Anmerkungen zur Geschichte der deutschen evangelischen Pfarrervereine 1933-1946
Unerschütterliche Treue zu Volk und Vaterland?

Von: Peter Gbiorczyk
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Die Geschichte des Verbandes der – wie es damals hieß – deutschen evangelischen Pfarrervereine in den Jahren 1933-1945 ist politisch stark belastet. Der Verband stellte im Blick auf den Widerstand gegen den Nationalsozialismus kein leuchtendes Beispiel dar – im Gegenteil. Peter Gbiorczyk fördert historisches Material zutage und fordert die angemessene historische Aufarbeitung dieser Phase aus der Geschichte des Verbandes.1

Im vergangenen Jahr feierte der Pfarrverein Kurhessen-Waldeck in Kassel sein 125jähriges Bestehen. Bei dieser Gelegenheit hat Professor Jochen-Christoph Kaiser einen im Hessischen Pfarrblatt vom Dezember 2016 abgedruckten Vortrag gehalten, der sich vor allem mit dem Verhältnis der EKKW und des Pfarrvereins nach 1945 beschäftigte. Dabei ist er kritisch, insbesondere auch mit Bezug auf Bernd Jasperts grundlegendes Buch zur Geschichte des kurhessischen Pfarrervereins, auf die Zeit von 1933-1945 eingegangen. Am Ende seines Vortrags stellt er fest, dass sich gerade für die Zeit der Wirrnisse der NS-Kirchenpolitik zeigen lasse, welch zentrale Bedeutung der Verein ungeachtet der unterschiedlichen Fraktionszugehörigkeit seiner Mitglieder besaß, so dass nicht politische Bekenntnisse oder konfessionelle Schranken entscheidend waren, sondern die brüderlich-kollegiale Gemeinschaft. Die folgenden Ausführungen sollen diese sicher für nicht wenige damalige Pfarrer geltende Einschätzung ergänzen, da es durch die vom Vorstand des Deutschen Evangelischen Pfarrervereins 1933 unmittelbar nach der Machtergreifung betriebene ideologische und strukturelle Gleichschaltung mit dem neuen Staat und der deutschchristlichen Reichs-Kirchen-Regierung in den Kreisen der Pfarrer und Bruderräte der Bekennenden Kirche auch deutliche Distanz zu den Pfarrervereinen und das Absehen von einer Mitgliedschaft gegeben hat.


Nach 1945 der Erneuerung der Kirche einen schlechten Dienst erwiesen

Bei der Arbeit an einer Biographie über den Bekenntnispfarrer und späteren Propst des Sprengels Hanau Wilhelm Wibbeling, habe ich von dessen Briefwechseln aus dem Jahr 1946 mit dem Bruderrat der Bekennenden Kirche in der EKiD Kenntnis erhalten. Am 18. März 1946 teilt Wilhelm Wibbeling Pfarrer Hans Asmussen als dem Vorsitzenden des Bruderrats mit, dass er nach dem Tod der Bruderratsmitglieder Karl Lotz und Bernhard Heppe den Vorsitz im kurhessischen Bruderrat vorläufig habe übernehmen müssen.2 Wegen der bevorstehenden Übernahme des Propstamtes könne er diese Aufgabe schon wegen der Arbeitslast allerdings nur kurzzeitig wahrnehmen. Im Monat darauf übernimmt Pfarrer Karl Hilmes/Ulfen den Vorsitz.

Im Juli 1946 wendet sich Wibbeling dann noch einmal mit einem Schreiben an den Bruderrat der EKiD, in dem er seine Bedenken gegenüber der von Pfarrer Fritz Klingler, dem Vorsitzenden der deutschen evangelischen Pfarrervereine, im Namen des Vorstandes 1946 herausgegebenen »Dokumente« zum Abwehrkampf der deutschen evangelischen Pfarrerschaft gegen Verfolgung und Bedrückung 1933-1945 vorträgt und um eine Stellungnahme bittet.3 Diese Dokumentation mache einen geradezu peinlichen Eindruck. Dem Neuwerden der Kirche sei ein sehr schlechter Dienst erwiesen worden. Zum ersten Beitrag der Dokumentation aus dem Jahr 1943, den unser Vorsitzender in Kurhessen Wepler im Gefängnis niedergeschrieben hat, merkt er an, dass ihnen dieser schon damals fragwürdig vorgekommen sei. Im kurhessischen Bruderrat hätten sie noch keine Gelegenheit gehabt, sich damit zu beschäftigen, aber es müsse ja wohl von zentraler Stelle aus irgendwie Stellung genommen werden.

Zum Verständnis ist es sinnvoll, auf die Dokumentation näher einzugehen, zumal das bisher in Veröffentlichungen nur sehr kursorisch geschehen ist.

Abb. 1: Die nach dem Krieg vom Verband der deutschen evang. Pfarrvereine heraus­gegebenen »Dokumente zum Abwehrkampf«, 1933-45


In der Einführung schreibt Fritz Klingler, von 1935 bis1945 Reichsbundesführer und danach bis 1951 Vorsitzender der deutschen evangelischen Pfarrervereine, dass die Kräfte des Evangeliums und die unserer evangelischen Gemeinden stark genug gewesen wären, den weltanschaulichen Kampf des Nationalsozialismus gegen die christlichen Kirchen … zu bestehen. Gleichzeitig habe aber die deutsche evangelische Pfarrerschaft in einer Flut der Diffamierung, Ehrlosmachung, Verdächtigung und Kränkung gestanden wie nie zuvor. Ähnlich wie Hermann Wepler 1943 hebt er besonders hervor: Pfarrer sein und aus einem evangelischen Pfarrhaus stammen, das war so gut wie Volksgenosse zweiten Grades sein. Was dagegen getan worden sei, soll nun der Öffentlichkeit und den Gemeinden in einer Art Weißbuch vorgelegt werden.


Eine Art »Weißbuch« der deutschen evangelischen Pfarrerschaft

Es gibt in den abgedruckten Dokumenten Zeugnisse wirklichen Abwehrkampfes gegen Verfolgung und Bedrückung, vor allem im Fall von Redeverbot und Ausweisung oder Verhaftung von Pfarrern in den Jahren 1935 und 1937.4 In den Dokumenten der ersten vier Kapitel jedoch wird vornehmlich beklagt, dass Pfarrer und Theologiestudenten in nationalsozialistischen Organisationen nicht aufgenommen werden oder ihnen die weitere Mitarbeit verboten wird.

Das verwundert weniger, wenn man einen kurzen Blick auf die Geschichte des Verbandes der deutschen evangelischen Pfarrervereine, der ungefähr 1600 Mitglieder vertritt, ab 1933 wirft. Vorsitzender ist zu dieser Zeit Superintendent D. Dr. Friedrich Schäfer/Remscheid: politisch steht er sehr weit rechts und kirchenpolitisch sympathisiert(e) er mit den Deutschen Christen.5 Zum fünfköpfigen engeren Vorstand gehört auch der Vorsitzende des kurhessischen Pfarrervereins Hermann Wepler, Mitglied der NSDAP bis zu seiner Verhaftung 1943 und der Deutschen Christen. In einem Vortrag auf dem Deutschen Pfarrertag im September 1933 in Nürnberg begründet Friedrich Schäfer ausführlich den Vorzug des nun totalen Staates gegenüber der liberalen Demokratie, der Gemeinschaftsbewußtsein …, absolute Wahrheit und absolute Werte verschlossen geblieben seien.6 Der Pfarrerstand müsse eine Einheitsfront bilden, in der alle Kräfte angespannt werden sollten, um das Werk Adolf Hitlers zu fördern und sittlich-religiös zu unter­mauern.7


Adolf Hitler als »Frühlingssturm« begrüßt

In dem von Pfarrer Johannes Kopp, dem Schriftführer des Vereins und Schriftleiter des Deutschen Pfarrerblatts, verfassten Jahresbericht, den er der Abgeordnetenversammlung des Pfarrervereins am 15. November 1933 in Nürnberg vorlegt, heißt es in diesem Sinne emphatisch8: Der Frühlingssturm, der über Deutschland gekommen ist, als Adolf Hitler die Zügel der Regierung mit starker Hand ergriff und sein gewaltiges Werk des Wiederaufbaus und der Erneuerung des deutschen Volkes in Angriff nahm, ist auch an der im Verband der deutschen evangelischen Pfarrervereine zusammengefaßten Pfarrerschaft nicht spurlos vorübergegangen. Ueberall hat sie sich einmütig und freudig vorbehaltlos hinter die neue Staatsführung gestellt, ja, sie hat das neue Deutschland als ein Geschenk aus der Hand des allmächtigen Gottes begrüßt, der im Sturm dieser Zeit sich unserm Volk offenbart hat … Nach Berufung auf den großen deutschen Reformator Martin Luther heißt es dann weiter: Aus vollem Herzen stimmt die deutsche evangelische Pfarrerschaft in den Heilruf auf den Kanzler und Führer ein …. Mit innigem Dank gegen Gott und in freudiger Bejahung der nationalsozialistischen Bewegung begrüßt sie den Zusammenbruch des volkszersetzenden Marxismus, der dem Christentum Kampf bis aufs äußerste angesagt und das deutsche Volk bis ­nahe an den Abgrund des Bolschewismus ­gebracht hatte.

In diesem Geist wird dann die Satzung des jetzt Reichsbund der Deutschen Evangelischen Pfarrervereine genannten Vereins auf dem Deutschen Pfarrertag am 13. September 1934 in Frankfurt am Main einstimmig und ohne Widerspuch verabschiedet.9 Der Pfarrerverein probt damit die Anpassung an die kirchenpolitischen Ziele von Reichskirchenminister Hanns Kerrl.10 In §2,1 der Satzung wird festgehalten, dass der Reichsbund sich zur Aufgabe setzt, die Arbeit der nationalsozialistischen Regierung zum Wiederaufbau des deutschen Reiches nach Kräften zu unterstützen. Insbesondere soll dies durch Förderung der kulturellen Aufgaben in enger Zusammenarbeit mit den von der nationalsozialistischen Bewegung gegründeten Organisationen erfolgen.11 Diese Formulierung wird wortgleich auch in die neue Satzung des Evangelischen Pfarrer-Vereins Kurhessen-Waldeck vom 3. Juli 1935 in §3,2 übernommen.12

Mit den Satzungen wird zugleich das Führerprinzip eingeführt: Die Mitglieder des Reichsführerrates schenken durch die Wahl des Führers diesem ihr ganzes Vertrauen und richten sich deshalb nach seinen Entscheidungen. Sie bringen ihre Wünsche und Anträge vor, besprechen und behandeln dieselben, überlassen aber die letzte Entscheidung dem Führer. (§§5-8, modifiziert als Vereinsführer in Satzung Kurhessen-Waldeck §6,2).13 Im Blick auf die Verwirklichung der Ziele der Arbeit hat sich der Führer unter Beachtung der Forderungen der nationalsozialistischen Bewegung voll und ganz einzusetzen. Insbesondere hat er dem Grundsatz: »Gemeinnutz geht vor Eigennutz« praktische Geltung zu verschaffen (§7,1).14


Nur vereinzelt Widerstand gegen deutsch-christliche Gleichschaltung

In einem Schreiben vom 13. September 1934, dem Tag der Verabschiedung der Reichsbundsatzung, an Hermann Wepler hatte Pfarrer Bernhard Heppe noch im Namen des Bruderrats des Bruderbundes Kurhessen und der BK, damit auch im Namen ihres Mitglieds Wilhelm Wibbeling, gegen die Satzung des Reichsbundes Protest eingelegt: Wir müssen es ablehnen, bei dem jetzigen Stand der Dinge, den Pfarrerverein in die Front des deutsch-christlichen Reichs-Kirchen-Regiments eingliedern zu lassen. Wir bitten, unseren Protest in Frankfurt anzumelden.15 Im einem Rundschreiben 7. vom 8. September an die Pfarrer der BK hatte er den Protest schon angekündigt. Man wolle sich mit aller Kraft zur Wehr setzen, ein Austritt jedoch käme erst in Frage, wenn diese Satzung durchgehe.16

Zwar bleibt es bei dem Entwurf, es entfällt jedoch die vorgesehene Berufung des Reichsbundesführers durch den Reichsbischof.17 In den Rundbriefen Bernhard Heppes finden sich keine weiteren Hinweise auf eine Behandlung der verabschiedeten Bundessatzung, auch 1935 keine über die Anpassung der neuen Grundsätze in der Satzung des kurhessischen Pfarrervereins.

Dieser sehr kurze und unvollständige Rückblick auf die Anpassung der Pfarrervereine an Teile der Ideologie und Struktur der nationalsozialistischen Bewegung macht die Enttäuschung all derer verständlich, die dann, wie es viele in dem von Fritz Klingler herausgegebenen Dokumentenbuch zeigen, als Theologen je länger je mehr von der Mitarbeit in den Organisationen der NSDAP ausgeschlossen wurden.


Pfarrer in »Treue und Liebe zum Vaterland«

Im ersten Kapitel der Dokumente wird das von Kreispfarrer Hermann Wepler/Eschwege, Vereinsführer des Evangelischen Pfarrervereins e.V. von Kurhessen-Waldeck, im Polizeigefängnis Kassel verfasste Memorandum Der evangelische Pfarrer in seinem Verhältnis zu Volk und Staat abgedruckt. Er verschickt es am 1. Mai 1943 an die Staatspolizei in Kassel zur Weiterleitung an die Geheime Staatspolizei Berlin.18 Er war vom Oberlandesgericht Kassel wegen »Rundfunkverbrechen« (Abhören von Feindsendern) zu drei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt worden.19 Fritz Klingler nennt als Begründung, dass er sich unvorsichtig und ungünstig über den Ausgang des Krieges und der Partei geäußert habe.20 Warum kam Wilhelm Wibbeling und mit ihm dem Bruderrat Kurhessen diese Ausarbeitung fragwürdig vor? Es gibt dazu leider keine weiteren Äußerungen. Jedoch kann man sich eine Vorstellung davon machen, wenn die Hauptpunkte der Argumentation Weplers kurz zusammenfassend dargestellt werden. Sein letzter und tiefster Wunsch sei es gewesen, durch den Bericht ein wenig dazu beizutragen, daß das Vertrauensverhältnis zwischen Staatsführung und Pfarrerschaft wiederhergestellt würde und daß alle Sonderbestimmungen für Pfarrer aufgehoben würden, die sie als Volksgenossen 2. Ordnung erscheinen lassen.

Der folgenden Analyse werden wohl auch die Mitglieder der BK noch zugestimmt haben: Gegen die Kirchenvorstandswahlen von 1933, dieses Werk kirchenfremder Gleichschaltung habe von Seiten der Pfarrer und bewußt christlicher Gemeindeglieder der Kampf eingesetzt: Das war zugleich der Ausgangspunkt für den nun folgenden Kirchenkampf. Hunderte von Pfarrern wurden im Laufe dieses Kampfes verhaftet. Weil sie der Partei in kirchlichen Dingen nicht gehorsam waren, galten sie als politisch diffamiert. Eine weltliche Organisation kann keinen Gehorsam in geistlichen Dingen fordern … Der Pfarrer wollte dem Staat geben, was des Staates ist, und der Kirche, was der Kirche ist. Weil er sich der Parteidisziplin in diesem Staat nicht fügte, mußte er den Vorwurf, politisch verdächtig zu sein, auf sich nehmen …

Als den stärksten Angriff auf die deutsche Mannesehre empfindet Wepler dann das Wort von Reichstagspräsident Hermann Göring: »Ich frage, wo waren die Pfarrer damals, als wir im Weltkrieg standen …!« Er stellt dem das mit großer Eile und Sorgfalt vom Reichsbund erhobene statistische Material des Weltkrieges für das evangelische Pfarrhaus dagegen, aus dem hervorgehe, dass 36,2% der in den Kampf gezogenen Pfarrer gefallen seien, weit mehr als aus anderen akademischen Berufen. Die beste Rechtfertigung und eine Wiederherstellung der Mannesehre jedoch erfahre der Pfarrerstand nun in diesem Krieg. Er verweist auf die schweren Opfer, die das Pfarrhaus bringt, und die höchsten Auszeichnungen, die Pfarrer und ihre Söhne erhalten haben. Sie würden dem Ehrenbuch der Pfarrerschaft ein neues Ruhmesblatt hinzufügen. Sein besonders hervorgehobenes Fazit: Als deutsche Männer tun wir unsere Pflicht und lassen uns von keinem Berufsstand in der Treue und Liebe zum Vaterland übertreffen.


»Die evangelischen Pfarrer im Deutschen Reich waren arisch«

Dann wehrt sich Wepler gegen den Vorwurf, dass die Pfarrerschaft verjudet sei. Er fragt sich zwar kurz, ob dies damit zusammenhängt, dass der Pfarrer an der uns überlieferten Gestalt der Bibel festhält, also dem Festhalten auch am Alten Testament. Wichtiger ist ihm jedoch unter Aufnahme der Grundsätze des »Ariernachweises« festzustellen, dass der Verdacht der Verjudung sehr leicht habe widerlegt werden können. Der Prozentsatz der evangelischen Pfarrer im Deutschen Reich, die nicht rein arisch waren, habe nach amtlicher Feststellung 0,17% betragen: In unserer Landeskirche in Kurhessen-Waldeck war unter den Pfarrern ein Halbjude gewesen. Mit diesem Ergebnis konnte sich die Pfarrerschaft dem Prüfungsamt für arischen Nachweis stellen. Trotzdem gehe in dieser Sache die Hetze gegen die Pfarrer weiter: Aussprüche wie: »Die Juden samt den Pfaffen müssen aus dem Land hinaus« oder »gleich nach den Juden kommen die Pfaffen« zeigten deutlich, wie gewisse Elemente ungestraft gegen die Pfarrer hetzen dürften.

Angefügt sei, dass Hermann Wepler 1935/1936 im Pastoralblatt des Pfarrervereins Hessen-Kassel zwei Aufsätze über den Berliner »orthodox-antisemitischen« Hofprediger Adolf Stoecker veröffentlicht.21 Stoecker habe der rassenpolitische Gesichtspunkt … völlig fern gelegen. Sein Kampf habe dem modernen Judentum gegolten, das von Gott abgefallen ist und die Börse zu seinem Tempel gemacht habe: Dieses wurzellose Judentum verkörpert für ihn die Macht, die den christlichen Glauben und das Nationalgefühl zerstört.22 Einem so verstandenen bis aufs Letzte gehende(n) kämpferische(n) Antisemitismus stimmt Wepler zu und empfiehlt ihn zum Vorbild für das kirchliche Engagement in der Gegenwart.23

Sodann verweist Wepler auf die von Reichsbundesführer Kirchenrat Klingler noch zu besprechenden urkundlichen Unterlagen für bekannt gewordene Fälle, aus denen deutlich werde, wie die Pfarrer aus den verschiedenen Organisationen nach und nach systematisch … aus der Wehrmacht … herausgedrängt worden seien. Wepler beklagt darüber hinaus, dass die Studenten der Theologie in einer studentischen Kameradschaft keine Aufnahme finden können und dass die Pfarrer der Ostmark des Großdeutschen Reiches heute bitter enttäuscht seien, weil auch sie sich von aller öffentlichen Mitarbeit ausgeschlossen als Bürger 2. Ordnung fühlten. Sie hätten doch als Träger des Deutschtums Schweres zu erdulden gehabt, seien zum Teil Märtyrer für ihre deutsche Haltung geworden. Dann wird schließlich das evangelische Pfarrhaus unter Berufung auf einen Biologen und einen Historiker als ein erstaunliches Massiv geistiger Erbmasse bezeichnet, das andere Stände überrage. Es sei auch eine wertvolle Zelle für die Erhaltung der Geburtenzahl. Die Ehe des Pfarrers sei mit mehr als 3,1 Kindern noch nicht unterfrüchtig.

Insgesamt geht es Hermann Wepler darum, unter Ausblenden und damit indirekter Anerkennung der NS-Herrschaft mit ihren kriegerischen und mörderischen Folgen für ganz Europa, die unerschütterliche Treue des Pfarrers zu Volk und Vaterland hervorzuheben und damit das Recht von Pfarrern auf Teilnahme an den gleichgeschalteten nationalsozialistischen Organisationen einzufordern. Verständlich für ihn als langjähriges Mitglied der NSDAP und der Deutschen Christen, eher fragwürdig für Wilhelm Wibbeling und Mitglieder des kurhessischen Bruderrats der BK.


Klagen über nationalsozialistische Benachteiligung von Theologiestudenten

Das Erste der folgenden von Fritz Klingler zusammengestellten Dokumente unter dem Titel Planmäßige Entrechtung und bewußte Ausschaltung des deutschen evangelischen Pfarrerstandes auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens trägt die Überschrift Studenten der Theologie werden nicht mehr in die Kameradschaften des NSDSTB [Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund] aufgenommen!24 Es enthält eine Anordnung aus dem Jahr 1938, in der der Leiter des Amtes für Politische Erziehung in der Reichstudentenführung verfügt, dass Studenten der Theologie nicht mehr in die Kameradschaften aufgenommen werden. Zur Begründung heißt es, dass der Bund den Auftrag habe, an der Erziehung des geistigen Nachwuchses für die politischen Berufe mitzuwirken. Sein Auftrag erstrecke sich nicht auf die Träger religiöser und geistlicher Berufe.

Abgedruckt wird auch ein Schreiben aus dem September 1941, in dem der Beauftragte des Berliner Reichsstudentenführers dem dortigen Pfarrerverein mitteilt, dass Theologiestudenten auf Weisung übergeordneter Stellen … nicht mehr in die Gliederungen der NSDAP aufgenommen werden, damit in Zukunft eine klare Scheidung der seelsorgerlichen Aufgaben der Kirche und der politischen Aufgaben der Partei durchgeführt werden kann.25

Die jeweiligen Begründungen wären von Wilhelm Wibbeling bei seinem Verständnis von einer Kirche, die ihre Aufgaben frei vom Staat erfüllt, sicher geteilt worden und er hätte es nicht als Bedrückung oder gar Verfolgung angesehen, wenn man als Theologe nicht an nationalsozialistischer Erziehung mitwirken oder Mitglied der NSDAP sein darf. Dies gilt auch für die weiteren Bei­spiele:

Abb. 2: Adolf Hitler zum 50. Geburtstag (Deutsches Pfarrerblatt 18. April 1939)

Abb. 3: Zum Beginn des Zweiten Weltkriegs (Deutsches Pfarrerblatt Nr. 37, 1939)


Professor Werner Elert, der Dekan der Theologischen Fakultät Erlangen, beschwert sich in einem Schreiben im Juni 1941, dass von den fünfundzwanzig für Führer und Volk gefallenen Theologen, die in Erlangen studiert haben, vom Studentenführer bei einer Feier des NSDSTB keiner genannt wurde.26 Unter Aufnahme der nationalsozialistischen Rassenlehre ist er der Meinung, dass der Studentenführer als Führer der Studentenschaft, zu der alle vollimmatrikulierten Studenten deutschen Blutes gehörten, auch die gefallenen Theologen als einen Teil seiner Gefolgschaft anerkennen müsse.


Pfarrer im »Kampf gegen die inneren und äußeren Feinde« nach dem Ersten Weltkrieg

Der Vereinsführer des Pfarrervereins Sachsen erhebt im Januar 1942 dagegen Einspruch, dass ein Pfarrer aus dem Reichsbund Deutsche Familie ausgeschlossen und ihm ein Ehrenbuch mit der Begründung verweigert wurde, dass nur die dem Bund angehören könnten, die unbedingt zum National­sozialismus und seinem Führer Adolf Hitler stehen.27

Weitere Dokumente beziehen sich auf den Ausschluss von der Mitarbeit im Roten Kreuz28, im Volksbund für das Deutschtum im Ausland, der ab 1938 gleichgeschaltete NS-Organisationen der Auslandsdeutschen ideologisch und materiell unterstützte.29

Fritz Klingler schreibt im Juli 1935 als stellvertretender Reichsbundesführer der Pfarrervereine und als bayerischer Vereinsführer an Ministerpräsident Hermann Göring, nachdem dieser auf einer Großveranstaltung die auch von Hermann Wepler acht Jahre später behandelte Frage gestellt hatte: »Wir fragen die Diener am Worte, die ein Volk glaubenslos werden ließen: Wo wart ihr denn in jener schweren Zeit? Wo waren denn die Diener am Worte als der Drache des Marxismus Deutschland verschlingen wollte?«30 Um dieser Anfrage begegnen zu können, verschickt der Reichsbund der deutschen evangelischen Pfarrervereine den Fragebogen – Das evangelische Pfarrhaus und die evangelische Kirche in und nach dem Weltkrieg mit Fragen zum Militär- und Kriegsdienst der Pfarrer und zum Kampf gegen die äußeren und inneren Feinde nach dem Krieg.31 Bezeichnend für die politische Einstellung sind dabei die einzelnen Fragen zum zweiten Teil: Gefragt wird nach der Beteiligung in Freikorps, am Kampf im Baltikum und in Oberschlesien, am Ruhrkampf, am Grenzkampf in der Ostmark, an Kämpfen gegen Bolschewismus, Kommunismus und Separatismus, nach Verwundeten und Gefallenen in der nationalsozialistischen Bewegung, nach dem goldenen Parteiabzeichen und dem Blutorden, zuletzt nach Erlebnissen und literarischer Betätigung im Kampf gegen das Freidenkertum. Schließlich werden Adressen erbeten von Berufsoffizieren des Weltkriegs und von Offizieren der Reichswehr und der Reichsmarine nach dem Friedensschluss, die Pfarrersöhne waren, von gefallenen Studenten und Kandidaten der Theologie und von Geistlichen, die selbst oder deren Söhne im Feld standen. Auf der Basis der Ergebnisse dieses Fragebogens verteidigt Klinger den Pfarrerstand gegenüber der Anfrage Hermann Görings.

Es sei hier angemerkt, dass Wilhelm Wibbeling, wie die vollständig erhaltenen Fragebögen des Pfarrervereins Hessen-Kassel zeigen, kein Mitglied gewesen ist, ebensowenig Pfarrer Karl Hilmes/Ulfen, sein Mitstreiter im kurhessischen Bruderrat und Nachfolger im Vorsitz und zuletzt Prälat der EKKW.32

Zunächst einmal verweist er darauf, dass über 150 evangelische Theologen aus Bayern im Ersten Weltkrieg ihr Leben gelassen hätten, auf dem Felde der Ehre geblieben wären: Hier wo es gilt, die Liebe zum Vaterland mit Blut und Leben, mit dem Tode zu besiegeln, steht unsere evangelische Pfarrerschaft an der Spitze, ein leuchtendes Vorbild dem ganzen Volk. Nach dem Krieg seien dann allein 127 Geistliche, ehemalige Frontkämpfer, in das Freikorps Epp eingetreten. Es sei angemerkt, dass dieses 1919 an der Niederschlagung der Münchener Räterepublik und anschließend beim Kampf gegen die Rote Ruhrarmee beteiligt war und dass Franz Ritter von Epp 1928 der NSDAP beitritt, wie viele andere der Freikorps. Für Fritz Klingler ist dieser Einsatz von Theologen in den Freikorps ein schlagender Beweis für ihre unerschütterliche Vaterlandstreue. Deshalb gehe ein tiefer Schmerz durch ihre Reihen, wenn sie von höchster Stelle … immer wieder vor allem Volk verächtlich gemacht würden, entweder als Hilfstruppen des Judentums oder als Drückeberger in schweren Notzeiten des Volkes.

Im Juni 1941 wendet sich Fritz Klinger in einem Schreiben an den Reichskriegerführer in Berlin gegen den Erlass, dass Geistliche … nicht Führer und Unterführer des NS.-Reichskriegerbundes sein dürfen.33 Als ein Beispiel für die ungezählten Geistlichen, die ihn gebeten hätten, schärfste Verwahrung dagegen zu erheben, da dies eine unberechtigte Disqualifikation des gesamten evangelischen Pfarrerstandes sei, zitiert er einen Leutnant der Reserve, der unter anderem schreibt: Solange die Mannesehre im nationalsozialistischen Staat als besonders wertvolles Gut geachtet wird, darf ich als Staatsbürger, Offizier, Kriegsteilnehmer und Parteigenosse erwarten, daß der NS-Reichskriegerbund, seiner Tradition getreu, in keiner Weise meinen Stand angreift.


Die Unfähigkeit, Irrwege zu erkennen und zu benennen

Wenn 1946 nach dem Ende der NS-Herrschaft und dem verlorenen Krieg solche Beispiele für einen Abwehrkampf der evangelischen Pfarrerschaft gegen Verfolgung und Bedrückung gehalten und auch noch als Veröffentlichung präsentiert werden, zeigt das die Unfähigkeit, die politische und »theologische« Anpassung an die Ideologie des Nationalsozialismus jetzt kritisch zu überdenken und als Irrweg zu bezeichnen. Im Deutschen Pfarrerblatt, nun wieder der Deutschen evangelischen Pfarrervereine, vom 1. April 1951 wird nach dem Tod von Fritz Klinger in einer Würdigung dessen Bejahung und Unterstützung des NS-Regimes nicht angesprochen, sondern vielmehr geurteilt34: Als Menschen und Mächte versuchten, diese Kirche und ihr Wesen anzutasten, da gab es für ihn keine Besinnung. Er kannte nur entschlossenen Widerstand. Clemens Vollnhals urteilt wohl zu Recht, dass viele Schilderungen des Kirchenkampfes aus der unmittelbaren Nachkriegszeit als eines heroischen Widerstands um des christlichen Bekenntnisses willen mit der Realität nur wenig gemein hatten.35 Und es gilt weiter das Urteil Wilhelm Wibbelings, dass durch die Veröffentlichung der Dokumentation von 1946 dem Neuwerden der Kirche ein sehr schlechter Dienst erwiesen worden ist. Angemerkt sei noch, dass es in den Protokollen des Bruderrats der EKiD keinen Hinweis darauf gibt, dass er sich gemäß der Anregung Wibbelings mit der Dokumentation kritisch beschäftigt hätte.

Diese Anmerkungen zur Geschichte des Verbandes der deutschen evang. Pfarrerinnen und Pfarrer in der Zeit von 1933 bis 1946 beanspruchen nicht, ausreichend historisch-wissenschaftlich belastbar zu sein. Jedoch fehlt bis heute leider eine umfassende Studie. In einer Epoche, in der staatliche Ministerien, Verbände und Unternehmen vermehrt zu ihrer Geschichte solche Studien erarbeiten lassen, wäre es wünschenswert, wenn der Verband dazu einen Auftrag erteilen würde. Angesichts der weltweit in vielen Ländern zunehmenden rassistischen, völkischen und fundamentalistisch-religiösen Tendenzen könnte eine Untersuchung helfen zu lernen, zu Zerstörung führende Häresien von einer sachgemäß an Bibel und Bekenntnis orientierten Theologie zu unterscheiden.


Anmerkungen:

1 Dieser Aufsatz enthält Teile eines Kapitels aus: Peter Gbiorczyk: Propst Wilhelm Wibbeling (1891-1966). Jugendbewegter reformierter Theologe im »Zeitalter der Extreme«, Aachen 2016, 434-443. Er erschien zuerst im Hess. Pfarrerblatt 1/2017, 3-9. – Zitate aus Quellen sind in diesem Aufsatz kursiv gesetzt.

2 Zentralarchiv der EKHN Best. 36, Nr. 39.

3 Schreiben vom 5. Juli 1946, ebd.

4 Ebd., 107-125.

5 van Norden, Günther: Kirchenkampf im Rheinland, Köln 1984, 4.

6 van Norden, Günther: Der deutsche Protestantismus im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, Gütersloh 1979, 210f.

7 Ebd., 215.

8 Deutsches Pfarrerblatt 1933, Nummer 50, 704.

9 So Hermann Wepler an Bernhard Heppe vom 15. September 1934; Jaspert, Bernd: Zur Geschichte des kurhessischen Pfarrervereins, besonders im Dritten Reich, in: Bernd Jaspert (Hrsg.): Dem Evangelium Raum geben, Hofgeismar 1994, 96.

10 van Norden, Günther: Politischer Kirchenkampf. Die rheinische Provinzialkirche 1934-1939, Bonn 2003, 95.

11 Jaspert, 254.

12 Ebd., 221.

13 Ebd., 255 und 222.

14 Ebd., 256.

15 Ebd., 96.

16 Hein, Martin (Hrsg.): Kirche im Widerspruch – Die Rundbriefe des Bruderbundes Kurhessischer Pfarrer und der Bekennenden Kirche Kurhessen-Waldeck 1933-1935, Darmstadt 1996, 129.

17 Jaspert, 97.

18 Dokumente zum Abwehrkampf der deutschen evangelischen Pfarrerschaft gegen Verfolgung und Bedrückung 1933-1945, hrsg. von Kirchenrat Fritz Klingler, Nürnberg 1946, 11-17.

19 Slenczka, Hans: Die evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck in den Jahren von 1933 bis 1945, Göttingen 1977, 143f; Jaspert, 163.

20 Klingler, Dokumente, 11.

21 Ausführlich dargestellt bei Jaspert, 131ff.

22 Ebd., 132, Adolf Stoecker und das Judentum, Pastoralblatt 45 (1936), 12.

23 Ebd., 135.

24 Dokumente, 35.

25 Ebd., 55.

26 Schreiben vom 26. Juni 1941, ebd., 44f.

27 Schreiben vom 20. Januar 1942, ebd., 56f.

28 Ebd., 50-53.

29 Ebd., 62f.

30 Ebd., 78f.

31 Landeskirchliches Archiv Kassel, Nr. 49.

32 Dekan i.R. Christian Hilmes bestätigt, dass sein Vater eine Mitgliedschaft im Pfarrerverein abgelehnt hat.

33 Schreiben vom 26. Juni 1941, ebd., 46f.

34 Deutsches Pfarrerblatt, Nr. 7, 51. Jg., 185.

35 Vollnhals, Clemens: Evangelische Kirche und Entnazifizierung 1945-1949, München 1989, 132.

 

Über den Autor

Dekan i.R. Peter Gbiorczyk, ab 1971 Jugendpfarrer in Marburg/Lahn, Gemeindepfarrer in der Region Hanau und in Buenos Aires, 1989-2005 Dekan des Kirchenkreises Hanau-Land, seitdem Verfasser von Monographien und Aufsätzen zur Schul- und Kirchengeschichte (www.peter-gbiorczyk.de).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2017

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

4. Sonntag im Advent
24. Dezember 2017, 2. Korinther 1,18-22
Artikel lesen
»Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?«
Ein Blick in die Spielpläne der Theatersaison 2017/18
Artikel lesen
1. Christtag
25. Dezember 2017, 1. Johannes 3,1-6
Artikel lesen
Zwischenruf in Zeiten des Umbruchs

Artikel lesen
Christnacht
24. Dezember 2017, Jesaja 7,10-14
Artikel lesen
Epiphanias
6. Januar 2018, Kolosser 1,24-29
Artikel lesen
Noch’n Ereignis …

Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!