Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Im »Magazin der Evangelischen Kirchengemeinde Tiergarten« las ich einen bewegenden Artikel über »Taufe 2016 – Erfans Geschichte«. Es lohnt sich, in der Weihnachtszeit daraus zu zitieren. Erfan Kashani ist 23 Jahre alt und kommt aus Teheran; er ist über die Balkanroute nach Deutschland geflüchtet.

»Im Iran herrscht der Islam mit strengen Überwachungsmechanismen«, schreibt er. »Meinungs-, Presse- und Glaubensfreiheit gibt es nicht. Ich habe mich noch nie mit dem Islam identifizieren können: Menschenrechte werden missachtet, Frauen werden unterdrückt. Es ist verboten, Musik zu hören, die nichts mit dem Islam zu tun hat, es ist verboten, Bücher zu lesen oder Filme zu sehen, die der Islam verboten hat. Missachtet man das Gesetz des Islam, muss man mit einer Gefängnisstrafe bis zu Folter oder sogar der Todesstrafe rechnen. Glaubenswechsel, Homosexualität, Verbindungen zur iranischen Opposition in westlichen Ländern und Äußerungen gegen das System sind nur ein paar Beispiele, weswegen Leute aufgehängt werden.

Über einen Freund fand ich meinen Glauben im christlichen Gott. Im Untergrund habe ich mit Gleichgesinnten heimlich Gottesdienste in einer Wohnung besucht und wir haben gemeinsam gebetet. Das hat mir Kraft gegeben. Dann kamen plötzlich Sicherheitsleute in mein Elternhaus und beschlagnahmten meinen PC, meine Bücher und Schriftstücke. Mir war klar, dass ich von diesem Moment an in Lebensgefahr war. Ich bin geflohen, nur mit den Dingen, die ich an diesem Tag bei mir hatte. Gott brachte mich sicher über das Mittelmeer bis nach Deutschland, wo ich Kontakt mit der evangelischen Kirche aufgenommen habe und mich taufen ließ. In Deutschland bin ich glücklich und frei. Ich habe eine deutsche Freundin, besuche einen Sprachkurs und suche nach einer Arbeit und Ausbildung.

Deutschland ist ein Land der Bürokratie. Für alles gibt es Regeln, Gesetze, Fristen und man benötigt viel Geduld. Doch am Ende ist das gut – im Iran wird oft mit unfairen Mitteln vorgegangen; jeder ist bestechlich. Wenn du Geld hast, kannst du dir bei deinem Lehrer eine bessere Note kaufen. Du kannst deinen Richter für ein mildes Urteil bezahlen.

Anfangs hatte ich in Deutschland mit vielen kulturellen Unterschieden zu kämpfen. Im Iran ist es ungewöhnlich, pünktlich zu sein. Meine deutschen Freunde waren sehr verärgert, als sie im Winter draußen in der Kälte eine Stunde auf mich gewartet haben. Für mich war das nur eine Stunde! Mittlerweile finde ich die deutsche Pünktlichkeit sehr gut und habe mich auch angepasst. Es ist gut, wenn man sich aufeinander verlassen kann.

Deutschland ist ein Land, welches offen für alle Religionen ist. In den Flüchtlingsheimen gibt es jedoch eine hohe Gewaltrate von Muslimen gegenüber Neu-Christen und oder Homosexuellen und Transgendern. Das macht mich sehr traurig.

Es gibt seit Kurzem in Berlin die Ibn Rushd Goethe Moschee. Diese Menschen stehen für einen liberalen, zeitgemäßen Islam. Ich persönlich denke, dass der Islam nicht reformierbar ist. Meine Gründe dafür, würden den Rahmen hier sprengen. Ich freue mich aber über die Grundidee dieser Moschee, und für die Menschen, die dort einen Ort zum Beten finden. Leider legen unter anderem Ditib und Al-Azhar die Prinzipien dieser Moschee als Ketzerei aus, weswegen Seytan Ates nun Personenschützer benötigt. Ich denke, dass alle Moslems, die sich vom islamischen Terror abgrenzen wollen, in diese Moschee gehen sollten. Das wäre der beste Protest den ich mir gegenwärtig vorstellen kann«.

In derselben Nummer des Gemeindebriefes redet die Mitbegründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die einen Raum in der Johanniskirche gefunden hat – sie gehört ebenfalls zum Gemeindeverbund Tiergarten – Erfan direkt an: »Ich wünsche Erfan für seine Zukunft alles Gute und ich würde mich sehr freuen, wenn er uns mal in unserer Moschee besuchen kommt. Ich bin mir sicher, dass wir in einem Gespräch viele Gemeinsamkeiten entdecken können. Denn letztlich kämpfen wir beide für die Freiheit, sich für einen Glauben entscheiden und diesen praktizieren zu können. Und das ist in Deutschland auch im Jahr 2017 noch nicht selbstverständlich.«

Zuvor schreibt Seyran Ates: »In der Moschee, die ich gegründet habe, weisen wir schon in den Gründungsdokumenten darauf hin, dass uns diese Religionsfreiheit ein sehr wichtiges Anliegen ist. Wir fördern den Dialog mit Gläubigen innerhalb und außerhalb des Islam. Wir wollen aber auch ganz bewusst mit nichtgläubigen Menschen in Kontakt treten. Es freut uns sehr, dass wir einen Raum innerhalb einer christlichen Kirche zu einer Moschee umwandeln durften. Wir haben in diesem Raum als liberale Muslime eine Heimat gefunden. Genauso wie Erfan mit der Taufe ein Stück Heimat in der evangelischen Kirche gefunden hat.«

Ein bemerkenswertes Zeugnis in der so religionsmüden Stadt Berlin!

Siegfried Sunnus



Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2017

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