12. November 2017, Lukas 11,14-23
Drittletzter Sonntag des ­Kirchenjahres

Von: Karin Lindner
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Für Gewaltverzicht, Liebe, Umkehr


I

»Wir wollen das Thema Exorzismus!« Die jungen Frauen in der letzten Reihe sind plötzlich hellwach dabei. »Da gibt’s Videos auf youtube – krass!« Ihre Vordersitzerinnen schütteln die Köpfe, schauen sich an. »Auf keinen Fall«, murmelt eine. Eine Schülerin meldet sich: »Wir wollen das nicht, man darf nicht über den Teufel reden. Schon wenn man daran denkt, bekommt er Macht über uns.«

Szene aus dem RU in einer Berufsschulklasse. Hier die Faszination des Bösen, des Teuflischen mit Nervenkitzel und Splatterfaktor. Dort die Angst vor einer bösen Macht, vor dem Ergriffenwerden.


II

Lk. beschreibt die Dämonenaustreibung in dieser Perikope nicht näher, zuvor ist dies schon mehrmals ausführlich geschehen (Lk. 8,26-39; Lk. 9,37-42). Die Rede ist hier von einem Dämon, der stumm ist und entsprechend stumm macht. Erst als er ausgefahren ist, findet der Verstummte seine Stimme wieder. Der Exorzismus ist nur der Auftakt für die Grundsatzfrage, die Lk. hier klären will: Welche Macht ist hier im Spiel? Die Zuschreibung, der Heilende sei mit dem Teufel im Bunde, ist ein wiederkehrender, unheilvoller Mechanismus, siehe Hexenverfolgungen. Interessanterweise sind es in dieser Perikope nicht die Gegner Jesu, die ihn hinterfragen, versuchen und herausfordern, sondern sie kommen aus der Mitte des Volkes.

Die sich anschließende Erläuterung Jesu ist rhetorisch kunstvoll aufgebaut: Jesus widerlegt die Gegner zunächst mit ihrer eigenen Argumentation und verweist dann auf das »Mehr«, das durch ihn erfahrbar wird. Durch ihn wirkt Gottes Kraft und das Reich Gottes wird so spürbar unter den Menschen. Sogar der bestgesicherte Herrschaftsbereich wird durchbrochen. Vermeintliche Sicherheiten nützen nicht mehr.


III

Der dann folgende Skopos des Textes (V. 23) liest sich in Zeiten trumpscher Machtrhetorik zunächst mit gemischten Gefühlen. Die Herausforderung Stellung zu beziehen: »Which side are you on?« Wann ist das wichtig und notwendig, wann ausgrenzend und in ihrer dualistischen Vereinfachung auch gefährlich? Gerd Theißen schreibt dazu: »Der Absolutheitsanspruch Jesu ist ein Ruf zur Umkehr. Umkehr aber ist Freiheit. Freiheit gilt unbedingt in einer pluralistischen Gesellschaft … Der Absolutheitsanspruch Jesu verlangt Liebe. Ohne Liebe kommen die Menschen nicht zum Heil. Liebe gilt unbedingt in einer pluralistischen Gesellschaft.« Und schließlich: »Gott verzichtet auf seine Macht, um Menschen zu gewinnen … Der Absolutheitsanspruch Jesu setzt sich mit Gewaltverzicht durch. Gewaltverzicht gilt unbedingt in einer pluralistischen Gesellschaft.«1

Es geht also darum, klare Position zu beziehen: für Gewaltverzicht, Liebe, Umkehr. Die Versuchung des Teufels besteht demgegenüber laut Lk. 4,1-13 gerade darin, Macht über andere auszuüben, sich selbst zu überheben und sich für unverletzbar zu halten.


IV

Dämonen austreiben, das ist neben Krankenheilungen der zentrale Auftrag an die Jünger*innen (vgl. Lk. 9,1ff): Menschen sollen in Gottes Namen befreit werden von dem, was sie gefangen nimmt, was sie stumm, rasend, menschenfeindlich und isoliert sein lässt. D.h. den Kräften, die Menschen gefangen halten oder außer sich selbst geraten lassen, soll Einhalt geboten werden. Diese Kräfte zu identifizieren und bei ihrem Namen zu nennen, ist der jeweils erste Schritt. Wie könnten sie heute heißen? »Leistungsgesellschaft«, »ewige Jugend« oder auch »America (bzw. Deutschland, Europa, Christ*innen) first«?

Und wenn sie erkannt worden sind, geht es um eine Entscheidung: ihnen weiter zu folgen, oder sich für den Weg Jesu zu entscheiden – für eine Umkehr zur Freiheit, für Liebe und Gewaltverzicht. Dafür einzustehen ist Jesu Anspruch und ist heute mehr denn je gefragt: »Es gilt ein frei Geständnis …« (EG 136,4).


V

Meine Schüler*innen frage ich, was den »bösen Kräften« entgegenzusetzen wäre, damit sie keine Macht über uns bekommen. Ihre Antworten: sich auf das Gute konzentrieren; an sich selbst glauben; das »Dämonische« entlarven; keine Angst haben vor dem Leben; Gott ist eine stärkere Kraft.


Lieder

EG 444,1-5 »Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne«

EG 316,1-4 »O komm, du Geist der Wahrheit«

EG 619,1-4 (Württ.) »Du bist der Weg und die Wahrheit und das Leben«

EG 153,1-5 »Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt«


Anmerkung:

1 Gerd Theißen, Glaubenssätze. Ein kritischer Katechismus, Gütersloh 2012, 245f.


Karin Lindner

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2017

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