Zu Heiner Geißlers »Vorschlag«
Christ sein ohne Gott?

Von: Hans-Martin Barth
1 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Nur selten greifen Laienchristen öffentlich in die theologische Diskussion ein. Das ist schade, weil es der Vorgabe des »allgemeinen Priestertums der Glaubenden« durchaus entsprechen würde und weil es nötig wäre, damit die häufig geforderte »öffentliche Theologie« wirklich zustande kommt. Immerhin hat sich Finanzminister Wolfgang Schäuble vor nicht langer Zeit zum Problem von »Protestantismus und Politik« ge­äußert.1 Der jüngst verstorbene CDU-Sozialpolitiker Heiner Geißler zeigte keine Scheu, sich zu Wort zu melden, zuletzt mit seinem Buch »Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?«2 Der Waschzettel auf dem Rücken des Bändchens fasst das Problem noch schärfer: »Ist Christsein möglich ohne Gott?« Es ist eine Frage, die sich heute nicht wenige Menschen in Deutschland stellen dürften.

Ich habe vor zwei Jahren im Deutschen Pfarrerblatt einen Artikel geschrieben mit der Überschrift: »Christ sein mit und ohne Religion.«3 Das klingt in mancher Hinsicht ähnlich, und dies motiviert mich, zu Heiner Geißlers Buch Stellung zu nehmen. Er ist bewegt von der Tatsache, dass von den 7,5 Mrd. Menschen auf der Erde (nach Georges Minois) 1,333 Mrd. Atheisten und Agnostiker sind (40) und dass, wie er mit einer gewissen Häme feststellt, in Eisleben nur noch 7% der Leute getauft sind (35).


Die ungelöste Theodizeefrage

Religion ist für Geißler nicht das zentrale Problem. Transzendenz-Bewusstsein könnte sich im Zuge der Menschwerdung entwickelt haben. Das spräche jedenfalls nicht unbedingt gegen Gott (59f). Die Naturwissenschaften lassen manche Frage offen und werfen manche Frage auf, seien aber jedenfalls von der Theologie oftmals behindert worden. Die Kirchen sollten die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten; stattdessen »erzählen sie wunderbare Geschichten von den Hirten auf den Feldern und den Engeln, die den Frieden verkünden …« (62).

Der Mensch brauche Hoffnung, und das Verschwinden der Religionen brächte nicht nur Vorteile. Klar aber sei: »Den Gott, wie ihn die Theologie der christlichen Kirchen beschreibt, kann es nicht geben.« (67) Geißler hat dafür zwei Argumente. Das eine besteht in der völlig ungelösten Theodizeefrage: Gott und die an Krebs erkrankten Kinder! Das andere: die innere Widersprüchlichkeit des christlichen Gottesbildes: Geißler zählt alles auf, was an der christlichen Gottesvorstellung dem gesunden Menschenverstand widerspricht – eine Liste, die PfarrerInnen und TheologInnen unbedingt zur Kenntnis nehmen sollten. Im Kern geht es um das Theismus-Problem. Geißler hat recht, wenn er behauptet, nichts habe »dem Gott des Evangeliums mehr geschadet als bestimmte Gottesvorstellungen der Theologie beider Konfessionen«, und er versäumt nicht, auf die Untaten zu verweisen, die Christen »im Namen ihres Gottes begangen haben und immer noch begehen.« (7)

Abzulehnen sei aber nicht nur der christliche Gottesbegriff, sondern vor allem auch das mit ihm verbundene christliche Menschenbild: Der Mensch »ein Klumpen Sündendreck« – frei nach Augustin und vor allem Luther! Als besonders verhängnisvoll empfindet Geißler die Rechtfertigungslehre, die die Kirchen spätestens bis zum Reformationsgedenken 2017 abgeschafft haben sollten. Mit seiner Stellung zum gebundenen Willen, zum Hexenglauben und zu den Juden kommt Luther ohnehin als ein Hauptmissetäter zu stehen. Die offizielle Lehre der Kirchen verdamme »die Leute mittels Rechtfertigungslehre, der Erbsünde und einer Gnadentheologie, die die politische Botschaft des Evangeliums verleugnet.« (18) In der Tat erscheint heute nicht nur der theistische Gottesbegriff, sondern auch das Bild des Menschen als eines in sich verkrümmten Sünders als unzumutbar.


Sich mit Jesus identifizieren

Ich übergehe gewisse Plumpheiten, Unschärfen und auch Fehler seiner Darstellung (etwa bei der Polemik gegen Luther oder Karl Barth). Was hat er positiv anzubieten? Er liest die Geschichte von Jesus und dem Blinden und stellt fest: Es »wird einem angesichts der blasphemischen Vorstellung von Gott warm ums Herz, wenn man an Jesus denkt.« (25) Sinnlosigkeit ist daher das Schicksal von Christen nicht, wenn sie an Gott zweifeln. Sie können an dreierlei nicht zweifeln: Jesus ist ein historischer Mensch, hat eine riesige Volksbewegung in Gang gesetzt und eine wunderbare Botschaft in die Welt gebracht: die Pflicht zur Nächstenliebe, exemplifiziert am Beispiel des barmherzigen Samariters, und die Forderung eines Verhaltens, wie es Mt. 25 entspricht: Hunger bekämpfen, Trinkwasser beschaffen, Flüchtlinge aufnehmen … (73f). Metanoeite – denkt um! Wer sich radikal so verhält und vielleicht zum Märtyrer wird, kann »sich leicht mit Jesus identifizieren«. (75)

Wenigstens der ethische Anspruch Jesu scheint einzuleuchten. Vielleicht liegt in der Tat hier für viele Menschen ein Anstoß, sich irgendwie auf das Christentum einzulassen. Ich denke, es lässt sich zeigen, dass es der Menschheit gut bekäme, wenn sie sich von der Bergpredigt inspirieren ließe. Aber Geißler selbst bietet trotz seiner Polemik gegen die »Sünden-Theologie« viele Beispiele dafür, dass Menschen sich nicht nach der Bergpredigt richten. Er sucht die unantastbare Würde des Menschen, von deren ständigen Verletzungen er scheußlich Beispiele zusammenstellt (z.B. den Folter-Katalog aus Syrien, 31). Ihm hilft, dass Jesus den Menschen sagt: »Ihr seid nicht ein Klumpen Sündendreck, sondern in eurer Würde unantastbar, weil sie in Gott verankert ist«, unabhängig von eurer »Leistung und Leistungsfähigkeit« (37f). Geissler hat allerdings kein Gespür dafür, dass er damit das Kernstück der Rechtfertigungsbotschaft formuliert. Nur möchte er – trotz des schrecklichen Verhaltens von Menschen – diese Würde voraussetzen und nicht erst zugesprochen bekommen. Doch er ahnt, wer sie uns zusprechen und zueignen kann: Jesus von Nazareth.


Wie es mit dem Christentum weitergehen muss

Trotz mancher Kurzschlüssigkeiten scheint Geißler zu wittern, wie es mit dem Christentum weitergehen muss. Wir müssen wieder ganz von vorn anfangen – bei dem galiläischen Wanderprediger, der in seinem Verhalten und Sterben die Menschen davon überzeugt hat, dass sich in ihm nicht nur eine konkrete Lebensperspektive, sondern auch eine umfassende Gnade und Barmherzigkeit erschließt. Deswegen wurde Jesus – den religiösen Vorstellungen der Zeit entsprechend – als der Gesalbte, als »Sohn Gottes« bezeichnet. Diesen Sprachgebrauch müssen wir von unseren christlichen Vorfahren nicht übernehmen. Es ist genug, wenn wir Jesus aus Nazareth ernsthaft nachzufolgen versuchen.

Für viele Menschen hat sich dabei die Erfahrung eingestellt, wie er uns leitet, voranbringt, wie wir uns dabei als getragen und geborgen erleben können. Dies ist seit der Zeit des NT sozusagen zur Erprobung freigegeben. So kommt man vielleicht auf eine unerwartete Weise mit »Gott« in Berührung, auch ohne in überholte Gottes- und Menschenbilder zu verfallen. Gott lässt sich dann nicht mehr missverstehen als eine ins Metaphysische übersetzte Superfigur. Wir werden vielmehr zu fragen haben, ob er sich eher erkennen lässt als ein unauslotbares Gnaden-Kraftfeld, in dem und aus dem wir leben und in das hinein wir sterben, und das uns väterlich-mütterlich zugewandt ist. Oder noch unvorstellbar anders! Das Bilderverbot will uns ohnehin davon abhalten, uns auf bestimmte Gottesvorstellungen festzulegen.

Heiner Geißler hat seinen Ansatz nicht ausgekauft, aber er hat in die richtige Richtung gewiesen. Jesus ist »eine totale Provokation und eine Verkörperung von Menschlichkeit und Barmherzigkeit. … Ihm und an seine Botschaft können wir glauben.« (75) Dies gilt wohl gerade für eine Zeit zunehmender Religionslosigkeit und um sich greifender Unmenschlichkeit. Es zu entfalten und plausibel zu machen, dürfte die Aufgabe künftiger Kirche und Theologie sein.


Anmerkungen:

1 München 2016.

2 Berlin 22017. Die Seitenangaben im Text beziehen sich auf diese Ausgabe.

3 DPfBl 12/2014, 687-692.



Hans-Martin Barth

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

1 Kommentar zu diesem Artikel

05.11.2017
Ein Kommentar von Lorenz Kock


Ein guter Abschiedsgruß von Heiner Geißler. Wie gut, dass wir ihn noch auf dem letzten Pfarrertag im September 2016 in Travemünde erleben konnten... "Was würde Luther heute sagen" war sein letzter Zeigefinger zu Lebzeiten, wie gut!

Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Neues aus dem Verband evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer

Artikel lesen
»Reformatio Ecclesiarum Hassiae«
Die Homberger Synode von 1526 als frühes europäisches Modell von Bürgerbeteiligung in einem Reformprozess der Kirche
Artikel lesen
»Alle(r)heiligen«

Artikel lesen
Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr (Volkstrauertag)
19. November 2017, Lukas 16,1-8(9)
Artikel lesen
»Ich werde nicht brennen, denn ich bin der Schwan«
Die Persönlichkeit Martin Luthers im Kontext der Reformation
Artikel lesen
Zeigen, dass es geht
Pastoren-Paare
Artikel lesen
Gedenktag der Entschlafenen
26. November 2017, Daniel 12,1b-3
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!