Zum 100. Geburtstag von David Flusser
Ein »jüdischer Neutestamentler«

Von: Martin Majer
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Zum ersten Mal bin ich David Flusser in Berlin begegnet, wo er (um 1970) einen Gastvortrag an der Kirchl. Hochschule hielt. Wir begegneten uns wieder in Jerusalem, im Rahmen einer Studienreise (1971). Im großen Saal des YMCA (CVJM, gemeint ist der Gebäudekomplex in der Jerusalemer Weststadt) berichtete er über eine seiner neuesten biblischen Entdeckungen aufgrund eines außerbiblischen Textes. 1974 bis 1975 gehörte ich zu seinen Hörern an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit jener Zeit war und blieb ich der Familie Flusser verbunden: menschlich, freundschaftlich, nicht zuletzt auch wissenschaftlich.


Lebensdaten und Forschungsthemen

Am 15. September 1917 erblickte David Flusser, dessen Eltern am Rand der damaligen k.u.k. Donaumonarchie lebten, in Wien das Licht der Welt. Aufgewachsen ist er in Pribram/Pribans, das heute zu Tschechien zählt. In den 30er Jahren wanderte er ins damalige Mandatsgebiet Palästina aus, holte seine Eltern nach, kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg nochmals in die damalige Tschechoslowakei zurück, bevor er sich auf Dauer in Jerusalem einrichtete.

Das Jahr 1956 war für ihn mit zwei nachhaltig positiven Erfahrungen verbunden: zum einen heiratete er seine Frau Channa, die aus Hamburg stammte und das KZ Ravensbrück überlebt hatte; zum anderen bekam er an der Hebräischen Universität Jerusalem einen Lehrstuhl für jenen Bereich, den man in Europa mit dem Wort »neutestamentlich« bezeichnen würde, der jedoch in Israel als einem überwiegend jüdisch geprägten Land zur Kategorie »Zeit des Zweiten Tempels« zählt, in die auch das frühe Christentum fällt. Nach seiner Emeritierung in den 80er Jahren setzte er seine Forschungen fort und veröffentlichte zahlreiche fachspezifische Artikel, die vor allem den jüdischen Hintergrund der Botschaft Jesu innerhalb eines breiten Spektrums der damaligen jüdischen Glaubensrichtungen aufzeigt, lange bevor normative Entscheidungen zur Trennung von Juden und Christen führten.

Flusser starb an seinem 83. Geburtstag, dem 15. September 2000, in Jerusalem. Im Westen der Stadt ist er auch begraben, auf dem HarHamenuchot (Givat Shaul).

Flussers Forschungsergebnisse sind von einer unglaublichen Bandbreite geprägt. Als Beispiele für die Vielfalt seiner Forschungen seien Themen genannt, die sich auf den ­Bereich der ntl. Schriften beziehen1:

– Einzelfragen zu vielen synoptischen Jesus-Texten
– eine dem Johannesevangelium zu Grunde liegende judenchristliche Quelle
– die Christenheit nach dem Apostelkonzil
– Paulus und die vorpaulinische Gedankenwelt
– messianische und christologische Traditionen des Hebräerbriefs
– eine literarische Vorlage für eine Vision im Buch der Offenbarung


Sprachgenie

Tschechisch wurde in Pribram gesprochen, Deutsch in der Familie. Zur klassischen Bildung des Heranwachsenden gehörte des Erlernen des Lateinischen und des Griechischen, und als die Familie Flusser Ende der 30er Jahren Pribram verließ und ins damalige Mandatsgebiet Palästina einwanderte, kam Englisch als Verkehrssprache hinzu. In Jerusalem, das nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948 israelisch wurde, vervollständigte Flusser von Anfang an seine Kenntnisse der ihm von Jugend an als religiös-liturgisch vertrauten Sprache Hebräisch. Aufgrund seiner tschechischen Muttersprache konnte David Flusser weitere slawische Sprachen verstehen. Und durch seine klassische Bildung verstand er die aus dem Lateinischen abgeleiteten Sprachen wie Italienisch, Spanisch und Französisch.

Seine sprachlichen Fähigkeiten kamen jedoch auch an ihre Grenzen. Seine (im Jahr 2010) verstorbene Frau Channa erzählte mir mit einem gewissen Schmunzeln eine Art von Familienschwank: Bei einem gemeinsamen Urlaub in Griechenland versuchte Flusser, der ein Meister des klassischen Griechisch sowie der Koine war, auf Neugriechisch ein Essen zu bestellen. Da scheiterte er, weil er sich nicht verständlich machen konnte.

Geschrieben und veröffentlicht wurden seine Aufsätze und Untersuchungen in den Sprachen Tschechisch, Deutsch, Englisch und Hebräisch2. Seine fundierte Kenntnis antiker und moderner Sprachen wurde ergänzt um ein phänomenales sprachliches Gedächtnis. Gerüchte – oder auch Berichte – besagten schon zu seinen Lebzeiten, dass ein OP-Arzt in einem gewissen Stadium der Narkose seinen Patienten Flusser habe klassische griechische Texte rezitieren hören. Einer seiner Schüler, Michael Krupp, der ehemalige Leiter des »Studienjahres in Israel« für angehende Pfarrerinnen und Pfarrer, stellt ferner fest, dass Flusser, sofern er unter Anspannung stand oder ärgerlich war, das Lateinische bevorzugte. Ich kann dies aufgrund meiner eigenen Erfahrung anlässlich eines Besuchs im Hause Flusser in den 90er Jahren bestätigen: Als mir Flusser einen seiner Gedanken erklären wollte und dabei gestört wurde – denn gleichzeitig waren zusätzliche Besucherinnen in der Wohnung, die völlig andere Anliegen hatten und sich diesbezüglich parallel zu unserem Gespräch mit seiner Frau Channa unterhielten –, da drückte er seinen Ärger mir gegenüber mit drei lateinischen Worten aus: »Non ­possumus loqui«.

Fürs Zitieren antiker Texte bedurfte es freilich keiner Narkose. Las er einen antiken Text, der ihn an inhaltlich Verwandtes oder sprachlich ähnlich Formuliertes erinnerte, dann verband er – zunächst in seinen Assoziationen – die entsprechenden Textstellen. Nicht selten stellte sich dann heraus, dass beispielsweise ein direktes Zitat oder eine Anspielung vorlag. Auf viele dieser Zusammenhänge war vor ihm noch kein anderer Forscher gekommen, oder der Zusammenhang war bislang zu wenig beachtet worden.

Ein geradezu klassischer Topos für seinen »richtigen Riecher« bestand darin, dass er bei einem in Qumran gefundenen hebräischen Textfragment den Text in der ihm richtig scheinenden Weise ergänzte. Einige Zeit später wurde genau diese – zunächst nur vermutete – Textform auf einem weiteren Fragment aus Qumran gefunden. Der ­Beweis liegt nun im Original vor!3


Interdisziplinär arbeitender Forscher

Wollte Flusser Vergleiche mit Texten der fast unendlich erscheinenden Welt der jüdischen Auslegungstradition vornehmen, wie sie (hebräisch und in Teilen aramäisch formuliert) vor allem im Talmud und den Midraschim schriftlich fixiert ist, dann wandte er sich oft an seinen Kollegen Schmuel Safrai (geb. 1919 in Warschau, gest. 2003 in Jerusalem), der auf seinem Gebiet ein vergleichbar versierter und renommierter Wissenschaftler war. Zusammen mit ihm veröffentlichte er mehrere Aufsätze, darunter einen, der sich mit einem jüdischen Beschneidungssegen befasst, den Paulus in Röm. 4,9 zitiert.4

Schlomo Pines (geb. 1908 in Charenton-le-Pont, südöstlich von Paris gelegen, gest. 1990 in Jerusalem), der in mehreren europäischen und zusätzlich in mehreren semitischen Sprachen zu Hause war, hatte ab 1952 ebenfalls eine Professur an der Hebräischen Universität Jerusalem inne (für Philosophie). Im Jahr 1971 entdeckte Pines eine (aus dem 10. Jh. stammende) arabische Abschrift des Testimonium Flavianum, zu der später noch ein weiterer Josephus-Text hinzu kam, der in einer Übersetzung durch Michael den Syrer (12. Jh.) vorliegt. Gemeinsam veröffentlichten die Kollegen Flusser und Pines aufgrund dieser neuen Textfunde einen Artikel zum Matthäusschluss5 (Mt. 28,16-20: »Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes …«). In diesem Aufsatz gelingt den beiden der Nachweis, dass die im Nestle-Apparat angeführte kürzere Textform (V. 19) »in meinem Namen« die ursprüngliche ist. Ihr ist gegenüber der längeren trinitarischen Ausdrucksweise, die vom »Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes« spricht, der Vorzug zu geben. Dass die Formulierung »in meinem Namen« auch im kanonischen Markusschluss (Mk. 16,17) zu finden ist, kann ein zusätzlicher positiver Hinweis auf die ältere = kürzere Textform sein. Der textkritische Hinweis »Eus pt« (= Eusebius partim) in den älteren Nestle-Auflagen besagt – so weisen Flusser und Pines es nach –, dass Eusebius in seinen Texten in der Zeit vor dem Konzil von Nicäa die kürzere Form bietet, nach dem Konzil jedoch die längere = trinitarische Form. Leider ist in den neueren Nestle-Auflagen dieser Hinweis auf Eusebius im Textapparat entfallen.


Jesusverehrer

Weithin bekannt dürfte Flussers Buch »Jesus« sein, das in vielen Auflagen erschienen ist6. Flusser zeigt darin auf, dass die meisten Nachrichten über Jesus verlässlich sind, jedenfalls in ihrem Grundbestand. Als jüdisch denkender und hebräisch sprechender Mensch und Forscher sieht er die Kriterien, Kategorien und Bewertungen christlicher Exegeten im Gefolge Rudolf Bultmanns als nicht weiterführend an. Dazu zählen für ihn Begriffe wie »Gemeindebildung«, »Apophtegma«, »Kerygma«, »Formgeschichte« oder »Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung« usw. Sein Kriterium ist demgegenüber die von ihm so bezeichnete »konsequente Philologie«, die er meisterhaft beherrschte. Er konnte, ausgehend von konkreten Texten, Stufen der Entwicklung aufzeigen, darunter dann eben auch Eigenbildungen der Verfasser oder Bearbeiter.

Mit zunehmendem Alter galt sein Interesse vermehrt der Gestalt Jesu, die er ganz und ohne Abstriche von der Empfängnis bis zur Himmelfahrt im Rahmen des Judentums sah. Natürlich war Flusser sehr stark am irdischen Jesus interessiert, zumal eine solche Gestalt – bezüglich aller Lebensstationen – nur innerhalb des Judentums denkbar war. Sogar die sich im Christentum weiterentwickelnden Motive wie Jungfrauengeburt, Versuchung, Martyrium, Trinität, Sakramente, Zwei-Naturen-Lehre, Wiederkunft u.a. beleuchtete er stets vom jüdischen Blickwinkel aus – und deshalb in einer positiven Weise.

Sollten sich die neueren Initiativen der EKD und ihrer Gliedkirchen dauerhaft, verlässlich und verbindlich durchsetzen, das Judentum von christlicher Seite aus nicht (mehr) als defizitär, vergangen oder abgelöst zu betrachten, dann könnten darin auch segensreiche Früchte des Lebenswerks von David Flusser gesehen werden. Vor und neben ihm wären Namen wie Joseph Klausner, Pinchas Lapide, Schalom Ben-Chorin und weitere zu nennen.

Verbürgt ist, dass ihn noch auf dem Totenbett die fragende Sorge umtrieb, ob er nicht von Christen falsch verstanden worden sei oder für nicht jesusgemäße Zwecke von ihnen missbraucht werde.7 Die Antwort darauf muss ihn nicht mehr belasten. Die aus christlicher Perspektive gelegentlich gestellte Frage, warum Flusser sich nicht taufen ließ, ist völlig abwegig. Offen bleibt die Frage, was von seinen Forschungsergebnissen auf christlicher Seite rezipiert wird.8 Die für Christen als bleibend angesehene Aufgabe formulierte Flusser zehn Jahre vor seinem Tod so: »Der Jude Jesus, auf den der christliche Glaube ausgerichtet ist, macht die Christen darauf aufmerksam, dass sie versuchen sollten, mit der Gemeinschaft, in der Jesus gelebt hat, in brüderlicher Verbundenheit zu leben.«9 Anlässlich David Flussers 100. Geburtstag darf man sich diese grundlegende und stets bleibende Aufgabe wieder ins ­Gedächtnis rufen.


Martin Majer


Anmerkungen:

1 Siehe vor allem sein Jesusbuch, sein Gleichnisbuch und zahlreiche verstreute Einzelaufsätze.

2 Eine Auswahl sei hier genannt:

Monografien:
– Jesus, Reinbek (Erstauflage 1968, ab der 26. Aufl. neu bearbeitet)
– Das Gleichnisbuch. Die rabbinischen Gleichnisse und der Gleichniserzähler Jesus, Bern 1981

Sammelwerke (deutsch):
– Die letzten Tage Jesu in Jerusalem, Stuttgart 1982
– Das Christentum – eine jüdische Religion, München 1990
– Entdeckungen im Neuen Testament, Bd. 1: Jesusworte und ihre Überlieferung, Neukirchen (1987), 2. Aufl. 1992
– Entdeckungen im Neuen Testament, Bd. 2: Jesus – Qumran Urchristentum, Neukirchen 1997
– Das essenische Abenteuer, Winterthur 1994
– Bemerkungen eines Juden zur christlichen Theologie, München 1984

Sammelwerke (überwiegend englisch):
– Judaism and Christianity, Jerusalem 1971
– Judaism and the Origins of Christianity, Jerusalem 1988

Sammelwerk (hebräisch):
– Jahadut uMekorot ha Notzrut, Tel Aviv 1979.

3 Judaism and the Origins of Christianity, 208.

4 (Hebräisch) erschienen in der Loewenstamm-Festschrift, Jerusalem 1988.

5 Jetzt in: Jesusworte und ihre Überlieferung, 68-77.

6 Ab der 26. Aufl. in – forschungsgeschichtlich bedingter – Neubearbeitung.

7 Mündlich berichtet, samt erläuternder Begründung.

8 Tendenziell besteht hier eine Fehlanzeige.

9 Das Christentum – eine jüdische Religion, 166.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2017

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