Die Reformation aus katholischer Sicht
Abstand – Selbstrelativierung – Ökumene

Von: Ulrich Ruh
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Was könnten Katholiken der Reformation abgewinnen? Vieles, antwortet Ulrich Ruh, wenn man offen und unvoreingenommen auf die geschichtliche Entwicklung seit dem 16. Jahrhundert blickt. Das gilt nicht nur für die Kulturleistungen, die die Reformation hervorgebracht hat, sondern gerade auch für die theologischen Neuorientierungen.


Gibt es das überhaupt: »die« katholische Sicht der Reformation? Die Frage ist nicht zu vermeiden, weil die katholische Kirche längst nicht mehr der homogene Block ist, der sie nicht nur im Anspruch, sondern durchaus auch in der Wirklichkeit in hohen Maß einmal war. Die Zeiten des legendären, geschlossenen »katholischen Milieus«, das ich in meiner Kindheit noch erlebt habe, sind inzwischen vorbei. Aber es gibt nach wie vor offizielle, verbindliche Festlegungen für die gesamte katholische Kirche, nicht zuletzt die diversen Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965).


Der katholische Horizont: Ökumenische Öffnung …

Deshalb kann die katholische Sicht der Reformation im Jubiläumsjahr 2017 prinzipiell nicht davon absehen, dass die katholische Kirche sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil offiziell als Teil der einen Ökumenischen Bewegung versteht (vgl. das Ökumenismusdekret »Unitatis redintegratio« von 1964), die Ökumene zu ihrer eigenen Sache gemacht hat, nachdem sie sich einer Mitarbeit lange verweigert hatte. Seit dem Konzil führt sie Lehrgespräche mit anderen Konfessionen (besonders intensiv mit Lutheranern, Anglikanern und Methodisten), und praktiziert viele Formen der Zusammenarbeit mit anderen Kirchen.

Das schafft sozusagen einen neuen Horizont auch für die katholische Bewertung der Reformation, lässt allerdings innerhalb dieses Horizonts durchaus einen gewissen Spielraum für unterschiedlich akzentuierte Deutungen. Schon der offizielle katholische Ökumenismus ist ja konzeptionell eine spannungsreiche Angelegenheit: Das Ökumenismusdekret spricht nämlich einerseits davon, die katholische Kirche sei »mit dem ganzen Reichtum der von Gott geoffenbarten Wahrheit und der Gnadenmittel beschenkt« (Nr. 4), erkennt aber gleichzeitig an, dass »einige, ja sogar viele und bedeutende Elemente und Güter, aus denen insgesamt die Kirche erbaut ist und ihr Leben gewinnt, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche existieren können« (Nr. 3). Die unübersehbare Spannung zwischen diesen beiden Aussagereihen macht sich durchgängig beim ökumenischen Engagement der katholischen Kirche bemerkbar.


… und Identitätsbestimmung

Neben der ökumenischen Öffnung ist noch ein weiteres Element zu nennen, das die katholische Sicht auf die Reformation notwendigerweise prägt: Die katholische Kirche tut sich beim Blick auf die Reformation in gewisser Weise leichter als die reformatorischen Kirchen, weil dieser Blick nicht unmittelbar mit der Frage nach ihrer konfessionellen Identität zusammenhängt. Ob beim Bekenntnis, bei der Gestalt des Gottesdienstes, bei der Struktur des kirchlichen Amtes oder beim Verhältnis zum Staat – überall geht es für die reformatorischen Kirchen bis heute um die Beschäftigung oder Auseinandersetzung mit Weichenstellungen, die in der Reformationszeit erfolgt sind. Dagegen ist ihrem offiziellen Selbstverständnis nach die Identität der katholischen Kirche in einer ungebrochenen geschichtlichen Kontinuität seit der Zeit der Apostel begründet; sie kann sozusagen auf eine Geschichte von 2000 Jahren zurückblicken, während die Reformationskirchen in dieser Perspektive als »Newcomer« erscheinen. Dieser Sicht zufolge ist für Protestanten ein gewisser »Identitätsstress« allemal stärker kennzeichnend als für Katholiken; die Geschichte der reformatorischen Kirchen und Gemeinschaften ist von Anfang an gekennzeichnet durch immer neue Anläufe zur Selbstfindung und Selbstdefinition.

Allerdings stimmt diese verbreitete und zunächst durchaus plausible Gegenüberstellung nur auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich nämlich schnell, wie sehr auch die Geschichte der katholischen Kirche voller Brüche, Spannungen und Veränderungsprozesse in Lehre, Frömmigkeit wie Struktur ist. Beispiele dafür ließen sich in beliebiger Zahl anführen bis hin zum Zweiten Vatikanischen Konzil als einer prägnanten und bis heute teilweise umstrittenen Zäsur für Selbstverständnis und Leben der Kirche. Diese Einsicht betrifft nicht zuletzt die katholische Bewertung der Reformation: Diese ist eben mehr als eine unliebsame Störung der katholischen Kontinuität und Identität, lässt sich nicht als eine Art lästiger Turbulenz abtun, die man von katholischer Seite letztlich ignorieren könnte, weil sie keine ernsthafte Anfrage an das eigene Kirche-Sein bedeutet.

In diesem doppelten Horizont lässt sich heute angemessen nach der katholischen Sicht der Reformation fragen. Ich möchte das anhand von drei Thesen tun, die eine Brücke von der Reformation als geschichtlichem Ereignis zur Frage nach der Zukunft von Christentum und Kirche schlagen.


Konfessionalität als Prägemerkmal

Auch die nachreformatorische katholische Kirche ist ein Teilelement der konfessionellen Pluralisierung des westlichen Christentums, die ein bleibendes Ergebnis der Reformation darstellt. Im reformatorischen Flügel der Christenheit ist diese Pluralisierung ohnehin augenfällig. In einem Prozess, der sich über einige Jahrzehnte erstreckte, bildeten sich im 16. Jh. unterschiedliche reformatorische Konfessionen heraus: Lutheraner, Reformierte, Anglikaner sowie die aus der täuferischen Bewegung entstandenen Gemeinschaften wie etwa die Mennoniten, später die Baptisten. Aber auch die »Altgläubigen« bildeten seinerzeit eine in vieler Hinsicht vergleichbare konfessionelle Identität aus, nicht zuletzt durch die Beschlüsse und Folgewirkungen des Konzils von Trient (1545-1563). Erwähnt seien nur das tridentinische Glaubensbekenntnis, der nach dem Konzil in seinem Auftrag ausgearbeitete »Catechismus Romanus« oder der Anspruch auf Normierung der Liturgie durch ein einheitliches Messbuch (»Missale Romanum«). Dem katholischen Glaubensbekenntnis gingen reformatorische Bekenntnisse voraus, dem katholischen Katechismus reformatorische Katechismen – katholische Konfessionalisierung als Reaktion.

Dem Anspruch und Selbstverständnis nach war zwar die nachreformatorische katholische Kirche nie eine Konfession unter anderen, sondern verstand sich als die eine wahre Kirche Jesu Christi. Aber de facto war und ist sie eine solche Konfession, wenn auch eine mit spezifischen Merkmalen gerade im Vergleich mit den reformatorischen Konfessionen. Man denke nur an das hohe Maß an Einheitlichkeit in Struktur, Lehre und Gottesdienst sowie nicht zuletzt an das Amt des Papstes. Diese Sonderstellung der katholischen Kirche als Konfession hat auch Auswirkungen auf die katholische Sicht der Reformation, gerade im Jubiläumsjahr.


Sollen Katholiken die Reformation feiern?

Zunächst ist in diesem Zusammenhang festzuhalten, auch wenn es möglicherweise einigermaßen provokativ klingt: Katholiken und auch ihre Kirche sind nicht dazu verpflichtet, die Reformation zu »feiern«, weder Martin Luther als maßgeblichen Bannerträger der Reformation noch die Reformation als geschichtliches Gesamtereignis. Sie können und sollten das getrost ihren reformatorischen Schwestern und Brüdern überlassen, und zwar nicht aus Ignoranz oder gar Ressentiment, sondern deshalb, weil die Reformation für die katholische Kirche als Konfessionskirche nicht im selben Maß konstitutiv war wie für die reformatorischen Kirchen. Sie markieren ja schon in ihren Namen die konstitutive Bedeutung der Reformation, heißen sie doch »lutherische« oder »reformierte« Kirchen.

Ich habe bewusst formuliert, die Reformation sei für die katholische Kirche nicht im selben Maß konstitutiv gewesen bzw. sei es nach wie vor wie für die Reformationskirchen, weil sich ja nur durch die Herausforderung Reformation wichtige Züge der katholischen Konfessionalisierung herausgebildet haben. Schon deshalb sollten sich Katholiken auch durchaus für das Reformationsjubiläum interessieren und haben auch allen Grund, in angemessenen Formen an den Feiern Anteil zu nehmen. Das geschieht ja auch gerade in Deutschland erfreulicher Weise, anders als bei frühen Jahrhundertfeiern der Reformation.


Katholizismus als gegenreformatorische Konfession

Zum zweiten gilt: Das Reformationsjubiläum bzw. die Beschäftigung mit der Reformation überhaupt kann und sollte sogar die katholische Kirche dazu herausfordern, über ihre »gegenreformatorische« Prägung als Konfessionskirche nachzudenken und sich kritisch darüber Rechenschaft zu geben, inwieweit sie sich aufgrund dieser Prägung Verengungen oder Defizite im eigenen Kirche-Sein eingehandelt hat. Das fällt der katholischen Kirche gerade wegen ihres gewaltigen und nicht selten erdrückenden institutionellen Gewichts innerhalb der weltweiten Christenheit nicht gerade leicht, ist aber ausgesprochen heilsam und sogar höchst notwendig.

Für eine solche kritische Selbstprüfung gäbe es genügend Betätigungsfelder, vom Gottesdienst, dem ersten Reformprojekt, das seinerzeit vom Zweiten Vatikanischen Konzil auf den Weg gebracht wurde, bei dem es aber durchaus noch Handlungsbedarf gibt, bis zum Amtsverständnis und zur Rolle des für die katholische Kirche spezifischen päpstlichen und bischöflichen Lehramts in seinem Verhältnis zur Theologie einerseits und zum »Glaubenssinn des Gottesvolkes« andererseits.


Dankbare Würdigung reformatorischer Kulturleistungen

Schließlich ein Drittes: Zu einer angemessenen katholischen Bewertung der Reformation gehört nicht zuletzt die unverkrampfte, dankbare Würdigung dessen, was auf dem Boden der Reformation an religiös-kulturellen Gütern entstanden ist, gemeinsam mit den protestantischen Christen wie mit Interessierten, die außerhalb einer institutionalisierten kirchlichen Gemeinschaft stehen oder sich nur in lockerer Verbindung mit einer solchen befinden. Persönlich gesprochen, nämlich als passionierter Organist und Chorsänger: Ich könnte mir ein Leben ohne die Orgel- und Vokalkompositionen von Johann Sebastian Bach (man denke an seine große »Orgelmesse«, an seine Passionen und an viele seiner Kirchenkantaten) nicht vorstellen, auch nicht ohne die Bibelvertonungen von Heinrich Schütz, von der »Geistlichen Chormusik« bis zu den »Musikalische Exsequien«. Das Gleiche gilt für die geistliche Lyrik von Paul Gerhardt, die im »Evangelischen Gesangbuch« reich vertreten ist, aber durchaus auch im katholischen »Gotteslob«, oder für die Heilige Schrift in der Übersetzung Martin Luthers.

Dieser ungeheure Schatz gehört zu den Pfunden, mit denen die reformatorischen Kirchen gerade heute wuchern können – eines der Vorbereitungsjahre für das Reformationsjubiläum stand zu Recht unter dem Motto »Reformation und Musik«. Die katholische Kirche wiederum ist als gegenreformatorische Konfessionskirche auf ihre Weise kulturprägend geworden, nicht zuletzt durch eine Fülle von prächtigen barocken Kirchen im katholischen Europa, durch Gemälde, vor allem Heiligendarstellungen, und ebenfalls durch geistliche Vokal- und Instrumentalkompositionen. Lange Zeit standen die Konfessionen bei der Pflege ihres kulturellen Erbes weitgehen mit dem Rücken zueinander. Heute ist dagegen gerade in kultureller Hinsicht der produktive und lebendige Austausch zwischen den konfessionellen Traditionen und Ausdrucksformen angesagt, die im Übrigen auch nie in völliger Abschottung voneinander existiert haben. Dieser Austausch wird erfreulicher Weise vielfach schon praktiziert.


Reformatorische Grundentscheidungen als Herausforderung für Katholiken

Die Reformation hat strukturelle und inhaltliche Veränderungen im christlich-kirchlichen Leben bewirkt, durch die, bildlich gesprochen, das Tischtuch zur katholischen Ausprägung des Christentums zerschnitten wurde. Alle diese Veränderungen und ihre Umsetzung sind aber gleichzeitig auch ernstzunehmende Anfragen für die katholische Kirche, auch noch in ihrer heutigen Gestalt. Teilweise hat sie sich diesen Anfragen im Zweiten Vatikanischen Konzil gestellt, etwa durch die Liturgiereform oder auch durch die Aufwertung der Heiligen Schrift im Leben der Kirche (vgl. dazu die Konstitution über die göttliche Offenbarung mit den programmatischen lateinischen Anfangsworten »Dei Verbum«). Teilweise sind sie zumindest indirekt Thema in den gegenwärtigen Reformdiskussionen innerhalb der katholischen Kirche und Theologie, wie sie nicht zuletzt im deutschen Sprachraum, aber auch darüber hinaus geführt werden.


Konsensbewegung im Blick auf die Rechtfertigungslehre

»Die Lehre von der Rechtfertigung hatte für die lutherische Reformation des 16. Jahrhunderts zentrale Bedeutung … Ganz besonders wurde die Rechtfertigungslehre in der reformatorischen Ausprägung und ihrem besonderen Stellenwert gegenüber der römisch-katholischen Theologie und Kirche der damaligen Zeit vertreten und verteidigt, die ihrerseits eine anders geprägte Rechtfertigungslehre vertraten und verteidigten.«

So formuliert die Präambel der 1999 in Augsburg offiziell unterzeichneten »Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre« von Lutherischem Weltbund und Vatikanischem Einheitsrat. Durch diesen lutherisch-katholischen Konsenstext ist als Ergebnis intensiver theologischer Gespräche eine wichtige Kontroversfrage der Reformation sozusagen entschärft, was nicht hoch genug zu veranschlagen ist. Weitere offizielle Konsenstexte werden zumindest angedacht und sind jedenfalls theologisch schon weitgehend vorbereitet.


Ständegefüge in der Krise

Die Reformation hat mit der traditionellen Ständeordnung innerhalb des Christentums gebrochen, wie sie sich in der spätantiken Kirche ausgebildet und im Mittelalter weiter verfestigt hatte. Demnach teilten sich die Christen in Kleriker, Ordensleute und die »Laien« als großen Rest. In der Reformation ist an die Stelle dieser Aufgliederung und der damit verbundenen theologischen Höherbewertung von Klerikern und Ordensleuten gegenüber den Laien das eine Amt im Dienst an Wort und Sakrament getreten, ohne besonderen theologischen Status.

In der katholischen Kirche der Gegenwart steckt das herkömmliche Ständegefüge in einer tiefgreifenden Krise, jedenfalls in unseren Breiten. Die weiblichen wie männlichen Orden haben meist kaum noch Nachwuchs, dasselbe gilt vom diözesanen Klerus. Gleichzeitig wollen sich aktive Laien nicht mit der traditionellen Kompetenzzuschreibung zu ihren Ungunsten zufrieden geben. Angesichts dieser prekären Situation sind katholische Kirche und Theologie herausgefordert, neu über das Profil des geweihten Amts und seine Stellung im kirchlichen Gefüge nachzudenken und das Verhältnis von Klerus und Laien in der Kirche neu zu gewichten. Dabei kann ein ehrlicher, nicht verklärender Blick auf die Amtskonzeption in den reformatorischen Kirchen durchaus hilfreich sein. Es geht nicht darum, sie einfach nachzuahmen, aber doch von ihren Vor- wie Nachteilen ohne Scheuklappen zu lernen.


Päpstliches Leitungsamt in der Sackgasse

Die Reformation hat den Anspruch von Papst und Bischöfen auf die Leitung der Kirche zurückgewiesen; stattdessen entstanden (teilweise unter dem Zwang der Verhältnisse) unterschiedliche Konzeptionen des überregionalen Amtes bzw. kirchlicher Leitung, von der staatlichen, genauer gesagt: fürstlichen Letztverantwortung für die territorialen kirchlichen Gemeinschaften bis hin zur völligen Autonomie der Einzelgemeinden. Dagegen hat die katholische Kirche nach der Reformation die päpstliche Leitungsvollmacht auf Kosten der Bischöfe oder auch nationaler Instanzen bis ins Extreme ausgebaut, mit dem Gipfelpunkt der dogmatischen Definition des päpstlichen Lehr- und vor allem Jurisdiktionsprimats durch das Erste Vatikanische Konzil (1869/70). Das Zweite Vatikanum hat diese Vollmachten bekräftigt (demnach hat der Papst »volle, höchste und universale Gewalt über die Kirche und kann sie immer frei ausüben«).

Seit dem letzten Konzil gibt es allerdings in der katholischen Kirche und Theologe kontroverse Diskussionen darüber, ob sich die Kirche mit dieser Übersteigerung der päpstlichen Vollmacht in Theorie wie Praxis nicht in eine Sackgasse manövriert hat. Wiederum wäre bei den entsprechenden katholischen Diskussionen ein unverstellter Blick auf die heutigen Leitungsstrukturen und ihre Geschichte in den reformatorischen Kirchen angebracht. Das betrifft nicht zuletzt den Stellenwert und die Verantwortung von Synoden als Organen kirchlicher Leitung auf den verschiedenen Ebenen.


Gottesdienstreform

Die Reformation hat das gottesdienstliche Leben umgekrempelt, vor allem durch die Abschaffung des mit exzessiver Häufigkeit als priesterliche Veranstaltung gefeierten Messopfers. Der Gottesdienst der Gemeinde wird seither in den reformatorischen Kirchen grundsätzlich in verschiedenen Grundformen begangen, als Predigtgottesdienst, als liturgisch reicher ausgestalteter Gottesdienst mit oder ohne darin integriertem Abendmahl.

In der katholischen Kirche kennt man als »Normalform« des sonntäglichen und oft auch des werktäglichen Gottesdienstes nur die (durch das Zweite Vatikanum erneuerte) Form der Eucharistiefeier. Dadurch entsteht vielfach eine problematische »Eucharistielastigkeit« auf Kosten anderer Gottesdienstformen und entsprechender Angebote. Die größere gottesdienstliche Flexibilität in den reformatorischen Kirchen könnte für die katholische Kirche als ein Anstoß (beileibe nicht als der einzige!) dafür dienen, die notwendigen Veränderungen ihrer gottesdienstlichen Praxis in Angriff zu nehmen.


Die Reformation und die Zukunft von Christentum und Kirche

Die Reformation hat zu einer Auffächerung des westlichen Christentums in einander teilweise bis aufs Blut bekämpfende, häufig gegeneinander polemisierende und oft einander auch mehr oder weniger ignorierende Konfessionen geführt. Mit Hilfe staatlicher Gewalt setzten sie meist regionale oder nationale Exklusivität durch, begleitet von der Diskriminierung konfessioneller Minderheiten, die höchstens geduldet wurden. Heute und auch für die absehbare Zukunft käme es für das als Folge der Reformation gespaltene westliche Christentum dagegen darauf an, dass katholische Kirchen und Reformationskirche angesichts der gemeinsamen gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Herausforderungen nicht in Abschottung voneinander oder in gegenseitiger Ignoranz agieren, sondern jeweils grundsätzlich auch die andere Seite im Blick ­haben.

Natürlich müssen sie sich auch der Probleme annehmen, die sich aus der spezifischen Prägung und Geschichte der jeweiligen Konfessionskirche ergeben, sozusagen ihre eigenen Hausaufgaben machen. So sollte etwa die katholische Kirche von ihrer klerikalen Hypertrophie wegkommen und vor allem neue Formen der Mitsprache und Mitverantwortung der Getauften entwickeln, sich ein Stück weit »demokratisieren«. Auch im Blick auf die kirchliche Morallehre besteht spezifisch katholischer Handlungsbedarf; man denke an die Hypothek der seit ihrer Veröffentlichung umstrittenen Enzyklika »Humanae Vitae« Pauls VI. aus dem Jahr 1968.

Ich erspare mir mit der gebotenen ökumenischen Zurückhaltung Hinweise auf entsprechende Hausaufgaben für die reformatorischen Kirchen und belasse es bei der Erinnerung an den 2006 von der EKD unter Wolfgang Huber gestarteten Reformprozess (»Kirche der Freiheit«). Für die Zukunft des Christentums in unseren Breiten wäre es höchst wünschenswert, wenn es zu so etwas wie einem Wettstreit der Kirchen im besten Sinn käme, der sich auf verschiedene wichtige Bereiche ihres Lebens und Zeugnisses erstrecken könnte: auf das Bemühen um die Erneuerung von örtlichen Gemeinden und anderen kirchlichen Vergemeinschaftungsformen genauso wie auf die Möglichkeiten kultureller Präsenz, auf das Gespräch mit den anderen Religionen, gerade auch mit dem Islam als neuem und vielfach irritierendem Mitspieler im religiösen Feld wie auf die gesellschaftliche Diakonie, nicht zuletzt auf die Verlebendigung der religiösen Grundvollzüge Gottesdienst, Sakramentenspendung und Verkündigung. Auf allen diesen Feldern gibt es mehr als genug zu überlegen und zu tun, für kirchlich Verantwortliche wie für Fachtheologen und auch für »normale« engagierte Christenmenschen, die jeweils ihre spezifischen Kompetenzen einbringen können und sollten.

In allen Bereichen geht es nicht ohne Spielraum für Experimente, da es ohnehin keine Patentrezepte für die Bewältigung der anstehenden Probleme gibt. Das erfahren sowohl die reformatorischen Kirchen wie die katholische Kirche derzeit sehr deutlich – und auch schmerzlich. Beide Seiten haben allerdings jeweils Pfunde, mit denen sie in dieser Situation wuchern können, wenn sie es denn in gegenseitiger Offenheit und Lernbereitschaft tun. Beim wem hier aktuell die größeren Defizite bestehen, diese Frage möchte ich nicht entscheiden.


Abstand – Selbstrelativierung – Ökumene

Man kann die hier skizzierte katholische Sicht der Reformation abschließend in drei Stichworten zusammenfassen: Abstand- Selbstrelativierung-Ökumene.

Abstand: Keine aktuelle Auseinandersetzung mit der Reformation kann davon absehen, welch großer Unterschied in der religiös-kulturellen Situation zwischen damals und heute besteht: Seinerzeit war der christliche Glaube der selbstverständliche Horizont für alle Lebensbereiche und christliche Religiosität gehörte flächendeckend zum Alltag. Dass zu den Aufgaben der staatlichen Instanzen die »cura religionis« gehört, die Sorge für das religiöse Leben der Untertanen, ist unter den Bedingungen von Religions- und Gewissensfreiheit nicht mehr vorstellbar. Das gilt auch für die Leidenschaft, mit der damals religiös-kirchliche Fragen diskutiert wurden. Das alles gilt sowohl für eine katholische Bewertung der Reformation wie für die in den sich auf sie berufenden ­Kirchen.

Selbstrelativierung: Bei jedem Nachdenken über Reformation, Christentum und Kirche ist heute eine gehörige Portion Selbstrelativierung geboten. Kirche ist im Verständnis des christlichen Glaubens grundsätzlich eine relative Größe und sollte sich deswegen nicht zu wichtig nehmen. Eine solchermaßen grundierte Sicht von Kirche und allem, was dazu gehört, entlastet auch im guten Sinn bei der heutigen Beschäftigung mit der Reformation, gerade auf Seiten der ihre Relativität gern verdrängenden katholischen ­Kirche.

Ökumene: Kontakte zwischen evangelischen und katholischen Christen, zwischen der katholischen Kirche als Institution und den Kirchen der Reformation sind in Deutschland auf allen Ebenen, von den Gemeinden vor Ort bis zu den Kirchenleitungen, inzwischen selbstverständlich, vielfach schon Routine. Das gibt auch die Perspektive für die katholische Sicht der Reformation vor: Sie bildet sich im Blick auf die Kirchen der Reformation als ökumenische Partner aus, mit denen man trotz gelegentlicher Reibungen schiedlich-friedlich zusammenlebt. Gemeinsam leisten die Kirchen einen wichtigen Dienst am Gemeinwohl, das den Beitrag gelebten und reflektierten Christentums gut gebrauchen kann. Als in der Wolle gewaschener Katholik kann ich auf diesem Hintergrund sagen: Es wäre schade, wenn es die aus der Reformation hervorgegangene Variante des Christentums bei uns nicht gäbe!

 

Über den Autor

Prof. Dr. theol. Dr. h.c. Ulrich Ruh, Jahrgang 1950, Honorarprofessor der Theol. Fakultät Freiburg, bis 2014 Chefredakteur der Zeitschrift »Herder Korrespondenz«.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

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