Die verhängnisvolle Ablösung des Judentums durch das Christentum
»Der Buchstabe tötet«

Von: Hans-Jürgen Benedict
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Woher stammt der Antijudaismus im Christentum und in der Geschichte des westlichen Denkens? Ist er ein Irrweg oder ist er ein Grundzug dieses Denkens? Reicht es, wenn wir als Christen nach der Schoah unseren theologischen Irrtum hinsichtlich der Stellung Israels in der Geschichte Gottes mit den Menschen bekennen, wie in der Erklärung der Rheinischen Synode von 1980, und die bleibende Erwählung Israels betonen? Wenn wir uns der Schuld fehlender Solidarität mit den jüdischen Geschwistern in Zeiten der Verfolgung anklagen und geloben, es besser zu machen?

Als Theologen merken wir doch immer wieder, wie die antijüdischen Texte des NT uns beunruhigen und vor schwierige Interpretationsprobleme stellen, gerade wenn wir sie der Gemeinde (oder der Öffentlichkeit) erklären sollen. Wir sind als Theologen permanent damit beschäftigt richtigzustellen, zu erklären: Jesus hat die Pharisäer nicht pauschal verdammt, sondern sich mit ihnen konstruktiv auseinandergesetzt, seine verdammenden Weherufe gegen die Pharisäer (Mt. 23) stammen so nicht von ihm selber; der schlimme Antijudaismus des Johannesevangeliums ist eine Folge der Auseinandersetzungen mit der damaligen Synagoge; die judenfeindliche Passage in 1. Thess. stammt möglicherweise nicht von Paulus selbst usw. Und 1900 Jahre überspringend später schließlich: die aggressive Judenfeindschaft sozial denkender Christen Ende des 19. Jh. (Stöcker) und der Deutschen Christen in der Nazizeit ist eine Entgleisung bestimmter Gruppen, aber nicht typisch für die Einstellung des Christentums.



»Die Germanen sind schlecht getauft«

Mit diesen apologetischen Richtigstellungen, so begründet sie im Einzelnen auch sein mögen, kommen wir nicht weiter bzw. nicht an den tieferen Grund des Antijudaismus heran, der schließlich in einen schrecklichen rassischen und exterminatorischen Antisemitismus mündete. Dessen Anfänge kommentierte Sigmund Freud 1934 in einem Brief an Arnold Zweig so: »Angesichts der neuen Verfolgung fragt man sich immer wieder, wie der Jude geworden ist und warum er sich diesen unsterblichen Haß zugezogen hat.« Freud meinte eine Erklärung gefunden zu haben: »Moses hat den Juden geschaffen«, und in »Der Mann Mose und die monotheistische Religion« legte er dar, was das bedeutete – das Gefühl der Auserwähltheit, die besondere Geistigkeit der Juden, die mit ihrem Schuldgefühl gegenüber dem ihnen aufgezwungenen monotheistischen Gott zusammenhängt, gegen den sie revoltierten, vor allem die Ambivalenz der Christen gegenüber dem Glauben, aus dem sie entstanden waren, den sie überwunden glaubten und den sie in seinen über Europa verstreut lebenden Resten hartnäckig bekämpften und verfolgten. Wozu Freud klug-resigniert bemerkte: »die Germanen sind schlecht getauft«, den Hass gegen ihre gewaltsame Missionierung wandten sie gegen die Ursprungsreligion, das Judentum.1



Keine archaische Kammer westlichen Denkens

Der US-amerikanische Historiker David Nirenberg hat in einer bahnbrechenden Studie (Antijudaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens, München 2015), die Freuds Frage aufnimmt, ohne sie zu nennen, gezeigt, dass die Distanzierung vom Judentum ein vitaler Kern westlichen Weltbilds ist. Der Antijudaismus ist keine archaische oder irrationale Kammer des westlichen Denkens, sondern eines der grundlegenden Werkzeuge beim Bau dieses Gebäudes.« (18) Im Englischen lautet daher der Titel von Nirenbergs umfassender Studie schlicht: »Anti-Judaism. The Western Tradition.«

Nach Nirenberg entsteht durch die Auseinandersetzung mit dem Judentum in der westlichen Welt kritisches Denken. Die Reflexion über das Judentum erzeugt im Westen das Jüdischsein, das dieser dann kritisiert. Von den ersten Christen über die frühe Kirche und den entstehenden Islam, das Europa des Mittelalters, Luthers Deutschland, Shakespeares England, das Frankreich von Voltaires Aufklärung und die Französische Revolution bis zu den Philosophen des 18., 19. und 20. Jh., von Hobbes und Spinoza über Kant, Hegel, Fichte, Marx und Schopenhauer bis zu Max Weber, Sombart und Goebbels – immer ist es das Judentum, das als negativ und gefährlich assoziiert wird als das, was überwunden werden muss, auch dort, wo es kaum Juden gibt. Es wird in den polemischen Auseinandersetzungen der jeweiligen Zeit benutzt, um Gegner zu diskreditieren – »du judaisierst, du denkst wie diese gefährlichen und schmarotzenden ›Parias‹« (Max Weber). Der Anti-Judaismus ist also eine Triebkraft westlichen Denkens. In der Darstellung der mit Augenbinde versehenen verworfenen Synagoge an gotischen Kathedralen hat er seinen künstlerisch-symbolischen Ausdruck gefunden.

Es ist die von Marx so zuerst genannte »Judenfrage« (die er bekanntlich darin sah, dass die Welt sich vom Judentum, sprich der Anbetung des Geldes bzw. des Privateigentums als Gott befreien müsse), die in immer neuen Varianten die sog. kritische Intelligenz 2000 Jahre lang beschäftigt hat.



Am Anfang war Paulus

Angefangen hat das Ganze (nach einem Vorspiel im vorchristlichen Ägypten um 700 v. Chr., in dem die Juden der Garnison Elephantine zuerst als pestbehaftete Fremde diffamiert wurden) mit der Bekehrung des Paulus zu dem Glauben, dass Jesus der erwartete Messias sei, der die Menschheit von ihrer Schuld erlöst hat. Paulus war der erste, der die Abfolge des jüdischen durch den christlichen Glauben durchdachte und dabei die atl. Gestalten antinomisch allegorisierte – Hagar und Ismael stehen im Gal. für das Fleisch, Sarah und Isaak für die Verheißung und die Freiheit. Paulus erhob den Vorwurf des Judaisierens gegen Petrus, der die jüdischen Speisegesetze Konvertiten aufzwingen wollte. Und er verallgemeinerte den Gegensatz von Buchstabe und Geist (und das ist Nirenberg sehr wichtig), indem er betonte: »denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.« (2. Kor. 3,6) So gab er dem Verhalten der Heiden, die Christen geworden waren und Fehler in den Beziehungen zu den fleischlichen Dingen begingen, einen jüdischen Namen.

Obwohl Paulus nicht streng dualistisch dachte und die materielle Welt nicht als böse sah, wurde von nun an das Judentum mit Gesetz und Fleisch (= schlechter Welt) identifiziert. Obwohl Paulus die Privilegien Israels betonte, an seiner Erwählung und der Hoffnung auf seine endzeitliche Bekehrung festhielt, gibt es darin seine zwischenzeitliche Bestrafung, weil es die Propheten verfolgte. Die Ausgestoßenen Israels sind die lehrreichen »Gefäße des Zorns«, deren elender Status Gottes Erlösungsplan auf Erden sichtbar macht.



Judenfeindliche Evangelien

Das sind zwar Konzepte, die sich schon in den hebräischen Schriften finden, aber sie konnten in anderen Situationen sehr schnell zur endgültigen Judenfeindschaft konvertiert werden. Das zeigt sich dann bald in der Behandlung der Judenfrage in den Evangelien, die nach der Zerstörung Jerusalems geschrieben wurden und darin die geweissagte Bestrafung der Juden für die Ablehnung Jesu als Messias sahen. Lk. lässt Jesus zwar über Jerusalem weinen, aber vorher steht im Gleichnis von den anvertrauten Pfunden: »Doch meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde, bringt her und macht sie vor mir nieder.« (Lk. 19,27) Spätere Christen, die nicht beachteten, dass dieser schreckliche Befehl in einem Gleichnis stand, sahen das als direkte Handlungsanweisung. So hat der berühmte Prediger Johannes Chrysostomos, der so wunderbar für Barmherzigkeit gegenüber den Armen werben konnte (sie sind »der Altar Christi auf der Straße«) in seinen Reden gegen die Juden (386) diese als dumpfe Tiere bezeichnet, nur mit Essen und ihrer fleischlichen Lust befasst. »Solche vernunftlosen Geschöpfe aber, die sich zur Arbeit nicht eignen, sind geeignet zur Schlachtung. Deswegen sagt auch Christus: Doch meine Feinde … bringt sie her und macht sie vor meinen Augen nieder.« (123)

Woher dieser Hass? Waren die Juden von Antochia eine Gefahr für die Kirche? Chrysostomos sah in ihnen vor allem den Arianern ähnliche Gestalten, die die Göttlichkeit Jesu anzweifelten und in Kaiser Julian Apostata angeblich einen Fürsprecher für den Wiederaufbau des Tempels gehabt hatten. Zwei Jahre später brannte ein bewaffneter Mob von Mönchen im mesopotamischen Kallinikum eine Synagoge und eine Kirche der Valentinianer nieder. Der Militärbefehlshaber ordnete ihre Bestrafung an. Doch Ambrosius, hochberühmter Bischof von Mailand, schrieb an den Kaiser Theodosius, die Synagoge brannte durch Gottes Ratschluss. Ein Kaiser, der die Übeltäter bestraft, sei Jude geworden. (127) Denn christliche Herrschaft verlangt die völlige Ausgrenzung der Juden.



Jüdische Selbstkritik gegen die Juden selbst gewendet

Nirenberg zeigt in seinem Kapitel über die frühe Kirche, wie Heuchelei, Fleischlichkeit, Buchstabenglaube und Feindseligkeit mit in die Figur des Juden destilliert wurden, mit der man dann auch andre nichtjüdische Gegner angreifen konnte. Die jüdische Selbstkritik, wie sie bei den atl. Propheten zum Ausdruck kommt, wird gegen die Juden selbst gewendet.

Diese Lektüre der antijüdischen Polemiken der Kirchenväter ist wahrlich keine erbauliche Lektüre. Immerhin zeigt Nirenberg in seinen Ausführungen über Augustinus, dass der Bischof von Hippo eine Barriere gegen die Verfolgung der Juden aufbaute. Er erklärte sie zwar zu einer überwundenen Stufe in der Erlösungsgeschichte, wie Kain würden sie unstet und flüchtig sein. Aber für sie gelte das Psalmwort: »Töte sie nicht« (140f). Ein Satz, den 700 Jahre später Bernhard von Clairvaux zitierte, als er gegen Kreuzzügler predigte, die bei ihrem Marsch durch das Rheinland begannen, Juden zu erschlagen; er rettete so vielen Juden das Leben.



Unseliges christliches Erbe im Islam

Allerdings war die Verwandlung der Juden in »lebende Relikte des göttlichen Gesetzes« (142) mit einem irdischen Schutzstatus eine unsichere Position, da ja der Schutz von den jeweiligen politischen Verhältnissen abhing. So zeigen dann auch die weiteren Stationen der Darstellung Nirenbergs, wie prekär die Situation der Juden innerhalb des christlichen Europa blieb. Und wie prekär sie in der islamisch gewordenen Welt wurde.

In dem Kapitel Juden als Feinde im Islam wird deutlich, dass die neue Religion vom benachbarten Christentum auch die Judenfeindschaft erbte. Im Koran ist das Echo auf die antijüdische Predigt des Stephanus in Apg. 7,51 (»ihr Halsstarrigen, mit verstockten Herzen und tauben Ohren, ihr widerstrebt allezeit dem heiligen Geist, wie schon eure Väter«) deutlich zu spüren. Wie das Christentum vor ihm verstand der frühe Islam »seine Unterwerfung der Juden als prophetischen wie als politischen Beweis von Mohammeds Anspruch auf die Nachfolge Moses.« (170)

Der Islam meldet seine Ansprüche an die »jüdische Wahrheit« genau wie das Christentum so an, dass es sie in der »jüdischen Falschheit« verankerte. Mit diesem Generalverdacht konnte beispielsweise ein »Hass­pre­diger« des 11. Jh., Ali Ibn Hazm, die jüdische Macht als Ursache wie als Symptom einer verkehrten Welt darstellen, in der Juden mächtiger wurden als Muslime und muslimische Herrscher zu Juden. Mit diesem Argument ausgerüstet töteten die Muslime von Granada 1066 in einem Massaker 3000 bis 4000 Juden. Das war eher selten, denn getötete Juden konnten ja keine Schutzsteuer zahlen, auf die die politischen Machthaber angewiesen waren; die »islamische Toleranz« hatte einen ganz praktischen Grund.



Luthers »Entfernung der Juden aus dem Buchstaben der Schrift«

Nirenberg schildert dann die Rolle jüdischer Finanziers für die europäischen Könige, die Judenverfolgungen, die durch den Vorwurf der Ritualmorde entstanden, die Vernichtung der spanischen Juden und die Entstehung der Inquisition. Interessant in dem Reformationskapitel ist der Hinweis auf Luthers »Entfernung der Juden aus dem Buchstaben der Schrift« in seinen christozentrischen Psalmenauslegungen 1513-15 – die Juden »sind allem Volk auf der ganzen Welt gegeben, um darauf zu treten, gerade wie der Unrat auf der Gasse« und: »Man muß sich hüten vor der Scheiße der Rabbiner, die in gewisser Weise die heilige Schrift zu einer Art Latrine gemacht haben« (261). Ein lutherischer Antijudaismus also lange vor seinen späten aggressiven Schmähschriften, die die Vertreibung der Juden aus christlichen Territorien anstrebten. Ob Luther Antisemit oder Vordenker des Holocaust war, will Nirenberg nicht erörtern. Aber dass seine Sprache und seine Art, über Juden zu reden, die Gefahren erhöhten, die Juden angeblich für die christliche Welt darstellten, scheint ihm evident.



»Wer ist Kaufmann und wer ist Jude?«

Eine besonders intrikate Analyse ist das Kapitel über Shakespeares Drama Der Kaufmann von Venedig mit dem Titel: »Jüdische Rollen in Shakespeares England: wer ist Kaufmann hier, und wer ist Jude«. In einer Gesellschaft, in der es kaum Juden gibt, wird das neue Problem des Tausches, an dem jeder partizipiert, an einem jüdischen Kaufmann traktiert. »Es ist eine auf die unreduzierbare Differenz zum Juden aufgebaute Entlastungsfantasie, die wir, wenn wir wollen, Antisemitismus nennen können.« (304) Sie basiert auf dem »Ausfall von der Reflexion« (Adorno/Horkheimer).

Nirenberg zeigt weiter, dass weder die Aufklärung noch die Moderne die christlichen Theologien des Judentums umstürzten, sondern sie in neue Begriffe und Wissenschaften umsetzten, die weiterhin von einem negativen Bild des Judentums ausgingen. In der politischen Theorie im 17. Jh. wurden Fragen der Rechte und Pflichten von Herrschern und Untertanen mit Bezug auf das Judentum gestellt und beantwortet. So nimmt Hobbes in seinem Leviathan das Vertragsmodell des mosaischen Bundes, um angesichts der Wirren der Bürgerkriege eine Zentralgewalt zu legitimieren und Kirche und Staat in dem einen Schwert und der einen Person des Herrschers zu verschmelzen, immerhin eine konstruktive Verwendung des Judaismus, auch wenn sie drei Jahrhunderte später von Carl Schmitt zur Rechtfertigung des totalitären Faschismus benutzt wurde.



»Feinde der Vernunft«

Baruch Spinoza, der von den Amsterdamer Rabbinern exkommuniziert wurde, hat seinen Entwurf einer neuen Politik und Ethik, der ihm aufgrund des »deus sive natura« den Vorwurf des Atheismus einbrachte, nach dem christlichen Grundsatz der Ablösung vollzogen und sprach von der »alten Leier der Pharisäer«. Er schrieb dem Judentum »eine Rolle als Feind der Vernunft zu, die sehr der Rolle als Feind der Offenbarung ähnelte, welche die christliche Theologie ihnen zuwies.« (341) Voltaire in seiner Schrift über Toleranz warf den Juden schlimme religiöse Intoleranz vor; d’Holbach rief zu einer revolutionären Emanzipation vom Judentum auf. Auch der Philosoph von Königsberg forderte eine gründliche Entjudaisierung des Christentums. Seine Forderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, dem kategorischen Imperativ im Innern zu folgen, hat zum Hintergrund die Auffassung, dass der Mensch nicht durch den jüdischen Gehorsam gegenüber dem Gesetz moralisch werden kann. Nach Hegel schließlich wird das jüdische Prinzip durch eine der Inkarnationstheologie abgeschaute Entäußerung überwunden. Er nennt die Juden ähnlich wie die Kirchenväter das »verworfenste« aller Völker, weil sie die ersten waren, die »unmittelbar vor der Pforte des Heils« standen, sich dann aber weigerten sie zu durchschreiten. Nirenberg formuliert: Für Hegel ist ähnlich wie für Augustin »das Judentum ein lebender Toter, ein unverdaulicher Rest, der aus den Gedärmen der Geschichte ausgeschieden wird.« (405) Allerdings hielt Hegel in seiner Philosophie des Rechts daran fest, dass sie »als rechtliche Personen in der bürgerlichen Gesellschaft zu gelten« hätten. Schopenhauer schließlich verstand sich als Entjudaisierer und bezeichnete das Kantsche Ding an sich in einem Brief an einen Schüler: »Es ist der Herr von Absolut, das heißt es ist der alte Jud.« (413)



»Die Gegensätze sind hier grell gepaart«

Nirenberg erspart dem auf seine Tradition stolzen westlichen Denken keine seiner differenzierten Neubetrachtungen der Geistesheroen unter dem Aspekt des jeweiligen Antijudaismus. Nur bei der Einschätzung Heinrich Heines liegt er m.E. ein wenig daneben. Es ist zwar richtig, dass Heine Jude und Grieche als kritische Kategorien zur Klassifizierung von Menschen und Ideen benutzte. Auch Nichtjuden wie Hengstenberg und Menzel waren für ihn Juden, die ihr »zänkisches Zeter gegen die frohe Weltlichkeit Athens« richteten. Heine baute sein System der Kulturkritik aber nicht auf dem Unterschied von Jude und Christ, sondern auf der Differenz zwischen Nazarenern, also Juden und Christen einerseits, und Hellenen, sprich den Künstlern, andererseits auf. Er hielt das Judentum nicht für überwunden und sah im Christentum eine etwas spirituellere Form des Judentums. Anders als alle seiner Vorläufer strebte er eine Synthese an, die nicht in einer Abwertung oder Überwindung des Jüdischen bestand. In den Geständnissen betonte Heine, wie stolz er sei, einem Volk anzugehören dass der Welt »einen Gott und eine Moral gegeben« habe. Sowohl im Rabbi von Bacharach (der Vater Rhein erzählt die deutschen Märchen wie die hebräischen Legenden und tröstet so seine Kinder) wie in dem letzten Gedicht Für die Mouche imaginierte er poetisch diese Versöhnung.

Auf dem Sarkophag, in dem der tote Dichter liegt, sind Reliefs der griechischen und der jüdischen Geschichte zu erkennen. Abschließend heißt es: »Die Gegensätze sind hier grell gepaart, /der Griechen Lustsinn und der Gottgedanke/ Judäas und in Arabeskenart /um beide schlingt der Efeu seine Ranke.« Heine vertrat auch die Auffassung, dass die Emanzipation der deutschen Juden nur in einer allgemeinen Emanzipation aller Deutschen zu erreichen sei.2 Anders als Marx, der in der Emanzipation der Menschheit vom Judentum, sprich dem Privatbesitz, die Rettung sah, womit er eine Theorie begründete, die in ihrer Praxis als Kommunismus unendliches Leid über die Menschheit bringen sollte.



Antisemitische Ideengeschichte

Dann eilt Nirenbergs Studie mit Riesenschritten der Katastrophe zu, nicht ohne vorher noch auf die Funktion des Antisemitismus in der Biologie, Medizin, Psychologie und den Religionswissenschaften an deutschen Universitäten einzugehen. Dabei verweist er auf die »höhere Bibelkritik« der Wellhausen-Schule, die Solomon Schechter als »höheren Antisemitismus« bezeichnete, weil Wellhausen geistreich die Bedeutung der hebräischen Bibel herabsetzte (455). Das ist wichtig zu erwähnen, nicht nur weil gegenwärtig eine Selbstbiographie Wellhausens sehr gelobt wird, sondern auch, weil die Abwertung des AT in der akademischen Theologie wieder um sich greift.

Die Ideengeschichte hat nicht zwangsläufig dazu geführt, dass Deutschland vom Antisemitismus zum Völkermord überging, sagt Nirenberg, aber »ohne diese tiefe Ideengeschichte (ist) der Holocaust unvorstellbar und unerklärbar.« »Die ›jüdischen‹ Ängste (…) waren die Folge einer Geschichte, die die Bedrohung durch das Judentum in einige Grundmuster des westlichen Denkens eingeschrieben hatte.« (459)



Ablösung ohne Abwertung?

Zum Schluss bleibt die Frage, ob etwas Neues in Religion und Kultur gedacht werden kann, ohne auf die Figur der Ablösung und Überwindung des Älteren zurückzugreifen, ohne dualistisches Denken, das das Alte total abwertet. Es ist zugegeben schwer, weil sich in der Ablösung von dem Hergebrachten jeder zu diesem Schritt überwinden muss und ihn oft nicht ohne Abwertung des Vorherigen gehen kann. Es ist aber dem Menschen zumutbar, über diese Ablösungsproblematik differenziert nachzudenken und sich nicht blind unreflektiert seinen ambivalenten Gefühlsregungen zu überlassen. Das christliche Schema von Verheißung und Erfüllung kann dies leisten, wenn die Erfüllung nicht als Entwertung des Alten gesehen wird.

Man kann aber nicht nur mit Begriffen etwas im Zaun halten, was als psychisch-religiöse Triebkraft im Menschen wirkt. Vielleicht ist es bezeichnend für die oft unaufgeklärte Gefühlsmacht des Glaubens, dass eine Religion, die die Aufhebung der Schuld in einem Akt der Gewalt, der Kreuzigung Jesu, postulierte, wiederum Gewalt gegen die ausübte, die an diesem Akt der Gewalt angeblich schuldig waren, die Juden. Zugespitzt gesagt hat die Kreuzigung Jesu nicht die erlösende, von Schuld befreiende Wirkung gehabt, die die Dogmatik ihr zuschreibt. Freud hat in seiner schon erwähnten Schrift Der Mann Moses und die monotheistische Religion gemeint, weil es die Schuld am Gottesmord (den er als Vatermord interpretierte) zugegeben habe, sei das Christentum ein Fortschritt gegenüber dem Judentum. Freud konnte dieses Zugeständnis 1938 nur mit seinem gewohnten Sarkasmus kommentieren: »Warum es den Juden unmöglich geworden ist, den Fortschritt mitzumachen, den das Bekenntnis zum Gottesmord bei aller Entstellung enthielt, wäre Gegenstand einer besonderen Untersuchung. Sie haben damit gewissermaßen eine tragische Schuld auf sich geladen: man hat sie schwer dafür büßen lassen.« Wobei das Schwerste und Schrecklichste erst noch kommen sollte!



Eine neue Betrachtung der Geschichte

Im Schlusskapitel erwähnt Nirenberg neben Hannah Arendt, die den Juden eine Mitschuld an dem sie vernichtenden Antisemitismus gab, und neben Adornos und Horkheimers Hinweis auf den »Ausfall von Reflexion« als Signum des Antisemitismus den Literaturwissenschaftler Erich Auerbach, der im türkischen Exil darüber nachdachte, welche Kräfte man dem Bösen der Geschichte entgegenstellen könnte. Er hatte gerade einen Aufsatz über Figura beendet, also jene Textauslegung der Kirchenväter, die zwei Geschehnisse, die Geschichte Israels im AT mit der Christi so verbindet, dass ein Geschehnis nicht nur es selbst, sondern auch das andere bedeutet. Acht Jahre später stellte er in seinem Buch Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der europäischen Literatur das Modell des Figuralen anstelle des Allegorischen ausführlich vor, an Beispielen von der Odyssee und Genesis bis zu Proust. Die frühchristlichen Vertreter der Figuraldeutung hätten es ermöglicht, »dass die historische Wahrheit des ›Alten‹ Israel neben der geistigen Wahrheit des ›Neuen‹ überdauerte anstatt von ihr abgeworfen oder zurückgelassen zu werden.« (467) Man kann sich vorstellen, sagt Nirenberg, dass Auerbach dies gegen diejenigen gedacht haben wollte, die wie Alfred Rosenberg und die Deutschen Christen die Abschaffung des AT als Religionsbuch propagierten.

Mit dem Wort Figura gab Auerbach einen neuen Ansatzpunkt der Betrachtung von Geschichte. Nirenberg wollte mit seiner beeindruckenden Studie ebenfalls eine semantische Perspektive entwickeln, von der aus große historische Entwicklungen sichtbar werden. Es sei die Absicht von Anti-Judaismus zu zeigen, wie vergangenes Denken unser heutiges beeinflusst und umgekehrt. Das ist ihm auf überzeugende Weise gelungen. Dass das Christentum trotz aller seiner sonstigen Verdienste wegen seines Anti-Judaismus eine verhängnisvolle Fehlentwicklung eingeleitet hat und unfähig war, sie zu korrigieren, ist das bestürzende Ergebnis seiner ungeheuer kenntnisreichen und klugen Neu-Lektüre der Schriften der Theologen und Philosophen des Westens.

Nach der Katastrophe der Schoah bewahrt uns die Erinnerung daran vor allzu leichtfertigen Hoffnungen, dass der Komplex Hebräer-Jude-Judentum-Israel und Christentum-Abendland-Westen nun gelöst sei. Aktuell gewendet: Was wäre die Figuraldeutung, die den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, der u.a. das Erbe des westlichen Anti-Judaismus ist, einer politischen wie religiösen Lösung zuführt? Und, um auf den Anfang dieses Artikel zurückzukommen, was können wir als Theologen und Pastoren bei uns tun, damit unaufgeklärte Gefühlsmächte und der Ausfall von Reflexion nicht zu fremden-, islam- wie israelfeindlichen ­Äußerungen führen?


Hans-Jürgen Benedict



Anmerkungen:

1 Vgl. dazu H.-J. Benedict, »Moses hat den Juden gemacht«. Der Gottesmord als historische Wahrheit der Religion? Freuds These dargestellt und kritisch betrachtet, in: H. Chr. Goßmann/J. Liß-Walther, Gestalten und Geschichten der Hebräischen Bibel im Spiegel der Literatur des 20. Jahrhunderts, Nordhausen 2001, 94ff.

2 Vgl. dazu H.-J. Benedict, »Mich bewegt der große Judenschmerz.« Heine als stolzer Jude und zwangsgetaufter Christ, in: ders., Was Gott den Dichtern verdankt, Berlin 2011, 138ff.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2017

1 Kommentar zu diesem Artikel

23.07.2017
Ein Kommentar von Armin Backer


Vielen Dank für diesen großen und aufschlussreichen Artikel! Ein Artikel, der deutlich mehr, aber eben auch eine Rezension zu dem Buch von David Nirenberg ist. Redaktionell hätte ich mir einen deutlicheren Hinweis auf dieses Buch gewünscht. Und vom Lektorat eine Korrektur der Jahreszahl 1970: Der Rheinische Synodalbeschluss ist von 1980! Und an der Stelle, an der Nirenbergs Buch erstmalig erwähnt wird, fehlt im Satz das Wort "hat": die Einfügung erleichtert das Verstehen des Satzes ungemein. Vielleicht lassen sich diese beiden Fehler zumindest online noch beseitigen …

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