Eine Anregung zum Gespräch
Gott straft nicht

Von: Joachim Pennig
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»Der strafende Gott« hat vermutlich in der Geschichte der Religion mehr Unheil angerichtet als sonst etwas. Er wurde millionenfach missbraucht für eigene Machtoptionen, hat Menschen zerstört, seelisch und körperlich, die sich von ihm bestraft gefühlt haben und sicher hat er auch viele vernünftige Lösungsansätze verhindert oder gar nicht erst denkbar werden lassen, weil man ja eine »gute« Erklärung hatte: die Strafe Gottes!

Nicht nur, dass man heute weiß, welcher pädagogische Unsinn sich dahinter verbirgt, ich bin der festen Überzeugung nach 60 Jahren Bibellesen, dass dort nirgendwo etwas von einem »strafenden Gott« steht. Man hat es sicher gern so übersetzt, dass man es so hat lesen können, weil es vielen Menschen, die an der Übersetzermacht saßen, nützlich war. Aber spätestens seit Jesus hätte es allen klar sein müssen, dass Gott nicht »straft«.


Was ist Strafe?

Strafe ist ein Unreife signalisierendes Machtinstrument, das zur Ahndung einer Ordnungsverletzung eingesetzt wird, damit ein Verletzer durch schmerzliche Erfahrung lernt, in der Ordnung zu bleiben. Strafe ist somit eine Negativverstärkung: Ich zeige dir, was du falsch gemacht hast. Ich lasse dich spüren, dass etwas nicht richtig war in deinem Verhalten. Du bist fehlerhaft und ich lasse es dich spüren.

Es ist längst und hinreichend erforscht, dass dies nur scheinbar und kurzfristig der Autorität des Strafenden nützt, aber nicht dem Bestraften und auch nicht der Sache. Es erzeugt Angst statt Einsicht, es erzeugt Gegendruck, statt Kooperationsbereitschaft, es verletzt statt zu motivieren. Kurzum: es ist völlig nutzlos für die Sache, kontraproduktiv für ein gerechtes und gleichberechtigtes Zusammenleben und ausschließlich für den Strafenden von einem vermeintlichen Vorteil. Strafen ist deshalb nicht nur miserabel, sondern langfristig auch völlig sinnlos.


Unprofessionelle Methoden Gottes?

Wer nun glaubt, dass der allmächtige Gott solche unprofessionellen Methoden nötig hätte, leugnet seine Schöpferkompetenz und stellt Gott auf die Stufe einer mafiösen Paten­emi­nenz, die Angst und Schrecken verbreiten will, um die eigene nicht wirklich vorhandene Autorität aufrecht erhalten zu müssen, damit es zu keinem Machtverlust, heißt: Verlust eines elitären Privilegien- und Luxus­egoismus’, kommt.

Für ein solches Gottesbild gibt es aber nun wirklich keinen ernst zu nehmenden Beleg. Nicht in der Bibel. Denn es ist Gott, der die Menschen anders geschaffen hat. Nämlich so, dass sie auf Motivation und Kooperationsangebote reagieren statt auf Druck und Macht. Nämlich so, dass sie alle Macht wollen, worin sie wieder gleichberechtigt sind, und nur dann zusammen gut leben können, wenn jede und jeder die Machtoption für sich wie auch für alle anderen spürt. Nämlich so, wie es im Liebesgebot grundlegend beschrieben wird: Gott über allen und deshalb alle anderen gleich. Es gibt eben nur eine wirkliche Autorität, den Autor der Welt, den Schöpfer. Alles andere ist Geschöpf. Und dieser Schöpfer hat Strafe nicht nötig. Er ist Autor und Autorität. Deshalb kann er sich erlauben, seinen Geschöpfen Freiheit zu geben. Freiheit, die es nach sich zieht, dass manches aus unserer Sicht wie Strafe aussehen mag, was in Wirklichkeit etwas ganz anderes, vieles andere sein kann. Und in Gen. 2 lernen wir bereits, dass Zusammenleben nicht mehr funktioniert, wenn auch nur ein Mensch sein will wie Gott. Das genau ist der Versuch hinter jeder Strafe und jeder Strafinterpretation in der Bibel: die Ursünde, sein zu wollen wie Gott.


Sein wollen wie Gott

Gerade diese Paradiesgeschichte in Gen. 2 zeigt bereits musterhaft, dass Gott es nicht nötig hat zu strafen. Er erlaubt. Er erlaubt es dem Menschen, mal so zu tun als ob er Gott wäre und alles wüsste. Die sog. Vertreibung aus dem Paradies ist die Erlaubnis Gottes in Freiheit zu leben, nicht mehr am Gängelband von »Papa«. Es ist durchaus vergleichbar dem notwendigen Prozess, wenn erwachsen gewordene Kinder das Elternhaus verlassen, um eigenständig zu leben. Alles, was sie gelernt haben bis dahin, werden sie anwenden und auch Fehler machen dürfen und eigene falsche Entscheidungen treffen – und all das beeinträchtigt die Liebe der Eltern nicht. Es ist keine Strafe, dass Kinder das Elternhaus verlassen, es ist der normale Prozess der Eigenständigkeit, weil die Eltern nämlich irgendwann sterben und spätestens da sollten die Kinder gelernt haben, auf eigenen Beinen durchs Leben zu kommen. Später werden die Kinder feststellen, dass die Eltern gar nicht wirklich tot sind, sondern in ihnen weiterleben, wie ja auch Gott nicht einfach tot ist, weil der Mensch nicht mehr im Paradies lebt. Aber ich will das Bild nicht überstrapazieren, es ist nur ein Bild und hat hier wohl auch deutlich seine Grenze.


Erwachsenwerden im Glauben

Und doch ist hier eine Weichenstellung im Gottesbild. Wer hier schon denkt, dass es eine Strafe Gottes ist, nicht mehr im Paradies zu sein, hat das Erwachsenwerden im Glauben verpasst. Gott eröffnet Chancen mit diesem Schritt: Sinn der Arbeit; Freiheit der Entscheidung; kreative Entfaltungsmöglichkeit; trial and error – als wirkliche Entwicklungsoption für das Menschsein. Das wären für mich wichtige Stichworte in diesem Zusammenhang. Und dazu die Gebote, die eine Lebensfläche abstecken, innerhalb derer das Ganze auch gelingen kann, aber eben nicht unter der knutenden Hand des Übervaters Gott, sondern auch dies in aller Freiheit, die Übertretung derselben eingeschlossen. Das ist Gott! Der Erlauber, nicht der Strafer.

Natürlich hat sich Gott nicht in sein Paradies zurückgezogen, um aus dem großen Ohrensessel zuzusehen, wie der Mensch sein Leben und die Welt an die Wand fährt. Darum greift er ein, wenn er gefragt wird, darum ruft er unentwegt: Aufgepasst! Darum schickt er Propheten und Lehrer, Seelsorger und Liturgen in die Welt, lässt Gemeinden gründen und gibt uns sein Wort, deutlich, lebendig, christushaft. In Wort und Sakrament. Aber eben auch in aller Freiheit. Und Freiheit heißt auch scheitern können, Leid zufügen und Leid ertragen. Freiheit heißt, dass manches uns so vorkommt, als ob Gott uns strafen wollte, weil wir die Gesamtzusammenhänge oft nicht sehen und sehen können. Dafür ist die Welt zu kompliziert und das wieder ist nötig, damit sie überhaupt funktioniert. Nicht durch einen Gott, der straft, sondern einen, der erlaubt und ermöglicht, der unendlich viele Lösungsoptionen geschaffen hat, damit wir sie finden können. Der uns einen Verstand gegeben hat, damit wir ihn benützen. Der uns Gefühle geben hat, damit wir nicht allein berechnend sind, sondern auch den unvernünftigen Teil der Wirklichkeit wenigstens noch erahnen können.


Horizonterweiterung

Aus jedem guten Spielfilm wissen wir, dass die Welt mehr ist als das, was wir direkt vor Augen haben. Auch das ist eine Möglichkeit Gottes, um uns eine Horizonterweiterung ahnen zu lassen. Und von diesen Möglichkeiten und Chancen würden wir weit mehr sehen und entdecken, wenn wir die Bibel einmal unter diesem Aspekt läsen: Gott straft nicht. Überall dort, wo ich denke, es wäre von einer Strafe die Rede, kann ich auch noch anderes entdecken: eine Erlaubnis, einen Hinweis, eine Horizonterweiterung.

Ich ahne natürlich, wie viel Widerstand solche Überlegungen im Herzen vieler Menschen auslösen werden. Wer das bei sich entdeckt, denke darüber nach, warum es ihm wichtig wäre, dass Gott straft. Und man sei ehrlich zu sich selbst – dann wird man den Gott der Liebe finden. Denn Gott ist die Liebe. Und die Liebe … siehe 1. Kor. 13! Sie straft nicht.



Joachim Pennig

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2017

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