10. Dezember 2017, Jesaja 63,15-16(17-19a)19b;64,1-3
2. Sonntag im Advent

Von: Friedemann Witting
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

»Da müsste mal jemand, am besten Gott vom Himmel her …!«

Ein ferner und abwesender Gott

»Bedecke deinen Himmel, Zeus, mit Wolkendunst! Und übe, Knaben gleich, der Disteln köpft, an Eichen dich und Bergeshöh’n! Musst mir meine Erde doch lassen steh’n …«

Die ersten Zeilen aus Goethes Prometheus hallen in mir wider, wenn ich den Auftakt des Predigtabschnitts lese: »So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?«

Ähnlich herausfordernd im Ton, ironisch-bitter setzt der Jesaja-Text fort. Hier geht es nicht um den Vorwurf an einen Gott, der Ehre einfordert, obwohl er sie nicht verdient, wie bei Goethe, es geht nicht um anmaßende Selbstermächtigung. Hier geht es um einen fernen und abwesenden Gott, der als untätig wahrgenommen und zum Handeln genötigt wird, damit endlich wieder sein Name kundwürde (64,1). Selbstverständlich: Die Theodizeefrage steht im Hintergrund dieses als »Volksklagelied« exegetisch einzuordnen Zusammenhangs aus exilisch-nachexilischer Zeit.

Es ist Gott, dem die Mahnung gilt! Der ferne Gott wird zur Umkehr, zur Rückkehr gerufen – ist dies der besondere Akzent des Textes für eine Predigt im Advent als Zeit der Buße, der Ein- und Umkehr? Allerdings ist auch von menschlichem Versagen die Rede, der Abschnitt bekennt eigene, menschliche Schuld, die Umkehr notwendig macht, als Ursache der beklagten Gottesferne.


Der Beter besteht auf Gottes Rückkehr

Daneben jedoch ist der zweite Grundton dieser Worte von einer eindrucksvollen und nachdrücklichen Hoffnung getragen. Gott als Adressat der Klage ist doch »Vater«, als solcher wird er hören, wird er doch handeln, wird er den Erweis seiner Herrlichkeit nicht schuldig bleiben. Man möchte diese Worte für einen Beleg dafür halten, dass der Patient noch nicht tot ist. In tiefer Krise und Verlassenheit hält der Beter an Gott fest, wendet sich ihm zu, nimmt ihn in Anspruch, um ihm zu klagen, und findet so im Formulieren, in der Expression bereits einen Ansatz zur Verarbeitung bzw. Bewältigung.

Selbst im Bekennen eigener Schuld (63,17) wird nach Gottes Anteilen, nach seiner Verantwortung gefragt (Warum lässt ER das Abirren zu?) und auf seine Rückkehr insistiert, weil nur in der Präsenz Gottes der orientierende Fixpunkt für menschliches Dasein gegeben ist.


Himmelschreiend im Argen – unsere Welt

Soviel in unserer Welt liegt himmelschreiend im Argen: Terror in Berlin und Barcelona, Terror von IS und Boko Haram, Migrations- und Fluchtbewegungen, Vertreibungen, Annexionen, Klima, Eskalationen in Nordamerika und bedrohliche US-Rhetorik vor der UNO-Vollversammlung … Naheliegend sind hilfloses Schulterzucken und opportunistisches Resignieren, Realpolitik doktert an den Symptomen herum, ohne den Problemen auf den Grund zu gehen oder gehen zu können. Anders als Prometheus, der quasi-göttlichen Anspruch an sein Handeln hat, stehen wir immer wieder vor unseren Limits. »Ich kann ja doch nichts bewirken!« Stattdessen: »Da müsste mal jemand, am besten Gott vom Himmel her …!«

Wie der Text selbst könnte die Predigt beides zusammenbringen: die Klage und die Hilflosigkeit auf der einen Seite, dann aber andererseits die Bestärkung der Hoffnung. Dem Demonstrativen wird sie dabei jedoch nicht das Wort reden können, bei aller Sehnsucht nach Klarheit und Eindeutigkeit, die im Wunsch liegt, dass Gott den Himmel zerreißen und bergezerschmelzend sich offenbaren möge.

Darf der Ausblick auf Weihnachten gewagt werden? Ganz anders also überwindet Gott seinen Selbstentzug, stellt Nähe durch das Kind in der Krippe her, verbürgt sich darin selbst und geht mit ihm schließlich den Weg ans Kreuz, mit ihm in die tiefsten Tiefen erlittener Gottesferne, um das Leid und die Entfremdung darin endgültig zu überwinden.


Friedemann Witting

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2017

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

3. Sonntag im Advent
17. Dezember 2017, Römer 15,4-13
Artikel lesen
»Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener«
Macht und Wahrheit in der evangelischen Kirche
Artikel lesen
1. Sonntag nach dem ­Christfest
31. Dezember 2017, 1. Johannes 2,21-25
Artikel lesen
2. Christtag (Tag des ­Erzmärtyrers Stephanus)
26. Dezember 2017, Offenbarung 7,9-12
Artikel lesen
Noch’n Ereignis …

Artikel lesen
Altjahresabend
31. Dezember 2017, 2. Mose 13,20-22
Artikel lesen
»Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?«
Ein Blick in die Spielpläne der Theatersaison 2017/18
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!