5. November 2017, Matthäus 10,34-39
21. Sonntag nach Trinitatis

Von: Tabea Rösler
2 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

»Wenn nicht jetzt, wann dann?«

Entzweiung und Schwert – ein unbrauchbarer Predigttext!?

»Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf der Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien …« (Mt. 10,34f). Unsere Welt ist aufgeladen mit politischer Aggression. Die großen Mächte stehen einander feindlich gegenüber, bereit, ihre Schwerter zu zücken und Bomben sprechen zu lassen. Nun auch noch in der Kirche das Kriegskommando führen? Nein! Dieser Text gehört nicht gepredigt. Er hat nichts zu tun mit unserem christlichen Glauben! – Für alle, die – wie ich – bereit sind, den Predigttext ad acta zu legen, lohnt sich allerdings der zweite Blick. Die Kriegsmetaphorik ­lehne ich ab. Lässt sich ein tieferer Sinn ­erkennen, der den Text für uns doch noch fruchtbar macht?


Eine Botschaft auf den zweiten Blick

Vor kurzem besuchte ich in unserer Kirchenregion den »Go-7-Gottesdienst«, einen Gottesdienst im modernen Format, freitags um 19 Uhr. Das Motto: »Wenn nicht jetzt, wann dann?« Es geht darum, im Leben Entscheidungen zu treffen, sich klar zu positionieren, notwendige Dinge zu verändern, Format und Profil zu zeigen. »Entscheiden« kommt von »scheiden« – durchtrennen, sondieren, Wichtiges bewahren, Überflüssiges entsorgen. Im Englischen deutlich im Wort »decision« (Entscheidung), was den Begriff »scissors« (Schere) enthält (die sozusagen ein Schwert im Kleinen ist). Entscheidungen treffen? Manchmal ist das gar nicht so einfach! Im Go-7 verdeutlicht dies ein Rollenspiel: Die Ehefrau möchte umziehen und privat und beruflich neu anfangen. Der Ehemann hingegen fühlt sich zu Hause pudelwohl. Er sieht keine Notwendigkeit, sich zu verändern. Beide geraten aneinander, die ­Lösung bleibt offen.

Entscheidungen treffen, klar sein mit sich selbst und anderen. Hier nun bewegen wir uns auf der Linie von Mt. Er fordert Klarheit im christlichen Glauben. Wer an Jesus glaubt, muss sich entscheiden: zwischen dem »alten Leben« und dem »neuen Leben« in Christus, zwischen Ballast und überflüssigen Bindungen (die für die meisten von uns heute wohl allerdings nicht in der Familie liegen dürften!) und neuen Plänen und Visionen. In den Worten von Go-7: »Nicht in den Rückspiegel blicken, sondern nach vorn!«


Eine klare Entscheidung treffen – interaktiv

Im Predigttext mahnt Matthäus die Abkehr von der Familie an. So wie Jesu Jünger sollen alle Christen in der Nachfolge Jesu alle Bindungen (im weitesten Sinn) hinter sich lassen. Und wir heute? Im Go-7 werden Karten und Stifte ausgegeben mit folgenden drei Fragen: »Was möchtest Du als nächstes in Deinem Leben verwirklichen? Was hindert Dich daran, es zu tun? Welche Lösung gibt es?« Nach dem Ausfüllen der Karten sammelt die Pastorin die Karten derjenigen Gottesdienstbesucher, die sie abgeben möchten, ein. Dabei wird darauf hingewiesen, dass nach der Predigt einige Karten vorgelesen und alle abgegebenen Karten schließlich in einer Gebetbox abgelegt werden, welche die Pastorin im sonntäglichen Fürbittengebet vor Gott bringen werde.

Die Gottesdienstbesucher bringen auf ihren Karten sehr unterschiedliche Alltagsprobleme sowie Lebens- und Glaubensfragen zur Sprache. Das Spektrum reicht von dem Wunsch, sich ein eigenes Pferd leisten zu können, bis hin zur Bitte um bleibende Gesundheit, um Genesung sowie Festigkeit im Glauben trotz Einsamkeit. Viele Menschen tragen ihr Kreuz (V. 38) und üben sich in der Nachfolge Christi, jeder auf seine Weise und in seinem Lebenskontext. Dies wird an den z.T. sehr anrührenden und nachdenklich stimmenden Stellungnahmen deutlich und regt zum eigenen Weiterdenken an.


Die Chance der Bärenraupe, über die Straße zu kommen

»Wenn nicht jetzt, wann dann?« Wage ich, meine Entscheidung zu treffen, mit allen Konsequenzen? Im Go-7 verharrt die Pastorin nicht bei der rein persönlichen Betroffenheit. Sie spielt einen weiteren Gottesdienstbaustein ein, das bekannte Gedicht von Rudolf Otto Wiemer.1 Sehr eindrucksvoll, wie sie den Text, der Bärenraupe gleich, durch die Kirche schreitend vorträgt. Ein Raunen geht durch das Kirchenschiff. Hier finden sich offenbar viele Gottesdienstbesucher wieder und fiebern mit der kleinen Bärenraupe mit. Diese wagt das Unmögliche und kriecht über die stark befahrene Hauptstraße: ohne Hast, ohne Furcht, ohne Taktik – bis sie das herrliche Grün erreicht und sich ihren Traum von einem leckeren Mahl erfüllt.

Glaube als Entscheidungshilfe. Darum geht es Mt. im Kern. Ein Thema, das aktueller denn je ist in unserer zufriedenen, übersättigten – und dadurch bisweilen so kraft- und profillos gewordenen – Kirche und Gesellschaft.


Anmerkung:

1 Rudolf Otto Wiemer, Die Chance der Bärenraupe, über die Straße zu kommen, http://www.liliths-rainbow-pages.de/Gedichte/wie-raupe.HTML (15.08.2017).


Tabea Rösler

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2017

2 Kommentare zu diesem Artikel

03.11.2017
Ein Kommentar von Andreas Klein


Vielen herzlichen Dank für die Hilfe, diesen Predigttext bei einem Taufgottesdienst mit 2 Familien doch wagen zu können!
03.11.2017
Ein Kommentar von Andreas Klein


Vielen herzlichen Dank für die Hilfe, diesen Predigttext bei einem Taufgottesdienst mit 2 Familien doch wagen zu können!

Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Epiphanias
6. Januar 2018, Kolosser 1,24-29
Artikel lesen
2. Christtag (Tag des ­Erzmärtyrers Stephanus)
26. Dezember 2017, Offenbarung 7,9-12
Artikel lesen
Neujahrstag
1. Januar 2018, Josua 1,1-9
Artikel lesen
Ohne Predigt des Evangeliums kann keine evangelische Kirche sein
Luthers reformatorische Entdeckung und ihre Folgen für das evangelische Kirchenverständnis
Artikel lesen
4. Sonntag im Advent
24. Dezember 2017, 2. Korinther 1,18-22
Artikel lesen
Altjahresabend
31. Dezember 2017, 2. Mose 13,20-22
Artikel lesen
Unerschütterliche Treue zu Volk und Vaterland?
Anmerkungen zur Geschichte der deutschen evangelischen Pfarrervereine 1933-1946
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!