Christliche Rechtfertigungslehre in säkularem und interreligiösem Kontext (Teil I)
Für die Gegenwart verständlich von Gott reden

Von: Matthias von Kriegstein
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Wir leben in einer Gesellschaft, die in hohem Maße säkularisiert ist. Kann da die Rede von Gott überhaupt noch plausibel erscheinen? Ja, sagt Matthias von Kriegstein und zeigt dies am Beispiel der Rechtfertigungslehre. In seinem zweiteiligen Beitrag skizziert er zunächst den Ausgangsimpuls bei Luther. Danach geht er auf die Bedeutung der Rechtfertigungs­lehre für unsere heutige Lebenswirklichkeit in individueller und sozialer Perspektive ein.


1. Plausibilität der Rede von Gott

Deutschland ist in hohem Maße säkularisiert. Viele Menschen glauben nicht an Gott, In den großen Städten gehören bis zu 50% keiner Religionsgemeinschaft an. Die andere Hälfte enthält eine beträchtliche Anzahl von Christinnen und Christen, die eine große Distanz zu ihren Kirchen und deren Symbolen haben. Für sie ist eine nachvollziehbare Interpretation ihrer eigenen Tradition wichtig. Es ist nicht selbstverständlich, von Gott zu sprechen! Ist es plausibel? Vielen Zeitgenossen sind religiöse Worte fremd. Kann Religion sich so auf gegenwärtiges Leben beziehen, dass ihre Bedeutung nachvollziehbar wird? Viele Menschen leben bewusst mit philosophischen ethischen und politischen Grundüberzeugungen. Kann im Blick auf den Dialog mit ihnen eine religiöse Lebensdeutung obendrein im Kontext vieler Religionen einen nachvollziehbaren sinnvollen Platz einnehmen?

Ich beantworte alle drei Fragen aus der Perspektive einer christlich aufgeklärten Theologie mit Ja. Ich setze bei dieser Antwort voraus, dass Glaube und Denken aufeinander bezogen werden und dass es möglich ist, die Glaubensauffassung bezogen auf menschliche Erfahrung zu beschreiben.1

Die eigene Tradition und ihre Glaubensinhalte sollen nicht als gegenständlich und wörtlich wahr präsentiert, sondern im Spiegel des Selbst- und Weltverständnisses von Menschen in ihren natürlichen, kulturellen und politischen Kontexten undogmatisch dargestellt werden. Das kann säkularen Menschen ermöglichen, sich in ihre eigene Tradition zu reintegrieren. Außerdem kann eine solche Art der Theologie helfen, interreligiöse Dialoge vorzubereiten. Auf dieser Basis könnte versucht werden, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen verschiedenen Religionen z.B. im Verständnis der Schöpfung, der Nächstenliebe oder des Leidens zu besprechen. Mein Ziel hier ist nicht, inhaltliche Vergleiche zwischen verschiedenen Religionen anzustellen. Dafür bedürfte es gemischter Teams von Menschen aus verschiedenen Religionen. Aber ich behaupte: die eigene Tradition in nachvollziehbarer Weise darzustellen, ist ein elementarer Baustein für einen interreligiösen Austausch, der über einen Vergleich von Worten und dogmatischen Begriffen hinaus zu einem substantiellen Gespräch über menschliches Weltwissen führt.


Eine elementare menschliche Erfahrung

Ich gehe von einer elementaren Erfahrung aus: Der Mensch ist von der Geburt an abhängig. Er lebt hineingestellt in den Zusammenhang seiner Familie und verschiedener sich ergänzender und ändernder Kontexte wie Schule Kameraden, Nachbarschaften, geographische Gegebenheiten, Möglichkeiten im Bereich medizinischer Versorgung, Ernährung und Bildung, eventuell Religion. Er erfährt in verschiedenen Ausprägungen Akzeptation und Missachtung, Vernachlässigung und Förderung. Er hat in unterschiedlichem Ausmaß Möglichkeiten der Partizipation. Er lebt in einer natürlichen Umgebung, die bestimmte Verhaltensweisen erfordert und ermöglicht. Er ist mehr oder weniger den Naturgewalten ausgesetzt. Er lebt mit anderen Menschen, deren Kulturen und Religionen.

Zusammenfassend gesagt: Er lebt in einem Universum verschiedener Faktoren und Möglichkeiten, die sich immer wieder ändern, die er zum Teil beeinflussen kann, von denen er aber immer auch abhängig ist. Er kann versuchen, alles dies begrifflich zu erfassen. Er kann seine Wirklichkeit deuten und planen. Das ist oft sinnvoll und hilfreich, aber er kann diese Wirklichkeit nicht universal denkerisch erfassen. Dieser Zugriff bleibt grundsätzlich vorläufig. Denn es werden z.B. die Theorien über die Entstehung der Erde fortentwickelt und die Reflexionen über Identität und soziale Systeme führen zu neuen Erkenntnissen und Sichtweisen. Zudem ist eine umfassende Weltdeutung von der Fülle der Aspekte her denkerisch kaum möglich und wäre für die meisten Menschen nicht nachvollziehbar.


Religiöse Symbole

Die religiöse Sprache zielt auf den universalen Zusammenhang.2 In symbolisch verdichteter Form verortet sie den Menschen und seine Kontexte in den Gesamtzusammenhang der Wirklichkeit. Sie bietet eine umfassende Lebensdeutung von der Geburt bis zum Tod und darüber hinaus von der Schöpfung bis zum Ende der Geschichte. Diese umfassende Deutung hat ihre Grundlage in der Erfahrung und den Wahrnehmungen, dem Wissen und Handeln von Menschen vieler vergangener Generationen.

Mit den Worten des deutschen Soziologen Horst Jürgen Helle ausgedrückt sind Symbole Objektivationen früherer Handlungen und enthalten Potentiale für zukünftige Handlungen.3 Ich erweitere das: Religiöse Symbole eingebettet in religiöse Sprache sind eine kondensierte Form sozialer Interaktionen und Wahrnehmungen. Sie haben eine Beziehung zu ihrer Herkunftsgeschichte. Oft sind sie Teile gegenwärtiger ritualisierter Praxis. Diese hilft, sie als relevant zu erhalten.

Gelegentlich entstehen religiöse Symbole auch in der Gegenwart. Sie alle weisen in die Zukunft. Sie sind Teil menschlicher Motivation, sie begründen oder beeinflussen zukünftige Interaktionen; Handlungen, Verhaltensweisen und Wahrnehmungen. Auf dieser Basis ist es möglich, religiöse Symbole und praktische Gestaltungen verschiedener Religionen zu analysieren und zu vergleichen.


Christliche Tradition

Die christliche Religion wird in verschiedenen Formen tradiert, durch Rituale und Erzählungen, in Gebeten und diakonischen Zuwendungen, mit Deutungen und Fragen. Sie erfährt immer wieder neue Interpretationen, hat aber einen Grundbestand verbindender Texte, Symbole, Rituale und Handlungsweisen und oft Basisüberzeugungen. Zu letzteren gehört im Protestantismus seit 500 Jahren die Lehre von der Rechtfertigung.

Gegenwartsbezogen steht sie im Kontext von Säkularismus und Interreligiosität, von sozialen Ausgrenzungen, unermesslich großer Ungerechtigkeit, vor allem im weltweiten Horizont und einer zunehmend globalen Wahrnehmung dieser Problematik sowie einer riesigen Zahl von flüchtenden Menschen in vielen Teilen der Erde.

Die Rechtfertigungslehre hat eine große Wirkungsgeschichte. Ich gehe davon aus, dass ihre hohe Bedeutung damit im Zusammenhang steht, dass sie fundamentale Aspekte in der Erfahrung und im Selbst- und Weltverständnis des Menschen berührt. Die Rechtfertigungslehre heute auszulegen, ­erfordert es, über die Begriffe des 16. Jh. hinaus­zugehen.


2. Luthers Frage nach dem gnädigen Gott

Martin Luther trieben die Fragen um: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wie werde ich vor Gott gerecht? Er stellte ins Zentrum seiner Theologie die Gerechtigkeit Gottes im Zusammenhang mit der Rechtfertigung des Sünders, also der Befreiung des Sünders. Wie sehr er selbst unter Sünden und Gewissensnot gelitten hat, mag ein Zitat verdeutlichen. Luther schreibt über Sündenqualen und Gewissensnot: »Ich kenne einen Menschen, der öfters diese Pein erlitten hat. Sie war so höllisch, dass keine Zunge sie aussprechen, keine Feder sie beschreiben und kein Mensch sie glauben kann, der sie nicht selbst erfahren hat. Hätte sie sich ganz auswirken können, der Mensch wäre vergangen. Da scheint ihm Gott und mit ihm alle Welt furchtbar erzürnt zu sein. Er hat keine Möglichkeit zu fliehen und hat keinen Trost, sondern alles klagt ihn nur an. Es ist seltsam genug, aber in einem solchen Augenblick ist die Seele außerstande zu glauben, sie könnte jemals erlöst werden. So bleibt es bei der bloßen Sehnsucht, einem Seufzen nach Erlösung, während die Seele nicht weiß, wo sie Hilfe suchen soll. Da hängt sie mit Christus am Kreuz, ist bis an den Rand voll Schrecken, Angst und Traurigkeit und ertrinkt eine kurze Zeit lang im Gefühl der ewigen Pein. Aber das bleibt nicht so, es geht vorüber.«4


»Durch geöffnete Tore ins Paradies«

Bei intensivem Studium des biblischen Römerbriefs kam Luther dann jedoch zu folgender ihn zutiefst befreienden Erkenntnis: »Da begann ich zu verstehen, dass hier die Gerechtigkeit Gottes gemeint sei, wodurch der Gerechte durch das Geschenk Gottes lebt, nämlich aus dem Glauben – eine Gerechtigkeit, wodurch uns der barmherzige Gott durch den Glauben gerecht macht. Da habe ich gefühlt, dass ich von neuem geboren sei und durch die geöffneten Tore ins Paradies selbst eingehe.«5 »Wie sehr ich vorher die Vokabel Gerechtigkeit Gottes gehasst habe, so pries ich sie nun mit entsprechend großer Liebe als das mir das süßeste Wort.«6

Aber das soll keinen quietistischen Rückzug aus sozialer Verantwortung begründen. Das Evangelium ist in Luthers Verständnis verbunden mit der Lehre vom mehrfachen Gebrauch des Gesetzes, was das Gewissen der Gläubigen schärfen soll. Ich schreibe das, obwohl in Deutschland der Kirche vor und nach dem Zweiten Weltkrieg vorgeworfen wurde, dass viele lutherische Theologen und Gemeinden sozialen Eskapismus praktizierten.

Luther ist ausgebrochen aus den Ängsten des Mittelalters und der sie steuernden Macht der Kirche. Er ist aufgebrochen zu einer Freiheit, die auf der Gnade ruht. Diese Gnade muss man im Glauben ergreifen, und sie verändert den Menschen.

Die Reformierte Tradition spitzt das zu. Im Heidelberger Katechismus heißt es gleich zu Beginn: »Darum macht er [Jesus Christus] mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.«7 Und es wird gesagt: Die Taufe bedeutet »Vergebung der Sünde von Gott aus Gnade haben … [und] durch den Heiligen Geist erneuert und zu einem Glied Christi geheiligt zu sein, so dass wir je länger je mehr der Sünde absterben und ein Leben führen, das Gott gefällt.«8

Hier wird der Impuls Luthers etwas verändert, man kann auch sagen: partiell zurückgenommen. Allerdings spricht Luther auch von der »conformitas« des Menschen zu Christus. »Durch die vornehmlich in mystischem Sinne der Selbstdemütigung verstandenen Werke soll der Mensch die conformitas, die Entsprechung zu Christus erlangen«.9 Möglicherweise gibt es gerade in einem neuzeitlichen Verständnis eine Verbindungsmöglichkeit für die verschiedenen Auffassungen.


3. Individuelle Annäherungen

3.1 Vergebung

Ich möchte einen Aspekt des traditionellen Verständnisses von Rechtfertigung anhand eines berühmten literarischen Beispiels demonstrieren: 1879/80, über 350 Jahre nach Luthers bahnbrechender Entdeckung, arbeitete Fedor Dostojewski an dem Roman »Die Brüder Karamasow«. In einer bewegenden Szene wird deutlich, dass auch in seiner Zeit religiöse Seelenängste eine große Rolle spielen konnten.

Ein Mönchspriester, ein sog. Staretz kommt in einen Ort. »Etwa 20 Weiber aus dem Volk«10 möchten ihm begegnen, mit ihm sprechen. Gegen Ende dieser Audienz geht es in äußerster Intensität um eine Frau: »Der Staretz … bemerkte zwei brennende Augen, mit denen ihn eine magere, anscheinend schwindsüchtige noch junge Bäuerin unverwandt ansah, doch schien sie Angst zu ­haben, näher zu kommen.

›Was wünschst du von mir mein Kind?‹ ›Erlöse meine Seele, Vater‹, sagte sie leise und übereilt, kniete nieder und verbeugte sich vor ihm bis zur Erde. ›Ich habe gefehlt, mein Vater, ich fürchte meine Sünde.‹

Der Staretz setzte sich auf die unterste Stufe, die Bäuerin näherte sich ihm, ohne sich dabei von den Knien zu erheben. ›Ich bin Witwe, schon das dritte Jahr‹, begann sie halb flüsternd und schauerte zusammen. ›Schwer hatte ich es in der Ehe, alt war er und schmerzhaft schlug er mich. Dann wurde er krank und lag zu Bett, und so denke ich, wie ich ihn so sehe, wenn er gesund wird und wieder aufsteht, was dann? Und da kam mir dieser Gedanke …‹

›Warte‹, sagte der Staretz und näherte sein Ohr ganz dicht ihren Lippen. Sie fuhr mit leisem Flüstern in ihrer Beichte fort, doch war nichts zu hören …«

Am Ende spricht ihr der Staretz zu: »Fürchte nichts, fürchte dich niemals, und ängstige deine Seele nicht. Lasse nur die Reue nicht in dir erlahmen, und Gott wird dir alles verzeihen. Gibt es auf der Welt keine so große Sünde, die Gott der Herr dem wahrhaft reuigen Sünder nicht verziehe. Der Mensch kann keine so große Sünde begehen, dass sie die endlose Liebe erschöpfte. Oder glaubst du, es gäbe eine Sünde größer als die Liebe Gottes? Trage nur Sorge um die Reue, sei unermüdlich im Bereuen und scheuche die Angst von dir. Glaube, dass Gott dich so liebt zusammen mit deiner Sünde. … Geh hin und fürchte dich nicht. Dem Verstorbenen vergib im Herzen, söhne dich in Wahrheit mit ihm aus. Wenn du bußfertig bist, liebst du, liebst du aber, bist du schon Gottes Kind … Liebe erkauft alles, Liebe rettet alles. Wenn du schon mich, der ich doch ein ebenso sündiger Mensch bin wie du, gerührt hast und ich Mitleid mit dir empfinde, um wieviel mehr wird Gott es tun. Gehe jetzt hin in Frieden und fürchte dich nicht.«11


Es geht um die Liebe Gottes

Sünde und Gewissensqualen sind hier wie bei Luther der Ausgangspunkt, aber die positive Seite wird nicht mit den Worten Gerechtigkeit und Gnade, auch nicht mit Glaube ohne des Gesetzes Werke ausgedrückt. Sondern es geht um die Liebe Gottes, die als jeder menschlichen Schuld weit überlegen gedacht wird. Die Liebe Gottes vielleicht auch die Gnade sind Worte, die heute womöglich eher Verständigung ermöglichen als die Vorstellung, gerecht gesprochen zu werden.

Zudem kann man der Szene zwei weitere wichtige Aspekte für eine neuzeitliche Interpretation entnehmen. Dem Motiv der Liebe entspricht die Schilderung der Begegnung. Der Staretz setzt sich auf die unterste Stufe zu der Frau. Und er nähert sich weiter an, sodass sein Ohr ganz nah an ihren Lippen ist. Durch seine gerade auch körperliche Nähe macht er es ihr leichter, etwas unendlich Schweres auszusprechen. Und er beachtet den Verarbeitungsaspekt einer möglichen Erholung. Er markiert die Richtung, die ihr helfen könnte: Reue, Vergebung für den Verstorbenen, Umgang mit der Angst.


Einander »Boten Gottes« werden

Nicht alle Menschen verbinden Vergebungsprozesse so intensiv mit dem Glauben und bringen sie in religiöser Sprache zum Ausdruck. Aber die meisten Menschen wissen, dass Vergebung im Leben immer wieder wichtig ist. Sie machen Fehler im Umgang mit andern Menschen oder diese ihnen gegenüber, sie sind selbstsüchtig und übersehen das Leid anderer. Oft können sie sich entschuldigen oder eine Entschuldigung anderer annehmen. Sie können Versöhnung erleben und dazu beitragen, sie können Dinge wieder gut machen. Andere Menschen können ihnen vergeben oder sie anderen, sie können getröstet werden oder andere trösten. Menschen können einander neue Lebensperspektiven zeigen oder eröffnen. Sie werden, symbolisch gesprochen, Boten Gottes oder erleben andere als solche.

Oft bleiben aber auch Reste, es fällt schwer, anderen oder sich zu vergeben, in den Spiegel zu schauen und neuen Mut zu fassen. Das Sprechen von Gottes Gnade und seiner Liebe nimmt die Erfahrungen von Scheitern und Versöhnung auf und tradiert sie in symbolischer Form so, dass Menschen sich fragend, glaubend und zweifelnd darauf für ihr Leben beziehen können.


3.2 Annahme

Zwei Generationen nach Dostojewski lebte der Theologe Paul Tillich (1886-1965). Er hat sich besonders intensiv bemüht, Theologie mit neuzeitlichem Denken in Verbindung zu bringen. Er nimmt auf, dass für viele Menschen seiner Zeit der Begriff Rechtfertigung fremd ist und die Vermittlung des nach wie vor wichtigen Inhaltes mit anderen Begriffen versucht werden muss. Seiner Meinung nach kann in den christlichen Kirchen nicht auf den Begriff Rechtfertigung verzichtet werden. Aber »in der Praxis des Unterrichts und der Predigt sollte er durch das Wort ›Annahme‹ ersetzt werden. Annahme bedeutet: Wir sind von Gott angenommen, obwohl wir nach den Kriterien des Gesetzes unannehmbar sind. … Wir sind aufgefordert anzunehmen, dass wir angenommen sind. Diese Terminologie wäre selbst für solche Menschen annehmbar, für die die alttestamentlichen und neutestamentlichen Worte jeden Sinn verloren haben, obwohl die Sache selbst, auf die diese Worte hinweisen, auch für sie von größter existentieller Bedeutung ist.«12


»Dennoch bejaht«

Und schon früher hatte Tillich in einer Predigt unter dem Titel »Dennoch bejaht« ausgeführt: »Gnade ereignet sich, oder sie ereignet sich nicht. Und gewiss ereignet sie sich nicht, wenn wir versuchen, uns zu ihr zu zwingen, wie sie sich auch nicht ereignen wird, solange wir glauben, dass wir sie nicht brauchen. Die Gnade trifft uns, wenn wir in großer Qual und Unruhe sind. Sie trifft uns, wenn wir durch das finstere Tal eines sinnlosen und leeren Lebens gehen. Sie trifft uns, wenn wir fühlen, dass wir ein anderes Leben verletzt haben, ein Leben, das wir liebten oder von dem wir entfremdet waren. Sie trifft uns, wenn der Ekel an unserem eigenen Sein, an unserer Gleichgültigkeit, unserer Schwachheit, unserer Feindseligkeit, unserem Mangel an zielbewusstem Leben unerträglich geworden ist. Sie trifft uns, wenn Jahr für Jahr die Vollendung unseres Lebens, nach der wir uns sehnen, ausbleibt, wenn die alten Mächte in uns herrschen, wenn die Verzweiflung alle Freude und allen Mut zerstört. Zuweilen bricht in einem solchen Augenblick eine Welle von Licht in unsere Finsternis ein, und es ist, als ob eine Stimme sagte: ›Du bist dennoch bejaht!‹ Dennoch bejaht, bejaht durch das, was größer ist als du und dessen Namen du nicht kennst. … Diese Erfahrung fordert nichts; sie bedarf keiner Voraussetzung, weder einer religiösen, noch einer moralischen, noch einer intellektuellen; sie bedarf nichts als nur das Annehmen.«13

Tillichs Formulierungen korrelieren mit nachvollziehbaren Lebenserfahrungen von Menschen, ganz gleich, ob jemand diese Erfahrung christlich deutet oder nicht. Menschen erleben Krisen, auch kleinere als von Tillich beschrieben, und ihre Überwindung, und sie drücken das in säkularen Worten und mit Symbolen verschiedener Religion aus. Die religiösen Worte enthalten ein Potential, durch das immer wieder aktuelle Deutungen mit Hoffnungscharakter entstehen können.


Sünde als Entfremdung

Beides, sowohl die Vergebung wie auch die Annahme, sind in psychologischen Begriffen vielfach reflektiert und erforscht worden, was theologisch, vor allem pastoraltheologisch rezipiert worden ist. Sünde ist oft moralisch verengt verstanden worden, vor allem im sexuellen Bereich. Sünde als einzelnes Fehlverhalten, als Übertretung einer moralischen Norm. Sünde meint aber vor allem etwas Dahinterliegendes. Sie meint eine Trennung von Gott14 oder eine Entfremdung im Leben, sie meint und bewirkt, dass wir ohne Fundament leben und deswegen entweder unglücklich sind oder moralisch fehlgehen. Sünde meint, dass wir von einem Leben ermöglichenden Zentrum getrennt sind und damit auch eine Spaltung in uns selbst haben. Wir zweifeln an uns, können uns nicht selbst annehmen, sind unglücklich und perspektivlos. Das ist Sünde: Entfremdung vom Grund unseres Personseins.

Der oft als sehr anstößige empfundene Begriff der Erbsünde kann so verstanden werden, dass der Mensch mit seiner Geburt in eine Welt gestellt ist, in der es auch immer wieder Unfrieden, Ausbeutung, Tyrannei, soziale Ausgrenzung, ungeheure Ungerechtigkeiten und dadurch bedingt großes Leid gibt.


4. Soziale Annäherungen

4.1 Ethik und Ekklesiologie der Gemeinschaft

Der Neutestamentler Dieter Georgi hat intensiv daran gearbeitet, die Rechtfertigungslehre aus einer Verengung auf das Individuelle herauszuholen: »Die Verfälschung der paulinischen Botschaft von der universalen Rechtfertigung, ja Versöhnung der Gottlosen zu einer individualistischen, ghettoartigen Sünden- und Vergebungslehre hat die kollektiven … kritisch ausgerichteten Dimensionen und Pointen verdeckt, verunstaltet und schließlich ganz beseitigt, dadurch aber … Elementen wie Patriarchat, Hierarchie Zentralismus, Konformismus und gesteuerter und disziplinarisch kontrollierender Moral Tor und Tür geöffnet, alles Elemente, die die paulinische Theologie im kritischen Visier gehabt hat.«15

Georgi führt diese Verengung auf die Theologie Augustins zurück, die auch die Theologie der Reformation stark beeinflusst habe16 und führt aus: »Bei Augustin hat die sich dehnende Zeit, das Ausbleiben der Wiederkunft Christi zu Verinnerlichung der Rechtfertigung geführt, aber auch zur Trennung von Rechtfertigungserfahrung einerseits und Gestaltung von Gemeinschaft andererseits.«17 Georgi verweist darauf, dass die paulinische Theologie eine Ethik beinhaltet, die die Schranken und hierarchischen Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Nationen, Prägungen und sozialer Stellung sowie zwischen Männern und Frauen aufheben will.18 »In der Gemeinschaft des Leibes Christi haben alle verschiedene, aber einander gleichwertige Gaben. Die Verschiedenheit der Gaben garantiert die Einheit innerhalb der Einzelgemeinden ebenso wie auch die Gemeinsamkeit aller Jesusgemeinden untereinander – der Entwurf einer … Modellgesellschaft, den auch die nicht an Jesus Christus Glaubenden verstehen konnten, mindestens als kritische Herausforderung«.19


Verbindungslinien zur Befreiungstheologie und zur feministischen Theologie

Damit weitet Georgi den ekklesiologischen Aspekt zum politischen Gemeinwesen hin aus. Und er sieht es als Konsequenz paulinischer Theologie an, dass die »Solidarität in den Gemeinden … nicht an den Gemeindegrenzen zu Ende ist, sondern sich den Schwachen überhaupt zuwendet und dabei deren schöpferische Integrität respektiert und unterstützt«.20 Von dieser Sicht auf Paulus her fällt es nicht schwer, Verbindungslinien zur Befreiungstheologie und zur feministischen Theologie zu ziehen.

In einer deutschen Veröffentlichung haben Andrea Bieler und Hans-Martin Gutmann diese Gedankenlinie praktisch-theologisch, vor allem ekklesiologisch und homiletisch vertreten. »In vielen protestantischen Milieus ist … die Vorstellung geläufig, Rechtfertigung sei ausschließlich eine spirituell innerliche Angelegenheit, die das Verhältnis des Einzelnen zu Gott betreffe.«21 Beide gehen davon aus: »Die grundlegende Orientierung der biblischen Großerzählung an den Armen findet sich durch alle biblischen Schriften … Das Evangelium gilt allen Menschen, und es gilt zuerst den Armen.«22

Bieler und Gutmann beziehen sich23 auf das Buch »Gegen die Verurteilung zum Tod« von Elsa Tamez24 mit dem Untertitel »Paulus oder die Rechtfertigung durch den Glauben aus der Perspektive der Unterdrückten und Ausgeschlossenen«. Die Auslegung von Tamez zielt »auf die Ermöglichung von Leben … – darauf, dass alle wirklich leben können.«25 Tamez beschreibt das vor allem aus südamerikanischer Perspektive und Erfahrung: »Dass Menschen zu Nullen herabgewürdigt, ja zum physischen Verhungern verdammt werden, das sind Fragen, mit denen uns die Ausgeschlossenen bedrängen. Wir spüren, dass die alte Lehre von der Rechtfertigung fragwürdig geworden ist. Zum Tode werden Menschen verurteilt, weil das herrschende Wirtschaftssystem sie vor die Tür setzt; und zu Nullen werden sie entwertet, weil ihre Würde als menschliche Person nichts mehr gilt«.26

Im Blick auf die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte der Rechtfertigungslehre sieht Tamez die Gefahr: Wenn diese Lehre »auf einer abstrakten individuellen, allgemeinen Ebene definiert wird, … [könnte das] eher den Unterdrückern etwas als den Armen«27 [bringen]. Menschen, die andere unterdrücken und umbringen, »könnten sich befreit fühlen von ihrer Schuld … sie könnten das Gefühl haben, ihre Sünden seien ihnen aus Gnaden vergeben, sie brauchten den Zorn Gottes nicht zu fürchten und könnten dem Gericht bzw. der Gerechtigkeit Gottes getrost entgegen sehen, ohne im geringsten umkehren zu müssen. Doch so etwas widerspricht offensichtlich der befreienden Heilsbotschaft und Heilslehre«.28 Paulus »will … die gute Nachricht herausgestellt wissen, dass [gegen die Logik der strukturellen Sünde und Unterdrückung – M.v.K.] eine andere Logik in Kraft getreten ist, die auf das Wohl aller abzielt: dass alle Menschen und alle Völker leben können.«29


»Interaktionsräume« des Evangeliums

Im Blick auf Deutschland beschreiben Bieler und Gutmann eine ganze Reihe von Gruppen, die an den Rand gedrängt sind, die ökonomisch, sozial, seelisch in schwierigen Verhältnissen leben, u.a. arme und obdachlose Menschen. Gerade für sie solle die Botschaft lebendig werden. Das könne geschehen durch Predigt und kirchliche Praxis. Die überall in Deutschland vorhandenen Kirchengemeinden können »Interaktionsräume« öffnen, »die sich durch Wertschätzung gegenüber den Menschen und Wachheit gegen­über den Bedrohungen vor Ort auszeichnen«.30

Menschen werden hineingenommen in eine auf ihre Probleme bezogene Solidarität. Sie werden mit ihren realen Sorgen und Nöten ernst genommen; die Gemeinde sucht Abhilfe. Alle Menschen werden als Ebenbilder Gottes angesprochen und spüren, dass sie angenommen und aufgenommen sind. Sie sind verschieden und dürfen es bleiben. Sie werden, wenn sie es möchten, auch kirchenrechtlich gesehen Gemeindeglieder. Auch wenn sie Gäste der Gemeinde bleiben: Ihre alltagspraktischen Fähigkeiten werden einbezogen. Die Gemeinschaft, die auf Gott vertraut, oder einzelne Menschen in ihr begleiten und ermutigen sie. Die Gemeinde nimmt aufmerksam auch Menschen und Probleme um sich herum wahr.

Ich habe bis 2010 in der Evang.-Französisch-reformierten Gemeinde Frankfurt am Main gearbeitet, die seit 2002 zunehmend inter- und transkulturell gelebt hat, und dabei viele Konflikte und Höhepunkte erlebt, vor allem aber eine Bereicherung für die traditionelle Gemeinde und eine Erleichterung der Migrationssituation für die zur Gemeinde hinzu gekommenen frankophone Christinnen und Christen mit afrikanischem Hintergrund.31


Gesellschaftliches Engagement der Kirchen

Theologie ist vorwiegend auf die Gestaltung von Kirche als Gemeinschaft in ihren Kontexten bezogen. Theologie, Kirchen und Kirchengemeinden beteiligen sich aber auch an gesellschaftlichen Gestaltungen. Das geschieht weltweit in sehr unterschiedlicher Weise. Die protestantische Theologie in Deutschland geht davon aus, dass der Staat im Rahmen vernünftiger Abwägungen einen stabilen Rahmen menschlichen Zusammenlebens garantieren soll. Innerhalb dieses Rahmens kann die Kirche mit ihren besonderen Zielsetzungen des Verkündigens und Heilens arbeiten. Das geschieht z.B. durch vielfältige Diakonie, durch die Mitwirkung am Bildungssystem in Schulen und Universitäten und im Gesundheitswesen. Alles dies wird überwiegend staatlich finanziert. Aber es ist auch Aufgabe der Kirche, darauf hinzuweisen, wo der Staat seinen von ihm und an sich selbst gestellten Ansprüchen nicht genügt.

Im konkreten gesellschaftlichen Prozess gibt es dauerhaft und entstehen auch in Deutschland trotz relativer Stabilität immer wieder große strukturelle und individuelle Probleme. Deswegen fordern Kirche und einzelne christliche Gruppierungen von staatlichen Stellen immer wieder andere politische Gestaltungen, die den Grundsätzen eines national und international gerechten und schöpfungsbezogenen Regierungshandelns entsprechen. Themenbereiche sind z.B. die Entwicklung von Armut und Reichtum, Probleme einer Wirtschaftsweise, die auf der weiten Welt zu riesigen Problemen führt, Fragen von Asyl, Altersarmut und Rüstungsexportpolitik. Oft ist die Kirche parteilich für Schwächere und stellt sich damit gegen starke wirtschaftliche Interessen.

In manchen Feldern könnte die Realisierung kirchlicher symbolisch begründeter Forderungen gewalttätige Prozesse auslösen. So können isolierte Forderungen zur Flüchtlingspolitik dazu führen, dass Flüchtlinge angegriffen werden. Kirche hat auch die möglichen Auswirkungen ihrer realisierten Forderungen zu bedenken und eine reflektierte Strategie zu entwickeln, eventuell für Teilschritte, für große alternative Perspektiven oder für Lösungen vor Ort etc., mit denen sie sich redend und selbst glaubwürdig handelnd einbringen kann. Das schließt in diesem Fall ein, die Lebenssituation und Meinungen der Menschen aufmerksam wahrzunehmen, die sich durch Flüchtlinge bedroht fühlen. Oftmals bedürfen gerade diese Bürgerinnen und Bürger besonderer kirchlicher Zuwendung und staatlicher struktureller Hilfen, damit sie selbst anerkannter Teil ihrer Gesellschaft werden und sich als solche fühlen können.


Gottes Zorn und unsere Gerechtigkeit

Tamez nimmt in ihrer Argumentation eine Zuspitzung vor, die Bieler und Gutmann so nicht aufgenommen haben. Sie fügt an mehreren Stellen Ausführungen zum Symbolkomplex »Zorn Gottes« ein.32 Das ermöglicht ihr eine große Intensität im Blick auf die Artikulation von Gerechtigkeitsfragen.

Wir haben die sozialen Gegensätze in Deutschland und von Deutschland aus bisher meist nicht in dieser krasser Form vor Augen. Wir erleben aber durch die Flüchtlingskrise in Deutschland und Europa eine Änderung der Perspektive. Wir haben erfahren, dass sowohl im Mittelmeer als auch in Afrika in großer Zahl Menschen auf dem Weg nach Europa gestorben sind. Die Fluchtursachen sind vielfältig. Sie liegen u.a. in kriegerischen und gewaltsam ausgetragenen Konflikten und in wirtschaftlich prekären oder aussichtslosen Situationen. Durch viele Kontakte mit Flüchtlingen, aber auch durch die kontinuierliche Berichterstattung über die Situation in ihren Ländern, auf der Flucht, in Lagern etc. wird auch für uns im reichen Deutschland und in Europa deutlicher: Die riesige äußerst ungerechte Kluft zwischen den meisten europäischen Ländern und in unserem Kontext, vor allem den meisten afrikanischen Ländern schafft einen neuen Kontext, der uns ekklesiologisch, spirituell und sozial enorm herausfordert und der Konflikte, Chancen und Aufgaben enthält.33 Wenn wir Rechtfertigung zumindest auch auffassen als Impuls in Richtung auf die Ermöglichung von Leben für alle in Würde und mit Anerkennung und Selbstachtung, dann kann der »Zorn Gottes« für Menschen, Gruppen und Kirchen Anlass sein, gründlich zu prüfen und einzugestehen,34 wo in unserer Geschichte Ursachen für gravierende Ungerechtigkeiten liegen, von denen wir profitiert haben und auch heute Nutznießer sind und wie wir mit anderen ernsthaft und intensiv Wege zu einer gerechteren Wirtschaftsweise suchen und beschreiten können, die eine faire und solidarische Kooperation insbesondere mit Afrika bedeuten. Rechtfertigung kann einen achtungsvollen und anerkennenden Umgang mit vertrauten und eben auch fremden Menschen ermöglichen.

Bieler und Gutmann betonen, dass alle Menschen, besonders die Armen »am kulturellen und politischen Leben teilhaben [sollen], und zwar als Subjekte und nicht nur als Be-Handelte oder Ge-Handelte ihres Lebens«.35 Der philosophisch reflektierte Begriff der Anerkennung kann diesen Gedanken präzisieren.36


(Teil II und Schluss im nächsten Heft)


Anmerkungen:

1 Wenzel Lohff, früherer Vorsitzender des Theol. Ausschusses der VELKD und führend tätig bei der Erarbeitung der Leuenberger Konkordie, hat bereits vor über 40 Jahren auf die Bedeutung anthropologischer Reflexion für die Vermittlung verschiedener Positionen innerhalb der Theologie als auch der Theologie mit anderen Wissenschaften hingewiesen. »Nur indem die Funktion einer These im Selbstverständnis des Menschen reflektiert wird, vermag sie ein Identifikationsangebot für die anderen zu formulieren.« Wenzel Lohff, Rechtfertigung und Anthropologie, in: ders. und Christian Walther (Hg.), Rechtfertigung im neuzeitlichen Lebenszusammenhang, Tübingen 1974, 144.

2 Friedrich Schleiermacher: »Anschauen des Universums … [dieser] Begriff … ist der Angel meiner ganzen Rede. … Alles Anschauen geht aus von einem Einfluss des Angeschaueten auf den Anschauenden, von einem ursprünglichen und unabhängigen Handeln des ersteren, welches dann von dem letzteren seiner Natur gemäß aufgenommen, zusammengefasst und begriffen wird.« In: Über die Religion, 1799, zitiert aus der Reclam­aus­gabe, Stuttgart-Ditzingen 2010, 38.

3 Horst Jürgen Helle, Soziologie und Symbol, Köln/Opladen 1969, 13.

4 D. Martin Luthers Werke, Kritische Gesamtausgabe 1. Band (Hg. Joachim Karl Friedrich Knaake u.a.) Weimar 1883, Bd. 1, 557, gekürzte deutsche Übertragung aus einem deutschen Abreißkalender.

5 Martin Luther, entnommen aus: http://www.efg-hohenstaufenstr.de, Diverse Texte – Luther, Martin –Wie Luther die Gnade wieder entdeckte, 3 (abgerufen am 26.4.2017).

6 Ders., Vorrede zum ersten Band der Wittenberger Ausgabe der lateinischen Schriften Luthers, 23; zitiert nach Elisabeth Gräb-Schmidt, Gerechtigkeit systematisch-theologisch, in: Markus Witte (Hg.), Gerechtigkeit, Tübingen 2012, 147.

7 Der Heidelberger Katechismus, hrsg. von der Evang.-ref. Kirche, 2. Aufl. Neukirchen-Vluyn 2001, 7.

8 Ebd., 45.

9 Volker Leppin, »Gerechtigkeit«: Entwicklungslinien in der Kirchengeschichte, in: Markus Witte (Hg.), Gerechtigkeit, a.a.O., 99-123, 113.

10 Fedor Dostojewski, Die Brüder Karamasoff, München 1978, 33.

11 Ebd., 35f.

12 Paul Tillich, Systematische Theologie Bd. III, Stuttgart 1966, 258f.

13 Ders., In der Tiefe ist Wahrheit, Religiöse Reden 1. Folge, 5. Aufl. Stuttgart 1952, 144-153, 151f.

14 Vgl. ders., Systematische Theologie, Bd. III, 259.

15 Dieter Georgi, Auf dem Weg zu einer urbanen Theologie, in: Carsten Burfeind u.a. (Hg.), Religion und Urbanität, Münster u.a. 2009, 137-153, 151f.

16 Ebd., 144.

17 Ebd., 152.

18 Ebd., 150; vgl. auch in einer neueren Verlautbarung der EKD: Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (Hg.), Rechtfertigung und Freiheit, 4. Aufl. Gütersloh 2015, 67.

19 Georgi, a.a.O., 150.

20 A.a.O., 153. Im Vergleich dazu sind die Formulierungen im Grundlagentext des Rates der EKD sehr zurückhaltend, siehe in den jeweiligen Abschnitten: Gesellschaftliche Herausforderungen, in: Rechtfertigung und Freiheit, a.a.O., 57,67-69, 75f, 86 und 92f.

21 Andrea Bieler und Hans-Martin Gutmann, Rechtfertigung der »Überflüssigen«, Gütersloh 2008, 183.

22 Ebd., 180.

23 Ebd., 14f und 24.

24 Elsa Tamez, Contra toda condena, Costa Rica 1991, deutsch: Gegen die Verurteilung zum Tod, Luzern 1998.

25 Ebd., 47.

26 Ebd., 3.

27 Ebd., 11.

28 Ebd.

29 Ebd., 168.

30 Ebd., 45.

31 Matthias von Kriegstein, Migration und Integration, in: Carsten Burfeind u.a. (Hg.), Religion und Urbanität, a.a.O., 29-39, bes. 35f.

32 Tamez, a.a.O., 11, 139, 142, 144, 149, 234, 237, 240.

33 Dazu ausführlicher: Matthias von Kriegstein, 2016, Zur Analyse inter- und transkultureller Kommunikation, in: Hans-Günter Heimbrock/Christopher Scholtz (Hg.), Kirche: Interkulturalität und Konflikt, Berlin, 236-250, bes. 237f. Bei den Aufgaben möchte ich für Gemeinden neben einer oft praktizierten Beteiligung an einer Willkommenskultur mit vielfältigen praktischen Hilfen zwei Dinge hervorheben, die einzelne Personen kaum oder gar nicht leisten können: Die Übernahme bzw. Absicherung von Bürgschaften für hierher zu holende Angehörige oder andere dessen besonders bedürftige Personen und die Aufnahme von Migrationskindern in kirchlichen pädagogischen Einrichten vor allem Kindergärten, bei voller Belegung auch als Gastkinder.

34 Das Bewusstsein für die Tatsache, dass unser Reichtum in Europa mit der Armut in Afrika zusammenhängt bzw. teilweise sogar auf ihr beruht, ist in vielen kirchlichen und entwicklungspolitisch bewussten Teilen der deutschen Gesellschaft vorhanden und wächst. Das betrifft auch die deutsche Bundesregierung. Der augenblicklich (Juni 2017) amtierende Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Gerd Müller hat im Blick auf Afrika festgestellt: »Wir Europäer haben wertvolle Ressourcen zu Niedrigstpreisen bekommen und den Arbeitskräften Sklavenlöhne bezahlt. Auch auf dieser Ausbeutung gründen wir in Europa unseren Wohlstand« (entnommen aus https://www.euractiv.de/section/entwicklungspolitik/news/entwicklungminister-muller-kundigt-neue-afrika-strategie-an/ – abgerufen am 23.6.2017). Es bleibt die Frage, ob daraus politisch, sozial und ekklesiologisch wirklich durchgreifende, womöglich kompensierende Änderungen erfolgen.

35 Bieler/Gutmann, a.a.O., 23f.

36 Auch der Text des Rates der EKD benutzt ihn, allerdings ohne eine – hier auch nicht zu erwartende – theoretische humanwissenschaftliche Grundlegung, Rechtfertigung und Freiheit, a.a.O., 29-31 und 33.

 

Über den Autor

Prof. Dr. Matthias von Kriegstein, Jahrgang 1945, evang.-ref. Pfarrer und Dekan i.R., seit 2012 Mitarbeit in dem Prakt.-theol. DoktorandInnenkolloquium der Evang.-theol. Fakultät der Universität Hamburg, 2013, 2015 und 2017 mehrwöchige Gastprofessuren am United Theological College in Bengaluru/Indien; Forschungsinteressen: Inter- und transkulturelle Theologie, Seelsorge und kognitive (sozial-emotive) Psychologie, Rechtfertigung und Sozialphilosophie der Anerkennung, Christliche Heilungsprozesse.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2017

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