Was meinen wir eigentlich, wenn wir »evangelikal« sagen? (Teil II)
»My God ist mighty to save«

Von: Michael Herbst
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Was ist eigentlich »evangelikal«? Hat das Etikett in kirchlichen Debatten nicht häufig die Funktion auszuschließen, womit man sich nicht weiter befassen mag. Diesen Verdacht hegt Michael Herbst. Darum geht er in seinem zweiteiligen Beitrag der »evangelikalen Bewegung« näher auf den Grund. In einem ersten Teil räumte er mit einigen typischen Missverständnissen und Fehleinschätzungen auf. Im zweiten begründet er seine Ansicht, warum die Kirche die evangelikale Tradition nicht ohne Schaden ausblendet.*


3. Veränderungen: Nichts bleibt, wie es ist!

Bevor wir uns noch einmal dem Markenkern nähern, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass die evangelikale Bewegung nicht nur »synchron« vielfältig ist, sondern sich auch »diachron« in einem Transformationsprozess befindet. Auf die amerikanischen New Evangelicals habe ich schon hinge­wiesen.

Die Debatte um Äußerungen von Michael Diener25 im letzten Jahr (2015) zeigen tektonische Verschiebungen auch in der deutschen »Szene«. Da ist etwas in Bewegung gekommen, das die einen erfrischend finden, die anderen aber als gefährliche Aufweichung zentraler Positionen kritisieren. Es geht dabei nicht nur um die Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften. Es geht um eine veränderte Haltung gegenüber starken Gewissheiten, die durchaus in den geistigen Raum passt, den wir »späte Moderne« nennen. Es geht auch um unsere Kommunikationsfähigkeit – mit Menschen anderer sexueller Orientierung, mit Muslimen, mit dem kirchlichen Mainstream; es geht um respektvolle Mission26. Und vielleicht kann die Leserschaft die Spannungen zwischen den beiden Loyalitäten nachvollziehen, zwischen der Treue zum eigenen Erbe und der Treue zum Auftrag, zeugnisfähig für die gegenwärtige Lebenswelt zu bleiben. Dass es sich hier um eine schwierige Gratwanderung handelt, ist vielen in der Kirche klar, für Evangelikale hat dies eine besondere Brisanz, weil sie eben stets auch eine Art Wächteramt gegenüber allzu großer kirchlicher Neigung zum Zeitgeist hin reklamiert haben.

Besonders markant sind die Veränderungen unter denen, die Robert Webber 2002 als »younger evangelicals« bezeichnete.27 Sie sammeln sich in sog. emergenten Gemeinschaften.28 Diese Gemeinschaften verstehen sich als missionale Gemeinschaften, sehr außenorientiert, sehr innovativ hinsichtlich der gesamten Selbstorganisation. Vor allem aber sind sie im Blick auf Theologie und Frömmigkeit zu einem guten Teil »post-evangelikal«.29 Bei manchen zeigen sich sogar deutlich dekonversive Züge. Einfach gesagt »entkehren« sich manche Bekehrte.30 Sie lassen häufig nicht den christlichen Glauben als solchen hinter sich, aber sie lösen sich von mindestens manchen Merkmalen evangelikaler Prägung. Nur eine Minderheit wählt den Exit in Richtung säkularer Existenz. Mein Greifswalder Kollege Patrick Todjeras erforscht dieses Segment gegenwärtigen Christentums und er zeichnet nach, wie die konversiven und dekonversiven Bewegungen aussehen. Ich selbst nehme wahr, dass sich unter den jüngeren Evangelikalen in verschiedenen Graden Einstellungen und Lebenspraxis »lockern«: etwa Einstellungen zu Himmel und Hölle31, zu sexueller Vielfalt, zu Verpflichtungen in der Lebensführung, zur Wichtigkeit von organisiertem Kirchentum, aber auch zu Versuchen, das Evangelium in marktgerechten Veranstaltungen wie »seeker services« zu plausibilisieren.32

Mein permanenter »Feldversuch« sind unsere Studentinnen und Studenten. Insgesamt ist der »Frömmigkeitsspiegel« bei den Kommilitonen, nicht nur in Greifswald, in den gut 20 Jahren, die ich überblicke, deutlich gestiegen, nicht nur bei denen aus evangelikalen Herkunftsgemeinden. Müsste ich jetzt aber diese überblicksartig beschreiben, so fielen doch einige markante Merkmale auf: Sie denken integrativ missional, verstehen sich als Zeugen Christi und setzen dabei stark auf alltägliche Beziehungen und selbstverständliche Taten der Nächstenliebe. Sie hoffen, dass in einem solchen Kontext das Zeugnis des Evangeliums auf ungezwungene Weise Raum findet. Sie sind häufig eher skeptisch hinsichtlich veranstalteter Evangelisation. Sie legen großen Wert auf »discipleship«, die persönliche Prägung des Lebens, und auf Gebet, besonders auf Worship, auf Anbetung, meist, aber nicht nur mit Hilfe der popkulturellen Praise-Music.33 Sie sind in ihrer Theologie jesuszentriert und lassen sich dabei von Theologen wie dem reformierten New Yorker Pastor Timothy Keller34 inspirieren. An den evangelikalen »Rändern« erlebe ich sie eher als suchend denn als gewiss: wie es ist mit dem doppelten Ausgang im Gericht Gottes, wie wir recht umgehen mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, wie wir Vielfalt in der Kirche gestalten. Das ist alles sicher nicht dekonversiv, aber offener im Fragen nach »ihrem« Weg, auch weniger konflikthaft als früher im zwischenstudentischen Dialog, was gewiss mit dem generell gehobenen Frömmigkeitsspiegel zusammenhängt.

Ich erlebe sie als suchend übrigens auch im Blick auf ihre zukünftige Rolle in der Kirche: Für manche ist das parochiale Pfarramt das klare Ziel, aber die Zahl derer, die sich da nicht so sicher sind, wächst. Es ist nicht nur (aber auch) die Sorge vor der Überforderung, die die Generation Y auch in der Kirche umtreibt. Es gibt eine gewisse Skepsis gegenüber der parochialen Selbstorganisation, verbunden mit dem unternehmerischen Antrieb, doch lieber so etwas wie ein Pionier in frischen und neuen Ausdrucksformen von Kirche zu sein.35 Es wird eine spannende Zukunftsfrage sein, ob die Landeskirche(n) solche jungen Theologinnen und Theologen wird integrieren können. Dazu müsste es auch pastorale Erprobungsräume geben, also eine Lizenz zum Ausprobieren neuer Vergemeinschaftungen des Glaubens, wie es etwa im »pioneer ministry« der Church of England möglich ist.36


4. Der Markenkern: Was hat die Bewegung denn zu bieten?

Ich komme hier noch einmal auf das zurück, was evangelikale Theologie eint. Es wäre leicht zu zeigen, worin sich Evangelikale uneins sind. Das sind Fragen der Taufe, 100 Jahre Streit über den Rang der biblischen Charismen, letzte Gefechte über die Rolle der Frau, ein Rest Uneinigkeit über den Umgang mit Geschiedenen, mehr Uneinigkeit als man denkt über die Bewertung von Homosexualität und eine leichte Erosion hinsichtlich der Sicherheiten über Himmel und Hölle.

Mark Noll stellt fest: Es gibt Unterschiede, aber es gibt auch einen Kern37, »in dem viele Überzeugungen übereinstimmen und zusammenhängen.«38 Henk de Roest und Sake Stoppels setzen noch hinzu: Es ist nicht nur ein bestimmtes Cluster von Überzeugungen über Gott, das Heil und die Kirche, dieser Glaube weist vielmehr eine hohe Salienz39 auf, es ist ein besonders hohes persönliches Engagement, das den evangelikalen Typus auszeichnet, und das in einer erstaunlichen Robustheit. »Die Glaubensüberzeugungen und -Praktiken bestimmen im hohen Maß das alltägliche Leben.«40

Und ich glaube, dass es das ist, was das nicht immer beliebte Mitglied der Familie zu bieten hat. Es wurzelt in dem, was Erneuerungs- und Erweckungsbewegungen immer antrieb: die Sehnsucht nach vertiefter Erfahrung, die Überwindung von kühler Distanz und abstrakter Lebensferne. Das eint bis heute auch »older« und »younger evangelicals«.

In meiner Jugend trugen die »Frommen« einen kleinen Anstecker mit der Aufschrift »Jesus lebt«. Paul Deitenbeck hatte sich diesen Anstecker ausgedacht in der Hochphase der Auseinandersetzungen um Rudolf Bultmann.41 Das war den meisten Jugendlichen nicht bekannt, aber sie trugen das Schildchen als persönliches Bekenntnis. Zwei Generationen später wurde es ersetzt durch ein Armband: What would Jesus do? Die Frage Martin Niemöllers wurde jetzt als Kürzel WWJD zum Erkennungszeichen erweckter junger Leute.

Aber das ist mehr als »Merchandising«: Dass der Gekreuzigte und Auferstandene lebt, mehr noch, dass ich in seiner Nähe leben kann, in der Zwiesprache mit ihm täglich verbunden, von ihm im Alltag geleitet, begabt und in die Lebenswelt gesandt, durch ihn beschützt und getragen, das ist das Besondere. Darum ist die Bibel von so großer Bedeutung: Sie ist gleichsam das vornehmste Medium dieser Verbindung. Darum ist der Blick auf das Kreuz gerichtet: für mich und zu meinen Gunsten starb der Gottessohn, damit die zerbrochene Beziehung zum Vater wiederhergestellt werden kann.42 Darum spielt gerade bei den Jüngeren Anbetung eine so große Rolle: Hier wird die Verbindung zu Jesus erlebt und zugleich formiert und gefeiert. My God is mighty to save! Zugleich führt diese Verbindung in verbindliche Gemeinschaft mit denen, die sie teilen, und hinaus auf die Suche nach denen, die sie noch nicht teilen. Die Frucht dieser robusten Alltäglichkeit und personalen Intensität ist ein verbindliches Engagement, eine starke Verlässlichkeit, Sensibilität für Nöte anderer, Opferbereitschaft, aber auch der Wille, andere zu überzeugen und zu gewinnen. William James hat dies für den Kern von Konversion gehalten: etwas rückt von der Peripherie ins Zentrum des Lebens. Der Glaube ist jetzt der »gewohnheitsmäßige Mittelpunkt seines persönlichen Innenlebens«.43 Und C.S. Lewis bringt es metaphorisch auf den Punkt: Der Gläubige sieht nicht nur in Christus die ­Sonne seines Lebens, er sieht vielmehr in diesem Licht alles andere anders.44

Das halte ich für den evangelikalen Markenkern – und auch für das, was diese Frömmigkeit in der Kirche für die Kirche zu bieten hat. Das war ja die erste Frage: Ist hier etwas Beachtliches aufbewahrt? Nun ja, an ihren schlechten Tagen mögen Evangelikale schwer zu ertragen sein, übellaunig, schmallippig, besserwisserisch, auf Abgrenzung bedacht, exklusiv, eben einfach etwas viel »fromme Helene«. Gut, wer hat nicht mal schlechte Tage! Aber an ihren guten Tagen ist evangelikale Spiritualität tatsächlich erweckt und hellwach: Das Geheimnis des Glaubens ist von aller Äußerlichkeit befreit und in eine tiefe, frohe, tragende Innerlichkeit überführt. An ihren guten Tagen ist evangelikale Spiritualität von Freude getragen und zugleich klug und reflektiert. An ihren guten Tagen ist evangelikale Spiritualität in ihrer Hingabe an andere vorbildlich. An ihr kann deutlich werden: Es ist mehr im Glauben zu finden als dürre Mitgliedschaft, als totes Katechismuswissen oder als moralische Bemühung, mehr als »mildes Luthertum«, mehr als lebens- oder jahreszyklisch aktivierte Kasualfrömmigkeit. Indifferenz soll und kann überwunden werden.45 Eine starke Resonanz kann entstehen.46 Das ist das Movens ihrer Mission.

Und natürlich: Dieses »mehr als« ist auch der Anstoß, den evangelikale Spiritualität dem »milden Luthertum« bietet. Es geht hier stets um das ganze Leben in der persönlichen Nachfolge, um »discipleship«, um das Leben in der Jüngerschaft, oder wie wir lieber übersetzen, in lebendigem, mündigem Christsein. An ihren guten Tagen ist das alles ein attraktiver Entwurf evangelischen Christseins – und etwas, das ja nicht einfach nur evangelikal ist, nicht nur hier zu finden, sondern ganz evangelisch, ur-reformatorisch, ur-christlich, im guten Sinn sogar »katholisch«, aber vielleicht so, dass die evangelikalen Familienmitglieder das Wissen um diese persönliche Dimension des Glaubens in besonderer Weise wach halten oder in ­Erinnerung rufen.

Gleichzeitig zeigen sich hier aber auch bleibende Konfliktlinien. Ich könnte diese jetzt an Fragen aufweisen, die sich mit der heraus­gehobenen Stellung der Ehe zwischen Mann und Frau befassen oder mit dem Schutz des ungeborenen Lebens oder der demütigen Bereitschaft, auf das Wort der Bibel zu hören. Oder aber: anhand der Frage der Mission gegenüber Muslimen.

Vom eben beschriebenen geistlichen Zentrum evangelikaler Theologie her ist es undenkbar, Menschen das Evangelium vorzuenthalten oder dem Gedanken zuzustimmen, es gäbe auch andere Zugänge zum Heil als den Gekreuzigten und Auferstandenen. Auch wenn man seine Lektionen hinsichtlich religiöser Toleranz und Respekt gegenüber Andersgläubigen und Nichtgläubigen gelernt hat, auch wenn man im fremden Glauben Gutes und Wahres erkennen kann, wird man in diesem Segment des Christentums gewiss nicht aufhören, für die Menschen zu beten und um die Menschen zu werben, die ihr Heil in religiösen Werken suchen und sich vergeblich abmühen, wo doch die Gnade Christi für jeden zugänglich ist. Dass hier etwa die rheinische Arbeitshilfe »Weggemeinschaft und Zeugnis«47 allzu bereitwillig zentrale Überzeugungen des Christentums preisgibt, kritisieren übrigens nicht nur Evangelikale, sondern auch interkulturell sensible Theologen wie Henning Wrogemann.48

Die Betonung dieses Glutkerns evangelikaler Theologie führt nun auch zu dem, was die Vitalität von Kirche und Gemeinden fördern soll. Das war ja die zweite Frage: Ist hier etwas, das Gemeinden in unserer Landeskirche brauchen, um vital, zukunftsfähig und in irgendeiner Hinsicht auch wieder wachstumsfähig zu werden?


5. Merkmale vitaler Gemeinden

Wir könnten Stunden mit dieser Frage verbringen, weil das in Greifswald eigentlich unser Forschungsgebiet ist. Aber ich muss das Thema jetzt fokussieren, denn es geht ja um den Beitrag evangelikaler Gemeindetheorie. Ich selbst habe 1986 drei Grundentscheidungen des missionarischen Gemeindeaufbaus ausformuliert49, in denen Kernanliegen der missionarischen Bewegung zum Ausdruck kommen: Ausgehend von einer basalen Beschreibung des Evangeliums (an CA IV angelehnt) wird sowohl der spirituelle Glutkern des Pietismus benannt (»geistliche Erneuerung«), als auch die der Pastorenkirche gegenüber kritische Betonung des allgemeinen Priestertums und die dezidierte Wendung nach außen mit dem Bemühen, Menschen für eine intensiv gelebte Glaubenspraxis zu gewinnen. Heute, nach 30 Jahren, haben wir diese Grundentscheidungen am IEEG variiert. Leitung sehen wir heute noch deutlicher als plurale und dienende Leitung im Team, wir sehen in der Zurüstung der Getauften zu lebendigem, mündigem Christsein die entscheidende Bildungsherausforderung der Kirche und formulieren integrativer, dass es bei der Mission um Gottes Selbsthingabe an die Welt geht, deren Herzstück aus unserer Sicht die Evangelisation ist.

Aber das korreliert mit sehr verschiedenen Studien, die sich mit der Vitalität von Gemeinden befasst haben. Ich könnte jetzt mehrere dieser Studien aufrufen, etwa die von Robert Warren »Vitale Gemeinde«50 oder auch den anglikanischen Report »From anecdote to evidence«.51 Ich werde stattdessen aber einen relativ unverdächtigen Kronzeugen aufrufen, nämlich Gerhard Wegner vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD.

Wegners Frage beim Studium von Kirchengemeinden war: Wie können sich Gemeinden erneuern? Antwort: »Entscheidend ist die Erfahrung, dass die Gemeinden etwas wollen, und so ein Profil ausbilden – jedenfalls nicht nur die volkskirchliche Grundversorgung sicherstellen.«52 Kann man das genauer sagen? Das kann man, sagt Wegner, und nennt fünf Faktoren, die er so beschreibt, dass er immer näher an die Mitte heranrückt, was auch Evangelikale als das Zentrum beschreiben. Er nutzt die Metapher der »Matroschka«, jener russischen Puppen, bei denen immer die nächst kleinere in der größeren steckt. Fünf Faktoren also:

1. Freundlichkeit, Zugänglichkeit, Offenheit. Erfolgreiche Kirchengemeinden strahlen eine gastfreundliche Atmosphäre aus und ihre Angebote sind verlässlich.

2. Vertrauensbildung durch sozialen Nutzen. Erfolgreiche Kirchengemeinden sind nicht selbstbezüglich, sondern ein Segen für ihr Umfeld, also auf ihr Gemeinwesen aus­gerichtet.

3. Etwas wollen, d.h. Menschen werden von der Kirche gebraucht. Bei der EKD-Synode 2011 in Magdeburg über Mission sagte ein Konfessionsloser: Ich brauche Kirche und Religion nicht, aber wozu braucht die Kirche mich? In erfolgreichen Gemeinden wird das Ehrenamt groß geschrieben und Menschen gehen ein hohes Commitment ein, es entsteht auch so etwas wie eine Vertrauensgemeinschaft. »Es bildet sich ein Geist, der begeistert.«53 Daraus ­erwachsen

4. Verpflichtungen, eine Vision vom guten Leben. Das ist eine gedankliche Figur des Philosophen Hans Joas. »Entscheidend ist dabei die Einsicht, dass religiöse Menschen, die etwas wollen, meist glauben, dass sie das, was sie wollen, auch tun zu müssen meinen.«54

5. Und die wiederum wurzelt im: »Ergriffensein«. Von Gott ergriffen zu sein, das ist das, worauf es im Kern ankommt. »Das Geheimnis, zum Glauben zu kommen, lässt sich phänomenologisch als eine Art von Ergriffenwerden oder Ergriffensein in seinen inneren Gefühlswelten beschreiben, das letztendlich nicht auf eine eigene Wahl oder Entscheidung zurückzuführen ist, sondern ihr gerade vorausliegt und sie formt.«55 Es geht Wegner um das Ergriffensein von der Liebe Gottes, von Jesus selbst.56 Daraus, so Wegner, erwächst ­Liebe zu anderen.

Das ist nun eine etwas paradoxe Weise, die Frage zu beantworten: Diese Akzente, die Wegner hier setzt, korrespondieren ja mit dem, was missionarische, wenn es denn unbedingt gesagt sein muss: evangelikale Bewegungen auch sagen: Profil entwickeln, außenorientiert sein, Menschen Verantwortung anvertrauen, und im Innersten von Christus ergriffen sein. Andererseits trete ich Wegner gewiss nicht zu nahe, wenn ich sage: er ist kein Evangelikaler. Aber das ist auch nicht meine Pointe: Meine Pointe ist eher, dass sich hier eine überraschend große Koalition bildet hinsichtlich grundlegender Einsichten in die Vitalität und Zukunftsfähigkeit von Gemeinden, ohne dass sich dies mit einer bestimmten theologischen Heimat allein verknüpfen müsste.


6. Glanz und Elend evangelikaler Gemeindeprojekte in der Landeskirche

An dieser Stelle möchte ich Erfahrungen weitergeben, die wir bei der Evaluation einer landeskirchlich geförderten Gemeindepflanzung in einem städtischen Umfeld irgendwo in Deutschland gemacht haben. Aus den ­vielen Ergebnissen möchte ich nur wenige zentrale Beobachtungen wiedergeben.

In diesem Fall fand sich eine Gruppe von Christen aus der langjährigen synodalen Jugendarbeit, die bereit war, mit einem engagierten Pfarrer einen Neuaufbruch in einer Ortsgemeinde zu wagen, die nach allgemeinem Urteil am Boden lag und schon Teil eines größeren Fusionsprozesses war. Die Prägung der Kerngruppe kann man sicher als evangelikal bezeichnen. Das Modell dafür bietet die anglikanische Strategie der Gemeindepflanzung als »Aufpfropfung«. Die Landeskirche förderte das Projekt und ­zahlte für sechs Jahre die zusätzliche Projekt-Pfarrstelle.

Und nun kommt es ganz und gar auf die Perspektive an, die wir einnehmen. Das Pflanzungsteam würde sagen: Wir haben in gutem Einvernehmen mit den wenigen aktiven Gemeindegliedern der Kirchengemeinde das Neue in Angriff genommen. Wir haben konsequent unsere missionarische Strategie umgesetzt: den Gottesdienst verändert und belebt, Teams von Ehrenamtlichen gegründet, Hauskreise ermöglicht, Mitarbeiter geschult, öffentlichkeitswirksame Maßnahmen wie einen Adventsmarkt durchgeführt, unsere diakonische Verantwortung im Viertel wahrgenommen, nicht zuletzt durch eine engagierte Flüchtlingsarbeit, die zu einem größeren iranischen Bibelkreis führte. Heute arbeiten mehr als 100 Menschen in der Gemeinde ehrenamtlich und der Gottesdienstbesuch ist von 15 auf 150 gewachsen. Mancher, der sich mit seiner Prägung in k(s)einer Gemeinde (nicht) wiederfand, ist heute fest eingebunden – und zwar in der Landeskirche. Unser Pfarrer geht mutig voran und lässt uns zugleich viel Raum! Alles wäre gut, wenn nicht dieser Widerstand der anderen Pfarrer und das Unverständnis in der kirchlichen Region uns das Leben so schwer machten!

Es kommt ganz auf die Perspektive an: Die angesprochenen Nachbarpfarrer würden sagen: Wir waren gar nicht gegen einen Versuch, Neues zu beginnen. Aber wir sind überrascht, wie wenig das Neue nun mit dem verbunden bleibt, was doch vorher gut funktionierte: gemeinsame Gottesdienstzeiten, gemeinsame Schulgottesdienste und Konfirmandenarbeit. Die machen »ihr Ding« ohne Rücksicht auf die kirchliche Gemeinschaft. Wir sind da ja auch nicht mehr erwünscht. Und ob das theologisch alles mit rechten Dingen zugeht? Und woher das Wachstum kommt, ob da wirklich Neue ­gewonnen wurden? Ist denn nun wertlos, was wir alles versuchen, um gute kirchliche Arbeit zu machen? Und dieser dominante Projektpfarrer entscheidet sich im Zweifelsfall gegen die größere Gemeinschaft für seine Leute und seine Ideen.

Wir kennen solche Konflikte! Wir haben eine Menge gelernt über Kirchenentwicklung, also auch über die Leitungsverantwortung gegenüber solchen Projekten und in Bezug auf die herkömmliche kirchliche Arbeit:

1. Häufig ist es eine Frage ausdauernder Kommunikation: Ist allen Beteiligten klar, was hier mit kirchlichem Segen begonnen wird?

2. Und gibt es verbindliche Verabredungen, wer wann und wie oft mit wem zu reden hat? Gibt es einen dritten Ort, d.h. eine Begleitung durch von beiden Seiten akzeptierte Gesprächspartner? Wenn die Leiter hüben und drüben »miteinander können«, ist eine Menge gewonnen.

3. Es ist ebenso häufig eine Frage der tiefsitzenden inneren Vorstellungen von guter kirchlicher Arbeit und pastoralem Dienst, auch in Bezug auf liturgische Formate, pastorale Rolle, Predigt. Dass in der Gemeindepflanzung nun Bands spielen, der Gottesdienst zu einer anderen Uhrzeit stattfindet und dieser spezifische Stil auch nicht mehr zur Diskussion steht, ist für eher traditionell denkende Kollegen schwer hinzunehmen (dasselbe könnte ich auch umgekehrt formulieren). Andererseits können Projekte nur mit einem gewissen Freiraum zum Eigenen gedeihen. Bindet man sie zu schnell oder zu sehr in die Pflicht ein, doch wieder mit allen alles zu teilen, werden sie eher erschöpft sein als allen Beteiligten recht sein kann.

4. Es fällt immer noch schwer, plurale Profile zuzulassen. Wir denken, dass es übrigens ein Denkfehler ist, dass die einen ein Profil haben und die anderen eben nicht. Ziel müsste es sein, in regionalen Reformprozessen jede Gemeinde zu ermutigen, ihr Profil zu entwickeln. Es könnte dann leichter fallen, darin einen Gewinn für alle und für die Menschen in der Region zu entdecken. Dies ist in unterschiedlichen rechtlichen Strukturmodellen möglich.

Es ist ja so, dass es nicht selten evangelikal geprägte Christen und Gemeinschaften sind, die entweder neue Gemeindeformen ausprobieren, »fresh expressions of church« initiieren, Gemeindepflanzungen in Angriff nehmen, Erprobungsräume nutzen oder de facto Gemeinden in Profilgemeinden verwandeln. Hier liegt bei unserem Thema eine Menge innerkirchlicher Sprengstoff. Oder – um es vorsichtiger zu sagen: eine starke Ambivalenz. Denn in der Tat scheint ja in diesen Projekten einiges zu gelingen, auch wenn man sanfte Übertreibungen und reines Transferwachstum abzieht. Andererseits sorgen solche Gemeinden und Gemeinschaften für einige Unruhe. Unsere Pluralitätskompetenz steht hier auf dem Spiel, auch unsere Fähigkeit, für die Menschen in unserer Gesellschaft möglichst viele, auch unterschiedliche Kopplungsmöglichkeiten zu schaffen. Es steht auf dem Spiel, dass wir ohne solch profilierte Gemeinschaften ärmer werden. Paul Ricœur spräche hier sicher von Akten der Anerkennung, die überhaupt erst nötig sind, weil der andere eben anders ist und nicht wie ich – und es auch bleibt. Und damit bin ich bei einer kurzen Schluss­bemerkung.


7. Folgerungen: Was ist denn nun mit unseren Fragen?

Ich habe versucht, die höchst bunte evangelikale Szene vorzustellen, ihre Breite, ihre Entwicklungen und Veränderungen. Ich habe versucht, den Charme dieser Frömmigkeitstradition ein wenig zum Leuchten zu bringen, zugleich das Ärgerliche und Schwierige, das schwer Verständliche und Kopfweh Fördernde nicht zu unterschlagen. Ich habe den Glutkern pietistischer Frömmigkeit als das eigentliche Proprium herausgestellt und versucht nahezulegen, dass wir darauf als Kirche nicht verzichten können.

Ich möchte am Ende zwei Anregungen benennen: Die erste Anregung betrifft die evangelikalen Christinnen und Christen in unserer Kirche. Ich wünsche mir und ihnen, dass sie ihr spezielles Charisma in der Kirche zum Leuchten bringen. Und ich wünsche mir, dass sie sich auch dem Streit nicht entziehen, wenn es um Lehre und Leben in der Kirche geht. Ich wünsche aber, dass sie dies mit Heiterkeit und Demut tun. Mit Heiterkeit, weil wir Gott sei Dank nur die irdische Seite der Kirche zu gestalten haben. Mit Demut, weil wir als gerechtfertigte Sünder begrenzte Einsichten und manchmal unbegrenzte Irrtumsfähigkeit besitzen. Heitere Demut wird nicht mutlos, sondern höchst engagiert, unbequem und deutlich für das Eigene eintreten. Es geht ja um etwas! Sie wird aber hörbereit sein, ob nicht beim anderen auch Wahrheit zu finden ist. Unsere ­jungen Leute im Studium machen mir da Hoffnung.

Die zweite Anregung betrifft diejenigen, die in der Kirche Leitung wahrnehmen. Vielen Dank, dass sie sich dafür haben wählen lassen. Der holländische Praktische Theologe Henk de Roest, selbst ein sehr freundlicher Liberaler, sagt im Blick auf die Evangelikalen in den Niederlanden: Wir brauchen zweierlei. Zum einen eine »Kultur des gönnenden Vertrauens«. Zum anderen mehr gemeinsames Forschen und Lesen in der Bibel. Das zweite ist eine gute Anregung im Jahr des Reformationsjubiläums. Das erste wäre aus meiner Sicht eine gute Leitungsstrategie für den Umgang mit profilierten Christen und ihren Gemeinschaften, und bitte auch mit denen, die nicht immer glücklich sind, wenn sie als »evangelikal« gelabelt werden.


Anmerkungen:

* Die Gliederungsnummerierung sowie die Endnotenbezifferung wurden vom ersten Teil her fortgesetzt. Dort (DPfBl 8/2017, 434f) findet sich auch eine bibliografische Übersicht der literarischen Titel, auf die sich Michael Herbst bezieht.

25 Vgl. http://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/kirche/detailansicht/aktuell/michael-diener-mit-dem-finger-nicht-nur-auf-andere-zeigen-93011/ – aufgesucht am 16.11.2016.

26 Vgl. Ökumenischer Rat der Kirchen, Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog und Weltweite Evangelische Allianz 2011.

27 Vgl. Robert E. Webber 2002.

28 Vgl. Robert Doornenbal 2012.

29 Vgl. Dave Tomlinson 1995.

30 Vgl. Tobias Faix, Martin Hofmann und Tobias Künkler 2014.

31 So sehen es auch Henk de Roest und Sake Stoppels 2012, 270.

32 Vgl. Michael Herbst 2012, 205-229.

33 Vgl. kritisch dazu: Peter Bubmann 2016, 239-246.

34 Vgl. z.B. Timothy Keller 2012; Timothy Keller 2012.

35 Vgl. Hans-Hermann Pompe, Patrick Todjeras und Carla J. Witt 2016.

36 Vgl. David Goodhew, Andrew Roberts und Michael Volland 2012.

37 Vgl. Mark Noll 2001.

38 Henk de Roest und Sake Stoppels 2012, 262.

39 Sozialpsychologisch: Auffälligkeit.

40 Ibid., 263, mit Bezug auf Christian Smith 1998, 26-32.

41 Vgl. http://www.efk-riedlingen.de/wordpress/?p=409 – aufgesucht am 16.11.2016.

42 Vgl. Heinzpeter Hempelmann und Michael Herbst 2011.

43 »Ein Mensch ›bekehrt sich‹ heißt […], dass religiöse Vorstellungen, die früher in seinem Bewusstsein an der Peripherie lagen, jetzt eine zentrale Stelle einnehmen, und dass religiöse Ziele jetzt den gewohnheitsmäßigen Mittelpunkt seines persönlichen Innenlebens bilden.« William James 1929, 187.

44 Vgl. bei Alister McGrath 2014, 268f.

45 Vgl. Gerhard Wegner 2014, 17.

46 Vgl. zum Begriff der Resonanz: Hartmut Rosa 2016.

47 Vgl. Evangelische Kirche im Rheinland 2015.

48 Vgl. zuletzt Henning Wrogemann 2016, 305-323

49 Vgl. Michael Herbst 2010.

50 Vgl. Robert Warren 2008.

51 Vgl. http://www.churchgrowthresearch.org.uk/UserFiles/File/Reports/FromAnecdoteToEvidence1.0.pdf – aufgesucht am 16.11.2016.

52 Gerhard Wegner 2014, 30.

53 Ibid., 161.

54 Ibid., 163.

55 Ibid., 167.

56 Vgl. ibid., 168f.


 

Über den Autor

Prof. Dr. Michael Herbst, Jahrgang 1955, nach dem Studium der Evang. Theologie in Bethel, Göttingen und Erlangen Wiss. Mitarbeiter bei Prof. Dr. M. Seitz (Erlangen), Promotion über »Missionarischen Gemeindeaufbau in der Volkskirche«, Gemeindepfarrer in Münster, Krankenhausseelsorger in Bethel, seit 1996 Prof. für Prakt. Theologie in Greifswald und seit 2004 Direktor des IEEG.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2017

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