Nicht nur zur Weihnachtszeit

Von: Peter Haigis
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Da hat man eben noch – wie jedes Jahr – in harmonischer Familienrunde das Weihnachtsfest begangen, doch kaum wird der Baum abdekoriert, bekommt Tante Milla Schreikrämpfe und verfällt in tiefste Depression. Die Ärzte und Psychiater, die man zu Rate zieht, wissen auch keine Abhilfe – bis Onkel Franz die rettende Idee kommt: den Weihnachtsabend als eine Art Dauerinstallation zu zelebrieren. Abend für Abend das gleiche Ritual, das beruhigt die Tante und »heilt« offenbar ihre psychischen Störungen. Doch nun wird die leere Hülse dieser allabendlichen Zeremonie bald zur Belastung für die übrigen Familienmitglieder. Man kann auch nicht immer mit derselben Anteilnahme dabei sein! Und so treten Nachlässigkeiten in der Kleidung auf. Der Heiligabend gerät zur Verkleidungsposse. Um der Tante willen macht man halt mit – rein äußerlich. Als auch dies den Beteiligten schließlich zu viel wird, engagiert man einen pensionierten Pfarrer und einige mittellose Schauspieler, die die Rollen der Familienmitglieder übernehmen; die beiden Buben hat man längst durch Wachspuppen ersetzt …

Weihnachten als Farce einer kleinbürgerlichen Welt, als Wirklichkeitsflucht, als hohles Ritual, das allein das psychische Gleichgewicht in einer völlig gestörten gesellschaftlichen Wirklichkeit zu erhalten vermag. So erzählt es die erste Satire des Schriftstellers Heinrich Böll »Nicht nur zur Weihnachtszeit« aus dem Jahr 1952. Noch im Jahr ihres Erscheinens im Umfeld der »Gruppe 47«, der Böll angehörte, wurde die Satire in einer Fassung von Alfred Andersch als Hörspiel produziert. Im Jahr 1970 flimmerte eine Fernsehverfilmung von Voitech Jasny mit Edith Heerdegen in der Hauptrolle über die bundesdeutschen Bildschirme. In ihr kommt der Kontrast zweier nicht miteinander vereinbaren Wirklichkeiten unter anderem durch eine mechanische Engelsfigur zum Ausdruck, die mit klappernder Kinnlade allabendlich »Friede! Friede!« verkündigt, während draußen die Bombenflugzeuge röhren (»Friede, Friede – und ist kein Friede!«).

Doch die gesellschaftliche und auch kirchliche Öffentlichkeit damals war von Bölls Störtiraden wenig begeistert. Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit seiner in der Tat prophetischen Stimme war man nicht bereit – so wenig wie in den 1970er Jahren, da man ihn zum »Terroristen-Sympathisanten« stempelte, als er die offensichtlichen Widersprüche einer zutiefst in der jüngsten deutschen Vergangenheit verhafteten Gesellschaft offenlegte.

Und doch ist er mit seinen großen Romanen und Erzählungen »Haus ohne Hüter«, »Billard um halb zehn«, »Ansichten eines Clowns«, »Gruppenbild mit Dame« und »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« zu so etwas wie einem kritischen Chronisten und Kommentator der bundesdeutschen Geschichte und der bisweilen sehr ungelenken Gehversuche einer vergleichsweise jungen Demokratie geworden. In einer Zeit, in der Böll in Deutschland schlimmsten Anfeindungen, ja Schmähungen ausgesetzt war, wurde sein Werk mit dem Literaturnobelpreis geadelt (1972).

Am 21. Dezember würde der gebürtige ­Kölner, der bereits 1985 verstarb, seinen 100. Geburtstag feiern. Er war ein unbequemer Querdenker, der auch aktiv am politischen Widerstand seiner Zeit teilnahm, etwa als Friedensaktivist bei Demonstrationen und Blockaden gegen die Nachrüstung des NATO-Doppelbeschlusses und die Stationierung von Pershing II-Raketen im schwäbischen Mutlangen.

Böll war und blieb Christ, auch wenn er 1976 seiner katholischen Kirche den Rücken zukehrte. Dazu war ihm das Anliegen, eine Tiefendimension der Menschlichkeit aufzuzeigen, die im Gedanken der Gottebenbildlichkeit wurzelt, einfach zu wesentlich. Auch wenn er diese Tiefendimension immer wieder gegenüber der Oberflächlichkeit einer ebenso verlogenen wie verkappt politisch korrekten Gesellschaft verteidigen musste. Die Satire war dabei eines seiner literarischen Mittel, ob in »Nicht nur zur Weihnachtszeit« oder in »Doktor Murkes gesammeltes Schweigen«, in dem Dr. Murke, Redakteur der Rundfunkabteilung »Kulturelles Wort« das Wort »Gott« in allen Sendebändern mit Vorträgen eines angesehenen Essayisten zu ersetzen hat durch die weniger anstößige und weniger direkte Wendung: »Jenes höhere Wesen, das wir verehren« – wie überraschend aktuell!

Ein gesegnetes Christfest wünscht Ihnen

Peter Haigis

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2017

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