Von Martin Luther predigen lernen
»Tritt frisch auf, mach’s Maul auf, hör bald auf!«

Von: Christian Möller
1 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Eine der großen Stärken Martin Luthers ist seine Gabe, bei Gelegenheit Grundsätzliches zu entfalten. So steckt – wie Christian Möller zeigt – in einer eher beiläufigen Predigtaus­legung Luthers zur Bergpredigt Jesu eine kleine reformatorische Predigtlehre.*


In Luthers Wochenpredigten von 1530 über die Bergpredigt heißt es zu Mt. 5,1: »Da machet der Evangelist eine Vorrede und gepreng, wie sich Christus gestellet habe zu der Predigt, die er tun wollt, dass er auf einen Berg gehet und sich setzet und seinen Mund auftut, das man siehet, es sei sein ernst. Denn das sind die drei stuck, wie man sagt, so zu einem guten prediger gehören: zum ersten dass er aufftrete, zum andern dass er das maul auftue und etwas sage, zum dritten, das er auch konne aufhoren.« (WA 32, 18-26)

Mit den »drei Stück, so zu einem guten Prediger gehören« griff Luther wohl ein geläufiges Sprichwort aus dem Volksmund auf: »Auftreten, Mund aufmachen und aufhören können« – das mache einen guten Prediger aus. Das gehörte ja zu Luthers Kunst, dem Volk aufs Maul zu schauen, wo es in seinen Sprichworten und Redewendungen mit der Sprache lebt. Wenn es etwas von Luther für das Predigen heute zu lernen gibt, dann ist es zuerst dieses Achten auf lebendige Sprache und dieser kunstvolle Umgang mit geprägter Sprache, wie sie sich in alltäglichen Redewendungen und geläufigen Sprichworten ausspricht: In Luthers Sendbrief zum Dolmetschen heißt es: »… man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen, und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach dolmetschen, so verstehen sie es denn, und merken, daß man deutsch mit ihnen redet« (MA 6, 9). Viele von Luthers Sätzen wurden später kurz und prägnant zusammengefasst. Das führte im Blick auf den Anfang von Luthers Bergpredigtauslegung zu dem Sprichwort: »Tritt frisch auf, mach’s Maul auf, hör bald auf!« Ich will diesen Ratschlag für einen Prediger erst einmal ganz wörtlich und sinnenfällig im Sinne einer praktischen Kunstregel für das Predigen auslegen.


Ein sprichwörtlicher Ratschlag Luthers …

»Tritt frisch auf« – D.h. tritt mit beiden Beinen auf die Kanzel, fläze dich nicht hin, steh auch nicht auf einem Bein herum, lehn dich nicht an, sondern tritt fest mit beiden Beinen auf den Boden der Kanzel, denn eben dadurch wird deine Rede ruhig, fest und klar, weil du dorthin öffentlich trittst, wo alle dich sehen und hören können.

»Mach’s Maul auf« – Wörtlich sagt Luther in seiner Predigt: »Das gehört auch zu einem guten Prediger, dass er nicht das Maul zuhalte … nicht schweige noch mummele«. Hier geht es um die Artikulation der Rede, um Lautstärke, um Deutlichkeit und Hörbarkeit der Worte. »Mummelen« nennt Luther lautmalerisch ein Sprechen, bei dem einer die Lippen und die Zähne nicht auseinander kriegt oder die Hälfte des Wortes verschluckt, einen Satz nicht bis zu Ende spricht, tonlos vor sich hin »mummelt« oder zu schnell redet. Ein Lautsprecher nimmt einem nicht alle Stimm- und Sprechprobleme ab. Im Gegenteil: er vervielfacht sie und macht sie nur hörbarer.

Wie Luther beim Reden wirkte, wissen wir von einem Studenten, der fünf Jahre lang (1518-1523) bei ihm studierte und dann in seine Bibel die Eindrücke von Luthers Rede notierte: »Es war ein Mann mittlerer Größe, mit einer Stimme, die Schärfe und Weichheit vereinte; weich war sie im Klang, scharf in der Aussprache der Silben, Worte und Absätze. Er sprach weder mit zu hastigem noch zu langsamen Atem, sondern in mittlerer Geschwindigkeit, ohne Stocken und sehr deutlich.«1

»Hör bald auf« – Das klingt banal und ist es doch ganz und gar nicht, schon gar nicht in Zeiten, wo es üblich war, mindestens eine Stunde lang zu predigen. Auch Luther konnte lange Predigten halten, wenn es darauf ankam, die reformatorische Lehre klar und ausführlich darzulegen. Und doch wusste er, dass das wahre Zeitmaß der Predigt nicht die Uhr, sondern die Spannung ist und d.h. ob kurzweilig oder langatmig gepredigt wird. Wer kennt nicht Predigten, bei denen man schon nach fünf Minuten zu gähnen beginnt. Es gibt freilich auch Predigten, die so kurzweilig sind, dass es einem nach 30 oder gar 40 Minuten ist, als wären gerade fünf Minuten vorbei.

Am 13.6.1529 beginnt Luther seine Predigt mit den Worten: »Dies ist ein Evangelium, das nicht sonderlich dient für das gemeine Volk, weil es ein wenig zu hoch ist und geht wenig zu Herzen. Darum wollen wir’s mit kurzen Worten handeln, auch wegen der Widrigkeit der Luft.« Zwei Jahre später, im Gottesdienst am 9.7.1531, verfährt Luther ähnlich: »Dieses Evangelium (Luk 5,1-11) hört ihr jedes Jahr und ist ein leichtes Evangelium. Darum wollen wirs wegen der Hitze nur kurz ausstreichen.«2 Das sind gute Gründe, mit der Predigt bald aufzuhören: die stickige Luft und das heiße Wetter, aber auch die Sperrigkeit oder Bekanntheit des Predigttextes.


… und eine kleine reformatorische Predigtlehre

In seiner Wochenpredigt über Mt. 5 entfaltet Luther so etwas wie eine kleine reformatorische Predigtlehre, die mir für unser Predigen heute bedeutsam erscheint. Deshalb soll auf Luthers Auslegung von Mt. 5,1 etwas ausführlicher gehört werden:

»Aufftretten ist, dass er sich stelle als ein meister odder prediger der es kann und thun sol, als dazu berufen und nicht von ihm selbst komet, sondern dem es gebüret aus pflicht und gehorsam, das er sagen müge: ich kome nicht getrolt aus eigenem furnehmen und gutduncken, sondern muss es tun von ampts wegen.« (WA 32, 26-30)

»Tritt frisch auf« – das heißt also: Tritt entschieden in das Amt ein, zu dem du als Prediger oder Predigerin berufen bist. Selbst ernannte Prediger traten alsbald mit ihren Eingebungen des Geistes auf und schlichen in den evangelischen Gemeinden umher, sammelten sich ihre Anhängerschar und wiegelten sie gegen die Obrigkeit und gegen die Lehre Luthers auf. »Rottenbuben und Schwärmer« nannte Luther diese Aufrührer, aber auch »Winkelschleicher«, die mit ihrer Lehre erst ein Haus, dann eine Stadt und schließlich ein ganzes Land vergiften. Was ihnen fehlt, ist die öffentliche Berufung zum Amt und d.h. klare, gewiss machende Lehre des Evangeliums. »Beide, Prediger und Zuhörer sollen des gewiss sein, dass es recht gelehret und das Amt befohlen sei … So tu du auch; wenn du im Amt bist und Befehl hast zu predigen: Tritt frei öffentlich hervor und scheue niemand« (32, 303, 20-23).

Was Luther konkret vor Augen stand, waren einerseits die von Thomas Müntzer aufgewiegelten Bauern und andererseits die sich radikalisierenden Wiedertäufer in Münster. In beiden Fällen waren es selbst ernannte Prediger, die die Menschen mit ihren Ansichten verwirren und ein Volk zerteilen, statt es um das Evangelium zu versammeln, das frei und öffentlich von berufenen Predigern für alle Menschen gepredigt wird. »Kurz es heisset, das Evangelium odder predigtamt soll nicht im winkel, sondern hoch empor auffm berg und frey öffentlich am liecht sich lassen hören« (304,1-3).

Für eine Predigerin oder einen Prediger heißt das, sich in den Talar wie einen Schutzmantel einkleiden zu lassen. Für einen Prädikanten oder eine Prädikantin könnte das heute heißen, sich vor dem Gottesdienst vom Mesner oder der Mesnerin eine Mantelalbe umlegen zu lassen, um der Gemeinde mit Hilfe einer Amtstracht anzuzeigen: Hier kommt ein berufener Prediger, hier kommt eine öffentlich ordinierte Prädikantin, die gelobt haben, nicht sich selbst und ihre eigene Meinung zu verbreiten, sondern Jesus Christus als ihren und unser aller Herrn der Gemeinde zu predigen.


Die Gefahr der »Verwohnzimmerung« der Kirche

Ich will noch eine weitere Gefahr für den Zustand mancher evangelischer Gemeinden heute zu beschreiben versuchen. Es sind Gemeinden, die dabei sind, sich auf die kleineren Zahlen ihrer aktiven Mitglieder einzustellen und dann, meist ohne es selbst zu merken, einer »Verwohnzimmerung der Kirche« verfallen. Damit meine ich nicht etwa die Einrichtung von Hauskreisen, deren es in einer Gemeinde gar nicht genug geben kann und soll, damit sich Menschen in der Nachbarschaft oder im Interessenkreis oder im Kreis von Glaubensgenossen zum gemeinsamen Lesen der Bibel, zur Diskussion eines Themas oder zur Lektüre eines Buches und vor allem zur gemeinsamen Gebetsgemeinschaft treffen.

Ich meine vielmehr eine Gemeinde, zu deren Gottesdienst öffentlich durch das Geläut der Glocken gerufen wird, sei es am Sonntagvormittag, sei es unter der Woche. In dieser öffentlichen Gemeinde hat sich eine Atmosphäre von Gleichgesinntheit und Gleichgestimmtheit etabliert, die es einem Außenstehenden schwer macht, noch dazwischen zu kommen. Die Gleichgesinnten und Gleichgestimmten merken das selbst gar nicht. Sie meinen es doch so gut, wenn sie sich miteinander treffen, um die gute Nachricht von der Liebe Gottes in Jesus zu hören, miteinander zu singen und zu beten, vielleicht auch noch ein Liebesmahl zu feiern und auf jeden Fall beim anschließenden Ständerling eine Tasse Kaffee oder ein Viertele zu trinken. Da breitet sich eine gemütliche Atmosphäre in der Kirche aus. Alle verstehen sich gut. Die starre Sitzordnung der Bänke ist aufgegeben. Man sitzt im Kreis, ist gut gelaunt und erwartet vom Prädikanten oder der Pfarrerin, dass sie nicht mehr auf die hohe Kanzel gehen, sondern in der gemütlichen Runde bleiben, den Talar oder die Mantelalbe möglichst nicht mehr anziehen und so als Gleiche unter Gleichen den Gottesdienst mit Singen, Beten, Lesen und Predigen gestalten. Natürlich spielt auch beim Lesen der Bibel Luthers Übersetzung keine Rolle mehr, sondern eine möglichst verständliche, moderne wie etwa die »Einheitsübersetzung« oder die »Bibel in gerechter Sprache«. Kurz: Kirche ist hier ein gemütliches Wohnzimmer geworden, in dem sich Gleichgesinnte und Gleichgestimmte treffen, um Gottesdienst zum Auftanken ihrer Seele zu feiern und die Predigt als Zuspruch des Evangeliums zu hören.

Was für einen Widerspruch soll es gegen dieses heute gar nicht so seltene Modell von Kirche im Zeichen einer Milieuorientierung des Evangeliums geben? Es ist doch alles so rund, so klar, so stimmig, so kuschelig und so schön, dass jeglicher Widerspruch abzuprallen scheint. Wenn es Widerspruch gibt, so kommt er von denen, die vielleicht nur kurz einmal in diese Gemeinde der Gleichgesinnten und Gleichgestimmten hineinschauen, einen oder zwei Gottesdienste mitfeiern und dann wieder verschwinden. Zwar wurden sie freundlich in der Kirche begrüßt und noch freundlicher verabschiedet, aber sie merken schnell, dass sie die herrschende Gesinnung mitsamt der guten Stimmung nicht teilen. Dafür hat es in ihrem Leben viel zu sehr eingeschlagen. Sie sind viel zu zerrissen und verschlissen, um so viel gut gemeinten Moralismus samt Aktivismus mitmachen zu können. Ihr Lebensweg hat ganz andere Ecken und Kanten, um die Rede vom »lieben Gott« zu schlucken. Nein, sie gehen lieber ihre abseitigen Wege, halten sich bedeckt und sind lieber »religionslos glücklich«. Ist das nicht die schweigende Mehrheit heute, deren Widerspruch unhörbar und abgründig ist, widerspenstig und abweisend gegenüber der Frage: »Wie kriegen wir sie wieder?«


Gegen Resignation und Amtsmissbrauch

Wenn Luther dem Prädikanten oder der Predigerin rät: »Machs Maul auf!«, so ist sein Widerspruch gegen die »Verwohnzimmerung der Kirche« noch einmal grundsätz­licher:

»Das gehört zu einem Prediger, dass er nicht das Maul zuhalte und nicht allein öffentlich das Amt führe, so dass jedermann schweigen müsse und ihn auftreten lasse als den, der göttlich Recht und Befehl hat, sondern auch das Maul frisch und getrost auftue, das ist die Wahrheit und was ihm befohlen ist zu predigen, nicht schweige noch mummele, sondern ohne Scheu und unerschrocken bekenne und dürr heraus sage, niemand angesehen und geschont, es treffe wen oder was es wolle. Denn das hindert einen Prediger gar sehr, wenn er sich will umsehen und sich damit bekümmern, was an gern hört oder nicht oder was ihm Ungunst, schaden oder Gefahr bringen möchte, sondern wie er hoch auf dem Berg steht an einem öffentlichen Ort und frei um sich sieht, so soll er auch frei reden und niemand scheuen, ob er gleich mancherlei Leute und Köpfe sieht, und kein blatt vors Maul nehmen, weder gnädige noch zornige Herrn und Jungherren, weder Geld, Reichtum, Ehre, Gewalt noch Schande, Armut, Schaden ansehen und nicht weiter denken, denn dass er rede, was sein Amt fordert, darum er da stehet.« (WA 32, 304, 5-20)

Luthers Widerspruch setzt bei dem Prediger oder der Prädikantin ein, die der Gemeinde das verschweigen, was ihres Amtes ist. Sie nehmen ein Blatt vor den Mund und machen das Maul nicht auf, um frei und öffentlich zu sagen, wozu sie berufen sind. Stattdessen schauen sie lieber links nach der Schar der Gleichgesinnten und Gleichgestimmten und passen sich kuschelig der herrschenden Meinung an. Oder sie schauen rechts auf die schweigende Mehrheit und zergrübeln ihren Kopf, wie man sie irgendwie mit einem Happening, einem Plakat oder einem Projekt kriegen könnte. Oder sie beharren stur oder resigniert auf ihrem Amt und denken: Da kann man nichts machen; also mache ich nur noch Dienst nach Vorschrift. Punkt. Aus.

Und Luther? Er geht gegen jede Art von angepasstem Prediger oder Prädikantin an, am meisten wohl gegen den resignierten Amtsinhaber, der stur darauf beharrt: »Ich habe das Amt, und das Amt bin ich. Mir kann keiner!« Dagegen rät Luther, weder das Amt zu haben, schon gar nicht das Amt zu sein, sondern das Predigtamt frisch und getrost zu gebrauchen, nämlich so:

»Christus hat das Predigtamt nicht dazu gestiftet und eingesetzt, daß es diene Geld, Gut, Gunst, Ehre, Freundschaft zu erwerben oder sein Vorteil damit zu suchen, sondern daß man die Wahrheit frei öffentlich an den Tag stelle, das Böse strafe und sage, was zu Seel Nutz und Heil und Seligkeit gehört … Es will lehren, wie wir sollen kommen zu jenem Leben; es heißt dich dieses Leben zu gebrauchen und den Bauch hier nähren, so lange das Leben währt, doch dass du weißt, wo du bleiben und leben sollst, wenn solches alles aufhören muss. Wenn nun solches angeht, das man predigen soll von einem andern Leben, danach wir sollen trachten und um des willen wir des nicht sollen achten, als wollten wir ewig hier bleiben, so geht denn hader und streit, das die Welt nicht leiden will. Wo denn da einem Prediger der Bauch und zeitlich Leben lieber ist, der taugt nichts. Steht wohl und wäschet auf der Kanzel, aber er predigt nicht die Wahrheit, tut das Maul nimmer nicht auf; wo es will übel gehen, da hält er inne und beißet den Fuchs nicht.« (WA 32, 21-39)


Das Amt gebrauchen, um die Ewigkeit als Begrenzung der Zeit zu predigen

Das Predigtamt frisch und getrost zu gebrauchen, heißt für Luther, dass das ewige Leben gepredigt wird, keineswegs zum Zweck einer Flucht ins Jenseits, sondern als Widerspruch gegen alle Erwartungen und Einbildungen von Menschen, dieses Leben könne ewig so bleiben und weitergehen, wie es ist, »als wollten wir ewig hier bleiben«. Da also, wo das Reich Gottes als das Letzte gepredigt wird, verwandelt sich scheinbar Letztes zu Vorletztem und kehrt in seine Grenzen ein. Luther ist mit seiner Konzentration des Predigtamtes auf die Predigt des ewigen Lebens mitten in der Bergpredigt Jesu: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch das andere alles zufallen« (Mt. 6,33). Das hört sich so friedlich an, löst aber, wo es in der rechten Stoßrichtung gepredigt wird, sofort Streit mit all denen aus, die faktisch so leben, als gehe ihr Leben ewig so weiter, während die Ewigkeit Gottes an der Tür schon pocht. Dieses Pochen hörbar zu machen und mit der Gemeinde jenes gewaltige Lied Johann Rists durchzubuchstabieren »O Ewigkeit, du Donnerwort, o Schwert, das durch die Seele bohrt, O Anfang sonder Ende« (EG 324), das heißt in Luthers Sinn, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, sondern das Maul aufzumachen, um die Dimension der Ewigkeit in der Zeit der Gemeinde mit der Predigt aufzuschließen.

Da verwandelt sich die Kirche aus einem gemütlichen Wohnzimmer in einen Saal der Ewigkeit. In diesem Saal ist dir egal, ob du allein oder zu dritt oder zu hundert oder zu tausend bist, denn du weißt: Jetzt bin ich dran, unvertretbar ich selbst, und ich kann mich weder in eine Schar von Gleichgestimmten und Gleichgesinnten flüchten noch in einer schweigenden Mehrheit verstecken. Ich muss vielmehr vor Gott selbst treten. Jetzt bekommen die großen Worte der Liturgie plötzlich einen Sinn: »von Ewigkeit zu Ewigkeit«. Dieser Raum fängt plötzlich an zu klingen, wenn die Bibel in Luthers weiträumiger Übersetzung mit ihrer musikalischen Sprache verlesen wird: »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir«. Das Wort der Vergebung wird mir hier zum Labsal: »Deine Sünden sind dir vergeben«, zumal dann, wenn es so sinnlich verkündigt wird, wie Luther das Wort auf der Kanzel gern haben möchte: »Du musst die Zitzen des Evangeliums herausziehen und das Volk mit Milch tränken«.

»Hör bald auf«: »Das sei genug für heute; ein andermal wollen wir mehr davon hören« – so beschließt Luther seine Predigt oft. Dem Reformator liegt viel daran, dass eine Predigt nicht langatmig ist, sondern kurzweilig. Was Luthers Predigten so kurzweilig macht, ist vor allem die Farbigkeit seiner Sprache, aber auch dies, dass er meist mit dem ersten Satz im Text selbst und bei der Sache ist, ohne große Umschweife und langatmige Einführungen. Wenn es der Text zulässt, greift Luther auf Sprichwörter zurück, auf Bilder, auf biblische Beispiele, kurz auf alles, was in irgendeiner Weise dazu dienen kann, damit »Christum getrieben« werde. Diese alte Wendung »Christum treiben« ist dem Handwerk des Silberschmieds abgeschaut, der sein stumpfes Silber von einer Mitte nach allen Rändern hin treibt, bis es immer heller zu leuchten beginnt. So treibt Luther einen Text von Jesus Christus als der Mitte her nach allen Seiten bis in alle Einzelheiten hinein, bis ihn auch durch diesen Text das Gesicht des Gekreuzigten anschaut. So kommt er dann zu der Forderung an sich selbst und an jeden Prediger und Predigerin: Nur Christus soll gepredigt werden, und der als der Gekreuzigte.


Luther im Predigtstreik und die Wirksamkeit der Verkündigung

Nun hören sich meine Ausführungen über Luther als Prediger bisher vielleicht so an, als hätten wir es hier mit dem erfolgreichsten aller Prediger zu tun, der die Massen nur so in Begeisterung zu setzen vermochte, sozusagen ein Vorläufer von Billy Graham im 16. Jh. Indessen hat Luther auch über die Folgenlosigkeit seiner Predigt geseufzt, sowohl über die träge Wittenberger Gemeinde, wie auch über sich selbst als Prediger. »Predigt man ehrbares Leben, so bauen die Leute eine Leiter zum Himmel daraus. Predigt man es nicht, so entsteht ein wildes, rohes Wesen« (WA 17, I, 313, 32). Oder: »Predigt man den Leuten die Rechtfertigung allein aus Gnaden, dann schnarchen sie; erzählt man ihnen aber Beispiele und Geschichten, dann spitzen sie die Ohren«. Einmal trat Luther sogar für einige Wochen (im Winter 1530) in den Predigtstreik, weil er über den Geiz der Wittenberger schier verzweifelte, vor allem über den Geiz der reichen Bauern, die die Getreidepreise in kargen Zeiten nach oben trieben. Dass er als Prediger gegen diesen Geiz so wenig ankam, brachte Luther schier zur Verzweiflung, bis er zum Osterfest 1530 doch wieder die Kanzel bestieg.

Soll ich nun abschließend mit eigenen Worten sagen, was der Predigt in Luthers Sinn eine so große Verheißung gibt, möchte ich einen Vergleich mit der Verkündung eines Urteilsspruchs bei Gericht wählen. Auch für solche Verkündung zieht der Richter in der Regel einen Talar an, um deutlich zu machen, dass er nicht in eigenem, sondern in fremdem Namen, nämlich im Namen des Volkes spricht. Er sagt sogar: »Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil ...« Diesen Vorgang nennt man eine Urteilsverkündung. Das will sagen, dass es hier nicht bloß um irgendein Gerede geht, sondern um ein Handeln in höchster Potenz. Das wird manchmal sogar in drastischer Weise deutlich, wenn nach einem Freispruch einem Häftling die Handschellen geöffnet werden, so dass er als Freigelassener den Raum verlassen kann. Bei anderen kann es wieder umgekehrt sein, dass ihnen nach ihrer Verurteilung nun erst recht die Handschellen angelegt werden, so dass sie Gebundene sind. Mit diesem Vergleich will ich deutlich machen, dass es Worte gibt, die zugleich Taten sind.

Geht es nicht auch in der Verkündigung von Gottes Wort um ein Handeln, nämlich um ein Binden und Lösen? Es geht um ein Freisprechen derjenigen, denen durch den Zuspruch der Vergebung die Fesseln aufgehen, die sie sich abgründig mit ihren Selbstvorwürfen angelegt haben. Doch nun hören sie: »Um Christi willen ist dir vergeben!« Da gehen sie wie Befreite in ihren Alltag zurück. Andererseits darf die Erfahrung nicht verschwiegen werden, dass es auch Worte des Evangeliums gibt, die einen Menschen binden. Das »Bündig-Bindende« hat Thomas Mann einmal das Gesetz des Mose genannt. Ein durch die Predigt von Gesetz und Evangelium »bündig Gebundener« mag als ein »Bruder Luftikus« ahnungslos in den Gottesdienst gekommen sein, so kehrt er in sein alltägliches Leben nachdenklich wieder zurück, weil er die ihm zugesprochene Vergebung seiner Schuld noch nicht annehmen kann.

Beides, das Binden und das Lösen, kann einem Menschen durch die Predigt im Gottesdienst widerfahren, wenn ein Prediger frisch aufgetreten und in sein Amt eingetreten ist, sein Maul mit dem Evangelium aufgemacht hat und selbst wieder aufhören kann, weil er die Wirkung seiner Predigt einem Anderen überlässt.


Anmerkungen:

* Vortrag beim Prädikantentag der Württembergischen Kirche am 23.10.2016.

1 H. Boehmer, Der junge Luther, 1939, 366f.

2 H. Werdermann, Luthers Wittenberger Gemeinde, 1929, 178.

 

Über den Autor

Prof. Dr. Christian Möller, Jahrgang 1940, Prof. für Prakt. Theologie an der Universität Heidelberg, seit 2005 emeritiert; Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Gemeindeaufbau, seelsorgerlich predigen, Hymnologie, reformatorische Spiritualität.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2017

1 Kommentar zu diesem Artikel

24.11.2017
Ein Kommentar von Jonathan A. Wahl


"Für eine Predigerin oder einen Prediger heißt das, sich in den Talar wie einen Schutzmantel einkleiden zu lassen. Für einen Prädikanten oder eine Prädikantin könnte das heute heißen, sich vor dem Gottesdienst vom Mesner oder der Mesnerin eine Mantelalbe umlegen zu lassen, um der Gemeinde mit Hilfe einer Amtstracht anzuzeigen: Hier kommt ein berufener Prediger, hier kommt eine öffentlich ordinierte Prädikantin, die gelobt haben, nicht sich selbst und ihre eigene Meinung zu verbreiten, sondern Jesus Christus als ihren und unser aller Herrn der Gemeinde zu predigen." Genau. Diese Amts-MACHT, die mit einem Amts-EID verbunden sein MUSS ist es, die sich meine "lieben Geschwister" weder selbst noch gegenseitig zumuten wollen. Recht hat er. Die Verpflichtung auf die kirchenrechtlich eindeutige weil durch Bekenntnisschriften definierte Verkündigung ist nicht mehr in. Verwohnzimmerung ja, weil ja schließlich in den eigenen vier Wänden jeder sagen und (laut) denken kann, was er will. Prof. Möller trifft genau damit den wunden Punkt der Landeskirchen: Evangeliumstreue und Treue zum Vermächtnis der Kirchen. Gerade in dem "Jubel" Jahr von 500 Jahre reformation habe ich nichts aber auch gar nichts in den Medien gehört von der ordentlichen (einer Ordnung folgenden) Kirche, nur immer wieder "Revolution" und Reform - RE ... FORM ... ZURÜCK-formen. nicht einfach dem Zeitgeist anpassen. Heute ist Unterordnung und Gehorsam ein Tabu. Ein Pfarrer, der von sich behauptet, die höchste Autorität der (Orts-)Gemeinde zu sein hat einen mega shitstorm vorprogrammiert. Dabei steht das genau so im Büchle. Wie kann ein Mensch, der sich bestimmt bewusst ist, dass er fehlbar ist, denn vor eine (zugegeben, immer kleiner werdende) Gruppe Suchender und Gläubiger hinstellen und unangenehme Wahrheiten über ihnen aussprechen - Ohne die Autorität, die die Kirche eigentlich ihm verleihen sollte? Was ist arroganter? Nur auf eigenes zu setzen oder im Auftrag zu handeln?

Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

2. Christtag (Tag des ­Erzmärtyrers Stephanus)
26. Dezember 2017, Offenbarung 7,9-12
Artikel lesen
2. Sonntag im Advent
10. Dezember 2017, Jesaja 63,15-16(17-19a)19b;64,1-3
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen
Christnacht
24. Dezember 2017, Jesaja 7,10-14
Artikel lesen
Auf Gott zu sprechen kommen
Evangelium und sich verändernde Bestattungskultur – ein Widerspruch?
Artikel lesen
Der nationale Luther als Gründungsnarrativ
Zum 125jährigen Jubiläum des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland
Artikel lesen
Weichen für eine »Gemeinschaft in der letzten Lebenszeit«
20 Jahre Hospiz-Verein Gießen
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!