Macht und Wahrheit in der evangelischen Kirche
»Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener«

Von: Joachim Kuklik
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Kirche ist im theologischen Sinn keine Demokratie oder Hierokratie, sondern eine Christokratie. Wie aber verhalten sich die Kirche als Gemeinschaft derer, deren Herr Jesus Christus ist, und die Kirche mit ihren Strukturen, Ordnungen und Verantwortlichkeiten zueinander? Joachim Kuklik formuliert Ansätze für eine evangelische Ethik kirchenleitenden Handelns.


Das Reformationsjubiläum in diesem Jahr ruft die evangelische Kirche zur Ordnung, denn ein solches Jubiläum erinnert sie an ihre eigenen Ursprünge. Und im Ursprung, da war kein Held, der mit dröhnenden Hammerschlägen seine 95 Thesen veröffentlicht, sondern da war ein kleiner Mönch, getrieben von der Sorge um sein eigenes Seelenheil und zerrissen zwischen der befreienden Kraft seiner reformatorischen Erfahrung und den Wahrheitsansprüchen seiner Kirche in einer unseligen Verbindung mit weltlicher, politischer Gewalt.

Diese Zerrissenheit findet ihren Kulminationspunkt auf dem Reichstag zu Worms 1521. Zuvor war 1520 der Bann – also die Exkommunikation – angedroht worden. Luther selber hatte die Bannandrohungsbulle am 10. Dezember 1520 öffentlich verbrannt, dazu übrigens Gesetzestexte der Kirche. Dies wiederum führte zur Verhängung des Banns und nun zu dem Versuch, mithilfe staatlicher Gewalt den Mann zur Ruhe zu bringen.

Um es klar zu sagen: Die Zwangslage, in der Luther sich befindet, ist diese: Entweder widerruft er. Seine Schriften stehen als Beweismaterial schön aufgestapelt beim Reichstag allen vor Augen. Oder er verfällt der Reichsacht und damit der Ausbürgerung aus dem Schutz der gesellschaftlichen Ordnung mit der Möglichkeit, getötet zu werden.

Diese Zwangslage ist übrigens ein Merkmal christlicher Existenz. Dietrich Bonhoeffer hätte auch die Chance gehabt, seine akademische Karriere Anfang der 1940er Jahre in den USA fortsetzen zu können. Er ist bewusst nach einem Aufenthalt in Amerika in das von den Nazis beherrschte Deutschland zurückgekehrt. Wie er haben sich viele Männer und Frauen aus christlichen Motiven der Gewaltherrschaft nicht gebeugt und haben mit dem Leben bezahlt.

Die evangelische Kirche ist eine soziologisch erkennbare Gemeinschaft, in der Menschen unter denselben Bedingungen zusammenkommen, wie es in anderen Gemeinschaften auch der Fall ist. Es gibt Organisationsstrukturen, es gibt eine Hierarchie, es gibt Finanzströme, es gibt Kirchengesetze. Ein Gesetz hat immer drei Teile: Es schreibt Handeln positiv vor, es verbietet Handeln negativer Art und es droht für den letzten Fall Strafe an. Es gibt also, um es kurz zu sagen, Macht. Und Macht, das ist ein Tabuthema in der evangelischen Kirche.

Die Lehrzeugnisse – auch die der Gegenwart – sprechen davon, dass die »christliche Kirche eine Gemeinde von Brüdern« (ist) – und Schwestern würde man heute sagen, »in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt«. Dann kommt das Anathema: »Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.« (Barmen III von 1934, s. EG 810)

Die vierte These wird noch deutlicher: »Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.« Das Anathema lautet: »Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst besondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer geben und geben lassen.«

Im theologischen Sinne ist also die Kirche keine Demokratie oder Hierokratie, sondern eine Christokratie. Daher stellt sich die Frage: Wie verhalten sich die Kirche im theologischen Sinne – also die Gemeinschaft derer, deren Herr Jesus Christus ist, – und die Kirche im soziologischen Sinn – also die Kirche mit ihren Strukturen, Ordnungen und Verantwortlichkeiten zueinander?


I  Kirchliche Macht, staatliche Gewalt und Visitation

Nach philosophischer und soziologischer Definition bedeutet »Macht jene Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.« (Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft I, §16, 604)

Mithilfe staatlicher Gewalt sollte 1521 der Versuch unternommen werden, den Störenfried Martin Luther, der mit seinen Schriften auch beim Kirchenvolk Aufmerksamkeit und Zustimmung hervorgerufen hatte, zur Ruhe zu bringen, notfalls eben endgültig. Gleichwohl scheute sich Luther selber in späteren Jahren nicht, staatliche Gewalt anzurufen, als Bilderstürmer oder Bauern gewaltsam ihren Anliegen Nachdruck zu verleihen versuchten. Luther selber fing sich damit den Vorwurf ein, »Fürstenknecht« zu sein.

Die Nähe von Thron und Altar hängt bis heute der evangelischen Kirche als ein Malus an. Noch bis 1918 war der Gottesdienst auch der Ort, staatliche Bekanntmachungen von den Kanzeln zu verlesen und der Besuch des Gottesdienstes war Bürgerpflicht. Die Emanzipation von dieser Bürgerpflicht scheint (nicht nur) im schönen Braunschweiger Land bis heute ein besonderes, regionales Bemühen zu sein.

In der Kirche selbst ist es üblich, das Thema »Macht« sprachlich zu umgehen. Die Visitation etwa, die ein Propst als Dienstvorgesetzter gegenüber den Pfarrerinnen und Pfarrern durch-zuführen hat, wird nicht etwa als ein »Controlling« definiert, sondern als ein »Dienst«, auf den der Visitierte Anspruch hat. Also ein Euphemismus. Als Beteiligter habe ich jedenfalls eine überschäumende Freude bei meinen Kolleginnen und Kollegen bisher nicht bemerken können, wenn ich ihnen diesen Dienst zu erweisen hatte.

Die Visitationen kann man mit einer klassischen Definition zusammenfassen, dass »Gaben, Lehre und Wandel« der jeweiligen Person zu untersuchen sind. Wobei die »Lehre« wohl den kompliziertesten Sachverhalt darstellt. Immerhin hat der seinerzeitige Ratsvorsitzende der Evang. Kirche in Deutschland, der ehemalige Universitätsprofessor in Göttingen und Landesbischof in Hannover, Eduard Lohse, nach einem »Lehrzuchtverfahren« gegen einen Pastor festgestellt, dass er ein solches Verfahren nicht noch einmal durchführen wolle.

Diese Skrupel von kirchenleitender Stelle korrespondieren andererseits mit dem Eindruck an der Basis, die Pluralität der evangelischen Kirche sei verwirrend und jeder und jede könne predigen und lehren, was oder wie er oder sie wolle.


II  Protestantisches Lehramt und Autonomie der Gemeinde

Luther selber ist in den praktischen Verfahrensordnungen nicht eindeutig gewesen, geschuldet den geschichtlich aktuellen Erfordernissen. Er hat aber dennoch theologisch einen Weg gewiesen, wie evangelische Kirche sich hier als eine solche beweist und darstellt. In einer kleinen Schrift aus dem Jahre 1523 beantwortet er die Anfrage einer Kirchengemeinde, ob diese denn das Recht habe, selber einen Pfarrer einzusetzen und wie denn das gehen soll. Schon der Titel dieser kleinen Schrift lässt aufhorchen: »Dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen: Grund und Ursache aus der Schrift« (W 2, X, 1538-1549).

Die zentrale reformatorische Erkenntnis liegt dort, wo das Lehramt für sich selbst nicht automatisch, qua Amt, einen Anspruch auf die Wahrheit reklamieren kann. Sondern das Lehramt wird dem Urteil der hörenden Gemeinde unterworfen. Also, um es kurz zu sagen: Die Predigt der Pfarrerin oder des Pfarrers ist von der hörenden Gemeinde daraufhin zu prüfen, ob hier das Evangelium von Jesus Christus zu Gehör kommt oder »Menschenlehre« verbreitet wird.

Damit wird im evangelisch- reformatorischen Sinn unterschieden zwischen der lehrenden Kirche und der hörenden Kirche. Dabei hat die lehrende Kirche die Aufgabe, das Evangelium von Jesus Christus zu predigen, zu lehren, zu verkündigen. Und die hörende Kirche hat die Aufgabe zu prüfen, ob es das Evangelium ist. Die hörende Gemeinde ist in der Regel die Gemeinde der Christenmenschen, die sich im Gottesdienst zusammenfindet.

Der evangelische Kirchenbegriff ist damit nicht institutionell definiert, sondern funktional: Wo das Wort Gottes die Menschen erreicht und sie dieses als Evangelium erkennen, dort ist Kirche. Die Bekenntnisschriften bringen dies auf den Punkt: »Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden.« (CA VII, s. BSLK, 10. Aufl. Göttingen 1986, 61) Das Geschehen des Evangeliums identifiziert Kirche als solche, nicht das Vorhandensein der Institution.

Neu ist hier auch die Unterscheidung bei den Funktionen, denn nach römisch- katholischem Verständnis ist die Wahrheit gebunden an die Lehrautorität, an die Hierarchie. Dies findet seinen Niederschlag in dem vom 1. Vatikanischen Konzil 1870 verabschiedeten Unfehl-barkeitsdogma. Hans Küng stellte die Frage »Unfehlbar?« und bezahlte mit dem Entzug der Lehrerlaubnis.

Luther selber hat auf dem Wormser Reichstag die Bindung seines Gewissens an das Evangelium und damit den Gehorsam diesem gegenüber höher bewertet, als seinen Gehorsam gegenüber menschlichen, politischen oder kirchlichen Autoritäten. Er ist damit in einen lebensbedrohlichen Konflikt geraten. Sein Statement ist bekannt: »Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift oder einsichtige Vernunftgründe widerlegt werde – denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich widersprochen haben – bin ich durch die von mir angeführten Schriftworte bezwungen. Und solange mein Gewissen in Gottes Worten gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen« (W 2, XV, 1926)


III  Spannung zwischen göttlichem Auftrag und menschlicher Organisation

Ein solcher Konflikt ist offensichtlich ein Lebensmerkmal evangelischer Kirche. Sie lebt in der Spannung zwischen göttlichem Auftrag und menschlicher Organisation. Für die Kritiker ist es damit ein Leichtes, eine zweifach mögliche Aushebelung zu versuchen: Die einen messen das Sichtbare, die Institution an dem Auftrag und kommen zu dem Schluss, dass die Glaubwürdigkeit der Kirche unter der vorhandenen Menschlichkeit zerbreche, sofern man dem Willen Gottes ohnehin nicht gerecht werde. Andere – insbesondere Juristen, Financiers und Soziologen – halten die Umsetzbarkeit theologischer Wahrheiten in der sichtbaren Kirche für eine lebensferne, unrealistische Vision.

Jedoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass evangelische Kirche wesentlich Gemeinde ist. Es ist ja ein geschichtliches Paradox, dass Luther selbst mithilfe seines Landesherrn Gemeinden aus der Jurisdiktion der römisch- katholischen Kirche gelöst hat. Man nimmt hierfür das Jahr 1526 an, als erste Visitationen stattfanden, deren Intention darin bestand, festzustellen, ob die Gemeinden ihre Aufgaben erfüllen können. Es ging um Versorgung der Pastoren, deren Witwen, um die Zustände der Gebäude und, last not least, um die Feststellung, ob das Evangelium richtig zu Gehör kommt – also um die Lehre. Dafür gab es dann später ein Konsistorium, dem Landesherrn als summus episcopus unterstellt, der durch seinen Kultusminister für eine Regelung der Erfordernisse sorgte.

Im Jahre 1918 wurde dieser Zusammenhang aufgelöst und es entstand eine »Landeskirchenleitung« mit Landeskirchenamt, Bischof, eigenem Kirchenrecht, Steuersystem etc. Nach und nach übernahm die Landeskirche Aufgaben, die Gemeinden selbst nicht erledigen konnten: Ausbildung, Kirchenrecht und Finanzen. Es ist in der evangelischen Kirche eine bis heute nicht beantwortete Frage, wer denn für die Gemeindemitglieder der »Kirchensteuergläubiger« sei: die Landeskirche oder die Kirchengemeinde?

Und nun wird aktuell, was im Titel dieses Aufsatzes angedeutet ist: »Macht und Wahrheit in der evangelischen Kirche«. Als Wahrheit bezeichnen wir nicht das, was die Philosophie als die Übereinstimmung von Sache und Erkenntnis definiert. Sondern Wahrheit im theologischen Sinn ist die Feststellung, dass der sterbliche, unvollkommene und gottferne Mensch der Liebe und Zuwendung des ewigen Gottes gewürdigt wird. Wahrheit ist: Jesus Christus als der Offenbarer stirbt am Kreuz und wird von Gott in ein neues Leben gestellt. Der Mensch hat also mehr zu erwarten als den Tod. Das ist die Wahrheit, die Martin Luther bezeugte gegen ein religiöses System, das dem Menschen Leistung abverlangte, um sich sein Recht vor Gott erarbeiten zu können. Gottes Menschenliebe ist umsonst und befreit von religiösem Stress.

Wie geht nun die evangelische Kirche damit um, dass es in der Sozialstruktur einer Körperschaft des öffentlichen Rechtes Machtstrukturen gibt und auf der anderen Seite der Christ nach Luthers eigenen Worten »ein freier Herr über alle Dinge ist und niemandem untertan«? Oder im Anschluss an die Worte von Barmen: dass die Kirche eine »herrschafts-freie Bruderschaft« ist?

Hier liegt in der Tat ein Problem, das Antagonismen hervorbringt, z.B. im Hinblick auf das Amtsverständnis. Zwar sind nach evangelischem Verständnis all diejenigen, die ordiniert sind, zum Pfarramt gleichgestellt, jedoch gibt es nun einmal Pfarrer und Pfarrerinnen, Bischöfe und Bischöfinnen und Pröpste und Pröpstinnen. Und es gibt Beispiele dafür, dass etwa eine Bischöfin mit ihrem Charme und ihrer Amtsautorität die Beschlusslage einer ganzen Synode ins Wanken bringt.


IV  Macht als Dienst am Evangelium

Nach lutherischem Verständnis gibt es im Hinblick auf die Wahrheit keine »höhere« oder »niedere« Wahrheit, es gibt auch nicht die Möglichkeit, einen Wahrheitsanspruch zu binden an Machtstrukturen. Sondern hier gilt nach biblischer Vorgabe: »wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der erste sein will, der sei euer Knecht.« (Mt. 20,26f)

Luther selbst hat dafür zurückgegriffen auf die philosophische Kategorie der Analogie im Anschluss an Augustin. Er bezeichnet das Heilswirken Jesu Christi als das Analogans: Er ist im Auftrag Gottes derjenige, der dem Menschen die Heilgüter verschafft, also Leben im Licht der Freundlichkeit Gottes, Gerechtigkeit und die Zusicherung der Liebe Gottes. Insofern ist er »Sakrament« also Zeichen Gottes. Jesus Christus ist aber auch Exempel, Beispiel. Das ist das Analogatum: So wie Christus uns im Hinblick auf das ewige Heil dient, so können Menschen im Hinblick auf das zeitliche Wohl einander dienen. So geschieht Nachfolge (imitatio), so kann »einer dem anderen zum Christus werden«.

»Daher lehrt der heilige Augustinus im dritten Buche »Von der Dreieinigkeit, Cap. 4, dass das Leiden Christi ein Sacrament und ein Exempel sei; ein Sacrament, weil es den Tod der Sünde in uns bedeutet, und ihn den Gläubigen schenkt; ein Exempel, weil auch wir demselben nachfolgen müssen durch Leiden und leiblich sterben.« (Galaterbriefvorlesung 1519, zu Gal. 2,19, s. W 2, VIII, 1454; ebenso: Zwei Predigten vom Leiden Christi, 1518, s. W 2, X, 1179)

In diesem Sinn kann Macht in der Kirche verstanden werden als Dienst am Evangelium und für die Menschen. Sie ist kein Selbstzweck, sondern wird untergeordnet dem Auftrag der Kirche. Um es noch deutlicher zu sagen: Jegliche landeskirchliche Administration hat damit ihre Identität darin, dass sie den Kirchengemeinden hilft, deren Auftrag zu erfüllen.


V  Eine evangelische Ethik für kirchenleitendes Handeln

Wenn man sich nun in der praktisch-theologischen Literatur umsieht, so stellt man fest, dass es zwar für viele Bereiche des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens viele Möglichkeiten gibt, eine Ethik zu formulieren. Aber es gibt kaum Versuche, eine Ethik für kirchenleitendes Handeln zu formulieren. Das mag daran liegen, dass in sehr oberflächlicher Weise die Annahme zugrunde liegt, dass diejenigen, denen diese Aufgabe übertragen wird, quasi »automatisch« sich in ethischer Verantwortung wissen und man daher explizit auf eine »Ethik für kirchenleitendes Handeln« verzichten kann. Jedoch ist es wiederum Luther gewesen, der die Kirche als Sünderin (peccatrix) bezeichnet hat: »Kann man denn nicht leiden, dass die heilige Kirche sich für eine Sünderin erkennt, glaubt Vergebung der Sünden, bittet dazu im Vater-Unser um Vergebung der Sünden?« (W 2, XX, 1616)

Luther stellt damit fest, dass das Handeln der Menschen in der Kirche nicht ohne das Phänomen der »Sünde« sein kann. Da gibt es übrigens eine Übereinstimmung mit Joseph Ratzinger, der als Papst nach dem Skandal um die vatikanische Bank sich gleichlautend geäußert hat. Und gerade an dieser Stelle ist festzuhalten, dass solche Missgriffe wie das Bischofshaus in Limburg oder der Kursverlust von Finanzanlagen der Kirche eine verheerende Wirkung bei den Kirchenmitgliedern nach sich ziehen. Wir Evangelischen hatten Austritte zu verzeichnen wegen Limburg, wegen der Missbrauchsskandale. Hier gibt es vonseiten der Gemeindemitglieder eine steile Erwartungshaltung an die Ethik kirchlicher Amtsträger.

Und es gibt merkwürdige Unterschiede: Bei Kirchenaustritten muss sich ein Pfarrer oder eine Pfarrerin die Frage gefallen lassen von kirchlicher Obrigkeit: »Was ist denn da bei Ihnen los?« Jedoch kommt offensichtlich niemand auf die Idee, die Frage zu stellen, warum denn die Kirchenleitungen nicht in der Lage waren, die Sachverhalte um die Kirchensteuer in glaubensverschiedenen Ehen und um die Kapitalertragssteuer so frühzeitig und transparent zu erklären, dass Austritte aus diesem Grund hätten vermieden werden können. Als auf den Kontoauszügen die unverständlichen und irritierenden Erläuterungen der Banken zu lesen waren, war es längst zu spät.


VI Sechs konkrete theologische Grundregeln kirchenleitenden Handelns

Im Hinblick auf die soziologisch-empirisch feststellbare Tatsache, dass es in der Kirche Machtstrukturen gibt, wird allerdings zu formulieren sein, wie damit umzugehen ist. Eine Voraussetzung für diese Formulierung ist, dass deren Prämisse theologischer Art ist.

1. Jedes kirchenleitende Handeln wird nach Luther davon ausgehen müssen, dass die Existenz und das Leben der Kirche nicht auf menschliche Kunst und menschliches Handeln zurückzuführen ist, sondern auf Gott selber (Heiligkeit der Kirche). »Denn wir sind es doch nicht, die da könnten die Kirche erhalten; unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen; unsere Nachkommen werden’s auch nicht sein; sondern der ist’s gewest, ist’s noch, wird’s sein, der da spricht: ›Ich bin bei euch bis zur Welt Ende‹, wie Hebr. 13, 8 steht: ›Jesus Christus heri et hodie et in saecula‹« (W 2, XX, 1621).

2. Jedes kirchenleitende Handeln wird die Gebrochenheit und die Zerrissenheit (um das Wort »Sünde« zu vermeiden) menschlichen Handelns innerhalb und außerhalb der Kirche als ein Teil des Wesens der Kirche zu berücksichtigen haben (peccatrix). Wo dies innerhalb der Kirche nicht geschieht, setzt sich die Kirche gegenüber ihren Mitgliedern absolut, beschwert die Gewissen oder spielt sich auf als Mittlerinstanz zwischen Gott und den Menschen. Wo dies außerhalb der Kirche nicht geschieht, setzt sich die Kirche gegenüber der Welt absolut und gibt diese der Verlorenheit anheim oder maßt sich eine Bevormundung an.

3. Jedes kirchenleitende Handeln wird damit um seine eigene Begrenztheit wissen und daher den Auftrag als alleinige Autorität anzuerkennen haben und für die Ämter in der Kirche keinen Autoritätsanspruch erheben (Apostolizität der Kirche). Der verliehene Auftrag und die damit verbundene Macht sind nicht identisch mit der Wahrheit des Evangeliums, sondern werden im Vollzug sich von dieser beurteilen lassen müssen. Die Verantwortung der Gewissen vor Gott hat einen höheren Stellenwert, als die Oboedienz gegenüber menschlichen Autoritäten oder Ordnungen.

4. Jedes kirchenleitende Handeln wird in theologischer Verantwortlichkeit darauf zu achten haben, dass der von ihr zu leistende Dienst an den Gemeinden diesen eine primäre Dignität zugestehen muss und ihre eigene Dignität subsidiärer Natur bleibt (Allgemeinheit der Kirche).

5. Jedes kirchenleitende Handeln wird seine Funktion daran zu messen haben, ob es gelingt, eine konsensuale Gemeinschaft unter den Gemeinden und innerhalb der Gemeinden zu fördern, sofern es nur eine Kirche Jesu Christi gibt (Einheit der Kirche).

6. Jedes kirchenleitende Handeln erfolgt aufgrund der Sendung Jesu Christi: »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.« (Joh. 20,21) Dabei ist die Sendung Jesu Christi das Analogans und das Handeln der Kirchenleitung das Analogatum. Damit ist die Aufopferung Jesu Christi, sein Leiden und seine Demut Vorbild (Exempel) für das Selbstverständnis kirchenleitenden Handelns.


Anmerkungen:

Zu Abschnitt VI insgesamt vgl. CA XXVIII, BSLK, 10. Aufl. Göttingen 1986, 120ff; K. Barth, Kirchliche Dogmatik IV/3, 2. Aufl. Zürich 1974, 872ff; E. Jüngel, Was ist die theologische Aufgabe evangelischer Kirchenleitung?, ZThK 1994, 189ff.

Aus Gründen der Zugänglichkeit und Lesbarkeit sind die Texte Martin Luthers folgender Ausgabe entnommen: Dr. Martin Luthers sämtliche Schriften, hrsg. von Joh. Georg Walch, Nachdruck der 2. überarb. Aufl., von 1880-1910 erschienen im Concordia Publishing House, St. Louis/Missouri, USA, Groß Oesingen 1986 (zit.: W 2, Band, Spalte).

Die theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen, vom 29. bis 31. Mai 1934, wird zitiert nach: Evangelisches Gesangbuch Nr. 809.


 

Über den Autor

Propst Joachim Kuklik, Jahrgang 1952, Studium der Theologie in Tübingen und Göttingen, 1979-1981 Vikariat in Lehrte, 1982-2001 Pastor in der Evang.-luth. Kirchengemeinde Kirchdorf (Landkreis Diepholz), Landeskirche Hannover, seit 2002 Propst in der Evang.-luth. Propstei Salzgitter-Lebenstedt, Landeskirche Braunschweig.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2017

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