch etliche finde vnter den kauffleuten so wol als vnter ander leuten, die Christo zugehoren vnd lieber wollten mit Gott arm, denn mit dem teuffel reych seyn«, geht es Luther darum, diesen eine Orientierung zu geben.

97 Kleiner Katechismus, Vorrede – Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, 1930 (Neuauflagen), 501.

98 A.a.O., 504f.

99 A.a.O., 509.

100 Nach Luthers Zählung wären das die ersten drei Gebote, da er das Bilderverbot im Katechismus aus dem Dekalog herausnimmt und dafür das letzte Gebot in zwei zerlegt; nach reformierter (und nach biblischer) Zählung sind das die ersten vier Gebote.

101 Vgl. dazu die Aussage des Großen Katechismus: »Darümb wisse ein iglinger, daß er schuldig ist bei Gottes Ungnaden, nicht allein seinem Nähisten keinen Schaden zu tuen noch seinen Vorteil zu entwenden noch im Kauf oder irgend einem Handel allerlei untreu oder Tücke zu beweisen, sondern auch sein Gut treulich zu verwahren, seinen Nutz zu verschaffen oder fodern, sonderlich, so er Geld, Lohn oder Nahrung dafur nimmpt.« (Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, 1930 (Neuauflagen), 619 – »Schuldig bei Gottes Ungnaden«, das heißt, dass nach Luthers Überzeugung im wirtschaftlichen Handeln Heil und Unheil, Seligkeit oder Verdammnis auf dem Spiel stehen.

102 Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, 1930 (Neuauflagen), 616-624.

103 A.a.O., 616.

104 A.a.O., 623.

105 Ebd.

106 A.a.O., 617.

107 Martin Honecker, Einführung in die Theologische Ethik, 1990, 173.

108 »Wer mochts alles ertzelen, die behenden newen spitzigen fundlin, die sich teglich mehren in aller hanthierung« (Von den guten Werken, WA 6, 270 f/Clemen I, 292).

109 Von Kaufshandlung und Wucher, WA 15, 293/Clemen, 1).

110 Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei (1523), in: Bornkamm/Ebeling (Hg.), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 4. Bd., 1982, 43.

111 Vgl. 1. Kor. 7,30.

112 Tischreden, 271.

113 Tischreden, 266.

114 In »Von den guten Werken« sagt Luther, dass »der glaub der werckmeyster vnd treyber ist des guten wercks« (WA 6, 272/Clemen I, 294).

115 Prien, 28.

116 Ebd.

117 Insofern scheint es nicht abwegig, das, was insbesondere in der »Theologie der Befreiung« seit den 70er Jahren des 20. Jh. »Option für die Armen« genannt wird, auch bei Luther zu finden. (Die dritte Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopats in Puebla, Mexiko, 1979, brachte erstmals den Begriff der »vorrangigen« (span.: preferencial) Option für die Armen in ­einem offiziellen Dokument der Katholischen Kirche.)

118 Prien spricht diesbezüglich vom »Ethos der Institutionen« (211).

119 »Nun findet man etlich, die … zu viel nehmen, sieben, acht, neun zehn aufs Hundert. Da sollten die Machthaber einschreiten.« – Sermon vom Wucher (Bornkamm/Ebeling (Hg.), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 4. Bd., 1982, 15).

120 »Sollen die gesellschafften bleyben, so mus recht vnd redlickeit vntergehen; Soll recht vnd redlickeyt bleyben, so mussen die gesellschafften vnter gehen.« (Von Kaufshandlung und Wucher, WA 15, 313/Clemen, 20) Es handelt sich nämlich bei diesen »Monopolia« modern gesprochen durchaus um »sündige Strukturen« (vgl. Prien, 120). Bereits in der Adelsschrift fordert er daher: »Kaiser, Fürsten und Herren und Städte sollen dazu tun, daß das Kreditgeschäft nur möglichst bald verdammt und hinfort verboten wird« und »den Fuggern und dergleichen Gesellschaften einen Zaum ins Maul legen«. (Bornkamm/Ebeling, (Hg.), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 1. Bd., 233)

121 Preistreiberei, Preisdumping, Warenverknappung etc. (s.o.)

122 »Konige vnd Fürsten sollten hie dreyn sehen vnd nach gestrengem recht solch weren.« (Von Kaufshandlung und Wucher, WA 15, 313/Clemen, 20)

123 Vgl. Röm. 13,4.

124 Es besteht also sehr wohl ein Unterschied zwischen der Verweigerung der Rückzahlung eines Darlehens und der Unfähigkeit dazu. Dem ersteren ist zu wehren, das Zweite soll – um der ­Notdurft des Nächsten willen – hingenommen werden.

125 Es besteht also durchaus auch ein Unterschied zwischen christlichem Handeln in eigener Sache und christlicher Verantwortung für die Sache des Nächsten und für die allgemeine öffentliche Ordnung.

126 Von Kaufshandlung und Wucher, WA 15, 302/Clemen, 10.

127 Weil die Welt böse ist, kann freilich die weltliche Obrigkeit »nicht allen Sünden wehren, sondern (nur) so viel es möglich ist. Wie ein Hirte: er kann nicht alle Schafe vor dem Wolf, dem Sterben und anderen Seuchen erhalten; dennoch soll er wehren, wo er kann, und nicht frei dem Wolf oder Seuchen Raum lassen. Also soll auch weltliches Regiment nicht freien Raum geben zu sündigen, sondern aufs strengste es kann wehren. Es wird doch Sünde genug geschehen ohne seinen Willen, und wird bleiben, was gesagt ist: Welt kann ohne Wucher nicht sein, nicht ohne Mord, ohne Ehebruch.« (Vermahnung, 296f)

128 Ebd.

129 Vermahnung, 290.

130 Vermahnung, 292.

131 Vermahnung, 295.

132 WA 12, 11ff/Cl II, 404ff.

133 Es ist nicht nur der Rat der Stadt, sondern »Wir erbar manne, Radt, viertel meister, Eldesten vnnd gemeine eynwonher der Stadt vnd dorffer eingepfarter versamlunge vnd kirchspiels zu Leysneck« (408).

134 WA 12, 11/Cl II, 404.

135 Ebd.

136 »Dazu denn auch gewaltiglich hilft das heilige Evangelium, das wieder hervorbricht« (ebd.).

137 Vermahnung, 408.

138 Prien, 203.

139 WA 12, 23/Cl II, 416. Ähnlich dialektisch hat Luther bereits im »Sermon vom Wucher« (1519) argumentiert: Wenn schon im AT »dem einfachen, unvollkommenen Volk der Juden« gesagt ist, »es solle überhaupt kein Bettler noch ganz Mittelloser unter euch sein«, wo doch andererseits »allezeit arme Leute in deinem Lande sein werden«, so gilt für Christen: »Wieviel mehr wird das christliche Volk dazu und noch höher verpflichtet sein, sich untereinander mit Leihen und Geben zu verhalten als Brüder … Und es sollte billigerweise keine Bettelei unter den Christen sein, viel weniger als unter den Juden.« (Bornkamm/Ebeling (Hg.), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 4. Bd., 1982, 10f)

140 Denen, die sagen: »ja, vorlaß dich drauff, sorge nit vnnd sihe, ab dir ein bratenß hun ynß maul fliege (ob dir ein gebratenes Huhn ins Maul fliege)«, antwortet Luther: »Ich sag nit, das niemant erbeyten vnd narung suchen sol … dan wir sein in Adam alle tzur erbeit vorurteylt.« (WA VI, 271/Clemen 1, 294) Doch solten die herrschafften vnnd stete drob seynn, das die landleuffer (Landstreicher), Jacobs bruder (Jakobspilger) und was fremb betteler weren vorboten wurden odder yhe mit einer masse (in einem Maße) vnnd ordenung zugelassen, das nit den buffen (Buben – Spitzbuben) vnter bettelns namenn, yrre zu lauffen (vagabundieren) vnd yhre buberey, der itzt vil ist, gestattet wurd.« (ebd.)

141 Im 21. Punkt befasst sich Luther ausführlich mit der Abschaffung und Bekämpfung der Bettelei: »Es schickt sich nicht, daß einer auf Grund der Arbeit des anderen müßig gehe, reich sei und gut lebe«. Wer seinen Lebensunterhalt sucht, »greife mit der Hand an den Pflug und such’s sich selbst aus der Erde.« Denn »es ist niemandem von Gott verordnet, von den Gütern der anderen zu leben«. (Bornkamm/Ebeling (Hg.), Martin Luther – Ausgewählte Schriften, 1. Bd., 1982, 214ff)

142 Kaufshandlung WA 15, 303/Clemen, 10.

143 Prien verweist auf das Modell der »ökumenischen Entwicklungshilfebank« (offensichtlich ist hier die Ökumenische Entwicklungsgenossenschaft »Oikocredit« gemeint), die er anscheinend nur recht ungefähr und nicht einmal dem richtigen Namen nach kennt, die »durch zinsfrei Einlage von Vermögensanteilen … zinsfreie Darlehen für Basisprojekte verstärkt« ermöglicht (240).

144 WA 12, 26/Cl II, 416.

145 WA 12, 27/Cl II, 419.

146 Daher scheint es angemessener, statt von »Luthers Wirtschaftsethik« (so Prien) von Luthers »Theologie der Ökonomie« zu sprechen.

 

Über den Autor

Pfarrer i.R. Gebhard Böhm, Jahrgang 1948, 1966-1971 Studium der Theologie in Tübingen und Göttingen, Pfarrer der Württ. Landeskirche, ab 1984 im Religionsunterricht am Gymnasium, 1993 Studiendirektor in der staatlichen Schulaufsicht, ab 2003 im Evang. Oberkirchenrat Stuttgart, seit 2012 im Ruhestand; Engagement bei Oikocredit (seit 1980) und in diesem Zusammenhang diverse theologische Publikationen, zuletzt »Versuchung und Chance – der Glaube und das Geld« (Fromm-Verlag 2016).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2017

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