»Alle(r)heiligen«

Von: Peter Haigis
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In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist der Reformationstag ein gesetzlich geschützter Feiertag. Man kann das mit Blick auf die vielen in »katholisch Westdeutschland« gepflegten Feiertage als gerechten Ausgleich ansehen. Man kann es aber auch als Würdigung des kulturellen Erbes jener Bundesländer verstehen, die ja – zumindest überwiegend – gewissermaßen als »Mutterregionen« der Reformation gelten können. In diesem besonderen Jahr des Reformationsjubiläums ist nun – ausnahmsweise und einmalig – der 31. Oktober bundesweit ein Feiertag. Das wird begangen und gefeiert, landauf, landab, mit Gottesdiensten, Church-Nights, Konzerten, Lesungen, Luthermahlen und was dergleichen an Events noch so alles einfallen mag.

Der erste November hingegen ist stets Feiertag in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und im Saarland. Er hat ein katholisches Gepräge und gilt traditionell als »Gedenktag der Heiligen«. Inzwischen ist die englische Bezeichnung für den Vorabend zu »Allerheiligen« (»All Hallows’ Eve«) verballhornt zu »Halloween« und die Nacht vom 31.10. zum 1.11. missraten zu einer in dieser düsteren Zeit ja wirklich nötigen Partygelegenheit mit abgeschmacktem Grusel-Masken-Effekt.

Doch zurück zu »Allerheiligen«: Als traditionell katholischer Feiertag hat er wenig Chancen, protestantischerseits bedacht zu werden. Doch warum eigentlich? Denn wer oder was sind schon »Heilige«? Besonders religiöse Menschen? Vorbilder des Glaubens? Sind sie Gott besonders nahe? Näher als andere? Und warum nicht mal eine ganz eigene Namensliste aufmachen?

Chancenlos, an diesem Gedenktag je offiziell bedacht zu werden, und doch bedenkenswert als »Heiliger« in einem protestantischen Sinn könnte zum Beispiel Janusz Korczak sein, der sich den SS-Soldaten entgegenstellte, als sie die Kinder des von ihm geleiteten jüdischen Waisenhauses in Warschau in die Vernichtungslager abtransportierten. Chancenlos auch Elsa Brandström mit ihrem Einsatz für deutsche Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg, Paul Schneider, der »Prediger von Buchenwald«, der sich auch im Konzentrationslager nicht den Mund verbieten ließ, und Oskar Schindler mit seiner raffinierten Unternehmerstrategie, die unzähligen jüdischen Kindern das Leben rettete. Dietrich Bonhoeffer wird evangelischerseits ohnehin als »Heiliger« verehrt. Martin Luther lassen wir lieber mal außen vor – der war ja nun auch wirklich genug dran!

Weiter finden sich in meinem ganz persönlichen und natürlich völlig unmaßgeblichen »Heiligenkalender«: Martin Luther King und Stephen Biko für ihren immer noch aktuellen Kampf gegen Rassismus. Oskar Brüsewitz, der unbequeme Pfarrer und Störenfried aus der ehemaligen DDR, den man gerne für »verrückt« erklärt. Frère Roger, der Gründer der Gemeinschaft von Taizé. Chiara Lubich mit ihrem Traum von einer völker- und kulturübergreifenden Stadt Gottes. Die Brüder Daniel und Philip Berrigan von der »Pflugscharbewegung«, die sich in den USA als erste an die Zäune atomarer Waffenlager ketteten. Leonardo Boff für sein Engagement unter brasilianischen Straßenkindern. Die Menschenrechtskämpferin Rigoberta Menchú. Julia Hill, die zwei Jahre in einem Baum lebte, um gegen die Abholzung der Regenwälder zu protestieren. »Christus-Nachfolger« Joseph Beuys für seine religiösen Skulpturen und Performances und Jan Garbarek für seine himmlische Musik.

Genug für viele 1. November …

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

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