Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Die Pressemitteilung kam am 31. Juli: »Stadtkloster Segen in Berlin Prenzlauer Berg feiert am 5. und 6. August 2017 zehnjähriges Bestehen.« Da musste ich eine gewisse Überraschung eingestehen: Zwar hatte ich gelegentlich von einem »Stadtkloster« schon gehört, aber in der großen Stadt es weiter nicht wahrgenommen. Im Internet machte ich mich kundig und beim Bild der Kirche fiel mir ein, dass ich den großen Turm schon gesehen hatte, auf der Schönhauser Allee. Die Lektüre ergab, dass die Kirchengemeinde Segen als Tochter der Zionskirche um die Jahrhundertwende gegründet worden war mit 40.000 Gemeindegliedern. Weil es keine freien Grundstücke mehr gab, wurde die darauf stehende Gaststätte gekauft, abgerissen und die Kirche gebaut und 1908 eingeweiht. Schräg gegenüber liegt der wunderbare jüdische Friedhof, der die Gräber des jüdischen Bürgertums Berlins zeigt. Der Turm steht in der Straßenfront, und wenn man den Innenhof betritt, lässt man den Lärm der Allee schon hinter sich. Der umbaute Hof wird auf beiden Seiten vom Gemeindehaus und den Pfarrwohnungen umgeben. Die Kirche selber ist ein Kuppelbau, errichtet auf dem Grundriss des Andreaskreuzes und mit Emporen ausgestattet, um die Gottesdienstbesucher zu beherbergen – einst.

Als sich mehrere Gemeinden zur Gemeinde Prenzlauer Berg Nord zusammenschlossen, war die Frage, wie sich die Gebäude noch nutzen ließen. Pfarrer Mangliers erzählte beim Festakt am 6. August, wie er auf die Suche nach einer Kommunität ging, die er für die Segenskirche gewinnen könnte. Bei der Communität Don Camillo in der Schweiz hatte er Erfolg. So wurde 2007 der Vertrag mit der EKBO unterschrieben und einige Mitglieder der Communität zogen ein. Es gab und gibt viel zu sanieren und zu renovieren, bis das Gebäude so schön wurde, wie es heute sich darbietet. Die Communität entstand 1977 aus der christlichen Jugendarbeit in Riehen bei Basel. Es ist eine Lebensgemeinschaft von Familien und Einzelpersonen unterschiedlichen Alters, 30 Erwachsene gehören zur Gemeinschaft: Familien, Ehepaare und Ledige. Das Zentrum ist in Montmirail in der Schweiz und der Konvent in Berlin umfasst sechs Mitglieder. Hinzu kommen »Sympathisanten«, die sich am klösterlichen Leben beteiligen.

Neben einem spirituellen Angebot für Passanten oder Tagesgästen, bietet das Kloster auch Gästezimmer und damit verbundene Einkehrtage für Menschen, die in der Großstadt zur Ruhe kommen wollen. »Mitten in der Stadt zur Ruhe, zu sich, zu Gott kommen« – dieser Herausforderung widmet sich das Stadtkloster. Im Gemeindebrief ist das Stadtkloster sonntäglich abends mit einer »AbendbeSINNung« angekündigt. Im Zentrum steht ein Text aus der Bibel: »Wieso und wie lesen wir diesen Text heute?« Dabei kommen nicht nur Theologen und Profis zu Wort, sondern auch Geschäftsleute und Studierende, Handwerker und Kulturschaffende.

Das Fest am Sonntag vereinte ca. 100 Personen. Bei der Begrüßung im Hof kam ich mit einem Mitglied aus der Schweiz ins Gespräch und fragte ihn nach der Namensgebung der Communität. »Ja, der Don Camillo sei mit Absicht gewählt worden, um auch eine lustige Assoziation herzustellen«. »Und wo bleibt Peppone«, frug ich. »Ja, den greifen wir aktuell auf – nächstes Jahr werde ich wieder Bürgermeister in meinem Ort – aber ich bin kein Sozialist … Und die Jüngeren kennen gar nicht mehr die Filme und Romane über Don Camillo und Peppone«.

Der Kantor Oliver Vogt holte aus der Orgel heraus, was nur ging, der Liedermacher Frieder Gutscher erfreute mit seinem Ensemble und spielte auch ein tolles Klezmer-Stück, und von den Redebeiträgen war mir besonders Wolfgang Thierse eindrücklich, der die Bevölkerungsveränderungen am Prenzlauer Berg beschrieb: Seit 1990 sind 90% der Bevölkerung ausgetauscht – er könne für sich so etwas wie »Artenschutz« reklamieren, weil er seit 1957 dort lebe …

Ein Sektempfang im Hof, vom eigenen Weingut, ein Imbiss und dann die »AbendbeSINNung« beschloss das festliche Jubiläum. Es hat sich gelohnt, das Stadtkloster entdeckt zu haben!

Siegfried Sunnus

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2017

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