Luthers Theologie für die kirchliche Erwachsenenbildung erschließen
Mit Luther philosophieren

Von: Gereon Vogel-Sedlmayr
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Die kirchliche Erwachsenenbildung bewegt sich in einem Grenzbereich von Theologie und Philosophie. Deshalb kann sie sehr von einem genial einfachen Konzept des Philosophie­didaktikers Ekkehard Martens profitieren. Gereon Vogel-Sedlmayr zeigt, wie dieses es möglich macht, Martin Luthers Denken strukturiert zu vergegenwärtigen.


1. Philosophierende Erwachsenenbildung

Martin Luther war kein Philosoph. Aber er war ein Intellektueller, dessen Denken Teil der Geistesgeschichte ist und auch heutigen Menschen wichtige Denkanstöße gibt. Für die Erwachsenenbildung ist das von Bedeutung, weil ihre Veranstaltungen vielfach von Teilnehmern mit einem philosophischen Interesse besucht werden. Mit ihnen über Luthertexte zu philosophieren, ist insbesondere für einen Pfarrer lohnend. In der Textauswahl von Martin H. Jung, aus der wir im dritten Abschnitt dieses Artikels jeweils einen Vorschlag für die philosophierende Betrachtung machen, besitzen wir dazu eine aus­gezeichnete Basis.1

Nur – was heißt es zu philosophieren? Es geht gerade nicht um ein mäanderndes Schwafeln. Dazu wird im Folgenden das Konzept des Philosophen und Philosophiedidaktikers Ekkehard Martens vorgestellt.2 Ihm zufolge ist das Philosophieren eine elementare Kulturtechnik wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Es bezieht sich einerseits auf die Lebenserfahrung und andererseits auf die geistesgeschichtlichen Traditionen und verfügt dabei über fünf gut unterscheidbare Methoden des Denkens. – Damit lässt sich dieses Konzept in der Erwachsenenbildung ähnlich leicht handhaben wie zum Beispiel im Bereich der Kommunikationsanalyse das »Vier-Ohren-Modell« von Friedemann Schulz von Thun.


2. Fünf Methoden des Philosophierens

Seit einigen Jahren gibt es den viel beachteten Ansatz des Philosophiedidaktikers Ekkehard Martens über den Vorgang des Philosophierens. Sein Konzept hat er 2003 in Buchform vorgelegt, das mittlerweile als »Fünf-Finger-Modell« breit rezipiert wurde, zum Beispiel in Lehrplänen des Philosophie- und Ethikunterrichts. Kern ist die Unterscheidung von fünf typischen Denkweisen bzw. Methoden des Philosophierens.3 Jede schließt gewisse Nachteile oder Problematiken in sich, keine steht für sich allein, keine kann auf eine der anderen reduziert werden. Wie die Finger einer Hand fungieren sie in einem komplexen, prozessualen Wechselspiel.


a) Phänomenologie

Eine Grundform des Denkens bezieht sich auf das Vorhandene. Was kann als gegeben genommen werden? Wie die Kernfrage des Botanikers oder des Zoologen ist, welche Pflanzen- bzw. Tierarten entdeckt und beschrieben werden können, so ist das phänomenologische Denken darauf gerichtet, »zu den Sachen selbst« (Husserl) zu kommen. Dabei richten sich die Bemühungen einerseits darauf, Vorurteile zurückzustellen, und andererseits darauf, wesensmäßig Zusammengehöriges einander zuzuordnen. – Eine Problematik des phänomenologischen Philosophierens besteht darin, dass uns die Dinge bzw. Sachverhalte kaum als Primärerfahrung ohne vorausgegangene Deutungen vorliegen. Ein »Wahrnehmungsbrei« ungeordneter Eindrücke führt gedanklich nicht ­weiter.


b) Hermeneutik

Menschen können einander verstehen. Sie sind in der Lage, sich in andere personale Wesen einzufühlen und deren Äußerungen richtig zu deuten – im günstigen Fall auch über soziale und historische Grenzen hinweg. Das hermeneutische Philosophieren, wie es z.B. in der Literaturwissenschaft Anwendung findet, zielt auf »Horizontverschmelzung« (Gadamer) ab. – Ihre Problematik hat diese Denkweise darin, dass sie grundsätzlich immer subjektiv eingefärbt ist. Für die Ermittlung der Wahrheit können gerade empirische Fakten, die nicht auf hermeneutischem Wege gewonnen sind, entscheidend sein.


c) Analytik

Ein wesentlicher Anteil des Philosophierens ist analytischer Art: Gliedern, Definieren, logische Operationen anstellen, Zusammenhänge feststellen oder kritisieren. Das analytische Denken zielt darauf, Geistiges zu ergründen. Welches Argument, welcher Gedanke ist woher abgeleitet und hängt womit zusammen? Wie in der Mathematik oder in der Linguistik ist das Ziel die Klarheit. Sie kann oft nur um den Preis der Anschaulichkeit gewonnen werden. – Ein Nachteil des analytischen Philosophierens ist seine Distanz zur menschlichen Lebenswelt. Es droht, sich in Haarspaltereien zu verlieren, ohne die Inhalte zu erreichen.


d) Dialektik

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Sein Denken hat oft damit zu tun, dass unterschiedliche oder gegensätzliche Perspektiven bestehen. In komplexen dialektischen Prozessen, wie sie etwa in der Jurisprudenz wissenschaftlich vollzogen werden, ist zu diskutieren, abzuwägen, gegebenfalls aber auch ein Urteil über konträre Sachverhalte zu gewinnen, zu vermitteln oder Unterschiede stehen zu lassen. – Das dialektische Philosophieren kann sehr lebensnah sein, unter Umständen aber auch parteiisch. Dialektische Argumentation gerät immer in Gefahr, mit Manipulation einherzugehen.


e) Spekulation

Das spekulative Denken besteht darin, Einfälle und Phantasien spielerisch zu erproben sowie Theorien und Systeme zu bauen. Die Grundfragen des Daseins nach Wirklichkeit und Wahrheit, nach dem Sinn des Lebens hängen daran. Per se ist diese Methode nicht unwissenschaftlich – z.B. die theoretische Physik ist bei allem empirischen Bezug im Kern spekulativ. – Allerdings ist das spekulative Philosophieren die Methode, die von allen den schlechtesten Ruf hat. Zuzugestehen ist, dass die Probleme der haltlosen Spinnerei und des Dogmatismus am stärksten mit dieser Denkweise in Verbindung stehen.

Nach Darstellung von Ekkehard Martens gibt es fünf Grundformen des Philosophierens. Alle haben ihre Berechtigung, alle finden sich in den Wissenschaften, alle haben aber auch ihre je eigene Problematik. Im normalen Leben stehen sie nicht für sich ­allein, sondern wirken zusammen wie die Finger der Hand.


3. Martin Luther als Philosophierender

Die philosophierende Erwachsenenbildung kann mit Martens’ Ansatz das Denken einer einzelnen Person der Geistesgeschichte näher erörtern. Welches Bild sich daraus ergibt, wird im vorliegenden exemplarischen Fall am Denken Martin Luthers deutlich. Dabei ist es kaum zu erwarten, dass jemand in allen Methoden des Philosophierens gleichermaßen kompetent, wegweisend und inspirierend ist. Es geht vielmehr um ein differenziertes Profil von Stärken und Schwächen.


a) Phänomenologe einer ambivalenten Grundsituation

»Experientia facit theologum« – die Erfahrung macht laut Martin Luther den Theologen aus.4 Dabei ist die Phänomenologie aber erst am Anfang. Denn es stellt sich die Frage: Auf welchen Bestand an Erfahrung stützt sich Luther wesentlich? Was sind die Phänomene, die ihn vor allem beschäftigt haben?

Auf die Frage nach der inhaltlichen Mitte von Luthers Theologie gibt es eine in der Forschung unumstrittene Antwort: Der zentrale Bezugspunkt seines theologischen Denkens ist die Rechtfertigungslehre. Nun sind die Erfahrungen, auf die diese sich bezieht, für die heutigen Zeitgenossen nicht sehr geläufig. Biographisch ist es Luthers spätmittelalterliche kirchliche Sozialisation mit der Beichte und der Bibellektüre, die ihn zutiefst geprägt hat. Ein Beispieltext dazu ist etwa Luthers Selbstzeugnis (Jung, 18ff). Der Ausgangspunkt ist von Ambivalenz geprägt – Sündenbewusstsein und eine starke Erfahrung der Rechtfertigung, die sich darüber legt. – Als Phänomenologe betrachtet ist Luther einer, der diese Erfahrungslage sensibel widergibt. Darin kann Luthers Theologie bis heute Menschen in ambivalenten Lebenssituationen ansprechen. Ob diese spezielle Erfahrung zu verallgemeinern ist bzw. was die Rechtfertigungslehre dem modernen Menschen zu sagen hat (Karl Holl), ist dabei eine nach wie vor offene Frage.


b) Hermeneutiker des biblischen Menschen

Die jüngst erschienene Lutherbiographie der Oxforder Historikerin Lyndal Roper zeichnet ein äußerst kritisches Bild des Reformators. In zweierlei Hinsicht zollt die Verfasserin jedoch Martin Luther Anerkennung. Beide betreffen hermeneutische Kernkompetenzen – er sei ein »brillianter, fesselnd persönlicher Briefeschreiber«5 und ein bedeutender Übersetzer der Bibel gewesen. Zweites ist vor allem beachtenswert: Luther machte die biblischen Menschen gewissermaßen zu Zeitgenossen für »die mutter ihm hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen mann auff dem marckt«.6 Der »Sendbrief vom Dolmetschen« eignet sich in diesem Zusammenhang für die philosophierende Betrachtung (Jung, 94f). Der Erfolg der Lutherbibel als Glanzleistung hemeneutischer Denkarbeit steht völlig außer Frage und ebenso der Fortgang der Hermeneutik bei von Luther geprägten Denkern, von Flacius über Schleiermacher bis Ebeling. Kleinere Irrtümer und Missverständnisse aufzuzählen wäre hier fehl am Platze: Luther ist ein Gigant des hermeneutischen Denkens, der Beachtung verdient bis in die Gegenwart.


c) Analytiker von Sprache und Gesellschaft

Übersetzungen – noch dazu alter Texte – verlangen nun nicht nur hermeneutische, sondern auch sprachanalytische Kompetenz. Analytisches Denken hat Martin Luther zudem vor allem in der Wahrnehmung gesellschaftlicher Zusammenhänge in seinen Reformschriften bewiesen (z.B. Jung, 34ff). Auch hier zeigt die Wirkungsgeschichte mit dem gesellschaftlichen Erfolg der Reformation eine bemerkenswerte Fähigkeit Luthers. Man mag eine Reihe seiner gesellschaftlichen Ansichten und Lebensentscheidungen im Nachhinein kritisch sehen. Prinzipiell liegt aber auf der Hand, dass Luther die Verhältnisse gut durchschaute. – Allerdings ist Luther als analytischer Denker nicht so außergewöhnlich wie als Hermeneutiker. In seiner sprachanalytischen Fähigkeit wurde er schon von anderen Philologen seiner Zeit übertroffen, was er selbst neidlos anerkannte. In gesellschaftsanalytischer Hinsicht sind seine Schriften jedoch von erheblichem ­historischem Interesse.


d) Dialektiker wider Willen

So sehr das Mittelalter in der Rückschau als Epoche der Finsternis und der Unwissenheit dargestellt wird – in intellektueller Hinsicht blühte das dialektische Denken. Die berühmtesten Werke hierzu sind das »Concordia Discordantium Canonum« genannte »Decretum Gratiani« und Abaelards »Sic Et Non«. Als ehemaliger Jurastudent und späterer Universitätsprofessor für Theologie schöpfte Martin Luther aus dieser reichen Tradition der Dialektik. Seine Kritik an der scholastischen Theologie ändert nichts daran, dass Luther in der Wolle dialektisch geprägt war und dass sein Denken sich am besten mit Hilfe von Gegensatzpaaren darstellen lässt: Geist und Buchstabe, Gesetz und Evangelium etc.7 Luthers wichtige, zum Philosophieren mit Luther geeignete Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« (Jung, 55ff) beginnt denn auch als »widderstendige rede« mit der berühmten dialektischen Entgegensetzung: »Eyn Christen mensch ist eyn freyer herr über alle ding und niemandt unterthan. Eyn Christen mensch ist eyn dienstpar knecht aller ding und yderman unterthan.«8 Trotz seiner Sympathie für klare, einfache Formulierungen zeigt sich Luther als großer Dialektiker. In unserer Gegenwart, in der diese Form des Denkens wenig im Trend liegt, kann dieses Kennzeichen von Luthers Denken inspirierend sein, um reale Widersprüche wahrzunehmen und ­gedanklich zu verarbeiten.


e) Verweigerer der Spekulation

»Speculativa scientia theologorum est simpliciter vana«.9 Martin Luther war gegenüber dem Denktypus der Spekulation mehr als vorsichtig. Spekulation war für ihn die haltlose Sache von »Schwärmern«. Er verkannte, wie wichtig das spekulative Denken für die Orientierung in der Welt ist – für den Menschen, der von klein auf theologisiert. Erfindergeist und Neugier waren für Luther in gut mittelalterlicher Tradition keine Tugenden. Er interessierte sich demnach auch kaum für die Entdeckungen des Kolumbus und Kopernikus und hatte kein Problem damit, dem Denken klare Beschränkungen aufzuerlegen. Nur, frei nach Watzlawick: Man kann nicht nicht spekulieren. Das spekulative Denken mag zum Dogmatismus verführen, aber auch die Verweigerung der Spekulation. Dies zeigt z.B. Luthers Auseinandersetzung mit dem Humanismus in »De servo arbitrio« (Jung, 125ff), die zu einer ­kritischen Betrachtung Anlass gibt.

Die philosophierende Erwachsenenbildung trägt auch noch ein halbes Jahrtausend nach der Reformation zu einer frischen Sichtweise auf den Reformator bei. Ekkehard Martens’ »Fünf-Finger-Modell« bietet eine praktikable Anleitung, verschiedene Aspekte des Denkens Martin Luthers zu erörtern. Es zeigt, inwiefern man gut mit Luther philosophieren kann, inwiefern es aber auch seine Grenzen hat. Der Reformator zeigt sich als erfolgreicher Hermeneutiker und inspirierender Dialektiker, als historisch bedeutsamer Analytiker der Gesellschaft, aber auch als Phänomenologe einer historisch speziellen Situation und als Verweigerer des spekulativen Denkens.


Anmerkungen:

1 Martin H. Jung, Luther lesen. Die zentralen Texte. Auf der Grundlage von Kurt Alands »Luther deutsch« bearbeitet und kommentiert. Herausgegeben vom Amt der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche, Göttingen 2016. – Das Format, in dem in meiner Gemeinde die Erwachsenenbildungsveranstaltungen über das Denken Martin Luthers stattgefunden haben, war: vier wöchentlich aufeinanderfolgende Sitzungen von je anderthalb Stunden. Die Methode hat sich aber auch bei einer Tagesfortbildung für Lektoren und Prädikanten bewährt.

2 Auch zum Folgenden: Ekkehard Martens, Methodik des Ethik- und Philosophieunterrichts. Philosophieren als elementare Kulturtechnik, 9. Aufl. Hannover 2016 (Erstauflage 2003).

3 Martens verwendet für die einzelnen Formen des Philosophierens die Begriffe Denkrichtungen oder Denkmethoden, unterscheidet also nicht zwischen Denken und Argumentieren.

4 WA TR 1, 16: »Sola autem experientia facit theologum.«

5 Lyndal Roper, Der Mensch Martin Luther. Die Biographie. Aus dem Englischen von Holger Fock und Sabine Müller, Frankfurt/M. 2016, 25.

6 WA 30/2, 637.

7 Unter den zahlreichen Darstellungen vgl. z.B. Gerhard Ebeling, Luther. Einführung in sein Denken, Tübingen 1964, oder Hans-Martin Barth, Die Theologie Martin Luthers. Eine kritische Würdigung, Gütersloh 2009.

8 WA 7, 21.

9 WA TR 1, 302.

 

Über den Autor

Pfarrer Dr. theol. Gereon Vogel-Sedlmayr, Jahrgang 1964, Promotion mit einer religionswissenschaftlichen Arbeit, von 1999-2013 Vorsitzender des Evang.-luth. Bildungswerkes Passau, seitdem Gemeindepfarrer in der Nähe von München.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2017

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