Gerechtigkeit bei Luther und in der protestantischen Theologie
Dem Menschen gerecht werden

Von: Wolfgang Schmidt
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Im Lutherjahr füllt der Reformator die Formate: Singspiel und Schauspiel, Buch und Broschüre, Vortrag und Diskussion, und natürlich Festveranstaltungen in ökumenischer Eintracht. So sehr Luther auf allen Kanälen geboten wird, könnte sich am Ende doch die Frage nach der Relevanz als wunder Punkt erweisen. Wolfgang Schmidt fragt deshalb nach dem heutigen Ertrag des Rechtfertigungsverständnisses Luthers und nach einer Theologie, die dem Menschen gerecht wird.


Natürlich ist Luther wichtig für die Theologie, für die Identität der Evangelischen, für das allgemeine Schulwesen oder die Entwicklung der deutschen Sprache. Mit diesen facettenreichen Themen lässt sich gut überdecken, dass die Linken seine zwei Reichelehre ablehnen und die Konservativen sich mit seiner kritischen Bibelauffassung überfordert sehen. In der verordneten Feierlaune wird immer schön untergehen, wie wenig geliebt und fremd der Reformator seiner Kirche in weiten Teilen geworden ist.

Vor allem ist fraglich geworden, was die reformatorische Entdeckung der Rechtfertigung des Sünders für einen heutigen Menschen noch immer bedeuten kann. Schon die Voraussetzung, sich in seinem Selbstverständnis als Sünder zu begreifen, ist für den modernen Menschen schwer nachvollziehbar. Er sieht sich eher als jemand, der auf der Suche nach Gott ist, der ihn erfahren will in seinem Leben, der sich ihm mit seiner Vorstellung, dass es etwas gibt über das Vorfindliche hinaus, annähern möchte. Ein Gottsucher ist so ein Mensch, und das schmerzliche Defizit, das er spürt liegt erst einmal nicht bei ihm selbst, sondern in der Schwierigkeit dieses Gottes, sich finden zu lassen. Insofern bestünde die Notwendigkeit einer Rechtfertigung nicht so sehr in Richtung auf den Menschen, sondern sie müsste in Richtung auf Gott erhoben werden. Und es sind Theologie und Kirche, die sich rechtfertigen sollten, ein so bombastisches Lutherjahr zu veranstalten, ohne dabei womöglich den Menschen in seinen eigentlichen Fragen abgeholt und verstanden zu haben.


Das gängige Luther-Narrativ

Wozu man allermeist abgeholt wird, ist die Nacherzählung der Geschichte, in der ein Mönch um einen ihm gnädig gestimmten Gott ringt. Es wird erzählt, wie der junge Student auf einem Fußmarsch beinahe vom Blitz getroffen wäre, und er dies zum Anlass nimmt, ein Gelübde abzulegen und umgehend ins Kloster einzutreten. Die monastische Existenz sollte seine religiösen Skrupel beruhigen. Der strenge, strafende Gott würde doch einem Menschen, der sein ganzes Leben als eine einzige Buße begreift, am Ende wohlwollend begegnen. Doch so sehr sich Luther auf diesem Weg bemühte, erlangte er niemals ein Gefühl ausreichender Sicherheit dafür, mit seiner mönchischen Bußleistung, der echten Zerknirschung seines Herzens in tiefgehender Reue, dem grundsätzlichen Zweifel enthoben zu sein. Würde der über ­allen Zweifeln erhabene und gerechte Gott einen unfertigen Menschen wie ihn gelten lassen?

An dieser Stelle einer inneren Selbstzersetzung, muss die gängige Geschichte über Luther jedesmal gehörig Fahrt aufgenommen haben, damit die reformatorische Entdeckung umso mehr als Befreiung verstanden werden kann. Die Gerechtigkeit Gottes ist demnach etwas, was dem in seiner Sündigkeit verzweifelten Menschen von Gott aus als Rettung zukommt.

Nun kann man im Rahmen dieser Erzählung den Fokus darauf richten, dass der Mönch als er seine bahnbrechende Entdeckung machte, bereits als Professor an der Universität Theologie lehrte. Nicht nur als persönlich verzweifelter, sondern auch als wissenschaftlich forschender ist er mit der Lösung des Rätsels über die eigene Gerechtigkeit im Kontrast zur Gerechtigkeit Gottes befasst.

Die wissenschaftliche Grundlage seiner Entdeckung bestand unter anderem darin, dass er den Sinn des entscheidenden Textes in Röm. 1,16f in griechischer Sprache lesen und verstehen wollte. Damit hat Luther das damals moderne Programm der Humanisten angewandt, die den Anspruch hatten, zum Verstehen eines Textes so nah wie möglich an diesen heranzukommen. Es sollte nicht mehr darum gehen, sich mit sekundären Übersetzungen zu begnügen, sich an traditionellen Kommentaren entlangzuarbeiten und in einer vorgefertigten Auswahl Textpassagen zu lesen. Die Quellen selbst sollte man studieren, die maßgeblichen Schriften sich erarbeiten, und dazu unbedingt die Original­sprache verwenden.


Die existentielle Dimension der Theologie

An dieser Stelle trifft sich das wissenschaftliche Vorgehen mit dem existentiellen. ­Luther hatte nicht, wie es in der bisher gängigen Auslegungspraxis der Bibel üblich war, Fragen erörtert, die das Existentielle nicht oder kaum berührten. Er hat am vierfachen Schriftsinn vorbei das ihn persönlich Betreffende an die Texte heranzutragen versucht um von ihnen aus eine Lösung zu finden. Er hat aber auch, und das ist hier der entscheidende Punkt, aus seinem existentiellen Fragen heraus mit wissenschaftlicher Kraft und mit der Klarheit seiner Gedanken den Text danach befragt, wo er zur Lösung seiner Fragen geeignet sein kann.

Das bedeutet, dass er auch in Richtung auf den Text kritisch zu fragen wusste und etwa danach suchte, wo und wie es stimmen konnte, dass Paulus die ganze Angelegenheit mit der Gerechtigkeit Gottes in seinem Römerbrief als »Frohe Botschaft«, als Evangelium tituliert. Was konnte hier eine frohmachende Sache sein, wenn ständig die Gerechtigkeit Gottes im Kontrast zur Ungerechtigkeit des Menschen hervorgekehrt wird? Irgendetwas konnte nicht stimmen, zumindest in der kirchlich-theologischen Auslegung der Schrift, da passte etwas überhaupt nicht zusammen! Oder ist es sogar die Schrift selbst, an der es an der einen oder anderen Stelle nicht zusammenpasst? Nur an bestimmten Stellen der Schrift konnte sich das Rätsel lösen lassen, weshalb sich Luther an Röm. 1,16f verbiss. Es gab entscheidende Bibelstellen, und solche, die nicht weiterhelfen konnten, wenn sie einen nicht gleich in die Irre führten.


Die Mitte der Schrift

Luther hat sich in seinem Bibelverständnis dazu bekannt, dass es eine Mitte der Schrift gibt, in der die Sache auf den Punkt kommt, und dass es neben der Mitte randständige Stellen gibt, die es nicht treffen. So hat er beispielsweise die letzte Schrift im NT, die Offenbarung des Johannes, ins Abseits gestellt gegenüber den Evangelien und dem Paulus. Aber selbst dort gab es offenbar Stellen, die treffen konnten, um was es geht, und solche, die davon entfernt bleiben und einem nicht weiterhelfen.

Dieser Umgang mit der Heiligen Schrift befragt diese selbst vom Standpunkt eines selbstbewusst Prüfenden aus, der darin seine existentielle Kraft erfährt, dass er sich zu dieser Prüfung im Stande sieht. Die existentielle Voraussetzung des jungen Luther bestand also nicht allein in einer persönlichen Verzweiflung, sondern auch in einem Zweifel an der Bibel und nicht nur an der Auslegungspraxis einer Kirche, die die Bibel falsch verstand. Voraussetzung für diese Art der Kritik war die Befassung mit der Sache selbst. Neben dem Vertrauen in die Wirkung des Heiligen Geistes bildet die Sachlichkeit die Voraussetzung dafür, das »was Christum treibet« aus den Texten herauszuarbeiten. In der gegenseitigen Befragung zwischen der Schrift und der Existenz des Menschen reift die Urteilskraft unter zu Hilfenahme der äußern Hilfsmittel, wie einer nachprüfbaren Argumentation in einem Diskurs mit denen, die ebenfalls darum ringen, die Sache in ihrer Eigentlichkeit, und aus ihrer Ursprünglichkeit heraus, frei zu legen. Auf diese Weise ist die Überzeugung zur Sachlichkeit ein Faktor des eigenen Fragens und der suchenden Existenz bei Luther. Getragen von der Wucht dieser Überzeugung, dem Sachlichen nachzujagen, ist er ebenso an die Schrift herangetreten wie unter den anderen Kräften, die der persönliche Zweifel freisetzt.


Vermeidung von theologischen Engführungen

Es handelt sich um eine unangemessene Verkürzung, das Existentielle bei Luther auf seine Verzweiflung zu reduzieren. Wo dies mit der Absicht verbunden wird, auch den modernen Menschen dahin zu führen, dass er sich in seinem Inneren zerlegt, wird man nicht nur ihm nicht gerecht, sondern auch Gott nicht, den man sich in seiner Liebe so klein denkt, dass er nur mehr in einer Rolle als gnädiger Gott in Erscheinung treten kann.

Nicht besser wird es, aus dieser fatalen Engführung heraus vom Menschen abzusehen, und nur auf die ausschließlich von Gott initiierte Heilsveranstaltung zu sprechen zu kommen. Dann heißt es, dass der Vater den Sohn gesandt habe, und dieser den sühnenden Heilstod für alle Gläubigen erlitt. Vom Menschen ist in dieser Theologie zu sagen, dass er lediglich die Rolle eines Objekts der Heilstat Gottes einnimmt und mit seiner persönlichen Befindlichkeit und dem, was er als Glaube für sich sucht, keine Rolle spielt. Ihm muss es genügen, durch die alles in den Schatten stellende Tat Gottes in den Stand der Geretteten versetzt zu sein. Das genügt ihm aber nicht.


Die Suche nach Gott heute

Der heutige Mensch sucht nach einer Erfahrung mit Gott, die ihm mindestens eine Resonanz darauf sein soll, mit dem eigenen Leben befasst zu sein. Im besseren Fall wird diese Resonanz dort zum Schwingen kommen, wo er mit seinem Misslingen, aber auch seinem Gelingen vor den großen Themen seines Lebens steht. Im besten Fall wird ihm etwas klar, etwas bewusst, etwas spürbar von dem, wie es ist, in diesem Suchen und Finden von einer göttlichen Kraft gehalten zu sein und mit ihrer Hilfe gezielter zu suchen und am Ende mehr für sich herausfinden zu können.

Von so etwas zu sprechen wäre die Aufgabe der Theologie für den heutigen Menschen. Es ist ihm nicht geholfen, ihn in eine einseitige und riskante existentielle Not zu führen, oder ihn aus dieser Not dadurch herauszuführen, indem man ihn von seinen eigenen Fragen abwendet und ihn vor eine ihm fremd anmutende Heilsveranstaltung Gottes stellt, die er in den wesentlichen Zügen kennen, und zu denen er sich bekennen soll. Darin liegt letztlich nichts von einer Würde, in der es in diesem Fragen und Finden immer geht.


Die Welt des Glaubens

Mehr für sich herauszufinden, mit dem eigenen Leben in seinen entscheidenden Fragen befasst zu sein, davon spricht jedenfalls der Apostel Paulus. Er spricht vom Glauben als einer Größe, die dem Menschen in einem mehr oder weniger zuteil wird. So spricht er vom Maß des Glaubens (Röm. 12,3) und einem Quantum, das den Thessalonichern offenbar noch fehlt (1. Thess. 3,18). Er spricht vom Glauben als einer Erfahrung, die mit einem Vorher und einem Nachher zu tun hat, die Emotionen bei sich trägt und Aufschlüsse über das Selbstverständnis bereithält. Es handelt sich bei ihm um eine ganze Welt des Glaubens, in der dem Menschen etwas an sich erfährt.

Doch warum operiert Paulus an entscheidender Stelle im Römerbrief ausgerechnet mit dem Begriff der »Gerechtigkeit Gottes«? Ist diese nicht vor dem Hintergrund eines göttlichen Gerichts ein Unterscheidungsmerkmal in Bezug auf den Menschen, der damit in seinem Defizit behaftet bleibt? In der Tat formuliert Paulus aus seinem jüdisch-pharisäischen Denken heraus an eben jener Stelle, wo er den Christen Roms das Entscheidende sagen will und weiß, dass diese gerade in ihrer Mehrzahl auch noch Juden gewesen sind und entsprechend mit dem Gedanken des göttlichen Gerichts am Ende der Tage vertraut, in dieser Sprache. Wenn die Gerechtigkeit Gottes als exorbitante Qualität auf die Menschen übergehen soll, sind sie damit auf den Level gehoben, der der göttlichen Qualität zukommt. Entsprechend wird vor diesem harten Maßstab aus noch einmal die Ungerechtigkeit der Menschen entfaltet, indem in Röm. 1,18-3,20 die Auswirkungen und Begleiterscheinungen dieses an Qualität mangelnden Lebens offen vorgeführt werden.


Rechtfertigung vor einem Panorama des Unheils

Dieses Panorama des Unheils hat jedoch nicht den Sinn, die Briefleser in Verzweiflung zu stürzen, sondern ihnen an Hand ihrer eigenen Denkwelt begreiflich zu machen, dass der Level des Heils ermöglicht worden ist und sich vollkommen im Glauben realisiert. Der Glaube ist das eigentliche Thema an dieser Stelle, denn er ist es, durch den der Mensch Anteil gewinnt an dem, was sich da Bahnbrechendes ereignet. Und ein elementarer Teil des Glaubens ist es eben auch, aus ihm heraus die Dinge klarer zu sehen und in der Resonanz der Rechtfertigung zu erkennen, in welcher Situation man gelebt hat, bevor der Glaube einem die Welt veränderte.

»Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott …«, heißt es in Kap. 5,1, so dass das prüfende Gericht abgehakt ist und keine Rolle mehr spielt. Und dies erst recht für alle, die an so ein Gericht sowieso nicht glauben können, die aber immerhin die schonungslose Prüfung bei sich selbst kennen, mit sich selbst hart ins Gericht gehen. Sie alle dürfen endlich ihren Frieden finden und sich von da aus in Stand gesetzt sehen, noch kritischer und klarer urteilen zu können. Die Möglichkeit zu einer geschärften Kritik wird als eine Folge des Glaubens von Paulus herausgestellt, und keinesfalls als eine Voraussetzung dafür, in den Zustand des Glaubens und des Heils gelangen zu können. Die Frage des Verdienstes stellt sich nicht als Mittel zum Zweck, sondern als bereichernder Zugewinn, als Kompetenzerweiterung in einer gewonnenen Freiheit.


Ein typisches Missverständnis von Glauben

Von so viel Zugewinn und Glaubenskraft möchte man in der heutigen Theologie freilich nichts mehr wissen. Zwar wird die entscheidende Stelle im Römerbrief in der brandneuen Lutherausgabe nicht völlig neu und anders übersetzt, im Kommentar zu den Sacherklärungen wird jedoch darauf hingewiesen, dass mit der Gerechtigkeit Gottes nicht etwa eine Qualität auf den Menschen zukommen würde, sondern dass die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen sei als ein aktives »Handeln Gottes, das Gemeinschaft zwischen Gott und Menschen allererst herstellt.« Das bedeutet den schon oben beschriebenen Akzent zu setzen, es gehe allein um die aktiv durch Gott initiierte Heilsveranstaltung, der gegenüber der Glaube keine Bemächtigung bisher ungeahnter Möglichkeiten an sich erfahre, sondern allein zu einer Kenntnis der Veranstaltung Gottes und zu deren nacktem Bekenntnis vorgesehen sei.

Für diese blutleere Glaubensauffassung wird ins Feld geführt, dass der Ausdruck »Gerechtigkeit Gottes« z.B. in Röm. 3,5 die Bundestreue Gottes bedeute und damit das Handeln Gottes zu Gunsten dieses Bundes zwischen Mensch und Gott die alles entscheidende Sache sei. Nun ist es richtig, dass in manchen Stellen die Bundestreue Gottes zu seinem Volk zum Thema wird vor dem Hintergrund, dass nun auch Heiden in den Genuss der Güte Gottes kommen sollen. Generell ist Gerechtigkeit ein Begriff, der eine relationale Verwendung beinhalten kann. In einem Bündnis erweist sich der als gerecht, der seinen Teil zum Bestand des Bündnisses beisteuert. Dieser ist gerade auch in den Psalmen immer wieder Gott, der den Erweis seiner Gerechtigkeit als den Part auffasst, mit dem er das geschlossene Bündnis zu retten vermag, während der Mensch hier alles schuldig bleibt.

In diesem Verständnis kommt alles auf Gott und sein Handeln an. Schon bei den griechischen Philosophen ist die Gerechtigkeit in diesem Sinne als eine Angelegenheit verhandelt worden, in der Harmonie zu herrschen hat dadurch, dass jeder seinen Teil beisteuert. Insofern ist es nicht aus der Welt, den Begriff Gerechtigkeit Gottes als sozialen Verhältnisbegriff zu bestimmen. Dies ist er jedoch nicht allein und schon gar nicht an einer Stelle, in der es um den Aufweis einer Zumessung im Sinne einer Qualität geht, die sich gerade nicht in einer Relation erschöpft, sondern sich in Standards und messbaren Quoten, die etwas als »gerecht« im Sinne von »gut« erscheinen lassen, formuliert.


Zuwachs an messbarer und spürbarer Qualität

Auch von diesem Sprachgebrauch gibt es in den Psalmen etliche Beispiele. In Ps. 71,19 ist die Rede von einer Gerechtigkeit, die mit Blick auf Gott eine Größe darstellt, die so gewaltig ist, dass sie zum Himmel reicht. Mittels solch einer unter quantitativen Möglichkeiten nachvollziehbaren Qualität als Höhenangabe kann Gott dann in Ps. 7,9 als Richter über die Völker bezeichnet werden, der dazu aufgefordert wird, die Gerechtigkeit des frommen Psalmbeters und seine Unschuld anzuerkennen. Auf einer Höhen- oder einer Werteskala sollte ermessen werden können, wie es um die eigene Gerechtigkeit steht.

Es ist in Röm. 1,16f eindeutig die zu messende Qualität, die vor dem Gerichtsszenario von Bedeutung ist, so dass es eine sachfremde Verschiebung bedeutet, hier den sozialen Verhältnisbegriff über Gebühr ins Spiel bringen zu wollen. Damit sucht man das Verständnis zu vermeiden, dass es im Glauben nicht nur um eine Tat Gottes geht, die man zu bejahen hat, sondern eben auch und im Wesentlichen um einen Zuwachs an mess­barer und spürbarer Qualität, die dem ­Menschen zukommt.

In den gängigen Auf- und Vorführungen der Geschichte der Reformation greift man also darauf zurück, die Würde des Menschen entweder als etwas Beschädigtes anzusehen (in seiner Sünde) oder von dieser Würde gleich ganz abzusehen, indem man nicht vom Menschen und seinen Möglichkeiten spricht, sondern allein von der Heilstat Gottes. Es gibt jedoch noch eine Alternative, in deren Anwendung sowohl von den Möglichkeiten des Menschen als auch von seiner Würde mehr zu sagen wäre, und in der auch noch das Existentielle voll durchschlägt.


Eine andere Luthergeschichte?

Indem man den Fokus weg von der reformatorischen Entdeckung Luthers ganz auf sein mutiges Handeln legt, kann man eine Geschichte erzählen, in der die Würde des Menschen dadurch wiedergewonnen wird, dass nicht seine Inneres einer zersetzenden Befragung unterworfen wird und entsprechend mit bohrenden Selbstzweifeln genährt, sondern das Äußere der politischen Verhältnisse. Es ist doch richtig, dass sich Luther gegen die Obrigkeit von Papst und Kaiser behaupten musste, und es wird doch nicht ganz falsch sein, seine Verzweiflung in Entschlossenheit und Wut umschlagen zu sehen. Das Polemische in Luthers Schriften gibt hier ein eindeutiges Zeugnis. So kann er als aufbegehrender Prophet verstanden werden, der sich auf eine Gerechtigkeit beruft, die Gottes Gerechtigkeit sein muss, wenn sie besser sein soll als das, was momentan geboten ist. Die Rechtfertigung des Menschen ereignet sich dann auf die Weise, dass er diese Gerechtigkeit Gottes zum Zug bringt und vollständig durchsetzt.

Genau dieser Revolutionär wollte Luther jedoch nicht sein und die tatsächlichen Verlierer seiner Zeit und die, die es nur meinten zu sein, wollte er keinesfalls in ihrer Wut um sich scharen. Gegenüber der Überhöhung des Gerechtigkeitsbegriffs als absoluter Qualität und des Gerechtigkeitsempfindens als ausschlaggebender Messstelle hat Luther nun den relationalen Begriff der Gerechtigkeit stark gemacht. So betonte er die Relation zu den kulturtragenden Kräften, die in ihrer Verantwortung dem wehren sollten, dass die hochgebaute Gerechtigkeitspyramide über denen einstürzt, die die Schwächsten sind und sich am wenigstens abzusichern wissen. Ihre Autorität als Staatsgewalt hat Luther in die Relation des göttlichen ­Willens gestellt, so dass ihre Aufgabe darin besteht, im Auftrag Gottes dem Tumult zu wehren und deshalb die Bösen zu strafen, und die Frommen und rechtschaffenen Leute zu schützen. Der Friede als relationaler Zustand einer gegenseitigen Verträglichkeit hält es aus, dass die Qualität des Lebens an etlichen Stellen noch nicht das Höchstmaß erreicht hat.

Die Gerechtigkeit Gottes ist für Luther an dieser Stelle die geltende Ordnung, in der allein der Friede gewahrt werden kann. Neben dieser Hauptlinie seiner Auffassung muss dann in einer Nebenlinie kritisch in den Blick geraten, inwiefern die gesellschaftlichen und staatlichen Kräfte tatsächlich ihrer Verantwortung gerecht werden und ­bestimmte Qualitätsstandards einhalten.


Keine Aufladung sozial-politischer Programme mit religiöser Kraft

Natürlich gibt es neben der weltlichen Ordnung auch noch die geistliche, in der es der Aufgabe nachzugehen gilt, das Wort Gottes zu verkündigen. Dies tut eine Kirche nur dann sachgerecht, wenn dieses Wort Gottes als eines laut wird, das nicht immer gleich im Namen und Interesse einer besseren Gerechtigkeit in die Aktion und Handlung übergeht. Dieses Wort Gottes ist mehr und im Kern etwas anderes als nur die Aufladung sozial-politischer Programme mit einer religiösen Kraft. Dieses Wort soll laut werden auch in dem, dass es einen zur Selbstprüfung und Selbstvergewisserung ruft, statt immer gleich dem Impuls nachzugehen, etwas zu wissen, und entsprechend handeln zu können. Dieses Wort kommt manchmal auch als Trost oder als Zusage daher, unter der man in ein tieferes Empfinden versetzt wird.

Noch einmal ist es das Bemühen, der Sache gerecht zu werden, die Luther daran hindert, falsche Schlüsse zu ziehen. Im Fall der Zermürbung unter den moralischen Skrupel war es das Ringen um die Sachlichkeit, die ihn anschob, über das Bisherige hinaus zu kommen. Nun wirkt es sich, der Sachlichkeit auf der Spur zu sein, gerade andersherum aus: das Wort Gottes nicht als Handlungsanleitung eins zu eins gelten zu lassen und sich entsprechend im glühenden Eifer seines Elans zu bremsen (was Luther jedoch auch nicht immer gelungen ist).


Erlösung als Loslösung aus negativer Gebundenheit

In diesem Bemühen um die Sache selbst gelangen wir nun endlich zu einer Theologie, die den Glauben als das Religiöse auch im Unterschied zum bloßen Kennen und Bekennen auf der einen Seite und auf der anderen im Unterschied zum Handeln ernst nimmt und ihm auf diese Weise gerecht zu werden sucht. Auch hier geht es um das richtige Zusammen­spiel einer Relation und einer Qualität in Bezug auf die Gerechtigkeit.

Bei Schleiermacher ist die Relation als Beziehung Gottes zum Menschen eine grundsätzliche Angelegenheit, innerhalb derer sich eine spürbare Veränderung im Menschen ereignet, die allerdings unter dem traditionellen und etwas sperrigen Begriff der Erlösung verhandelt wird. Erlösung ist dabei weder ein gesellschaftskritisches Programm eines konsequenten Handelns noch ein innergöttliches Handeln im Sinne einer Heilsveranstaltung, die sich mit Blick auf den Menschen in einem kultischen Rahmen vollzieht und dessen logischer Voraussetzungen ­bedarf.

Erlösung ist primär und zunächst einmal nichts anderes als die Loslösung aus einer negativen Gebundenheit des Menschen. Die Loslösung wird dadurch in Gang gesetzt, dass sich ein Mensch mit den besseren Möglichkeiten zu leben in Beziehung setzt, und dabei in einer Befassung mit dem Leben des Jesus Christus erfährt, dass daraus der Gewinn für ihn maximal sein kann. Die Befassung des Jesus Christus bezieht sich noch mehr als nur auf die Daten seines Lebens auf jene Art, wie er das Leben hat führen ­können.

Dabei kann die Auseinandersetzung als Befassung glücklicherweise auf das zurückgreifen, was jedem Menschen als mentale Ausstattung mitgegeben ist. Diese mentale Ausstattung hat vornehmlich mit dem zu tun, dass jeder Mensch sich mehr oder weniger damit beschäftigt sieht, in einem inneren Widerstreit zwischen denkender Klarheit und motivatorischem Handeln verfangen zu sein. Gewöhnlich wird beklagt, dass die denkerische Einsicht im Menschen wohl vorhanden ist, es aber an der motivatorischen Kraft zur Umsetzung fehlt. Doch auch andersherum ist der Widerstreit bedeutsam und in seinen Auswirkungen nicht weniger fatal: wenn der Wille zum Gut-Sein wohl vorhanden ist, es aber an denkerischer Klarheit und Qualität fehlt. In beiden Fällen gerät der Mensch in einen Konflikt, in dessen Folge er sich aufreibt und mit seiner dritten mentalen Ausstattungsgröße in einen Bereich ­gerät, der negativ zu Buche schlägt.


Religion und Gefühl

Dieser dritte Bereich geht über das hinaus, dass wir entweder denkend die Welt und das Lebens betrachten oder handelnd darauf einwirken. Der dritte Bereich hat etwas damit zu tun, dass die Welt und das Leben so auf uns einwirken, dass wir zunächst noch nicht die Dinge denkerisch ordnen noch handelnd einer Veränderung zuführen könnten. Diese unmittelbare Einwirkung spiegelt sich wider in einem Gefühl, in besonders starkem Maße betroffen in der Welt zu stehen und dem Leben ausgesetzt zu sein. Die tiefste Art dieser Betroffenheit bringt einen in Kontakt mit dem Eigentlichen und dem Urgrund der Existenz, nämlich, dass wir der Mächtigkeit des Lebens und der Welt ausgesetzt sind und zugleich doch erfahren, wie uns von außen her Ermöglichungen gewährt werden und Kräfte zuwachsen.

Diese Erfahrung ist der Kern jeder Religiostät und was sich als Gefühl darin zeigt, ist Ergriffenheit, ist Bestürzung und vertrauensvolle Freude über die Möglichkeit, dennoch überraschenderweise immer wieder gut existieren zu können. In der Resonanz dieser Erfahrung wird es möglich, die andersartigen Gefühle hinter sich zu lassen, die sich im Widerstreit der mentalen Veranlagung einstellen und auf alle Fälle minderer Qualität sind, indem sie beispielsweise zur Arroganz oder zum Hass führen, zu Selbstgerechtigkeit oder zu einer negativen Opferhaltung.

Zur Loslösung aus Verwicklungen dieser Art bedarf es entweder der Durchbrechung des Widerstreits zwischen den unterschiedlichen Niveaus von Denken und Handeln, oder es bedarf eines klaren Moments, indem die Ergriffenheit im Angesicht des Ureigentlichsten derart erfüllend erlebt wird, dass darin der Widerstreit für den Moment irrelevant werden kann. Beides ereignet sich nach Schleiermacher im Leben des Jesus Christus, der in jeder seiner Handlungen und jedem seiner Gedanken von dem religiösen Urmoment bestimmt ist, und dies dank seiner Verwirklichung der mentalen Ausstattung, in der er jedesmal ein absolutes Gleichgewicht erfährt zwischen dem Niveau seines Denkens und seines Tuns, so dass sich in ihm kein Widerstreit entzündet und er bei allem, was er denkt und tut, mit dem reinsten Empfinden einer religiöser Qualität in Verbindung stehen kann.

Darin nun erweist sich die Befassung jedes Anhängers des Christus als Möglichkeit und zu einem persönlichen Gewinn führend, dass das Heilsgut als etwas erfahren wird, was mit dem eigenen Leben zu tun hat und an dessen Voraussetzungen anknüpft. Es ist nicht der wesensfremde Außerweltliche, der den Zugang zum Heil und zur Freiheit ermöglicht, sondern der, der innerhalb der Veranlagung jedes Menschen etwas vollzieht, was relational mit jedem verbunden, und von der Qualität her für alle im Rahmen ihrer Erfahrung bleibt.


Von Luthers Rechtfertigungsverständnis lernen

Die Rechtfertigung bezieht sich auf die Erfahrung, dass es nun »recht« ist mit dem Menschen und er im Rahmen seiner Möglichkeiten damit etwas anzufangen weiß. Darin ist er in seiner Würde nicht herabgesetzt, sondern er erlebt sich vertieft in seiner Würde, sogar darin bereichert, dass ihm bewusst werden kann, wie sein Leben vorher war und ohne die Befassung mit Christus sein konnte. Eben diesen Unterschied kann er noch einmal als Befreiung erleben, als Erlösung aus seiner schwierigen Situation, ohne dass dieses Erlebnis zu einer Voraussetzung werden müsste, in den Zustand dieses Glaubens zu gelangen. Denn die Relation zwischen Mensch und Gott ist so eindeutig und klar bestimmt, dass es der liebende Gott ist, der ein Interesse am menschlichen Heilwerden hat, so dass er voraussetzungslos handelt unter der einen Vorgabe, dass einer ­leben konnte wie der Christus, was ein für allemal geschehen ist.

Die Relationalität wird also nicht dazu verwendet, vom Menschen abzusehen, um ganz darauf zu setzten, etwas vom Handeln Gottes zu wissen und seiner Gerechtigkeit anzuhängen. Es ist das Handeln Gottes selbst als bedingungslose Liebe, das hier die Relation bestimmt. Er kommt auf den Menschen zu und rechtfertigt ihn. Auf der anderen Seite wird die Gerechtigkeit hier nicht vorschnell auf die Seite des ethischen Handelns verbucht und als Qualität jedem um die Ohren gehauen, der ihr im Weg steht. Die Gerechtigkeit Gottes erweist sich im Evangelium als eine Kraft, die das Ethische erst einmal zurücktreten lässt, weil es allzu oft im Widerstreit mit dem Niveau richtigen Denkens zu mangelhaften Ergebnissen führt. Gerechtigkeit wäre hier demnach das gute Verhältnis, indem sich das Handeln und das Denken so zueinander verhalten, dass das religiöse Empfinden Raum gewinnt und die beiden die Welt ordnenden und gestaltenden Kräfte mit der Religiosität in Beziehung stehen und eine daraus hervorkommende Qualität beziehen. So ist es am Ende die Religiosität selbst, die Spiritualität, die die Menschen suchen und nach der sie ein Verlangen haben, die im Beispiel der Reformation und in der richtigen Verwendung des Gerechtigkeitsbegriffes erschlossen werden kann. Welchen Sinn sollte es sonst noch haben, von der Reformation Luthers und seiner reformatorischen Entdeckung zu reden?

Die sachgerechte Beschäftigung mit dem Religiösen kann an der Geschichte Luthers Maß nehmen. Als forschender Mann hat er an einem besseren und wahrhaftigeren Glauben gearbeitet und ist dafür belohnt worden durch eine reformatorische Entdeckung, die seinem Glauben auf die Beine half, gleichsam durch die Pforten hindurch das Paradies zu betreten. In diesem Glaubensvermögen hat er es verstanden, qualitätsvolle und relationale Gesichtspunkte richtig zu gewichten, um damit der Gerechtigkeit die Bahn zu ebnen, in der die Menschen hilfreich und gewinnbringend die Resonanz im Dasein spüren, wie sie ihm Glauben möglich wird. Dem Menschen gerecht zu werden, dazu hat sich Gott verwendet und hat die Theologie der Kirche zu nichts anderem beauftragt. Sie sollte diesen Auftrag ernst nehmen und ein Lutherjahr veranstalten, dass diesen Anspruch in sich trägt.

 

Über den Autor

Pfarrer Wolfgang Schmidt, Jahrgang 1959, Studium der Evang. Theologie in Wuppertal, Kiel und Tübingen, Gemeindepfarrer in verschiedenen Gemeinden der württ. Landeskirche, seit 2010 in der Friedenskirche, Schwäbisch Gmünd.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2017

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