Ein anglo-amerikanisches Paulus-Potpourri im Lutherjahr, Teil 2
Neue Perspektiven neutestamentlicher Wissenschaft

Von: Wichard von Heyden
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Die kontinentale Entwicklung der theologischen Wissenschaft und die diesbezüglichen Strömungen in Übersee gehen oftmals wenig Hand in Hand, ja werden sogar nur selten wechselseitig wahrgenommen. Wichard von Heyden schafft Abhilfe und stellt in einem dreiteiligen ­Beitrag Paulusliteratur der Gegenwart aus der englischsprachigen Welt vor, deren Kenntnis Gewinn verspricht und »uns« neu auf die Spur zu setzen vermag.



5. Paulus als Theologe mitten in den konkreten Dingen des Lebens

»Eine Theologie weitab vom alltäglichen Leben wäre keine Theologie des Paulus«.25 Mit theologischen Appetitanregern aus dem Umfeld sog. »Neuen Paulus-Perspektiven« haben wir den Auftakt für unsere Revue englischsprachiger Pauluslektüre gemacht. Auch die hier zu besprechenden Hauptprotagonisten der »neuen« Sichtweise sehen in der Lebensnähe eines der Hauptmerkmale paulinischer Theologie. Das entspricht nicht den Vorurteilen über Paulus. Aber hatte nicht schon Rudolf Bultmann darauf gezielt, dass der Mensch der Gegenwart sich von der Botschaft der Texte in seiner ganzen Existenz getroffen fühlen sollte? Der Unterschied wäre nur, dass die angelsächsische internationale Forschung ein größeres Gewicht auf das jeweils Besondere legt: Auf die Einzelheiten des Lebens zur Zeit des Paulus – und heute.

Anders als bei der kontinentaleuropäischen, namentlich der deutschen Neigung zu idealistisch konstruierten Hermeneutiken, gibt es jenseits von Kanal und Atlantik eine hohe Abneigung, sich unnötig Systemzwängen auszusetzen. Die anglo-amerikanische Sicht hat einen aus praktologischer Sicht bestechenden Vorteil: Situation und Praxis spielen entscheidende Rollen. Wer verstehen will, wie in der jeweiligen Lage Theologie zu treiben wäre – voilà, da ist Paulus. Der hat Ähnliches auch getan. Es käme auf unsere Bereitschaft an, uns einführen zu lassen in die Kunst, eine Theologie der Situation zu betreiben, die glühenden Geistes, biblisch gebunden und situativ sensibel zugleich ist.


6. Kritik an kontinental­europäischen Sichtweisen: Stendahl, Sanders, Dunn

Das wesentlichste Verdienst der Neuen Paulusperspektiven26 (NPP) besteht darin, unstrittig geglaubte Bausteine kontinentaleuropäischer Paulussystematik zu wider­legen.27 Schon vor dem Start der NPP in Großbritannien hatte der Harvard-Professor und spätere Stockholmer Bischof Krister Standahl einen »Weckruf« gestartet. Er wies nach, dass die bei uns übliche Paulusauslegung provinziell ist, weil spezifisch »westlich«: abhängig von Augustin, Luther und deren »Erweckungserlebnissen« anhand ihrer Lektüre von Römer- und Galaterbrief. Die Leistung Augustins sei es, das auf sich selbst schauende Gewissen zu entdecken und auf das paulinische Motiv der »Rechtfertigung« anzuwenden. Stendahl stellt fest, dass die Rechtfertigungslehre des Paulus historisch gesehen nicht auf persönliche Gewissenfragen antwortet, sondern eine Lösung für das Miteinander von Juden und Christen in der frühen Gemeinde anbietet. Schuld und Sünde hätten daher in der Pauluslektüre kaum eine Rolle zu spielen. Dem hat aber zu Recht schon Käsemann widersprochen.28

Während Stendahls Einschätzung die Diskussion wenig veränderte,29 war 1977 der Beitrag des Oxford- und späteren Duke-Professors E.P. Sanders wirkungsvoller.30 Sanders befreit die Betrachtung des antiken Judentums von ihrer schablonenhaften Verzerrung durch die idealistischen und die spezifisch lutherischen Brillen: Denn im Neuluthertum Bultmanns und seiner Vorgänger galt »der Jude« als Urbild des »gesetzlichen« Menschen außerhalb des Evangeliums.31

Der renommierte Neutestamentler James D.G. Dunn, Durham,32 schreibt: »Sanders was determined that his protest would not be ignored«. »Sanders in effect gave NT scholarship a new perspective on Second Temple Judaism.« Er konnte zeigen, dass das Judentum zur Zeitenwende nicht besessen war von der Frage nach »Werken des Gesetzes«.33

Dunn selbst war schon vorher über Textstellen aus Qumran gestolpert,34 die der Rechtfertigungslehre des Paulus stark ähneln. Wenn selbst qumranisches Judentum so paulinisch denken konnte, gegen was wehrt Paulus sich? In einem Aufsatz gab Dunn der neuen Denkrichtung 1983 den Namen »New Perspective on Paul«, auch wenn die »neue Sicht« zunächst eher das Judentum des Paulus als seine spezifische Theologie betraf.


7. Kernbegriffe der »Neuen Sichtweisen«

Anhand der drei großen Protagonisten Sanders, Dunn und Wright sollen im Folgenden die jeweiligen Kernbegriffe genannt werden.


7.1 Ed Parish Sanders: Strukturen des Hereinkommens und Bleibens

In seiner Studie von 1977 untersuchte E.P. Sanders die Struktur der frühjüdischen Religion im Vergleich zur Religion des paulinischen Christentums. Eine entscheidende Frage in einer Religion sei es, wie man in sie hineinkommt (get in) und wenn man »drinnen ist«, wie man drinnen bleibt (stay in). Das Gesetz habe im Judentum die Aufgabe, das »Drinnen-Bleiben« zu ermöglichen bzw. zu unterstützen. Schon das Judentum ist Gnadenreligion. Rechtfertigung ist im vorpaulinischen Judentum kein Begriff für das »Hineinkommen« in das Bundesverhältnis zu Gott. Wer in dem von Gott initiierten Bund steht, ist gerechtfertigt.

Das Problem besteht darin, dass das Gesetz für die paulinischen Konvertiten nicht gleichermaßen anwendbar ist. Im Gegensatz zum Judentum muss man in das Christentum des Paulus »hineinkommen«. Dieses Hineingelangen werde bei Paulus durch mehrere Begriffe benannt: Teilhabe am Tod Christi, Verwandlung, Freiheit, Versöhnung, neue Schöpfung sowie Rechtfertigung.35 Die Konvertiten haben dadurch Anteil am Bund, haben ihn aber auf andere Weise als Israel erhalten. So kann der Nomos nicht nachträglich zur Einlassbedingung gemacht werden. Sanders hält als Schlagwort fest: »Erst die Lösung – dann das Problem«36. Erst sind die Heiden Bundesgenossen geworden – auf neuem Weg. Dann erwächst aus der Konfrontation mit dem »alten Weg« ein ­Problem.


7.2 James Douglas Grant Dunn: Markierungen zur Identitätswahrung und Abgrenzung

James D.G. Dunn führt die Einsichten von Sanders kritisch fort. Er stellt fest, dass nicht das Gesetz an sich, sondern die Werke des Gesetzes problematisch wurden (Gal. 2,16). Er deutet die Werke des Gesetzes als die für das Judentum entscheidenden Identitäts- und Abgrenzungsmarkierungen (»identity- and boundary-marker«), an denen sich klärt, ob jemand dazugehört oder nicht. Konkret geht es um Beschneidung, Speisegebote und den Sabbat.37 Die Kritik des Paulus richte sich weder gegen die Tora noch gegen »gute Werke«, sondern gegen die abgrenzenden Merkmale der Tora, die in der neuen Wirklichkeit durch Christus keine Rolle mehr spielen. Der ursprüngliche Bund Gottes mit Israel ist nicht obsolet geworden, sondern ausgeweitet.38 Der Kampf geht jetzt um die neue Identität, die durch Jesus Christus und nicht durch alten Markierungen gegeben ist. So kann Paulus auch vom Gesetz der Freiheit, der Gerechtigkeit, des Geistes und des Glaubens im Gegensatz zum Gesetz der Sünde sprechen39: Auf die Anwendung kommt es an. Wenn es unter dem Vorzeichen von Glaube, Geist, Freiheit und Rechtfertigung angewandt wird, gilt es. Wenn es jedoch missbraucht wird und den neuen Zugang durch Christus verstellt, wird die Anwendung Sünde. Sünde ist dabei nicht einfach die Tat, sondern auch die Macht, die die böse Tat herbeiführt. Das Gesetz der Sünde ist also nicht selber Sünde, sondern das unter die Macht der Sünde geratene gute Gesetz.


7.3 Nicholas Thomas Wright: Was Rechtfertigung und Autofahren gemeinsam haben

Der ehemalige Bischof von Durham, früher Oxford-Professor, ist aufgrund seiner vielen populären Schriften vermutlich noch bekannter als Dunn. Wright schlägt in »frischer Perspektive« große Bögen. Bedeutung und Funktion der Rechtfertigungslehre erklärt er so: »Es ist, wie wenn jemand schon jahrelang Auto fährt und nun zum ersten Mal erfährt, was eigentlich im Vergaser geschieht. Wie ist es möglich, dass so eine kleine seltsame Maschine irgendetwas mit dem Fahren auf der Straße zu tun hat? Der Fachmann, dem man diese Frage stellt, könnte einfach versuchen zu zeigen, was passiert, wenn der Vergaser läuft – im Unterschied zu dem, was passiert, wenn er nicht läuft.«40

In Frage steht, was Paulus meint, wenn er von »Gottes Gerechtigkeit« spricht, die den Menschen gerecht macht. Lutherisch-reformatorisch galt, dass Gott dem Menschen von außen seine eigene, göttliche Gerechtigkeit zurechnet und ihn so für gerecht erklärt. Dem Menschen wird ein Status zugebilligt, den er von sich aus nicht hätte. Wright plädiert dagegen dafür, den Ausdruck »Gottes Gerechtigkeit« als genitivus subjectivus zu verstehen. Gottes Gerechtigkeit sei dann so zu bestimmen: »Sowohl eine Qualität in Gott als auch eine aktive Kraft, die sich als Ausdruck jener Treue dahingehend auswirkt, dass sie tut, was der Bund immer verheißen hatte: Sie wird mit dem Bösen fertig, sie rettet sein Volk und sie tut das wahrhaft unparteiisch.«41 Für den Einzelnen bedeutet das: »Diejenigen, die an Jesus Christus glauben, werden zu Mitgliedern der wahren Bundesfamilie erklärt, was natürlich bedeutet, dass ihre Sünden vergeben sind, da das der Zweck des Bundes war.«42

Damit liegt ein Ansatz vor, mit dem sich die Erkenntnisse der NPP nicht gegen die Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben wenden. Der erweiterte Bundeskreis hat seinen Brennpunkt in Christus.



8. Paulus ist nicht nur Rechtfertigung!

Vor der NPP orientierten sich Darstellungen der Theologie des Paulus zumeist an Aufbau und Themen des Römerbriefs. Denn: Der Römerbrief steht nicht nur am Anfang der Paulusbriefe, er bietet auch den umfassendsten Entwurf des Paulus. Was aber, wenn man bemerkt, dass von der Rechtfertigung aus Glauben nur im Römer-, Galater- und Philipperbrief explizit geredet wird? Thessalonicher- und Korintherkorrespondenz stehen zwar keineswegs dagegen, enthalten aber die Thematik jedenfalls nicht voll. Egal, ob man daraus Entwicklungslinien konstruiert oder der Meinung ist, die Rechtfertigungslehre habe von Anfang an festgestanden, jedenfalls kann man sehen: Paulus reagiert jeweils auf konkrete Anfragen und Probleme. Und: Es gibt nicht nur das Thema Rechtfertigung.


8.1 E.P. Sanders’ »Paul. The Apostle’s Life, Letters and Thought« (2016): Paulus entwickelt Theologie!

E.P. Sanders resümiert am Ende seines 2016 erschienenen Opus Magnum (862 S.!) zu Paulus:43 »Die Bestimmung des Paulus war es, Apostel Christi für die Heiden in messianischer Zeit zu sein. Dafür entwickelte er zahlreiche theologische Ideen und diskutierte theologische Fragen. Dennoch konstruierte er keine systematische Theologie (…). Paulus begann seine Laufbahn nicht mit einem vollen Bausatz theologischer Dogmen, die er jeder Gemeinde beibrachte. Seine wichtigsten ­theologischen Erörterungen hatten ihren ­Ursprungs- und Bezugspunkt in Ereignissen und Fragen, die ihm begegneten, als er Heiden bekehrte und christliche Gemeinden gründete. Obwohl er theologisch dachte und über den Glauben sprach, wenn es ihm richtig schien, sah er es als die Aufgabe seines Dienstes an, in der Zeit und an den Orten, an denen er arbeitete, so viele Menschen, wie er konnte, zu retten. Es ging ihm nicht darum, einen Setzkasten von christlichen Lehrsätzen vorzulegen und christliches Denken für künftige Jahrhunderte zu lenken.«

So klar, wie Sanders diese Situation beschreibt, so geht er auf über 800 Seiten die als allgemein paulinisch anerkannten Schriften in angenommener historischer Folge durch. Eine Einführung zu Person, Quellen und Chronologie vorweg – und dann geht es los. Satz für Satz, Seite für Seite gut zu lesen. Wenige Fußnoten. Der Lesefluss wird nicht gestört. In manchen Entscheidungen bleibt Sanders kontinentaleuropäischen Ansichten treu. Dabei kommt ein Buch heraus, das trotz Fremdsprache gut und relativ schnell zu lesen ist, das neu informiert und das Lust auf Paulus macht. Der Ansatz, die Entwicklungen des Paulus nachzuzeichnen, befreit von ideologischem Überbau, regt an, eigene Anwendungen für die Gegenwart ­auszuprobieren und theologisch weiter­zudenken.


8.2 J.D.G. Dunns »The Theology of Paul, the Apostle« (1998): Paulus entwickelt Theologie im Dialog!

J.D.G. Dunn orientiert sich am Modell des Dialogs. Man soll »sowohl den Dialog hören, aus dem die Theologie des Paulus bestand, als auch in gewisser Weise an diesem Dialog teilnehmen.«44 Paulus im Gespräch mit sich selbst, seiner pharisäischen Prägung, seiner hellenistischen Umwelt, den Fragen und Problemen seiner Konvertiten usw. Es ist auch ein Dialog unterschiedlicher Themen und Rezeptionen über die Zeiten hinweg. Das Ziel: eine heutige Theologie des Paulus zu schreiben.45

Dunn bändigt auf 813 Seiten unglaublich vielfältiges Material und führt es lesbar vor. Im Gegensatz zu Sanders’ Werk gliedert Dunn nicht nach den neutestamentlichen Schriften, sondern thematisch. Man könnte fast sagen, dass er dabei, anders als gedacht, doch wiederum klassischen Pfaden folgt, wenn er nach einem Prolog zunächst »Gott und Menschheit« (1) und dann die »Menschheit unter Anklage« (2) folgen lässt. »Die dunkle Seite der Menschheit« bildet da den ersten Absatz. Es folgen Kapitel zum Evangelium Jesu Christi (3), dem Ausgang des Heils (4), dem Prozess der Erlösung (5), der Kirche (6) und der Frage, wie Menschen, die an Christus glauben, leben sollten (7).

Dunn will so den theologischen Stand des Paulus zum Zeitpunkt des Römerbriefes beschreiben. So ist ein Ankerpunkt gewählt – und die Entwicklung ist dennoch im Blick. Entwicklung ist auch sonst für Dunn ein wichtiges Stichwort: Schon früher hatte er über die »Entwicklung« der Christologie geschrieben, später große Werke über die »Entwicklung« des Urchristentums.46 Es kommt darauf an zu zeigen, wie sich bestimmte Merkmale christlicher Lehre und Praxis aus dem Judentum entwickelt haben (können). Dunn zeigt, dass Paulus auf verschiedenen Ebenen argumentiert: »Die unterste Schicht waren die ererbten grundlegenden Überzeugungen des Paulus inklusive aller implizierten Voraussetzungen. Die mittlere, zentrale, entscheidende Ebene war der Glaube, der ihm auf der Straße nach Damaskus zukam (…). Die unmittelbarste Plattform war die der Briefe selbst, wo die Direktheit des dialogischen Charakters der paulinischen Theologie am deutlichsten wird.«47


8.3 N.T. Wrights »Paul and the Faithfulness of God« (2013): Paulus zwischen Jerusalem, Athen und Rom

Das doppelbändige Werk über Paulus (insg. 1658 S.)48 – ist der vierte von Wrights geplanten sechs Bänden unter der Überschrift »Christian Origins and the Question of God«. Der Einstieg ist kurz: Philemon. Welch ein Gegensatz zum üblichen Römerbrief-Paulus! Keine Schnörkel, keine komplizierten, philosophisch erst nachzuvollziehenden Begründungen. Philemon ist für Wright mustergültiges Beispiel angewandter paulinischer Theologie. Dabei sind nicht nur die Fragen von Rechtfertigung, Sünde, Juden und Heiden im Blick. Es geht auch um Soziales, um Hoffnungen und um Veränderung. Es geht um Herrschaft und die transformierende Zielrichtung des christlichen Glaubens.

Im Vorwort des Werks beschreibt Wright das Vorgehen. Vier Ebenen werden nacheinander verhandelt: die Welt/Umwelt des Paulus, seine geistig-kulturelle Grundausrüstung, seine Theologie und schließlich die veränderte Stellung bzw. Haltung zu der ihn umgebenden Welt. Da alle vier Teile etwa gleichwertig behandelt werden, ist klar, dass die klassische Theologie des Paulus für Wright nur dann richtig verstanden wird, wenn wir »die Brille des ersten Jahrhunderts« aufsetzen und ihn und seine Gemeinden in ihren jeweiligen Beziehungen und Gebundenheiten wahrnehmen.

Zunächst soll der Leser die »Möblierung« der antiken Welt des Paulus sehen und ihn als Kind mehrerer Welten begreifen: pharisäischer Jude, hellenistisch gebildeter Reisender, Bewohner oder gar Bürger des Caesarenreiches. »Die wichtigste These des Buches« ist dabei, dass »Paulus etwas entwickelt hat, wir nennen es seine Theologie, was eine radikale Mutation von Kernvorstellungen seiner jüdischen Welt war.« Angesichts der neuen messianischen Zeit war »eine robuste Neu-Aneignung der jüdischen Glaubensvorstellungen – Monotheismus, Erwählung und Eschatologie –, alle neu durchdacht rund um den Messias und den Geist« nötig.49 Wright schlägt vor, dass Paulus, christliche Theologie erfindet.50 Insbesondere habe »Paulus tatsächlich die Hoffnung Israels verwandelt« wahrgenommen und dargestellt. »Er nahm diese Hoffnung, an die er sich als junger, eifernder Pharisäer geklammert hatte, und überdachte, was sie eigentlich zu sagen hatte. Denn er sah sich gezwungen feststellen zu müssen, dass diese Hoffnungen sowohl einerseits durch Jesus erfüllt worden waren: nämlich in seinem Königreich, das er durch seinen Tod und seine Auferstehung begründet hatte. Andererseits würde das Ganze erst im Zweiten Kommen Jesu vollendet werden, wenn derselbe Geist alle diejenigen, die zum Messias gehörten, vom Tode erwecken würde. Juden hatten so viele Generationen lang mit unterschiedlichen Arten von ›Jetzt-‹ und ›Noch-nicht‹-Erwartungen in den immer noch unerfüllten Prophezeiungen von Daniel 9, Jesaja 40-55 usw. gelebt. (…) Paulus (…) glaubte, dass Gott diese Jetzt- und Noch-nicht-Hoffnungen auf eine andere Ebene gehoben hatte. Die Hoffnung blieb grundsätzlich jüdisch (…). Die Auferstehung der Toten, als das Herzstück der Erneuerung aller Schöpfung, die ›Überflutung‹ der Welt mit Gottes Gerechtigkeit und Freude. All dies war für Paulus jetzt verändert durch den Glauben, wonach alles schon passiert war in und durch Jesus sowie in und durch all diejenigen, in denen jetzt der Geist wohnte. Alle noch künftigen Momente dieser Hoffnung würden in genau der gleichen Art und Weise erfüllt werden.«51

Insgesamt hat Paulus »Monotheismus, Erwählung und Eschatologie und ihre komplexen Beziehungen untereinander im Licht Jesu, des Messias und seines Geistes neu überdacht und im Lichte der alten Schriften, die ihr Ja! in Jesus gefunden hatten, wie er es sah. Dies ist die gemeinsame Mitte seines theologischen Denkens, auf das er sich in jeder Art von ­Situation bezieht, um seine Argumente anzubringen und seine Begründungen zu entwickeln, die sich auf viele unterschiedliche ­Themen beziehen, dabei aber alle kohärent in dieser Mitte zusammenhängen.«52

Wright orientiert sich an den stories und narratives Israels, die Paulus in relecture neu erzählt habe. Ein veränderter Narrativ stellt die eigentlich wahre Deutung der Geschichte des Volkes Gottes dar,53 wobei das »Volk Gottes« sich um den Messias Israels sammelt. Wright kann im letzten Teil seines Werkes eindrucksvoll schildern, welche enorme Sprengkraft, gerade auch für die römische Welt in den neuen Erzählungen lag. Denn nicht nur Symbole Israels wurden von Paulus aufgenommen. Es gelang Paulus auch, vielfältige Zeichensysteme, politische Bezugsgrößen des Kaiserkultes (»Evangelium«, »Herr« usw.) neu zu definieren. Prägend ist für paulinisches Denken dabei nicht der philosophisch definierte Begriff, sondern der veränderte Zugang zu den maßgebenden Geschichten.

Die Einordnung des Paulus in die Spannungsfelder seiner Welt öffnet automatisch den Blick für die Frage, wo eigentlich wir heute stehen und was das mit uns und unseren Gemeinden zu tun hat. Der Paulus, den Wright schildert, wird geradezu plastisch gegenwärtig.


9. Schlussfolgerungen

Die »NPP« ist nicht auf einen Nenner zu bringen. Insgesamt wird das bis dahin relativ unhinterfragte neuprotestantische Paulusbild an einigen Stellen so revidiert, dass es hinterher nicht mehr in derselben Weise vertreten werden kann.

Keineswegs sind durch die Vertreter den NPP alle Fragen beantwortet.54 Aber: Die Konkretionen des Alltags, die Spannungsbögen einer im Aufruhr befindlichen globalen und multikulturell-religiösen Welt machen Paulus und seine Theologie lebendig. Paulus kommt dadurch wieder in den Dialog mit der Wirklichkeit heute.

Luthers »praktische Theologie« hatte das Anliegen, hineinzunehmen in die Welt der Bibel und des Glaubens. Das wäre auch Aufgabe des Jubiläums: nicht Reformations-Ramsch verkaufen und Luther-Logien als Wort-Reliquien verehren, sondern Re-Formation wagen. Persönlich: im Gebet und in der Umkehr. In der Gemeinde: gemeinsam die geschenkte Gegenwart des Geistes Gottes wahrnehmen. In der Schrift: auf Jesus Christus hören, und das Zeitgeschehen in ihrem Licht lesen. Und dann der Welt davon Zeugnis geben. Dass uns die Texte der Schrift dafür wieder »frisch und lebendig« werden können, demonstrieren die genannten anglo-amerikanischen Glaubensgeschwister eindrucksvoll.


(Teil 3 und Schluss im nächsten Heft)


Wichard von Heyden



Anmerkungen:

25 James D.G. Dunn, The Theology of Paul the Apostle, Grand Rapids (MI)/Cambridge (UK) 1998, 9 (Übersetzung hier wie auch im Folgenden, wenn nicht anders notiert, von mir).

26 Der folgende Überblick ist vermutlich jedem mit Examen ab ca. 2005 bekannt. Davor gehörte es nicht zum gängigen Kanon prüfungsrelevanten Pauluswissens. In den klassischen Einleitungswerken taucht die Debatte viel früher kaum auf. Mit der Arbeit von Ivana Bendik, Paulus in neuer Sicht, Stuttgart 2010, mit Michael Wolters’ Paulus: Ein Grundriss seiner Theologie, Neukirchen-Vluyn 2011, und der sich daran anschließenden Diskussion (Die Theologie des Paulus in der Diskussion, Neukirchen 2013, Hg. Jörg Frey/Benjamin Schließer) und einer Reihe weiterer Beiträge wird die Debatte inzwischen breiter geführt.

27 Allerdings gab es deutsche Vorläufer. Wolter nennt in seiner »Theologie des Paulus« z.B. Paul Wernle (1897) als einen ersten Vorläufer. Zu nennen sind weiterhin v.a. William Wrede und Albert Schweitzer.

28 Nicht zu Recht allerdings sah er bei Stendahl eine bloße Fortführung von Ansätzen Schweitzers und Wredes, die er ablehnte. Schweitzers Ansicht, die Rechtfertigungslehre sei ein bloßer »Nebenkrater« in der Theologie des Paulus, ist auch von den späteren und eigentlichen Vertretern der NPP so nicht übernommen worden.

29 Man könnte hier auch deutsche Beiträge nennen. Für die Erforschung und Bewertung der NPP wäre deren Darstellung und Einordnung in die Entwicklung der neuen Blickrichtung ein Desiderat.

30 E.P. Sanders, Paulus und das Antike Judentum. Deutsch: Göttingen 1985, origin.: 1977.

31 Zugespitzt: Für die Hermeneutik Bultmanns sind Katholiken und Juden »gesetzlich«. Das hat aber historisch weder im Judentum noch in der frühen Kirche einen ernstzunehmenden Ansatz.

32 Dunn ist auch als Prediger seiner methodistischen Gemeinde aktiv.

33 Zitate: J.D.G. Dunn, The New Perspective on Paul: Collected Essays, Tübingen 2007 (WUNT 185), 5f.

34 1QS 11,11-15. Später wirkte die Veröffentlichung von 4QMM auf Dunn wie eine Bestätigung. Im Laufe weiterer Untersuchungen fanden sich dann immer mehr Textstellen in den bei Qumran gefundenen Dokumenten, die in die gleiche Richtung wiesen.

35 Sanders, a.a.O., 438ff.

36 Sanders, a.a.O., 415.

37 Dunn, The New Perspective, 191ff.

38 Dunn, a.a.O., 197.

39 Röm. 6,14; Gal. 5,4; Röm. 3,27-31; besonders Röm. 8,2: Das Gesetz des lebendig machenden Geistes macht frei vom Gesetz der Sünde.

40 Tom Wright, Worum es Paulus wirklich ging, Gießen 2010, 125.

41 Wright, a.a.O., 129.

42 Wright, a.a.O., 162.

43 E.P. Sanders, Paul: The Apostle’s Life, Letters, and Thought, Minneapolis/London 2016, 707.

44 Dunn, The Theology of Paul, 713.

45 Dunn, a.a.O., 715.

46 Christianity in the Making Vol. 1-3, Grand Rapids 2003-2015; älter: Christology in the Making: Inquiry into the Origins of the Doctrine of the Incarnation, Canterbury 1980.

47 Dunn, The Theology of Paul, 713f.

48 N.T. Wright, Paul and the Faithfulness of God, London/Minneapolis 2013, 2 Bde. Zwei Jahre später folgte zusätzlich die vorausgesetzte Forschungsgeschichte: Paul and his recent Interpreters. Some Contemporary Debates, London 2015.

49 Wright, Paul and the Faithfulness of God, Preface, xvi.

50 Wright, a.a.O., iii.

51 Wright, a.a.O., 1258f.

52 Ebd.

53 Vgl. grundsätzlich J. Jeska, Die Geschichte Israels in der Sicht des Lukas, Göttingen 2001.

54 Vgl. die vielfältige Sekundärliteratur zur NPP.


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2017

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