20. August 2017, 2. Mose 19,1-6
10. Sonntag nach Trinitatis

Von: Michael Weber
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Das Las Vegas des Glaubens


Der Text

Ein paar interessante Merkmale bzw. Details: Genau nach drei Monaten kommen die Israeliten in die Wüste Sinai, wo sie den Berg finden, auf dem Mose Gott begegnet. Das mag eine symbolische Bedeutung haben. Schon von alters her steht die Drei für die Ganzheit von was auch immer. Die christliche Trinitätslehre ist dafür nur ein Beispiel. Die biblische Geschichte des Volkes Israel verzeichnet die Dreiheit der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob. Abrahams Leben wird vollständig durch die Geburt seines Sohnes, da sind sie dann Vater-Mutter-Kind. Die Kosmologie jener Zeit weiß vom Himmel, von der Erde und von der Unterwelt. Mag wohl sein, dass die drei Monate besagen, dass »die Zeit erfüllt ist«.

Die Adlerflügel gehören meiner Meinung nach zu den schönsten Metaphern der Bibel. Sie stehen an anderer Stelle für die jugendliche Kraft, hier betonen sie die wunderbare Fügung und Führung.

Dann kommt hier der Bund ins Spiel, das Alte Testament. Mit dem Passafest feiern die Juden heute noch den Auszug ihrer Vorfahren aus Ägypten und ihre Befreiung aus der Sklaverei. An einem solchen Passafest um das Jahr 30 unserer Zeitrechnung herum, schloss Jesus mit seinen Jüngern einen neuen Bund. Diese Parallele macht die Geschichte um den alten Bund auch für uns ­bedeutsam, als Vergleichsmoment.

Priester und ähnliches göttliches Bodenpersonal gab es zu allen Zeiten und an allen Orten, aber sie machten stets nur einen sehr kleinen Teil der Gesamtbevölkerung aus, einfach weil der Bedarf nie so groß war und ein großer Teil der Menschen ihnen lieber aus dem Weg geht, aus dem einen oder anderen Grund. Ein ganzes Königreich von Priestern – ein solches Ausmaß an unterstellter Heiligkeit, das wäre ja, wörtlich genommen, geradezu das »Las Vegas des Glaubens«.


Predigtgedanken

Zu den interessantesten Begegnungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, gehört ganz gewiss diejenige mit einem Kollegen aus Papua-Neuguinea, der ein paar Kilometer weiter als Austauschpfarrer tätig war; die ELKB unterhält ja gute Beziehungen dorthin. Er erzählte mir, dass er nicht die geringste Lust hatte, nach Deutschland zu kommen. Zwar hätte ihn das ferne Land schon interessiert, aber er konnte sich einfach nicht vorstellen, wozu ein solcher Austausch gut sein könnte. In seiner Vorstellung stand in Deutschland, dem Mutterland der Reformation, an jeder Straßenecke ein Pfarrer herum. Ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk! Als er dann hier war, merkte er schnell, mit was für profanen Problemen unsere Gesellschaft kämpft.

Der 10. Sonntag nach Trinitatis nimmt das Verhältnis der Christen zum Judentum in den Blick. Das Judentum ist unser Ursprungsort, biblisch: die Wurzel, die den Baum trägt. Ich frage mich, ob in diesem Bild nicht eine unangemessene Herablassung steckt: als sei da eine Pflanze veredelt worden. Wir müssen immerhin feststellen, dass die Christenheit auch keine größere Heiligkeit hervorgebracht hat als das Judentum. Christen und Juden sind gleichermaßen Sünder und bedürfen der Gnade, und ob sie ihnen gewährt wird, das haben die einen nicht für die anderen zu entscheiden. Aber ein Königreich von Priestern sind wir beide nicht geworden.


Lieder

Die empfohlenen Wochenlieder EG 138 (»Gott der Vater steh uns bei«) und EG 146 (»Nimm von uns, Herr, du treuer Gott«) finde ich beide nicht so toll. Wie wäre es mit EG 288 (»Nun jauchzt dem Herren, alle Welt«) oder EG 293 (»Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all«)? In beiden klingt der Erwählungs- oder Bundesgedanke an. EG/BT 645 (»Die Erde ist des Herrn«) wird die letzte Zeile des Predigttextes wiederaufgenommen. In »Kommt atmet auf. Liederheft für die Gemeinde der ELKB« finde ich noch das Lied 04 (»Lob, Anbetung, Ruhm und Ehre«), in dem es um die Heiligkeit Gottes und die Bedürftigkeit der Menschenkinder geht, und das Lied 011 (»Erfreue dich, Himmel, erfreue dich, Erde«), das alle Menschen und Kreaturen im Lob Gottes vereinen will.


Michael Weber

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2017

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Grabplatte ohne Grab

Artikel lesen
»My God ist mighty to save«
Was meinen wir eigentlich, wenn wir »evangelikal« sagen? (Teil II)
Artikel lesen
Luther und Paulus
Rechtfertigung durch den Glauben
Artikel lesen
Für die Gegenwart verständlich von Gott reden
Christliche Rechtfertigungslehre in säkularem und interreligiösem Kontext (Teil I)
Artikel lesen
21. Sonntag nach Trinitatis
5. November 2017, Matthäus 10,34-39
Artikel lesen
20. Sonntag nach Trinitatis
29. Oktober 2017, 1. Mose 8,18-22
Artikel lesen
Ein »jüdischer Neutestamentler«
Zum 100. Geburtstag von David Flusser
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!