31. Oktober 2017, Matthäus 10,26b-33
Reformationsfest

Von: Martin Ost
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Bekennen – aber wie?

I  Exegetisches

Die Gemeinde des Mt. ist Minderheit ohne öffentlichen Einfluss, muss Verfolgung fürchten. U. Luz (EKK I/2) versteht V. 26 nicht als Erfahrungsweisheit, sondern als eschatologische Hoffnung: Erst am Ende der Zeit wird sich die Wahrheit des Evangeliums erweisen. Dennoch wird von der Gemeinde erwartet, dass sie Wahrheiten jetzt vertritt, die erst im Endgericht offenbar werden (V. 27): aus Verheißung wird Aufforderung.

V. 28 redet nicht von einer (griechisch gedachten) »unsterblichen« Seele: Menschen können die Seele nicht töten, wohl aber kann es Gott, der Leib und Seele geschaffen hat. Menschen können Menschen töten, nicht aber ihre Ideen, ihren Geist, die Erinnerungen, die in anderen lebendig sind – so verstehe ich das.


II  Fehlgeleitete Aktualisierung

»Heutige Leser/innen haben Schwierigkeiten mit diesem Text. Der … dargebotene Trost scheint nicht mehr zu trösten« (Luz). Am Reformationstag 2017 kann wohl niemand diesen Abschnitt hören, ohne ihn mit Figuren aus dem »Reformationstheater« zu illustrieren: Luther in Worms, Predigern in Städten, Frauen und Männern, die das ­Evangelium öffentlich und unerschrocken vertreten.

Eine solche Aktualisierung rückt den Abschnitt in historische Ferne: Zwar wird die Gottesdienstgemeinde solcher Erzählung nicht widersprechen, aber ohne Zuspruch für das eigene Leben bleiben. Die Handelnden sind zudem Figuren, gemalt und in Kulissen gestellt von romantischen Verehrern oder überzeugten Gegnern. Der einsame Held, der Weltgeschichte umstürzt, wird (fast wie im Western) Motor der Ereignisse. Solche Erinnerung macht den Abschnitt so erträglich wie belanglos. Er-innern hieße, den Text Menschen ins Herz geben.


III  Bekennermut

Dass nichts geheim, privat bleibt, ist heute ein oft verhandeltes Thema. Die digitale Revolution, anfangs verbunden mit der Hoffnung auf Demokratisierung durch Abschaffung von Herrschaftswissen, wirft die Frage nach den Grenzen von Privatheit auf. Bekennen in der Öffentlichkeit mutet dieser Text sogar Christen in Ängsten zu. Hier bietet die digitale Entwicklung unendliche Möglichkeiten.

Mitteleuropäische Normalchristen haben sich jedoch daran gewöhnt, dass in der vielfältigen Gesellschaft Glaube persönliche Entscheidung und damit Privatsache ist. Streit um Glauben befremdet, vermeintliche Friedfertigkeit macht Christen oft sprachlos. Glaube zieht sich ins Private zurück: Was mich antreibt, ist meine Sache, was meinen Nachbarn motiviert, ist seine Angelegenheit. Laute Bekenner wirken lächerlich wie der Prediger in der Fußgängerzone oder abschreckend wie jene, die mit Gewalt ihrem Gott einen Dienst zu tun meinen oder sich zu einem Anschlag »bekennen.«

Gerade diese Auseinandersetzung hat freilich auch manchem mitteleuropäischem Christen deutlich gemacht, dass Christen auch sagen müssen, was Leitlinie unseres Lebens ist. Das geht nie ab ohne Unterscheidungen – wer sich auf Gott beruft, muss auch sagen, wer und wie Gott ist, auch im Unterschied zu anderen Bekenntnissen.


IV  Halt im Leben

In Berlin streitet man über das Kreuz auf dem Schlossnachbau. Evangelische Stellungnahmen reden mehr vom Denkmalschutz als von einem religiösen Zeichen. In der Öffentlichkeit dominiert der Gedanke, dass ein christlicher Standpunkt – deutlich gemacht im Kreuz auf einer Kuppel – unfähig macht für interreligiöse Gespräche in jenem Gebäude. Neigen nicht auch Menschen unserer Gemeinden solcher Meinung zu? Meine Erfahrung ist anders: Gerade, wer den eigenen Glauben liebt, kann in Diskussionen mit andersgläubigen überzeugend reden, aber auch verstehend hören.

Thema also: »Bekennen«, und das weniger als Aussprechen von Wahrheiten, sondern begriffen als eine Beschreibung meines Halts im Leben. Wer sich zu Jesus bekennt, dem steht er zur Seite. Dieser Halt macht fähig, anderen zuzuhören und das Eigene zu vertreten – ohne Gewalt und (versteckte) ­Aggression.


Martin Ost

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2017

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

2. Christtag (Tag des ­Erzmärtyrers Stephanus)
26. Dezember 2017, Offenbarung 7,9-12
Artikel lesen
Epiphanias
6. Januar 2018, Kolosser 1,24-29
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
2. Sonntag im Advent
10. Dezember 2017, Jesaja 63,15-16(17-19a)19b;64,1-3
Artikel lesen
»Bei meinem Amtsantritt gab es noch Fürbittlisten für DDR-Kollegen im Gefängnis«
Im Gespräch mit Kirchenrat Werner Dettmar
Artikel lesen
Noch’n Ereignis …

Artikel lesen
Christnacht
24. Dezember 2017, Jesaja 7,10-14
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!